Unbekannter Fotograf (aus: Schlegel 1995)

Werner David Feist

Geboren: 03.12.1909, Augsburg

Gestorben: 08.03.1998, Côte-Saint-Luc, Québec

Wohnorte

Augsburg, Zeuggasse 9
Dessau
Prag/Tschechien
Großbritannien
Kanada

Weitere Informationen

Werner David Feist (3.12.1909 Augsburg – 8.3.1998 Côte-Saint-Luc, Québec)

Von dem in Augsburg geborenen und aufgewachsenen Fotografen und Grafiker Werner David Feist hängt ein Plakat in der Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art. Es wirbt für die hiesigen städtischen Schwimmbäder, wurde 1928 von der Augsburger Druckerei Himmer gedruckt und ist hier nur noch Fachleuten bekannt. Auch die Kunstsammlungen haben kein Exemplar davon. Der Künstler hat Deutschland nicht freiwillig verlassen – als Jude durfte er die Schwimmbäder bald nicht mehr besuchen, für die er so wirksam geworben hatte.

Familie Feist

Das Augsburger Stadtarchiv verwahrt den Familienbogen Feist. Demnach sind die Großeltern von Werner David Feist: David Feist Senior (geb. 11.11.1837) und Julia, geb. Gunz (geb. 19.3.1848). Sie heiraten 1868 in Augsburg und bekommen neun Kinder, das zweitälteste ist Hugo (geb. 1871). David Feist Senior verstirbt früh; Hugo Feist und seine Mutter Julia melden im Jahre 1900 gemeinsam mit Hermann Genz unter der Firma „Gebrüder Feist und M. Götz“ einen „Manufakturwarenhandel en gros“ in der Zeuggasse 9 an.

 

Augsburger Adressbuch 1913.

 

Augsburger Adressbuch 1929.

 

1908 heiratet Hugo Feist in Heidelberg Erna Schlesinger, die 1887 in Barmen-Elberfeld geboren wurde. 1 Sie bekommen zwei Kinder, 1909 Werner David und 1912 Helmut Isidor. Helmut wird Journalist, arbeitet bis zum Berufsverbot 1933 in Berlin und Köln, geht 1933 ins Exil nach Südafrika und dient im Zweiten Weltkrieg in der südafrikanischen Armee.

Über Werner David Feist erfahren wir Eckdaten aus dem Augsburger Stadtlexikon; Verfasser ist Günter Hägele:

Augsburger Stadtlexikon, 2. Aufl. 1998:

„Feist, Werner David, * 3.12.1909 Augsburg, † 8.3.1998 Montreal, Maler, Graphiker, Fotograf
Nach dem Besuch des Realgymnasiums (1) 1927-1930 Studium am Bauhaus in Dessau (u. a. bei Walter Gropius, Josef Albers und Paul Klee). 1928 Gewinn des Plakatwettbewerbs für die Städtischen Bäder in Augsburg. 1930-1939 Graphikdesigner und Werbefotograf in Prag. 1939 Flucht nach Großbritannien, 1940-1945 dort Kriegsdienst. Während der Bombenangriffe auf Augsburg 1944 Zerstörung seines gesamten, bei seinen Eltern aufbewahrten Fotoarchivs.(2) 1951 Übersiedlung nach Kanada. Direktor verschiedener Werbeagenturen. Nationale und internationale Design-Preise. Dozent an mehreren kanadischen Hochschulen. Seit 1967 selbstständiger Werbegraphiker, zahlreiche Ausstellungen (u. a. Museum Folkwang Essen, Museum Ludwig Köln, Bauhaus Dessau, 1992 in Augsburg). Gehört mit seinen wenigen erhaltenen Arbeiten zu den deutschen Avantgarde-Fotografen der 1920er und 1930er Jahre. Nach dem Krieg als Graphiker und Maler sehr erfolgreich, ohne weiter als Fotograf zu arbeiten.
Literatur:
Avantgarde-Fotografie in Deutschland 1919-1933, 1982
Who’s who in American art 18 (1989), 322
Franz-Xaver Schlegel, Werner David Feist. Fotografien am Bauhaus, 1928-1930, 1995

(1) Eine Überprüfung der Jahresberichte des Realgymnasiums An der Blauen Kappe 1925-27 hat ergeben, dass Werner David Feist dort nicht verzeichnet ist (Mitteilung von Andrea Killgus, 25.4.2021)
(2) Diese Angabe ist ungenau. Der Vater verstarb 1941, die Mutter musste in das „Judenhaus“ Hallstraße 14 ziehen, von wo sie bald deportiert wurde (siehe unten).

Bildband von Franz-Xaver Schlegel 1995

Buchcover 1995.

