Wolfgang Bernheim. (Privat)

Wolfgang Bernheim

Geboren: 07.05.1923, Augsburg

Gestorben: Oktober/November 1942, Sakrau/Zakrzów

Wohnorte

Augsburg, Schaezlerstraße 17/II
Augsburg, Lutzstraße 6/II
Augsburg, Prinzregentenstraße 2/I
Augsburg, Maximilianstraße 63/III
Augsburg, Stephansplatz 6
München, Herzogparkstraße 3/0
Köln, Dürener Straße 270/I
Vaals/NL, Kloster St. Benediktusberg

Orte der Verfolgung

am 26.8.1942 in Vaals/NL verhaftet

am 28.8.1942 aus dem Lager Westerbork/NL deportiert

ermordet im Zwangsarbeitslager Sakrau
im Oktober/November 1942

Erinnerungszeichen


Am 18. Mai 2018 wurde ein
Erinnerungsband für
Wolfgang Bernheim am
Stephansplatz 6 angebracht.

Weitere Informationen

[for englisch version see below]

Wolfgang Bernheim ist 1923 im Wöchnerinnenheim in Augsburg geboren.1 Das Gebäude an der Gögginger Straße gibt es auch heute noch.

Der Vater von Wolfgang war Kurt Bernheim, ein Sohn von Maria Bernheim.2 Dieser hatte 1921 die Kölnerin Caroline Wallerstein geheiratet. 1926 wurde die Ehe geschieden. 3 Wolfgangs Vater heiratete bereits 1926 eine nichtjüdische Frau aus Augsburg.4

1928 meldete Wolfgangs Vater sich und seinen Sohn Wolfgang von der Israelitischen Kultusgemeinde ab. Noch am gleichen Tag ließ er seinen fünfjährigen Sohn in der Pfarrei Herz-Jesu in Augsburg-Pfersee taufen.5 Die Familie wohnte damals in der Lutzstraße in Augsburg-Pfersee6. 1930 ließ sich auch der Vater von Wolfgang katholisch taufen und kirchlich trauen.7

1933 besuchte Wolfgang das Benediktinergymnasium St. Stephan in Augsburg und wurde dort 1933 auch gefirmt. Ab 1937 wohnte er als Internatsschüler in St. Stephan.8

1938, als Wolfgang 15 Jahre alt war, brach für ihn und seine Familie eine schwere Zeit herein. Wenige Tage nach dem Judenpogrom kam aus Berlin vom Erziehungsminister die Anordnung, dass alle jüdischen Schüler die deutschen Schulen verlassen müssen.9 Der Befehl wurde überall rasch ausgeführt. Wolfgangs Vater konnte seine Haut nur noch durch eine überstürzte Flucht nach Zürich retten. Wolfgang musste ohne Ausreisegenehmigung in Deutschland zurückbleiben.10

Wolfgang Bernheim, um 1940. (Nationaal Archief Den Haag)

 

Einige Monate konnte sich Wolfgangs Stiefmutter noch in München um ihn kümmern.11 Dann gelang Wolfgangs Mutter im Februar 1940 die Unterbringung ihres Sohnes in einem niederländischen Benediktinerkloster in der Nähe von Aachen. Wolfgang machte dort seinen Schulabschluss und wurde 1941 Novize im Kloster. Dabei nahm er den Klosternamen „Bruder Paulus“ an.12

Doch bald zeigte sich, dass Wolfgang auch als Mönch nicht vor den Nationalsozialisten sicher war. 1940 hatte die Wehrmacht Holland innerhalb von fünf Tagen überrannt und seit 1941 liefen die Vorbereitungen zur Deportation von über 100.000 niederländischer Juden. Die katholische Kirche protestierte in einem Fernschreiben an den Reichskommissar, das am 26. Juni 1942 in allen katholischen Kirchen von der Kanzel verlesen wurde. Daraufhin entschied der Reichskommissar, dass alle katholisch getauften Juden sofort deportiert werden sollen. Dies geschah im August 1942.13 Diese Entscheidung traf auch Wolfgang Bernheim. Er wurde von der deutschen Besatzungsmacht angeschrieben, sich an einem bestimmten Ort außerhalb des Klosters einzufinden. Von dort wurde er in das Lager Westerbork gebracht und in den Zug Richtung Auschwitz gesetzt. 50 km vor Auschwitz mussten alle Männer zwischen 15 und 50 Jahren den Zug verlassen. Ihre Arbeitskraft sollte bis zum Tod ausgebeutet werden.14 Im Herbst 1942 ist Wolfgang im Lager Sakrau in Schlesien infolge der unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu Tode gekommen. Erich Inov war Zeuge von Wolfgang Tod und hat nach dem Krieg als Überlebender Wolfgangs Mutter die Todesnachricht überbracht.15

