ab 1933:
Augsburg, Eisenhammerstraße 7
Augsburg, Lange Gasse 17
Augsburg, Stephansgasse 8
Augsburg, Karmelitengasse 17
Augsburg, Inneres Pfaffengässchen 14 (ab Januar 1938 bis 25. September 1939)
KZ Dachau
KZ Sachsenhausen
Schloss Hartheim/Linz
letzter freier Wohnsitz: Inneres Pfaffengäßchen 14
Wilhelm Naser wurde am 7. April 1892 in Limbach (Kreis Günzburg) geboren. Seine Eltern waren der Lehrer Johann und Serafina Naser, geb. Weinmüller. Er hatte 5 ältere Geschwister. Ab seinem 16. Lebensjahr war Wilhelm auf Arbeitssuche im gesamten süddeutschen Raum und in der Schweiz unterwegs. Zum Kriegsdienst wurde er nicht eingezogen. Seit August 1918 wohnte er in Augsburg, heiratete 1921 die Augsburgerin Anna Zenkler und eröffnete einen Friseursalon. Das Paar hatte zwei Kinder, Selma (geb. 1923) und Wilhelm (geb. 1924). Die Familie wohnte von 1924 bis 1932 im Kuhgäßchen Nr. 5. Das Ehepaar wurde am 26. März 1932 wegen „alleinigem Verschulden des Ehemanns“ geschieden .
Ursächlich hierfür war Wilhelms Trunksucht. Seit 1927 hatte er mehrfach seine Frau im Rausch bedroht und wurde schließlich wegen Ruhestörung, groben Unfugs und Unterschlagung verurteilt. Ein mehrwöchiger Aufenthalt in der Trinkerheilanstalt Meitingen 1928 vermochte seine Alkoholerkrankung nicht zu heilen. Das Ehepaar führte buchstäblich einen jahrelangen Ehekrieg. Wilhelm bezichtigte seine Frau des Ehebruchs und des Mordversuchs an ihm.
Als er Mitte September 1929 wegen Alkoholabusus ins Städtische Krankenhaus aufgenommen wurde, tobte er und konnte nur mit Hilfe von vier Schutzleuten untersucht werden. Wegen schlimmster Drohungen gegen seine Frau veranlasste Dr. Friedrich Port seine Verlegung in die Psychiatrische Abteilung. Von dort wurde er auf Initiative des Bezirksarztes Dr. Rothhammer nach Art. 80/II des PStG in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eingewiesen. Naser sei, so Dr. Rothhammer, „alkoholabhängig, geisteskrank und in hohem Maße gefährlich für seine Umgebung“. In Kaufbeuren verblieb er vom 21.9.1929 bis Ende März 1930.
Aber am 7. November 1930 wurde er erneut nach Kaufbeuren gebracht. Dieses Mal verblieb er bis Mitte August 1932. Wilhelm galt als selbstmordgefährdet. Durch einen Hungerstreik versuchte er seine Entlassung zu erreichen. Je nach Stimmungslage schrieb er herzzerreißende Briefe an Verwandte oder versuchte, seine Frau von einer Scheidung abzubringen, dann wieder verklagte er sie wegen Steuerhinterziehung und drohte ihr. Nach 3 Monaten Familienpflege von August bis November 1932 bei seinem Bruder in Frankfurt am Main wurde er „nach Hause“ entlassen .
Entmündigt, völlig mittellos und geschieden wechselte er von 1933–1938 häufig seinen Wohnsitz in Augsburg, wohnte zeitweise bei den beiden Brüdern Adolf und Otto oder in sozialen Einrichtungen. Dr. Moll von der für ihn seit Oktober 1931 zuständigen Beratungsstelle für Nerven- und Gemütskranke charakterisierte ihn als „debilen Psychopathen mit Neigung zum Missbrauch von Alkohol und anderen Rauschgiften. Im Rausch gemeingefährlich.“
Die Trennung von Ehefrau und Kindern konnte Wilhelm nicht überwinden. Wiederholt verleumdete er seine Ex-Frau und verängstigte seine Kinder. Anfang März 1934 tauchte er angetrunken im Friseurgeschäft auf, randalierte und bedrohte seine ehemalige Frau. Bezirksarzt Dr. Holler urteilte nach diesem Vorfall am 8. März 1934 in seinem Gutachten für die Stadt Augsburg über Naser: „Meines Erachtens muss dem Gemeinschädling Naser … der nötige Ernst gezeigt werden. … Ich halte daher die Einschaffung des Naser in ein KZ (Dachau) dringend geboten“ .
Nach einem weiteren Suizidversuch im Frühjahr 1934 wurde Naser ins Städtische Krankenhaus Augsburg eingewiesen. Eine zunächst angeordnete Pflegschaft wurde Anfang Januar 1935 wieder aufgehoben. Nach Ansicht der Polizei sei der „Selbstmordversuch des Naser zweifellos nicht ernst zu nehmen, sondern wurde von ihm nur unternommen, um seine Unterbringung im Krankenhaus zu erreichen“ . Bei solcher Voreingenommenheit hatte der alkoholkranke, unter einer psychotischen Erkrankung leidende Wilhelm keine Chance. Selbst seine Brüder versagten ihm nun ihre Unterstützung.
Naser war ohne festen Wohnsitz, kam aber im Frühjahr bis zum Herbst 1937 bei einer Familie am Stephansplatz mit 2 Mädchen im Alter von 10 und 12 Jahren unter. Am 18. Juli 1938 wurde er wegen „schamhafter Aktionen“ an beiden Mädchen in Untersuchungshaft genommen und zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt .
