Politisch Verfolgte

[English version below]

Zu den „politisch Verfolgten“ im Nationalsozialismus zählen Personen aus einer Vielzahl an Parteien, Organisationen und sozialen Gruppen, aber auch Einzelne, die mit dem NS-Regime wegen ihrer politischen Ansichten oder unangepasster Verhaltensweisen in Konflikt gerieten. Eine einheitliche Definition dieser Opfergruppe ist kaum möglich. „Politische Verfolgung“ begann bereits vor der Machtübernahme 1933, etwa bei Übergriffen auf Gegner der NS-Bewegung im „Straßenkampf“ der späten Weimarer Jahre. Waren es zunächst vor allem die linken Hauptgegner der Nationalsozialisten – Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftler – die verhaftet, gequält und eingesperrt, verurteilt und zum Teil ermordet wurden, so gerieten bald auch Vertreter christlich-konservativer Parteien und Verbände ins Visier der „Politischen Polizei“ und anderer NS-Organe. Das gewaltsame Vorgehen gegen den späten nationalkonservativ-militärischen Widerstand im Jahr 1944 muss in einem erweiterten Sinn ebenso als politische Verfolgung gelten wie die Bekämpfung studentischer Widerstandsgruppen, etwa der „Weißen Rose“, oder die Kriminalisierung oppositioneller Jugendlicher im NS-Staat. Während des Zweiten Weltkriegs wurden jegliche regimekritische Äußerung, das Abhören von „Feindsendern“ oder der verbotene Umgang mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern als politische Delikte bzw. als „Heimtücke“ aufgefasst und gewaltsam verfolgt, auch wenn dies eher als „Resistenz“ oder Loyalitäts¬verweigerung zu werten ist. Selbst abtrünnige Nationalsozialisten konnten zu politisch Verfolgten werden. Zuletzt lassen sich sogar die lokalen Aktionen zur Kriegsbeendigung im Frühjahr 1945 als Widerstandshandlungen interpretieren, deren Protagonisten noch in letzter Minute zu politischen NS-Gegnern wurden und die Rache des Regimes erfuhren. Die Grenzen zur Verfolgung aus religiösen und „rassischen“ Gründen waren im NS-Staat zudem fließend. Die Absicht der Nationalsozialisten, politische Verfolgung zu kategorisieren, indem etwa „politische Häftlinge“ in Konzentrationslagern durch rote Markierungen gekennzeichnet wurden, greift zu kurz und erscheint als Kriterium ungeeignet. Dies zeigt sich auch darin, dass die Gestapo als „Politische Polizei“ des „Dritten Reichs“ ihre Zielgruppen im Verlauf der NS-Herrschaft immer weiter ausdehnte.

Nach 1945 wurde erneut versucht, politische Verfolgung zu definieren, als es darum ging, Wiedergutmachung für erlittenes NS-Unrecht zu leisten. In den Entschädigungsgesetzen der Bundesrepublik ist die Rede von „politischer Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus“, womit hauptsächlich der von politischen Gruppierungen getragene Widerstand gemeint ist. Ihm werden freilich andere, gegen die NS-Herrschaft gerichtete Handlungen und Verhaltensweisen gleichgestellt. Den Status des politisch Verfolgten konnte man auch wieder verlieren, etwa als nach dem Verbot der KPD 1956 einzelnen Kommunisten Entschädigungsansprüche aberkannt wurden.

Auch in Augsburg stürzten sich die Verfolger zunächst auf die erklärten politischen Gegner der NS-Diktatur. Unmittelbar nach der Machteroberung im März 1933 begann die Inhaftierung und Drangsalierung von Kommunisten, SPD-Politikern und Gewerkschaftsfunktionären, deren organisatorische Struktur zerstört werden sollte. Bei einer Großrazzia am 10. April 1933 wurden zahlreiche Mitglieder der KPD in „Schutzhaft“ genommen und anschließend in Konzentrationslager verschleppt. Auch Mitglieder der BVP kamen in Haft. Andere Regimegegner, vor allem aus dem Arbeiterwiderstand, wurden erst später „aufgedeckt“ und in Gefängnisse und Lager gebracht. Zu den aus politischen Gründen Verfolgten zählen aber auch in Augsburg Einzelpersonen, die sich kritisch zur NS-Herrschaft äußerten oder aus Gewissensgründen widerständig handelten. Wie viele politisch verfolgte Augsburgerinnen und Augsburger während der NS-Zeit nicht nur misshandelt und eingesperrt wurden, sondern gewaltsam ihr Leben verloren, lässt sich gegenwärtig noch nicht sicher sagen. Auf dem Westfriedhof wird an 235 ermordete Frauen und Männer aus Augsburg und in Augsburg umgekommene KZ-Opfer erinnert – viele davon starben zweifellos aufgrund ihrer politisch motivierten Gegnerschaft zum Nationalsozialismus.

