Ludwig Keller

Geboren: 18.12.1875, Mannheim

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Mannheim
Ludwigshafen
Augsburg, Wintergasse 11
Augsburg, Maximilianstraße 81
Augsburg, Kaiserstraße 55 (heute: Konrad-Adenauer-Allee 55)

Orte der Verfolgung

Deportation
am 2. April 1942
von Augsburg
über München-Milbertshofen
nach Piaski

Weitere Informationen

Ludwig Keller wurde am 18. Dezember 1875 in Mannheim geboren.1 Sein Vater Benedikt Keller wurde am 14. November 1838 in Hoffenheim geboren, seine Mutter Julie Keller, geb. Altschul, kam am 15. Januar 1841 in Rastatt zur Welt. Ludwig hatte sechs Geschwister:

  • Bertha Keller (15.01.1867, Ladenburg)
  • Max Keller (29.03.1871, Ladenburg)
  • Flora Keller (05.08.1872, Ladenburg)
  • Sigmund Keller (24.11.1874, Mannheim)
  • Frida Keller (05.10.1880)
  • Otto Keller (26.11.1882).2

Leben in Mannheim

1855 lebten 1.717 Juden in Mannheim, die Zahl hatte sich bis 1875 mit 3.853 Personen mehr als verdoppelte und entsprach ungefähr 8,3% der Gesamtbevölkerung.3 Das „Gesetz zur bürgerlichen Gleichstellung der Israeliten” vom Oktober 1862 war ein Grund dafür, dass vermehrt Juden nach Mannheim zogen. Auch Benedikts Vater war mit seiner Familie in die Stadt gezogen und arbeitete als Lederhändler.4 Es ist gut möglich, dass die Familie die zwischen 1851 und 1855 erbaute Hauptsynagoge besuchte.5

Mannheimer Hauptsynagoge von 1855 (Lithografie von Jakob Ludwig Buhl). (Stadtarchiv, aus: wikipedia.org, PD-alt-100)

 

Ludwig ging vermutlich auf eine nicht-jüdische Schule, da 1816 in Mannheim zwar die erste jüdische Schule Badens eröffnet hatte, diese aber nur bis 1870 bestand.6 Nachdem er 28 Jahre in Mannheim gelebt hatte, meldete er sich am 13. Mai 1903 ins benachbarte Ludwigshafen ab.7

Seine Eltern lebten bis an ihr Lebensende in Mannheim: Benedikt starb an 14. November 1906 und wurde 68 Jahre alt, Julie am 10. April 1926 mit 85 Jahre. Sie waren zuletzt wohnhaft in C 1, 14.8

Heirat mit Ida Keller

Am 26. April 1903 heiratete Ludwig Ida Hausmann in Stuttgart. Sie war ebenfalls Jüdin und wurde am 5. März 1882 geboren. Seine Schwiegereltern hießen Gabriel Hausmann, der ebenfalls als Kaufmann tätig war und Elka Hausmann, geborene Weinbach.

Die beiden hatten einen Sohn namens Walter, geboren am 16. Juli 1904 und eine Tochter namens Elisabeth, die am 28. Januar 1921 geboren wurde. Außerdem erlitt Ida Hausmann am 28. Januar 1919 eine Totgeburt.9

Ida war zeittypisch für die Kindererziehung und den Haushalt zuständig.

Umzug nach Augsburg

Das Ehepaar Keller war am 19. Februar 1904 nach Augsburg zu Idas Eltern in die Wintergasse 11 gezogen. Schon zwei Monate später lebten sie in ihren eigenen vier Wänden in der Maximilianstraße 81. Am 1. Mai 1909 folgte ein weiterer Umzug in die Kaiserstraße 55.10 Diese Wohnung bestand aus einem Wohnzimmer, einem Speisezimmer, drei Schlafzimmer und einer Küche. Sie war gut eingerichtet mit kostbaren Möbeln, Teppichen sowie Vorhängen.11

Am 4. März 1913 hatte Ludwig Keller das bayerische Bürgerrecht und das Heimatrecht in Augsburg erhalten.12

Militärdienst im 1. Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg begann im August 1914 und endete im November 1918 mit der militärischen Niederlage Deutschlands und seiner Bündnispartner. Auch Ludwig Keller diente dem Militär. Er rückte August 1914 mit dem mobilisierten Landsturm Infanterie Bataillon Augsburg ins Feld.13 Ludwig wurde im November 1914 vom Etappenarzt zum Unteroffizier an der Westfront in Frankreich und im August 1917 zum Vizefeldwebel befördert. Er hatte sich als überaus energischer, zielbewusster und sicherer Soldat bewährt.14 Ludwig wurde mehrfach verwundet und deshalb im Lazarett.15

Kaufmann

Ludwig war als Kaufmann tätig. In den Entschädigungsakten ist folgende Aufstellung des Steueramts der Stadt Augsburg enthalten:

