Emanuel Herz. (Herbert Herz und Muriel Spierer)

Emanuel Herz

Geboren: 15.01.1921, Ingolstadt

Gestorben: 17.11.1942, Auschwitz

Wohnorte

Ingolstadt
Augsburg, Stephanienstraße 26 (heute: Sieglindenstraße)
Augsburg, Sophienstraße 1  (heute: Brunhildenstraße)
Dijon/Frankreich
Beaune (Burgund)/Frankreich
Douai/Frankreich
Riom/Frankreich
Lyon/Frankreich

Orte der Verfolgung

Flucht aus dem besetzten Frankreich in die Schweiz am 29. September 1942

Verhaftung in der Schweiz und Übergabe an die Polizei von Vichy

Lager Rivesaltes in Südfrankreich

Sammel-und Durchgangslager Drancy bei Paris

Deportation nach Auschwitz am 3. November 1942

 

Erinnerungszeichen

2020 wurde ein Erinnerungsband für Emanuel Herz in der Brunhildenstraße angebracht.

Weitere Informationen

Emanuel Herz, genannt „Manny“, wurde am 15. Januar 1921 in Ingolstadt geboren.

Seine Eltern waren Meta und Simon Herz. Die Familie zog bald mit Emanuel nach Augsburg, wo 1924 sein Bruder Herbert geboren wurde. In der Synagoge in Augsburg feierte Emanuel im Alter von 13 Jahren seine Bar Mitzwa.

Meta Herz mit beiden Söhnen, ca. 1927. (Herbert Herz und Muriel Spierer)

 

Gemeinsam mit seinem Bruder Leo Herz war der Vater bis 1934 Inhaber der Augsburger Firma „Gebr. Herz  Oel- und Fettgroßhandlung“ in der Stephanienstraße 26, heute Sieglindenstraße.

Sieglindenstraße 26, Augsburg, damals. (Herbert Herz und Muriel Spierer)
Sieglindenstraße 26, Augsburg, 1990er Jahre. Das Gebäude wurde 2018 abgerissen. (Herbert Herz und Muriel Spierer)

 

Leo Herz hatte zwei Kinder, Eva, geboren 1928, und Ernst, geboren 1933. Die beiden Familien lebten alle mit der Großmutter Babette im selben Haus in der Sieglindenstraße, später in der Sophienstraße 1 (1928-1934). Die Sophienstraße wurde im Krieg vollkommen zerstört, der heutige Name der Straße lautet Brunhildenstraße, anstelle des alten Hauses steht dort heute die Turnhalle des Jakob-Fugger-Gymnasiums.

Im März 1933 wurden Emanuels Vater Simon Herz und sein Onkel Leo unter dem Vorwand der Steuerhinterziehung inhaftiert. Emanuels Mutter Meta Herz und der Hauptbuchhalter konnten beweisen, dass diese Anklage unbegründet war. Nach drei Wochen wurden sie wieder frei gelassen. Nach ihrer Haft waren sie wegen der politischen Situation sehr besorgt und beschlossen, ihre Firma aufzugeben und ein neues Geschäft in Frankreich zu eröffnen.

Nach der Umsiedlung 1934 nach Dijon, Frankreich, schickte der Vater den 13-jährigen Emanuel auf die Landwirtschaftsschule in Beaune (Burgund), vielleicht um ihm später eine solide Basis für eine Einwanderung nach Palästina zu ermöglichen. Herbert ging noch auf die französische Grundschule, später aufs Gymnasium, wo er mit 18 Jahren sein Abitur (baccalauréat) bestand. Emanuel machte 1938 sein Diplom. Er studierte danach noch ein Jahr an der Ecole Nationale des Industries Agricoles in Douai, nahe der Grenze zu Belgien. Neben seinem Studium machte er seinen Militärdienst (préparation militaire supérieure), der ihm ermöglichen sollte, die französische Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Familie Simon Herz, alle vier auf einem Ausflug, 1934. (Herbert Herz und Muriel Spierer)

 

Im August 1939 starb der Vater Simon Herz mit 44 Jahren an einer Blutvergiftung. Am 1. September kam es zum Einmarsch der deutschen Truppen in Polen, bald darauf erging die Kriegserklärung Deutschlands an Großbritannien und Frankreich. Jetzt galt der 18-jährige Emanuel als “Ausländer in Frankreich“ und kam in ein Lager, um militärische Hilfsdienste für das französische Militär zu verrichten.