Seit 2010 wird Wolfgang Bernheim von der katholischen Kirche als Märtyrer verehrt. Seitdem ist sein Leben in den Standardwerken für deutsche Märtyrer und für Märtyrer des Bistums Augsburg beschrieben.16

Ein Mitnovize von Wolfgang Bernheim hätte für ihn eine Flucht zu seinem Vater in die Schweiz organisieren können. Doch Wolfgang lehnte ab, um seinem Kloster drohende Vergeltungsmaßnahmen zu ersparen. Indem Wolfgang freiwillig dieses Opfer brachte, ging auch der Wunsch des Abtes in Erfüllung, dem er als Novize Gehorsam versprochen hatte.17 Der Name von Wolfgang Bernheim ist auch im Gedenkraum für jüdische Holocaustopfer im Augsburger Rathaus aufgeführt.

Albert Eichmeier

English Version

Wolfgang Bernheim was born in 1923 in the Maternity Home in Augsburg. The building on Gögginger Strasse still exists.

Wolfgang’s father, Kurt Bernheim was the son of Maria Bernheim. In 1921, he had married Caroline Wallerstein of Cologne. In 1926 they were divorced.

As early as 1926, Wolfgang‘s father married again, a non-Jewish woman from Augsburg.

In 1928 Wolfgang‘s father cancelled his own and Wolfgang’s membership of the Jewish Community. The same day, he had his five-year old son baptized in the Sacred Heart of Jesus parish in Augsburg’s Pfersee quarter. At the time, the family lived on Lutz Strasse in Pfersee. In 1930, Wolfgang’s father was baptized and married in church.

In 1933 Wolfgang Bernheim joined the classical grammar school at St. Stephan in Augsburg, managed by the Benedictines. He was confirmed in the monastery church on June 1st, 1933. From 1937 he stayed at the St. Stephan boarding school.

In 1938, when Wolfgang was 15 years old, difficult times started for himself and his family. Shortly after the pogrom against the Jews, the Ministry for Education in Berlin declared that all Jewish students had to leave Jewish schools. Everywhere, the instruction was executed swiftly. Wolfgang‘s father could only “save his hide” by a precipitous flight to Zurich. Without an emigration permit, Wolfgang had to stay behind in Germany.

For some months, Wolfgang’s stepmother was able to take care of him in Munich. Then, in February 1940, Wolfgang’s mother managed to find accommodation for her son in a Dutch Benedictine monastery close to Aachen. There, Wolfgang graduated from high school and, in 1941, joined the convent as a neophyte with the monastery name frater Paulus (brother Paul).

Soon it turned out, that Wolfgang, even as a monk, was not safe from the Nazis. In 1940, the German Army had overrun the Netherlands within five days, and, from 1941 on, the Germans prepared to deport more than 100,000 Dutch Jews. In a telex to the Reich’s Commissioner for the Netherlands, which was read out from the pulpits on 26 June 1942, the Catholic church protested against this policy. Thereupon, in August 1942, the Reich’s Commissioner decreed that all Catholic baptized Jews be deported immediately. This decision also affected Wolfgang Bernheim. He was notified by the German occupying power that he had to report to them at a certain location outside of the monastery. From there he was taken to the Westerbork camp and put on a train bound for Auschwitz. 50 km ahead of Auschwitz, all male persons between 15 and 50 years of age had to leave the train. Their working power should be exploited until they were dead. In fall 1942, Wolfgang died in the Sakrau camp in Silesia as a consequence of the inhumane working conditions. Erich Inow witnessed Wolfgang’s death and, after the war, as a survivor, delivered the news of his death to Wolfgang’s mother.

From 2010 on Wolfgang Bernheim has been venerated as a martyr by the Catholic church. Since then, his life has also been documented in the standard works for German martyrs and martyrs of the Augsburg dioceses.