  1. a) unter der handelsgerichtlich eingetragenen Einzelfirma „Ludwig Keller“:
  • 05.1920 – 03.10.1932: Handel mit Pferde- und Wagendecken, Zelte, Säcke, Maschinenöle und technische Fetten, Speiseöl; Geschäftsraum: D 85 (Karolinenstraße 37: heute Nähe Haltestelle Dom/Stadtwerke)
  • 10.1920 – 03.10.1932: Handel mit Hut- und Weißwaren; Laden: D 85 (Karolinenstraße 37: heute Nähe Haltestelle Dom/Stadtwerke)
  • 09.1923 – 03.10.1932: Handel mit chemisch-technischen Produkten
  • 08.1925 – 03.10.1932: Handel mit Wäsche im Laden D 85 (Karolinenstraße 37: heute Nähe Haltestelle Dom/Stadtwerke)
  • 10.1932 – 01.01.1933: Handel mit Pferdedecken, Fetten, Speiseöl, Maschinenöl und chemisch-technische Produkten; Laden: (Karolinenstraße 37: heute Nähe Haltestelle Dom/Stadtwerke)
  • 01.1933 – 11.03.1935: Handel mit Pferdedecken, Fetten, Speiseöl, Maschinenöl und chemisch-technische Produkten im Anwesen Kaiserstraße 55 (heute: Konrad-Adenauer-Allee 55)
  • 03.1933 – 20.11.1933: Handel mit Hüten und Mützen auf Messen und Märkten
  1. b) unter der Firma „A. Mattes Nachfolger, A. Rank“:
  • 10.1932 – 04.01.1933: Handel mit Hüten und Mützen; Laden: D 85 (Karolinenstraße 37: heute Nähe Haltestelle Dom/Stadtwerke)
  1. c) unter seinem persönlichen Namen:
  • 05.1935 – 29.12.1938: Agentur in Lebensmittel und Feinkostkonserven im Anwesen Kaiserstraße 55
  • 11.1935 – 29.12.1938: Textilvertretung bei der Wohnung.16

Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten führte er seine Geschäfte sehr erfolgreich und die Familie war infolgedessen vermögend.17 Danach verschlechterte sich die ökonomische Situation bis zur endgültigen Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben am 29. Dezember 1938.18 Außerdem musste Ludwig Keller seit Dezember 1938 den Zwangsnamen „Israel“ führen, seine Ehefrau den Zwangsnamen „Sara“.19

Deportation

Am 4. April 1942 fuhr der Deportationszug von München ab und brachte 987 Menschen20, darunter waren Ludwig Keller, Ida Keller, Elisabeth Kohn und Karl Kohn, in das Ghetto Piaski im von den Deutschen besetzten Polen. Die Ankunft dort war am 6. April. Die Lebensbedingungen waren katastrophal. Die verschleppten Juden lebten in unvorstellbarer Enge. Ernährung, hygienische Verhältnisse und medizinische Versorgung waren unzureichend. Zahlreiche Personen überlebten diese unmenschlichen Zustände nicht. Diejenigen, die überlebten wurden in eines der Vernichtungslager im Kreis Lublin gebracht und ermordet.21

Ida Keller wurde am 24. Juni 1960 vom Amtsgericht Augsburg für tot erklärt, Ludwig Keller am 29. September 1960. Der Todestag wurde für beide auf den 31. Dezember 1945 festgelegt.22

Tochter Elisabeth

Elisabeth Keller wurde am 28. Oktober 1921 in Augsburg geboren.23 Sie heiratete am 2. November 1939 Karl Kohn, einen Buchhalter, ebenfalls israelitischer Religion zugehörig, geboren am 20. Juli 1910 in Coburg.24 Sie hatten zusammen in der Kaiserstraße 55 gelebt. Beide wurden am 4. April 1942 ab München nach Piaski deportiert und ermordet.25

Sohn Walter

Da die Eheleute Keller wohlhabend waren, konnten sie ihrem Sohn ein Medizinstudium ermöglichen. 1928 hatte Walter in München seine ärztliche Staatsprüfung bestanden und 1928/1929 im städtischen Krankenhaus Augsburg gearbeitet. Nach Vollendung des praktischen Jahres erhielt er seine Approbation und wurde dort als Assistenzarzt angestellt. Aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums erhielt er als Jude am 31. Juli 1933 vom Stadtrat Augsburg seine Entlassung.26

Nach Vollendung seiner chirurgischen Fachausbildung am Leipziger jüdischen Krankenhaus war er vom 1. November 1934 bis zu seiner Auswanderung als Facharzt für Chirurgie in Würzburg tätig. Jedoch hatte er keine Kassenzulassung und durfte in seiner Praxis nur “Nichtarier” behandeln. Er heiratete Caroline Oppenheimer (1904-1973) am 17. Dezember 1934 in Würzburg. Sie wanderten zusammen am 13. Januar 1938 in die USA aus. Dort kamen sie am 25. Januar 1938 in New York an und wohnten ab dem 1. April 1940 in York im Bundestaat New York. Dort musste er zunächst diverse Prüfungen ablegen und sich einem Studium unterziehen, um wieder als Arzt tätig sein zu dürfen. 1939 hatte er das Staatsexamen bestanden und durfte sich als praktischer Arzt niederlassen. 1942 bis 1946 diente er in der amerikanischen Armee, die ersten zwei Jahre als einfacher Soldat, dann wurde er zum Lieutenant befördert, später zum Captain. Ende 1946 hatte er seine Praxistätigkeit wieder aufgenommen. Seine Ehefrau verstarb am 27. Dezember 1973. Walter Keller heiratete am 11. Juli 1975 ein zweites Mal: Seine zweite Frau war Onnolee Reacher Howard (1916-2009).27