In Mai 1940 marschierten die deutschen Truppen in Frankreich ein. Daraufhin wollte die Familie Herz (ohne Manny, der im Lager war) aus Dijon in den unbesetzten Teil Frankreichs nach Bordeaux fliehen, kam aber nur bis Riom, ca. 260 km von Dijon entfernt. 1941 konnte sich Emanuel von seiner Kolonne von Fremdarbeitern (Groupement de Travailleursétrangers, GTE) freimachen und kam zur Familie. Durch sein Wissen von der  Landwirtschaftsschule fiel es ihm leicht, Kontakte zu den Bauern in der Gegend zu knüpfen. Er pachtete ein Stück Land, auf dem er Kartoffeln für den Unterhalt der Familie anbaute.

1942 fanden in Frankreich zwei große Überfälle auf ausländische Juden statt. Der erste im Juli, die Razzia von Vel. d’Hiv. (rafle du Vel. d’Hiv.), bei der 13.000 Juden, ein Drittel von ihnen Kinder, auf Ersuchen des Dritten Reiches von der französischen Polizei festgenommen und in den sicheren Tod nach Auschwitz geschickt wurden. Im August 1942 fand eine zweite große Razzia in der sogenannten „Freizone“ statt.

Meta Herz bat ihre beiden Söhne im Herbst 1942 in Briefen, nach Lyon zu gehen. Dort werde man ihnen helfen, in die Schweiz zu kommen, wo sie in Sicherheit wären. Sie wollte selber nachkommen und die Kernfamilie ausserhalb der Gefahrenzone wiederherstellen. Der 18-jährige Herbert schrieb einen Brief an seine Mutter, in dem er sich weigerte, in der Schweiz Zuflucht zu suchen. Zu dieser Zeit war er noch nicht im Widerstand, dachte aber daran, sich in Spanien den Widerstandskämpfern anzuschließen.

Ende August 1943 wurde er von der Resistance FTP-MOI rekrutiert und blieb dort bis Kriegsende. Er nahm an mehr als 200 Widerstandsaktionen teil, zum Beispiel an Sabotage von Eisenbahnstrecken, Fabriksabotage und Aktionen gegen die Wehrmacht. Herbert Herz überlebte den Zweiten Weltkrieg und erhielt die französische Ehrenmedaille für seine Verdienste im Widerstand. Später schrieb er ein Buch über sein Leben in der französischen Résistance, in dem er auch die Briefe von Emanuel veröffentlichte. Dieses Buch „Als Partisan im französischen Widerstand“ ist die Hauptquelle für diesen Text.

Nach dem Krieg erfuhr die Mutter, wie es Emanuel ergangen war:

Emanuel Herz, damals 21, flüchtete aus dem besetzten Frankreich am 29. September 1942 in die Schweiz. Im Sommer 1942 nahm die Schweiz noch jüdische Flüchtlinge auf. Nach den geltenden Gesetzen hätte Emanuel im September nicht abgewiesen werden dürfen, weil es ihm gelungen war, in die Schweiz einzureisen. Der antisemitische Lagerkommandant wies ihn aber nicht nur zurück, sondern übergab ihn der Polizei von Vichy. Von Vichy aus wurde er ins Lager Rivesaltes (Südfrankreich) gebracht. Von dort transferierte man ihn ins Lager Drancy1 bei Paris. Schließlich wurde er Anfang November 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er noch im selben Monat umkam – laut Zeugenaussage eines Kameraden Louis (Ludwig) Frank, der Auschwitz überlebte.

Die Schweiz schloss ab Oktober 1942 vermehrt die Grenze zu Frankreich. Familien wurden vereinzelt noch durchgelassen, aber allein flüchtende junge Männer und Frauen nicht mehr. Emanuel Herz war einer von über 100.000 Flüchtlingen, deren Schicksal damit besiegelt war.

Emanuel schrieb 10 Postkarten und Briefe, die seine Geschichte von seiner Abreise in die Schweiz bis zu seiner Abreise aus Drancy nachzeichnen. Hier sind 5 davon:

Rivesaltes (westliche Pyrenäen, Frankreich), 2.10.42

Liebe Mutti,

(…) Ich bin bis zur Schweizer Grenze sehr gut gereist. In Thonon musste ich mich einige Tage aufhalten, bis ich Gelegenheit hatte, über die Grenze zu gehen. Ich kam gut in der Schweiz an über einen Berg von 2500 m Höhe und wurde 6 km nach der Grenze geschnappt. Von da wurde ich nach Martigny ins Lager gebracht. Dort erklärte mir der Lagerkommissar, dass er mich nach den letzten Instruktionen nicht behalten könne und er mich an die Grenze zurückführen lassen muss. Der Gendarm, der mich zurückführte, hatte die Gemeinheit, mich den französischen Behörden zu übergeben. Wie du siehst, „der Mensch entgeht seinem Schicksal nicht“. Ich muss jetzt schliessen, da die Post weggeht. Morgen die Fortsetzung. Viele Grüsse und Küsse

Manny

Schicke mir bitte ein Fresspaket und meine Papiere, auch das Diplom aus Beaune. – Liebe Mutti. Rege dich um mich nicht auf. Ich falle immer auf meine Füße. Wir werden uns in einer besseren Zukunft wiedersehen.