 

Dem Augsburger Kunsthistoriker Franz-Xaver Schlegel ist die Wiederentdeckung Feists in Augsburg zu verdanken: Er hatte im Bauhaus-Archiv die avantgardistischen Fotos von Feist entdeckt. 1992 gab es daraufhin in Augsburg eine Ausstellung „Fotografien am Bauhaus“. Drei Jahre später veröffentlichte Schlegel einen Fotoband, optisch am Stil des Bauhauses orientiert: „Werner David Feist. Fotografien am Bauhaus, 1928-1930“ (in der Staats- und Stadtbibliothek vorhanden). Darin sind Fotos, Hintergrundinformationen und biografische Daten zusammengetragen, ferner ein Beitrag des über 80-jährigen Feist selber. Darin heißt es:

„Nach den Sommerferien 1928 hatte ich von zuhause eine ‚Auszieh-Kamera‘ mit einer guten Goertz-Optik mitgebracht, die von einem meiner Onkel abgelegt worden war, und dazu ein wackliges Metallstativ. Diese Ausrüstung leistete mir für die nächsten sechs Jahre gute Dienste. […]

Ich verließ Dessau 1930. Nach ein paar Monaten in meiner Heimatstadt Augsburg fand ich Arbeit als Grafiker und Werbefotograf in Prag. Neun Jahre später, im März 1939, war ich wegen der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei gezwungen, von Prag über die polnische Grenze zu fliehen. Ich mußte meine Laborausstattung und meine Kamera zurücklassen, um nur mit heiler Haut davonzukommen. Ein paar Monate später, im Juni, erreichte ich England. Ich habe seither nicht mehr beruflich fotografiert. Alle meine Bauhausnegative waren in meinem Elternhaus aufbewahrt und während des Krieges verlorengegangen. Aber kurz vor Kriegsausbruch sandte mir ein Freund aus Prag einen Umschlag mit etwa 30 meiner Bauhausfotos.“ (S. 24-25)

Informationen von Gernot Römer

Logo, das Feist für die Augsburger B’nai B’rith Loge entwarf.

 

1995 erschien außerdem, nach einem Konzept von Gernot Römer, „Ein fast normales Leben: Erinnerungen an die jüdischen Gemeinden Schwabens“ als Katalog zur Ausstellung im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg anlässlich seines zehnjährigen Bestehens. Darin sind im Kapitel „Sehen und Gestalten“ zwei Arbeiten von Feist dokumentiert: das Schwimmbad-Plakat von 1928, außerdem ein Logo, das Feist für die „Augsburger jüdische B’ne Brith Loge“2 entworfen hat: „Sein Vater war eines der etwa 20 Mitglieder. Deren Ziel war es, Menschen in schwieriger Lage diskret zu helfen“ (S. 125). Und ein Familienfoto von 1955 ist abgebildet: Werner David Feist lebt mit Frau Ursula und den Söhnen John Anthony und Daniel in Kanada.

Familienfoto von 1955: Werner David Feist mit Frau Ursula und den Söhnen John Anthony und Daniel.

 

Das Schicksal der Eltern

Deportation von Werner David Feists Mutter Erna nach Piaski 1942.

 

Wie ist es den Eltern von Werner David Feist im Nationalsozialismus ergangen? Der Vater Hugo Feist verstarb 70-jährig am 29. April 1941 in Augsburg, noch ehe die Deportationen begannen. Am 11. Oktober 1941 muss seine Witwe Erna Feist in ein „Judenhaus“ ziehen, Hallstraße 14, das bereits mit Zwangseinquartierungen überfüllt war.3 Sie wird mit der ersten großen Deportation am 2. April 1942 mit Zwischenstation in München als eine von 129 Augsburger Jüdinnen und Juden in das Getto Piaski verschleppt, von wo niemand lebend zurückkam.4

Heilanstalt Kennenburg bei Esslingen, 1875.

 

Zur Unterdrückungsgeschichte der Familie Feist im Nationalsozialismus gehört auch, dass die Polizeidirektion Augsburg schon im Jahr 1935 ein Familien-Stammblatt zu den Feists in Augsburg anfertigte. Georg Feuerer, Mitarbeiter im Stadtarchiv Augsburg, hat darauf aufmerksam gemacht: „Ursache dazu war offensichtlich die Tatsache, dass David Feist im Jahr 1871 in einer Heil- und Pflegeanstalt verstorben ist.“5 Es geht um die Frage einer „erblichen Belastung“ der Nachkommen von David Feist Senior. Er war drei Jahre nach seiner Eheschließung in der Heilanstalt Kennenburg bei Esslingen verstorben. Die Polizeidirektion stellt fest:

„Aufzeichnungen darüber, dass ausser David Feist noch ein anderes Mitglied der Familie in einer Heil- und Pflegeanstalt untergebracht war, sind hier nicht bekannt.
Mit 1 Beilage an die Deutsche Forschungsanstalt
München zurück.