Walter Keller beantragte 1958 Entschädigung „auf Grund des Bundesgesetzes zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung” für seine Eltern Ludwig und Ida Keller sowie seine Schwester Elisabeth Kohn. Dabei ging es um Entschädigungsansprüche aufgrund von Schaden an Leben, Schaden an Freiheit, Schaden im beruflichen Fortkommen, Schaden an Eigentum und Vermögen sowie Schaden durch Zahlung von Sonderabgaben. Er erhielt eine Entschädigungszahlung für das Erbe der Eltern. Außerdem wurde ihm eine Entschädigung für seinen Schaden im beruflichen Fortkommen im öffentlichen Dienst und für die Kosten der erzwungenen Auswanderung zugesprochen.28 Walter verstarb am 20. Dezember 1985 in Victor, Ontario, New York, USA.29

Dies ist ein Auszug aus der Biografie, die von Elisabeth Polowinko, Schülerin des Oberstufenjahrgangs 2018/2020 am Paul-Klee-Gymnasium Gersthofen, im Rahmen des W-Seminars „Jüdische Opfer des Nationalsozialismus im Großraum Augsburg“ im Fach Geschichte erarbeitet wurde.

  1. StadtAA, MB Ludwig Keller.
  2. Marchivum, FB Familie Keller.
  3. Jael B. Paulus, Juden in Baden 1809 – 1984. 175 Jahre Oberrat der Israeliten Badens, Karlsruhe 1984, S. 235 f.
  4. Marchivum, FB Familie Keller.
  5. Marchivum, FB Familie Keller.
  6. https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/m-o/1263-mannheim-baden-wuerttemberg.
  7. StadtAA, MB Ludwig Keller.
  8. Marchivum, FB Familie Keller.
  9. StadtAA, MB Ludwig Keller.
  10. StadtAA, MB Ludwig Keller.
  11. BayHStA, LEA 52158.
  12. StadtAA, MB Ludwig Keller.
  13. BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Bd. 9412 KStR (Ludwig Keller).
  14. Generallandesarchiv Karlsruhe, Ordensauszeichnungen Bestellsignatur 233 Nr. 50992.
  15. BayHStA, Abt. IV Kriegsarchiv, Bd. 9412 KStR (Ludwig Keller).
  16. BayHStA, LEA 52158.
  17. BayHStA, LEA 52158.
  18. BayHStA, LEA 52158.
  19. StadtAA, MB Ludwig Keller; Erlass des Reichsministeriums des Innern vom 18.08.1938, siehe Joseph Walk (Hg.), Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat. Eine Sammlung der gesetzlichen Maßnahmen und Richtlinien – Inhalt und Bedeutung, 2. Auflage, Heidelberg 1996, S. 237.
  20. https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_bay_420404.html.
  21. Maximilian Strnad, Zwischenstation „Judensiedlung“. Verfolgung und Deportation der jüdischen Münchner 1941–1945, München 2011, S. 122.
  22. StadtAA, MB Ludwig Keller; AG, Aktenzeichen, VR II 67/ 60.
  23. StadtAA, MB Ludwig Keller.
  24. AG, 570 URII 67/60.
  25. https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de897305; https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de902380.
  26. BayHStA, LEA 52158.
  27. BayHStA, LEA 52158.
  28. BayHStA, LEA 52158.
  29. https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/75866318/person/46548233815/facts?_phsrc=iMq11&_phstart=successSource.

Amtsgericht Augsburg (AG)
– Aktenzeichen, VR II 67/ 60
– 570 URII 67/60

Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA)
Abt. IV Kriegsarchiv
Kriegsstammrollen (KStR):
– Bd. 9412 (Ludwig Keller)

Landesentschädigungsamt (LEA):
– 52158

Marchivum
Familienbogen (FB):
– Familie Keller

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldebogen (MB):
– Ludwig Keller

https://www.ancestry.de/family-tree/person/tree/75866318/person/46548233815/facts?_phsrc=iMq11&_phstart=successSource

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de897305

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de902380

https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/m-o/1263-mannheim-baden-wuerttemberg

https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_bay_420404.html

 

Jael B. Paulus, Juden in Baden 1809 – 1984. 175 Jahre Oberrat der Israeliten Badens, Karlsruhe 1984.

Maximilian Strnad, Zwischenstation „Judensiedlung“. Verfolgung und Deportation der jüdischen Münchner 1941–1945, München 2011.

Joseph Walk (Hg.), Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat. Eine Sammlung der gesetzlichen Maßnahmen und Richtlinien – Inhalt und Bedeutung, 2. Auflage, Heidelberg 1996.