 

Am 5. Oktober schrieb er noch einmal von einem Bahnhof aus:

Bahnhof Perpignan, d. 5. Oktober 1942

Liebe Mutti

Du wirst das Telegramm von Rabbiner Fuchs erhalten haben und wissen, wie ich daran bin. Trotz verschiedener Ausreiseversuche – gestern Abend war ich schon 10 Meter durch den Stacheldraht – ist es mir nicht gelungen, meinem Schicksal zu entkommen. Jetzt eben wird von den verschiedenen Comités Pakete ausgegeben, was sich eigentlich rentieren würde, die Reise öfters anzufangen. Also noch einmal viele viele Grüße und Küsse und hoffentlich baldiges Wiedersehen. Kopf hoch.

Manny

 

Auf der Durchreise durch Limoges schickte er am 6. Oktober einen weiteren Brief:

Limoges, d. 6.Oktober

Auf der Durchreise

Liebe Mutti.

Dies wird wohl die letzte Station sein, von der ich dir schreiben kann. In Brive wurden wir von der dortigen Gemeinde herrlich verpflegt. Von Brive ist ein junger Mann aus meinem Abteil aus dem Fenster gesprungen. Er hat einen schweren Schädelbruch. Um 3 h nachts werden wir an der Linie2 sein und dann sind wohl alle Chancen erschöpft.

Hoffentlich hat Herbert mehr Glück als ich. Aber wer weiß „gam se letovo“3. Zum letzten Mal 1000 Küsse

Manny

 

Am 13. Oktober meldete er sich aus dem Sammellager Drancy:

Drancy, d. 13. Oktober 1942

Liebe Mutti

Ausnahmsweise darf ich diese Woche noch eine Karte schreiben und ich nutze die Gelegenheit  dich auf dem Laufenden zu halten. Morgen bin ich schon eine Woche hier. Vielleicht könnte ich hier bleiben. Es ist sehr wichtig, dass ich regelmäßig jede Woche ein Paket bekomme. Es ist lebenswichtig für mich. Schicke vor allem Brot, Fett, Zucker und vielleicht ein paar weiße Bohnen. Dann werden wir sehen, wie die Pakete ankommen. Nach den neuesten Informationen darf man mehr als 3 kg erhalten bis zu 5 kg. Wenn du die Pakete per Bahn schickst, adressiere sie an U.G.I.F., 120 av. Belleville für E. Herz, Block II Treppe 7, 4. Stock. Es ist verboten, Tabak zu bekommen, aber ich habe große Lust zu rauchen. Ausser dem Hunger geht es. Es ist eine schwierige Zeit. Wir haben viele Fehler gemacht, aber keiner konnte das mit der Schweiz wissen. Habt also guten Mut wie ich. Es wird vorbeigehen. Alle meine besten Grüsse und Küsse

Manny

 

Am 3. November 1942 schrieb er seinen letzten Brief aus Drancy:

Drancy, d. 3. 11. 42

Meine Liebe Mutti,

Dies ist wahrscheinlich für lange Zeit die letzte Nachricht, die ich euch schicken kann. Ich fahre morgen mit unbekanntem Ziel ab. Ich bin guten Mutes und wünsche mir, dass du es auch bist. Bleib stark, wir sehen uns sicher in einer besseren Zukunft wieder. Hier habe ich deine beiden Pakete, aber leider keine Karte erhalten.

Ich schicke euch allen, Herbert, Irma, Léon, Eva und Ernst meine besten Grüsse und Küsse.

Manny

 

 

Am selben Tag wurde Emanuel Herz vom Sammellager Drancy ins 1.500 km entfernte Auschwitz deportiert. Im Zug traf er auf den Augsburger Ludwig Frank, der Auschwitz überlebt hat. Ludwig Frank berichtete im November 1945 der Familie Herz in einem Brief von Emanuels Tod. Seinem Bericht nach ist Emanuel “Manny“ Herz bald nach der Ankunft in Auschwitz an einer schweren Bronchitis erkrankt und an einer darauffolgenden Lungenentzündung innerhalb von zwei Tagen am 17. November 1942 gestorben, 14 Tage nach seiner Ankunft in Auschwitz. Emanuel wurde 21 Jahre alt.