Seit Jahren war Wilhelm nicht mehr imstande, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, er war vom Wohlwollen seiner Brüder abhängig, das Wohlfahrtsamt versagte ihm die Unterstützung wegen seines Alkoholproblems. Für den Unterhalt für seine Kinder kam er seit 1929 nicht mehr auf. Zeitweise wohnte er im Evangelischen Vereinsheim, Inneres Pfaffengässchen 14 bzw. in der Langen Gasse 17.
Spätestens seit März 1940 beabsichtigte die Städtische Fürsorge infolge der bei ihr einlaufenden Beschwerden (Ex-Frau, früherer Pfleger, Gastwirt) vollendete Tatsachen im Fall Wilhelm Naser zu schaffen. Sie wandte sich an die Staatliche Kriminalpolizeistelle Augsburg K I und meldete Naser als „unbelehrbaren, haltlosen asozialen Psychopathen“, der „nicht als geisteskrank“ anzusehen sei. Im Krankenhaus habe er im März 40 die Nahrungsaufnahme verweigert. Er sei für seine Handlungen strafrechtlich voll verantwortlich; eine Einschaffung nach § 80/II des PStG in eine Anstalt komme nicht in Frage: „Wenn überhaupt bei Naser noch eine Besserung erzielt werden soll, so könnte dieses Ziel nur in einem Arbeitslager erreicht werden“.
Am 11. Mai 1940 wurde Wilhelm Naser als Häftling Nr. 10516 im KZ Dachau mit der Haftkategorie AZR (= Arbeitszwang Reich) auf Betreiben der Augsburger Polizei eingeliefert und am 3.9.40 in das KZ Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin „verschubt“. Seine Häftlingsnummer war Nr.19791.


Bereits nach 14 Tagen kam Wilhelm am 17. September 1940 zurück ins KZ Dachau . Dort wurde er nun unter der Kategorie „Aso“, also als „Asozialer“ eingestuft und stigmatisiert. Als „geisteskranker“ Fürsorgeempfänger, „Psychopath“ und Wanderarbeiter, der den Unterhaltszahlungen für seine Kinder nicht nachkommen konnte, galt Wilhelm Naser als Belastung für die Volksgemeinschaft.
Am 19. Februar 1942 wurde Wilhelm Naser vom KZ Dachau zusammen mit 59 weiteren Gefangenen mit den Anfangsbuchstaben M, N und O in einem sogenannten „Invalidentransport“ ins Schloss Hartheim bei Linz deportiert, wo er noch am gleichen Tag im Zuge der „Aktion 14f13“ ermordet wurde.
Diese sogenannte „Sonderbehandlung“ für vermeintlich nicht arbeitsfähige Häftlinge oder Häftlinge mit psychotischer Erkrankung entsprach selbst nach NS-Recht dem Tatbestand des vorsätzlichen Mordes. Die vom Standesamt Dachau ausgestellte Todesurkunde nennt als Todesdatum den 26. März 1942 und als Sterbeort Dachau.

Als Todesursache wird „Versagen von Herz- und Kreislauf, bei Darmkatarrh“ angegeben. Todesursache, Todesort und Todeszeitpunkt wurden vom Standesamt Dachau gefälscht, um den Massenmord an den Häftlingen zu verschleiern. Angeblich sind die sterblichen Überreste von Wilhelm Naser auf dem KZ-Ehrenhain des Augsburger Westfriedhofs bestattet. Tatsächlich wurde die Asche der vergasten Häftlinge als auch jene der Opfer der „Aktion T 4“ in Hartheim in die Donau gestreut.
Am 25. Oktober 2021 wurde vor dem Bodelschwingh-Haus ein Stolperstein für Wilhelm Naser verlegt.
© Dr. Bernhard Lehmann StD i.R., Gegen Vergessen – Für Demokratie, RAG Augsburg-Schwaben
Arolsen Archives ID 10714537 Wilhelm Naser, Mappe Asoziale Aktennr. 141
Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekartei II (MK II) Wilhelm Naser
Gesundheitsamt Augsburg-Stadt:1892/2046 Wilhelm Naser
Bezirk Schwaben, historischer Bestand Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren: Pati-entenakte Wilhelm Naser Nr. 8597
Gs Arch Dachau, Dokumente zur Zwangseinweisung, Akten der Stanw., LG München I, DaA 18891
Initiativkreis Stolpersteine für Augsburg und Umgebung (https://stolpersteine-augsburg.de/) Foto: Stolperstein
Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag, „Asoziale im Nationalsozialismus“, Berlin 2016: https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/089/1908955.pdf.
Wolfgang Ayaß, Die Verfolgung der Nichtseßhaften im Dritten Reich, in: Zentralvorstand Deutscher Arbeiterkolonien (Hg.), Ein Jahrhundert Arbeiterkolonien. „Arbeit statt Almosen“ – Hilfe für Obdachlose Wanderarme 1884-1984, Freiburg 1984.
Wolfgang Ayaß, Schwarze und grüne Winkel. Die nationalsozialistische Verfolgung von »Asozialen« und »Kriminellen« - ein Überblick über die Forschungsgeschichte, in: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.), Ausgegrenzt. „Asoziale“ und „Kriminelle“ im nationalsozialistischen Lagersystem, Bremen 2009, S. 16-30.
Lothar Gruchmann, Justiz im Dritten Reich 1933-1940. Anpassung und Unterwerfung in der Ära Gürtner, München 1988.
Julia Hörath, „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ in den Konzentrationslagern 1933-1938, Göttingen 2017.
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Florian Schwanninger, „Wenn du nicht arbeiten kannst, schicken wir dich zum Vergasen.“ Die „Sonderbehandlung 14f13“ im Schloss Hartheim 1941–1944, in: Brigitte Kepplinger, Gerhart Marckhgott, Hartmut Reese (Hg.), Tötungsanstalt Hartheim, 2. Auflage, Linz 2008, S. 155-208.