Imhofstr. 81
Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren
Tötungsanstalt Hartheim
Justina Guckenberger erblickt am 9. August 1916 in der Universitätsfrauenklinik zu Würzburg das Licht der Welt und wird noch am gleichen Tag nach evang.-luth. Ritus getauft1
.
Sie ist die Tochter des protestantischen Obergärtners Johann Georg Guckenberger (geb. 1888) aus Sugenheim, BA Scheinfeld, und seiner katholischen Frau Margarete, geb. Gschwilm2
aus Augsburg (geb. 1889), die den Beruf einer Zuschneiderin ausübt. Das Paar ist seit dem 5. Februar 1914 verheiratet und wohnt in Würzburg in der Fabrikstraße 293
.
Justina hat eine ältere Schwester Christina, die am 31.7.1915 in Sugenheim geboren ist, sowie eine jüngere Schwester Wilhelmine, geb. am 5.1.1918 in Würzburg4
. Der Vater leistet Kriegsdienst und gilt seit August 1918 als vermisst5
.
Die Mutter Margarete zieht mit ihrer Tochter Justina am 22. Dezember 1918 von Würzburg nach Augsburg und ist bei ihrer Mutter Maria Gschwilm, geb. Gall in der Imhofstraße 81 gemeldet. Margaretes Vater war bereits verstorben. Die beiden Töchter Christina und Wilhelmine verbleiben zuerst bei der Mutter ihres verschollenen Ehemanns in Sugenheim6 , die 11 Monate alte Wilhelmine holt die Mutter im März 1919 nach Augsburg.

Margarete erkrankt am 2. Weihnachtsfeiertag des Jahres 1918 schwer und wird erst wieder Anfang Februar 1919 aus dem Städtischen Krankenhaus in Augsburg entlassen. Justina wird in dieser Zeit von ihrer Großmutter Maria versorgt7
.
Am 19. März 1921 sucht Margarete mit Justina Dr. Schnitzler in der Mundingstraße in Augsburg auf. Dieser stellt fest, dass Justina sowohl körperlich wie geistig stark beeinträchtigt ist. Weil sie weder sprechen noch selbständig gehen könne, bedürfe sie anstaltlicher Pflege8
.
Aus diesem Grund wird Justina am 30. April 1921 in das Schutzengelheim in Deybach-Lautrach aufgenommen. Seit 1914 betreuten dort die Dillinger Franziskanerschwestern Mädchen mit Behinderung. In den 30-er Jahren lebten dort rund 350 Erwachsene und Kinder mit Behinderung, 73 Schülerinnen wurden unterrichtet. 1940 wurden 199 Menschen mit Behinderung nach Kaufbeuren und Ursberg abtransportiert9 .

Justina ist bei ihrer Aufnahme in Deybach 5 Jahre alt. Die Kosten übernimmt bis zum 30.6.1922 die Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenen-Fürsorge Augsburg, danach der Landesarmenverband Schwaben10 .
Ihre Mutter Margarete verstirbt zu allem Unglück am 12. April 1922 in Augsburg an Gebärmutterkrebs11
. Michael Biller, der Ehemann von Margaretes Schwester, wird als Vormund von Justina eingesetzt12
.
Jegliche Versuche, Justina zu fördern, scheitern an ihrer schweren körperlichen und geistigen Beeinträchtigung. Körperlich ist Justina sehr schwächlich, sie muss geführt werden und kann nicht sprechen. Zudem scheint sie gehörlos zu sein. Justina ist auf fremde Hilfe angewiesen13
. An ihrem Zustand hat sich seit ihrer Einweisung 1922 wenig geändert.