Gerhard Fürmetz

Victims of political persecution
Members of a great variety of political parties, organizations and social groups are among those that have to be considered as victims of political persecution, but also individuals who came into conflict with the NS regime due to their political views or deviating behavior. Thus a unified definition of this group of victims is not possible. “Political persecution” dated back prior to the takeover of power in 1933, e.g. when opponents of the national-socialist movement were attacked in “street riots” in the late years of the Weimar Republic. First these main opponents from the left political spectrum – Communists, Social Democrats and members of the trade unions – were arrested, tortured and locked up, sentenced and in some cases murdered. But soon representatives of Christian and conservative parties and organizations came into the focus of the “political police” and other NS institutions. The excessive use of force against the (late) resistance movement of national conservatives and members of the military in 1944 has to be viewed as political persecution in a wider sense as well as the persecution of student groups like the “White Rose” or the criminalization of opposition youths like the “Edelweiss Pirates”. During the Second World War any utterance that could be counted as critical of the regime as well as listening to enemy broadcasts or the prohibited contact to prisoners of war or forced laborers were counted as political offenses or treachery and persecuted by use of force, even though they were merely forms of the refusal of loyalty. Even former Nazis who had turned away from them could become victims of political persecution. And finally the actions to end the war on the local level in spring of 1945 can be interpreted as acts of resistance whose protagonists turned opponents at the last minute and had to fear the revenge of the regime. Furthermore, there were no clear dividing lines between the persecution for religious or “racial” reasons. The intent of the regime to establish a separate category “political persecution”, e.g. by marking them with red triangles in the concentration camps, falls short and is thus not suitable as criterion. That can also be seen in the fact the “Gestapo” continuously widened the range of the groups they would persecute throughout the time of the NS regime.
The time after 1945 saw renewed attempts to define “political persecution” when the question of compensation for the injustices suffered at the hands of the NS regime arose. The compensation laws of the early federal Republic of Germany use the expression “political opposition against the national socialism” which mainly refers to resistance by organized political groups. Other actions directed against the NS regime are put in the same category. But the status of “victim of political persecution” could also be lost again, e.g. when some communists lost their rights to compensation after the prohibition of the Communist Party in 1956.
In Augsburg the persecuting authorities also went for the declared political opponents of the NS regime first. Immediately after the usurpation of power in March 1933 the harassment and arrest of Communists, Social Democrats and trade union officials began so that the Nazis could destroy the working of their organizational structures. During a large raid on April 10, 1933 numerous members of the Communist Party were taken into “protective custody” and deported to concentration camps. Even members of the Catholic Bavarian People’s Party (BVP) were locked up. Other opponents, especially from the ranks of the workers’ resistance were later “uncovered” and deported. Also in Augsburg certain individuals who were openly critical of the regime and showed “illoyal” behavior for reasons of conscience were among the victims. So far it is not possible to determine exactly how many citizens of Augsburg were not only tortured and locked up, but lost their lives through use of force by the regime. At the cemetery in the West of Augsburg 235 victims of persecution from Augsburg or who died in Augsburg are commemorated – undoubtedly many of them died due to their politically motivated opposition to the NS regime.

Gerhard Fürmetz
Translation: Wolfgang Poeppel

Literatur

Michael Cramer-Fürtig/Bernhard Gotto (Hg.), „Machtergreifung“ in Augsburg. Anfänge der NS-Diktatur 1933-1937, Augsburg 2008.

Gerhard Hetzer, Die Industriestadt Augsburg. Eine Sozialgeschichte der Arbeiteropposition, in: Martin Broszat/Elke Fröhlich/Anton Grossmann (Hg.), Bayern in der NS-Zeit. Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt, Bd. 3, München/Wien 1981, S. 1-233.

Winfried Nerdinger (Hg.), Bauten erinnern. Augsburg in der NS-Zeit, Berlin 2012.

Dr. Adam Birner

Geboren

06.10.1897

Gestorben

13.04.1941

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Peutingerstraße 5

Josef Eder

Geboren

14.03.1894

Gestorben

21.09.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Donauwörther Straße 161

Josef Graf

Geboren

30.11.1890

Gestorben

20.11.1942

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Kurze Wertachstraße 16b

Clemens Högg

Geboren

20.11.1880

Gestorben

11.03.1945 (amtlich festgelegt)

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Metzstraße 37

Leonhard Hausmann

Geboren

27.12.1902

Gestorben

17.05.1933

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Ulmer Str. 52/I

Friedrich (Fritz) Pröll

Geboren

23.04.1915

Gestorben

22.11.1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Stadtbachquartier Augsburg (heute Reischlestraße 28-33)

Josef Prantl

Geboren

25.06.1913

Gestorben

17.04.1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Stadtbachstraße 9

Innozenz Rehm

Geboren

06.12.1899

Gestorben

01.10.1937

Letzter freiwilliger Wohnort

Leonhard Wanner

Geboren

28.09.1913

Gestorben

15.04.1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Gersthofen, Ludwig-Hermann-Straße 35a

Bebo Wager

Geboren

29.12.1905

Gestorben

12.08.1943

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Reichensteinstraße 34

Anna Weichenberger, geb. Feichter

Geboren

30.12.1909

Gestorben

26.07.1942

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Mittelstraße 2