Am Ende des Krieges, als sie noch nicht wusste, dass Manny tot war, schrieb seine Mutter Meta Herz einen Brief an eine Schweizer Zeitung, „Die Nation“:

Wer trägt die Verantwortung?

Ein Bekannter aus der Schweiz übersendet mir Ihre geschätzte Zeitung vom 7. November 1945 mit dem Brief, gezeichnet O.H.

Dieser Brief weckt ein trauriges Echo in mir – es ist derselbe Fall, analog dem meines Sohnes – nur ist mein geliebter Junge leider bis jetzt nicht zurückgekehrt, ich bin seit seiner Deportation ohne jede Nachricht von ihm.

Als deutscher Jude 1934 nach Frankreich emigriert, erwarb er sich hier das Diplom einer Landwirtschafts- und Weinbauschule und machte mit Erfolg sein Examen als französischer Offiziersanwärter, trotzdem – es kam der August 1942, er wurde verfolgt und gehetzt, er suchte ein rettendes Asyl in der Schweiz.

Es war einer der glücklichsten Augenblicke meines Lebens, als ich sein Telegramm erhielt, aufgegeben in Vouvry am 28. September 1942, «arrivé en bonnesanté». Nun wusste ich meinen Sohn in Sicherheit in der Schweiz. Welch ein beruhigendes Gefühl nach all den aufregenden Tagen in steter Angst und Sorge!

Einige Tage später erhielt ich ein Schreiben meiner Verwandten in Zürich, wie erfreut sie seien, meinen Sohn in der Schweiz zu wissen, sie hätten Nachricht von ihm aus dem Lager Martigny und wollten nur noch seine nähere Aufenthaltsadresse abwarten, um ihm behilflich zu sein. Diese Adresse kam niemals mehr – stattdessen erhielt ich acht Tage später die Schreckenskunde aus Rivesaltes, dass mein Junge dort interniert und nach nur zweitätigem Aufenthalt am 5.Oktober nach dem Camp Drancy weiter transportiert worden sei.

Ich am Boden zerstört. Welch rigoroser Lagerkommandant hat die Ausweisung verfügt, welche Schweizer Behörde meinen Sohn direkt der französischen Gendarmerie überliefert? Sie mussten wissen, was eine Überstellung an die Polizei von Vichy bedeutete, standen doch zu dieser Zeit Tag und Nacht am Bahnhof in Annemasse Waggons bereit mit der Aufschrift «Réservé pour Rivesaltes».

Mein armes Kind konnte mir keine ausführliche Nachricht mehr geben, ein aus Rivesaltes entkommener Leidensgenosse überbrachte mir alle Details – zwei Mal war meinem Jungen die Flucht nicht geglückt!

Am 4. November 1942, «Déportation pour une destination inconnue », wurde er in den vermutlich sicheren Tod geschickt. Eine Frau, die zu Beginn des Krieges ihren Mann im Alter von 45 Jahren zermürbt durch dies Emigrantendasein, verloren hat, ist nun auch eine Mutter ohne Sohn geworden.

Wen klage ich an?

S.H.

Frau von Simon Herz

Julia Magg und Susanne Reng für das Junge Theater Augsburg, unterstützt von Muriel Spierer, Tochter von Herbert Herz und Nichte von Emanuel Herz.

  1. Sammel-und Durchgangslager nordöstlich von Paris, aus dem zwischen Oktober 1941 und August 1944 ca. 65.000 hauptsächlich französische Juden nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager deportiert wurden.
  2. Demarkationslinie.
  3. Hebräisch:Auch das dient zum Guten.

Herbert Herz, Als Partisan im französischen Widerstand. Erinnerungen eines deutsch-jüdischen Widerstandskämpfers, Bellevue 2011.

Gernot Römer, Wir haben uns gewehrt. Wie Juden aus Schwaben gegen Hitler kämpften und wie Christen Juden halfen, Augsburg 1995.

Gerichtsfall über Vermögenswerte von Holocaust-Opfern Eingangsfragebogen, Rechtsansprüche von Flüchtlingen, Zertifikat von Herbert Herz für seinen Bruder Emanuel Herz am 6. Oktober 1999.

Alle Rechte zum Bildmaterial sind bei Herbert Herz und Muriel Spierer, wir danken Ihnen sehr für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.