A fellow neophyte of Wolfgang would have been able to organize his flight to his father in Switzerland. But Wolfgang declined in order to save his monastery from potential retaliation measures. By sacrificing himself voluntarily, Wolfgang also fulfilled the abbot’s wish whom had promised obedience as a neophyte. Wolfgang Bernheim’s name is listed in the memorial room for Jewish holocaust victims in the Augsburg City Hall.

  1. StAmtA, Geburtsurkunde Nr. 1159 vom 9.5.1923
  2. Katholisches Matrikelamt der Diözese Augsburg, Taufschein 1930/139/20 von Curt Michael Bernheim.
  3. LandA NRW, Heiratsurkunde Nr. 835 vom 19.12.1921.
  4. Archiv des Bistums Augsburg, Auszug aus dem Trauungsregister Bernheim Kurt und Lehninger Anna.
  5. Katholisches Matrikelamt der Diözese Augsburg, Taufschein 1928/85/44 von Wolfgang Bernheim.
  6. StadtAA, MK I Curt Bernheim.
  7. Katholisches Matrikelamt, Diözese Augsburg, Taufschein Curt Michael Bernheim; Archiv des Bistums Augsburg, Auszug aus dem Trauungsregister Bernheim Kurt und Lehninger Anna.
  8. StadtAA, MK I Wolfgang Bernheim.
  9. Runderlass des Reichministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung vom 15.11.1938, siehe Joseph Walk (Hg.), Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat. Eine Sammlung der gesetzlichen Maßnahmen und Richtlinien – Inhalt und Bedeutung, Heidelberg 1981, S. 256.
  10. StadtAA, MK I Wolfgang Bernheim; StAA, AG Augsburg, Schreiben des Einwohnermeldeamts München vom 02.01.1961.
  11. StAA, AG Augsburg, Schreiben des Einwohnermeldeamts München vom 02.01.1961.
  12. Klosterarchiv Vaals, Klostermeldekarte von Wolfgang Bernheim.
  13. https://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/nl-wissen/geschichte/vertiefung/judenverfolgung/deportationen.html (aufgerufen am 27.08.2018)
  14. StAA, AG Augsburg, Bescheinigung des Niederländischen Roten Kreuzes vom 21.07.1955 (Nachlassakte Wolfgang Bernheim).
  15. StAA, AG Augsburg, Erklärung von Erik Inov vom 11.11.1960 (Nachlassakte Wolfgang Bernheim)
  16. https://thema.erzbistum-koeln.de/deutsches-martyrologium/verzeichnis_aller_martyrer/das_verzeichnis/martyrer_aus_der_NS-Zeit/ordensmaenner/benediktiner/ (aufgerufen am 27.08.2018).
  17. Mündlicher Bericht von fr. Lambertus Moonen, Kloster Benedictusberg, Vaals NL, vom 18.5.2018.

Maria Bernheim, geb. Nathan

Geboren

27.07.1873

Gestorben

14.01.1944

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Frölichstraße 10 ½

Katholisches Matrikelamt der Diözese Augsburg
– Taufschein 1930/139/20 von Curt Michael Bernheim
– Taufschein 1928/85/44 von Wolfgang Bernheim

Klosterarchiv Vaals
– Klostermeldekarte von Wolfgang Bernheim

Landesarchiv NRW (LandA NRW)
– Heiratsurkunde Nr. 835 vom 19.12.1921

Mündlicher Bericht von fr. Lambertus Moonen, Kloster Benedictusberg, Vaals NL, vom 18.5.2018

Staatsarchiv Augsburg (StAA)
Amtsgericht Augsburg (AG Augsburg)
– Schreiben des Einwohnermeldeamts München vom 02.01.1961

– Bescheinigung des Niederländischen Roten Kreuzes vom 21.07.1955 (Nachlassakte Wolfgang Bernheim)

– Erklärung von Erik Inov vom 11.11.1960 (Nachlassakte Wolfgang Bernheim)

Standesamt Augsburg (StAmtA)
– Geburtsurkunde Nr. 1159 vom 9.5.1923

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekarten I (MK I):
– Curt Bernheim – Wolfgang Bernheim

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de841880 (aufgerufen am 13.02.2017)

https://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/nl-wissen/geschichte/vertiefung/judenverfolgung/deportationen.html (aufgerufen am 27.08.2018)

Joseph Walk (Hg.), Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat. Eine Sammlung der gesetzlichen Maßnahmen und Richtlinien – Inhalt und Bedeutung, Heidelberg 1981.