Reischlestr. 4/IV
Haydnstr. 12
Reischlestr. 4
Bleichstr. 4/1
KZ Sachsenhausen
KZ Dachau
Tötungsanstalt Hartheim/Linz
geb. 15.5.1907 in Neudorf (Ortsteil von St. Mang, Kempten), röm.-kath.,
ermordet am 10.8.1942 in Schloss Hartheim,
letzter Wohnsitz Bleichstraße 4
Alois Johann Kiechl ist am 15. Mai 1907 in Neudorf, einem Ortsteil von St. Mang in Kempten, in der elterlichen Wohnung Hausnr. 117 geboren. Er ist der zweitgeborene Sohn des aus Hegge/Waltenhofen stammenden Maschinenführers Ulrich Rudolf Kiechl 1 und der Lechhauserin Franziska Kiechl, geb. Beirer. 2 Beide besitzen das Heimatrecht für Imst/Tirol. 3

Das Paar ist seit dem 1. Mai 1905 verheiratet. 4 Alois’ älterer Bruder Rudolf, geb. am 24. Februar 1906, ist wie er in Schelldorf geboren. 5 Die kleine Familie zieht am 1. Februar 1908 nach Augsburg, 6 wo Alois‘ Vater in einer Textilfabrik tätig ist. In Augsburg wird am 10. November 1908 sein jüngerer Bruder Johann geboren, der im Oktober 1941 in Konstantinowka/Oblast Donezk fällt. 7 Seine Schwester Anna, geb. 5.6.1912, verstirbt nach 6 Monaten, seine jüngste Schwester Anna Maria, geboren 12.8.1914 wächst in Augsburg auf.
Nach Absolvierung der Volks- und Fortbildungsschule meldet sich Alois im Alter von 15 Jahren 1922 erstmals vom Wohnort seiner Eltern in der Reischlestr. 4 ab und steht in Beschäftigungsverhältnissen in Pforzen bei Kaufbeuren, im Augsburger Ortsteil Oberhausen, in Hausen bei Mindelheim, in Adelsried, Großaitingen, im Weiherhof, in Reutte/Tirol, schließlich in Imst, wo seine Eltern Heimatrecht genießen. Dort und im nahen Stams scheint er sich zwischen 1932 und 1937 aufgehalten zu haben, dann ist er 1938 in Höchstädt nachweisbar.
Dazwischen ist er wiederholt bei seinen Eltern in der Reischlestraße bzw. Bleichstraße 4 gemeldet. Dies war auch sein letzter Wohnsitz vor der Inhaftierung im KZ. 8
Die Meldekarte bzw. der Meldebogen von Alois geben keinerlei Hinweise auf etwaige Vorstrafen.
Am 25. November 1939, also kurz nach Beginn des II. Weltkriegs, wird Alois Kiechl ins KZ Sachsenhausen überführt und erhält als sog. „Asozialer“ die Häftlingsnummer 8307. 9 Wir wissen nicht, welcher Vergehen sich Alois schuldig gemacht haben soll.

Gegen Kleinkriminelle, Obdachlose, Wanderarbeiter, Alkoholiker, Bettler und Fürsorgeempfänger gehen die Nationalsozialisten von Anfang an rücksichtslos vor. Sie gelten als sog. „Asoziale“ und „Gewohnheitsverbrecher“, gegen welche sie ab 24. November 1933 „Maßnahmen der Sicherung und Besserung“ ins deutsche Strafrecht einführen. 10 Die Novelle wird unter § 42 in das Strafgesetzbuch eingefügt. 11 Indem das „Gewohnheitsverbrechergesetz“ die Sicherungs-verwahrung der Abwägung der „Gefährlichkeit“ nach „Gesamtwürdigung der Taten“ den Richtern anheimstellt, liegt diese de facto in deren subjektiven Ermessen.
Am 17. Dezember 1937 schuf der sogenannte „Grundlegende Erlass über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei“ eine reichseinheitliche Rechtsgrundlage für die „Vorbeugungshaft“ und dehnte sie auf „Asoziale“ aus. 13
Von nun an konnte die Kriminalpolizei eine „polizeiliche Vorbeugungshaft“ nicht nur gegen Kriminelle, sondern auch gegen „Asoziale“ verhängen. 14
Ab 1938 wurde es zur Regel, betroffene „Asoziale“ neben der Einweisung in ein Arbeitshaus oder Arbeitslager in ein Konzentrationslager einzuweisen. Nun genügten weniger Vorstrafen und geringfügigere Delikte für die Anordnung der Vorbeugehaft. Kleinkriminelle wurden nun in den KZ mit dem Grünen Winkel der „Berufsverbrecher“ oder aber mit dem Schwarzen Winkel der „Asozialen“.
Im Prinzip konnte jeder, der von den sozialen Normen der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ abwich, als „Asozialer“ ins Konzentrationslager deportiert werden. Die große Mehrheit der Häftlinge fiel unter eine der oben genannten Gruppen. In den Konzentrationslagern kennzeichnete die SS die „Asozialen“ mit einem schwarzen Winkel auf der Häftlingskleidung. 15
Alois Kiechl wird am 29. August 1940 ins KZ Dachau überstellt und erhält dort die Häftlingsnummer 15.861. Er gilt als asozial und wird nun unter der Kategorie AZR (Arbeitszwang Reich) geführt.