Augsburg, den 21. April 1935
Polizeidirektion
I.A. gez. [Unterschrift]“

Das Museum of Modern Art, New York, schreibt zu dem Plakat:

Plakat und Erläuterung im Museum of Modern Art. (Copyright: http://moma.org. Foto des Texts 2021: Martin Friedrichs)

 

„Kurz nachdem er dieses Plakat für die städtischen Schwimmbäder in seiner Heimatstadt Augsburg entworfen hatte, wurde Feist aus denselben Schwimmbädern verbannt, weil er Jude war. ‚Das Plakat zierte tatsächlich einige Jahre lang die Litfaßsäulen meiner Heimatstadt und zeigte ironischerweise mein Gesamtbild bis tief in die Zeit hinein, als Menschen meines Blutes nicht in die öffentlichen Schwimmbäder durften‘, erinnerte er sich. Erich Comeriner, sein Kollege an der Bauhausschule für Kunst und Design, fotografierte Feist auf einem Rasen in der Pose eines Schwimmers […]; Feist schnitt dann seine eigene Figur aus und kombinierte sie mit kühnen Grafiken.“6

Ausstellung im Metropolitan Museum of Art, 2001

Das Metropolitan Museum of Art, New York, widmete erstmals im Sommer 2001 der Fotografie am Bauhaus eine Ausstellung: „Dancing on the Roof: Photography and the Bauhaus (1923-29)“; einer der zwölf ausgestellten Künstlerinnen und Künstler war Werner David Feist.7

Erfülltes Leben in England und Kanada

Schlegel listet in seinem Buch folgende biografische Daten nach der Auswanderung (Auswahl):

1940-1945 Dienst in der Britischen Armee (Military Intelligence) bis zum Kriegsende. Der Großteil seiner Familie und Verwandtschaft wird in Konzentrationslagern umgebracht. Während der Bombenangriffe auf Augsburg Zerstörung seines Fotoarchivs (Glasnegative und Abzüge).
1943 Heirat mit der deutschen Emigrantin Ursula Eber in London.
1946-1951 Atelierleiter und Art Director einer Londoner Verlagsfirma.
1951 Übersiedlung nach Kanada.
1951-1966 Art Director von Werbeagenturen in Montréal; Nationale und internationale Auszeichnungen für Design.
1963 – 1968 Dozent am Sir Williams College (heute: Concordia University, Montréal; Einzelausstellungen seiner Malerei: Montreal 1964 und 1968.
seit 1967 selbständiger Werbegrafiker, grafischer Berater für Illustrierte, Maler und Dozent.
1976 und 1985 Einzelausstellungen seiner Malerei im Goethe Institut von Montreal. Werke seiner Malerei gelangen in den Besitz des Montréal Museum of Fine Arts, in die Sammlung der Concordia University, Montréal, in die Lavalin Collection, Montréal, und in kanadische Privatsammlungen.
1981 Ausstellung seiner Fotografien am Bauhaus in der Galerie art 45, Montréal.
1992 Ausstellung „Werner David Feist (*1909) und die Fotografie am Bauhaus“ im Zeughaus, Augsburg.

 

Werner David Feist stirbt am 8.3.1998 in Côte-Saint-Luc bei Montréal, Kanada

Zusammenstellung: Michael Friedrichs, April 2021

  1. Siehe auch https://www.gedenkbuch-wuppertal.de/de/person/feist (gesehen 13.4.2021)
  2. „B’nai B’rith (hebräisch בני ברית; deutsch ‚Söhne des Bundes‘), auch Bnai Brith oder im deutschsprachigen Raum bis zur Zeit des Nationalsozialismus Unabhängiger Orden Bne Briss (U.O.B.B.) oder Bnei Briß genannt, ist eine jüdische Organisation. Sie wurde im Jahre 1843 in New York als geheime Loge von zwölf jüdischen Einwanderern aus Deutschland gegründet und widmet sich laut Selbstdarstellung der Förderung von Toleranz, Humanität und Wohlfahrt […] 1924 wurde der Rabbiner Leo Baeck zum Großpräsidenten des deutschen Distrikts gewählt, der damals mehr als hundert Einzellogen umfasste. Seine Präsidentschaft dauerte von 1925 bis 1937“ (Wikipedia, 11.4.2021).
  3. Alfred Hausmann hat die Geschichte dieses „Judenhauses“ erforscht, zugänglich unter https://erinnerungswerkstatt-augsburg.de/blog/das-judenhaus-in-der-hallstrasse-14 (gesehen 13.4.2021).
  4. Der Name Erna Feist ist auf Blatt 41 dieser Liste verzeichnet: https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_bay_420404.html (gesehen 13.4.2021).
  5. E-Mail vom 17.3.2021.
  6. Übersetzung: Michael Friedrichs.
  7. https://www.metmuseum.org/exhibitions/listings/2001/photography-and-the-bauhaus (gesehen 13.4.2021).