Zu Beginn der „Euthanasie“-Aktion werden aus ganz Bayern, vor allem aber aus dem Regierungsbezirk Schwaben ab Sommer 1940 Patienten anderer Anstalten nach Kaufbeuren verlegt. So kommen viele Personen aus Ursberg, Holzen, Pfaffenhausen, Glött, Lauingen, Lautrach, Schweinspoint, Günzburg und aus den Kinderheimen Möhren und Stein ins Allgäu, um von dort aus in den Tötungsanstalten ermordet zu werden. 14

Justina Guckenberger kommt mit Bauer Johanna, Baumeister Theresia, Göldl Anna, Hölzle Barbara, Müller Maria, Rast Anna, Imbiel Anna, Kerl Babette, Roth Viktoria; Kempter Aloisia und weiteren Mädchen am 16. November 1940 von Lautrach nach Kaufbeuren.
Justina verbleibt knappe 9 Monate in Kaufbeuren-Irsee. Nur wenige Dokumente über ihren Aufenthalt dort sind erhalten. Sie ist nur 1,50 m groß und wiegt ganze 32 kg15
. Sie ist definitiv unterernährt. Juliane leidet unter einer starken Vergrößerung der Schilddrüse (Kropf), was ihre Atmung erheblich erschwert.
Dr. Gärtner, der leitende Oberarzt in Irsee, schickt eine Blutprobe ans Bakteriologische Institut in München, der Befund ist negativ16
.
Die Autoren des Gedenkbuchs für die Kaufbeurer Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde beschreiben die Zustände in der Kaufbeurer Anstalt wie folgt17
:
„Auch wenn die Heil- und Pfleganstalten großzügig gebaut wurden und anfänglich ein erkennbares therapeutisches und pflegerisches Engagement von Seiten der Ärzte vorhanden war, so herrschten doch aus unserer heutigen menschenrechtlichen Sicht katastrophale Zustände. Die bloße Verwahrung der Patienten stand im Vordergrund. Die Patienten lebten, nach Geschlechtern getrennt, ohne Tagesstruktur in den Tag hinein, schliefen in großen Krankensälen und lebten meist in geschlossenen Stationen. Das schlecht ausgebildete Personal, als Wärter bezeichnet, sorgte für Ruhe und Ordnung. Erregte Patienten wurden fixiert oder mit Dauerbädern beruhigt. Neu aufgenommene Patienten bleiben in der Regel monatelang in der Anstalt, und wenn eine Entlassung aufgrund der Schwere der Erkrankung oder wegen fehlender Lebensmöglichkeiten außerhalb der Einrichtung nicht angeraten erschien, bleiben die Patienten Jahre oder lebenslang in der Anstalt18
.
Der Bogen der Krankheitsgeschichte von Justina Guckenberger in Kaufbeuren-Irsee umfasst nur 1 Seite und weist 2 relevante Einträge auf (25.11.40; 15.3.41). Den Einträgen des leitenden Oberarztes von Kaufbeuren-Irsee ist lediglich zu entnehmen, dass sich Justinas Gesundheitszustand nicht geändert hat. Der Eintrag vom 8.8.41 lautet lapidar: „wird verlegt“.
Zusammen mit weiteren 132 Frauen und 7 Männern19
wird Justina Guckenberger – darunter 34 Augsburgerinnen und 4 Augsburger, in die Tötungsanstalt nach Schloss Hartheim bei Linz deportiert. 57 Patientinnen sind beim Transport dabei, die ursprünglich in Deybach-Lautrach gepflegt wurden und erst am 16.11.40 nach Kaufbeuren verlegt worden sind.
Es ist der letzte Transport von Kaufbeuren nach Hartheim. Infolge der öffentlichen Proteste katholischer Bischöfe und protestantischer Geistlicher sowie der Informierung einer breiten Öffentlichkeit durch die deutschsprachige Welle des BBC im Sommer 1941 erteilte Hitler am 21.8.1941 seinem Begleitarzt Brandt und Reichsleiter Bouhler die mündliche Weisung, die Aktion T 4 zu beenden und die „Erwachseneneuthanasie“ in den 6 Tötungsanstalten (Grafeneck, Hartheim, Hadamar, Brandenburg, Bernburg, Sonnenstein) einzustellen. 20
In Hartheim werden die eingelieferten Menschen entkleidet, gemessen, gewogen, fotografiert und dann den Ärzten vorgeführt. Personendaten werden überprüft und auffallende Kennzeichen wie Operationsnarben vermerkt, die für die Erstellung der fingierten Todesursache von Bedeutung sein können.