Knapp 2 Jahre später wird Alois Kiechl am 10. August 1942 mit nach Hartheim bei Linz abtransportiert und vermutlich mit Gas am gleichen Tag ermordet.
Nach Einstellung der Krankenmorde (Aktion T-4) im August 1941 werden unter der Aktion 14f13 16
nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge zu ihrer Ermordung nach Hartheim bei Linz gebracht und meist am gleichen Tag durch Gas ermordet. 17
In der Regel begutachteten die ehemaligen Ärzte der Aktion T-4, also Prof. Hermann Nitsche, Prof. Werner Heyde, Dr. Theodor Steinmeyer, Dr. Rudolf Lonauer und andere Ärzte rund 2000 Häftlinge im KZ Dachau. Zur „Vorselektion“ verwendeten sie den gleichen Fragebogen, der bis August 41 an die „T-4“ Anstalten verschickt wurde. Die Fragebögen waren bereits ausgefüllt, als die Ärzte eintrafen. Für kranke und invalide Häftlinge gab es in Dachau ein eigenes Invalidenlager. 18
Daneben wurden im Verlauf der „Sonderbehandlung 14f13“ Häftlinge auch unabhängig von der T-4 Gutachtergruppe selektiert.
Kranke und arbeitsunfähige Gefangene wurden direkt aus den Revieren und Blocks zusammengeholt und in ein Ärztezimmer geführt. Die Häftlinge wurden aber nicht medizinisch untersucht, sondern die Selektion wurde rein nach ihrem Aussehen vorgenommen.
Die Häftlinge mussten sich im Häftlingsbad ausziehen, ihre Krücken, Prothesen, Brillen und Kleider ablegen und wurden mit alter Kleidung ausgestattet. Anschließend wurden die Häftlinge auf LKWs verladen und abtransportiert. 19
Von Dachau aus erfolgten insgesamt 32 Transporte zur Vernichtung nach Hartheim. 20
Nach den Erhebungen des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes in Bad Arolsen fielen der Sonderbehandlung 14f13 insgesamt 2593 Häftlinge des KZ Dachau zum Opfer. 21
Die Anzahl der aus den KZ Gusen und Mauthausen in Hartheim ermordeten KZ-Häftlinge beziffert der Historiker Florian Schwanninger auf weitere 4387 Opfer. 22
Alois befand sich unter den 181 Häftlingen der 3. Welle, die in Hartheim bei Linz ermordet wurden. Seine Sterbeurkunde vom 16. September 1942 23
ist fingiert und wurde von Dachau aus erstellt. Der Sterbeort, Sterbedatum und Todesursache wurden gefälscht, um die Massenmorde in Hartheim zu vertuschen. Als Todesursache wurde „Versagen von Herz und Kreislauf bei Darmkatarrh“ angeführt. 24

Alois Kiechls Asche wurde angeblich im Familiengrab der Kiechls auf dem Nordfriedhof in Augsburg beigesetzt. 25 Tatsächlich wurde die Asche der vergasten Häftlinge und der Opfer der Aktion T-4 in Hartheim in die Donau gestreut. 26

Wir möchten an Alois Kiechl mit einem Stolperstein und dieser Biografie erinnern.
StAA, MK 2 Kiechl Ulrich
StAA, MK 2 Kiechl Franziska 1908
StAA MK 2 Kiechl Alois, 1907
StAA MB Kiechl Ulrich, 1881
Stadtarchiv Kempten, Familienbogen Kiechl
ITS Bad Arolsen, Alois Kiechl Nr. 10676671; 9919959; 10129721; 4090876;
Gedenkstätte Dachau, Alois Kiechl
Kłodziński, Stanisław: Die „Aktion 14f13“. Der Transport von 575 Häftlingen von Auschwitz in das „Sanatorium Dresden“. in: Götz Aly (Hrsg.): Aktion T4 1939–1945. Die „Euthanasie“-Zentrale in der Tiergartenstraße 4
Kepplinger, Brigitte; Marckhgott, Gerhart; Reese, Hartmut (Hrsg.): Tötungsanstalt Hartheim, 2. Auflage Linz, 2008
Ley, Astrid: Vom Krankenmord zum Genozid. Die „Aktion 14f13“ in den Konzentrationslagern, in: Dachauer Hefte, 25 (2009), S. 36–49.
Neugebauer, Wolfgang: Die „Aktion T4“, in: Kepplinger / Marckhgott / Reese, Hartmut (Hrsg.): Tötungsanstalt Hartheim, 2. Auflage Linz, 2008, S. 17-34
Riedel, Dirk: Vom Terror gegen politische Gegner zur rassischen Gesellschaft. Die Häftlinge des Konzentrationslager Dachau 1933-1936, in: Osterloh Jörg, Wünschmann Kim (Hrsg.): „… der schrankenlosesten Willkür ausgeliefert“. Häftlinge der frühen Konzentrationslager 1933-1936//; Frankfurt/Main 2017, S. 73-96
Schwanninger, Florian: „Wenn du nicht arbeiten kannst, schicken wir dich zum Vergasen.“ Die „Sonderbehandlung 14f13“ im Schloss Hartheim 1941–1944, in: Kepplinger / Marckhgott / Reese (Hrsg.): Tötungsanstalt Hartheim, 2. Auflage Linz, 2008, S. 155-208.
Seifert, Oliver: „Sterben hätten sie auch hier können“. Die „Euthanasie“-Transporte aus der Heil- und Pflegeanstalt Hall in Tirol nach Hartheim und Niedernhardt, in: Kepplinger / Marckhgott / Reese (Hrsg.): Tötungsanstalt Hartheim, 2. Auflage Linz, 2008, S. 359-410