Wenn die Körper nach der Verbrennung nicht vollständig zu Asche zerfallen sind, werden die Knochen in einer elektrischen Knochenmühle zerkleinert, die in einer Ecke des Krematoriumsraum steht. Ein Teil der Asche wird dazu verwendet, die Urnen zu befüllen; eine Urne umfasst ungefähr 3 kg Asche22 . Die restliche Asche wird von den Brennern in Säcke verpackt. Die Asche wird sodann aus den Säcken heraus in die Donau geschüttet. Später wird die Asche im ehemaligen Schlossgarten an der Ostseite des Gebäudes vergraben23 .
Trotz der Einstellung der Vergasung der Patienten in den 6 Tötungsanstalten geht die Ermordung der Menschen vor Ort weiter. Dr. Faltlhauser stellt im bayerischen Innenministerium am 17. November 1942 den anderen Anstaltsleitern eine neue Tötungsmethode vor, die schließlich von allen Anstaltsleitern übernommen wird. Um Kosten einzusparen, soll den nicht arbeitsfähigen Patienten weniger zu essen gegeben werden als den arbeitsfähigen. Die sogenannte Entzugskost (E-Kost), die wenige Tage später gemäß ministeriellem Erlass für alle bayerischen Anstalten verbindlich gemacht wird24
, ist eine Ernährung ohne Kohlehydrate und Fett, bestehend aus wenig Brot und Gemüse. Zusätzlich erhalten die „lebensunwerten“ Patienten Luminal in die Nahrung, in manchen Fällen - ebenda, S. 273f. - wird ihnen Morphium-Skopolamin gespritzt25
.
Justina Guckenberger wurde Opfer der sozialdarwinistischen Wahnideologie der Nationalsozialisten, welche für kranke und schutzbedürftige Menschen keinen Platz hatte und diese Menschen in eiskalter Logik ermordete.
© Dr. Bernhard Lehmann Gegen Vergessen – Für Demokratie, RAG Augsburg-Schwaben
BA Berlin, R179_22221 Guckenberger Justina
StadtAA MB Guckenberger Margarete 1889
StadtAA MB Guckenberger Wilhelmine 1918
StadtAA MK 2 Guckenberger Wilhelmine
StadtAA, Polizeibogen Hochfeldstr. 50
https://www.bezirkskliniken-schwaben.de/fileadmin/Daten/PDFs/%C3%9Cber_uns/Historie/NS_Euthanasie_Kaufbeuren_Irsee_2020.pdf Abruf 12.8.25
Aly, Götz (Hrsg.): Aktion T 4: 1939-1945. Die „Euthanasie“-Zentrale in der Tiergartenstraße 4. Zweite Auflage, Berlin 1989
Burleigh, Michael (Hrsg.): Tod und Erlösung. Euthanasie in Deutschland 1900-1945, Zürich 2002
Cranach, Michael von / Schweizer-Martinschek, Petra, Weber, Petra: „Später wurde in der Familie darüber nicht gesprochen“. Gedenkbuch für die Kaufbeurer Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen; Neustadt/Aisch 2020
Heuvelmann, Magdalene: „Wer in einer Gottesferne lebt, ist im Stande, jeden Kranken wegzuräumen.“ „Geistliche Quellen“ zu den NS-Krankenmorden in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee; Irsee, 2. Auflage 2015
Klee, Ernst (Hrsg.): Dokumente zur „Euthanasie“. Frankfurt/Main 1985
Neugebauer, Wolfgang: Die „Aktion T 4“, in: Kepplinger, Brigitte/ Marckhgott, Gerhart/ Reese, Hartmut (Hrsg.): Tötungsanstalt Hartheim, 2. Auflage Linz, 2008, S. 17–34
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Schulze, Dietmar: „Auch der Gnadentod ist Mord“. Der Augsburger Strafprozess über die NS-„Euthanasie“-Verbrechen in Kaufbeuren und Irsee; Irsee 2019