Besuch bei Frau Warwara Barabasch geb. Glaskowa in Donetzk, früher Zwangsarbeiterin in der Schuhfabrik Schraml

Warwara Barabasch, geb. Glaskowa

Geboren: 10.10.1923, Woroschilowgrad (Ukraine)

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Woroschilowgrad, Ukraine
Donetzk, Ukraine, Belaretschenskaja 4

Orte der Verfolgung

Zwangsarbeiterin in der Schuhfabrik Schraml, Gersthofen

 

Weitere Informationen

Warwara Barabasch, geb. Glaskowa

geb. 10.10.1923 in Woroschilowgrad,
wohnhaft 2003 in Belaretschenskaja 4, 83039 Donetzk, Ukraine
Zwangsarbeit in der Schuhfabrik Schraml

Wir nehmen in der Stadtmitte ein Taxi und geben dem Taxifahrer die Adresse von Frau Barabasch. Wir haben einen überaus herzlichen und geduldigen Taxifahrer, er erzählt uns, dass er aus einer 13-köpfigen Familie stammt. Er sei zwar Laienprediger in einer protestantischen Kirche, müsse aber seine Familie ernähren, also nutze er sein Privatfahrzeug als Taxi. Wir machen uns auf den Weg, fragen andere Taxifahrer, viele Passanten, aber erst nach einer Stunde und vierzig Minuten finden wir das kleine Häuschen. Donetzk besteht nicht aus Wohnblocks, es erstreckt sich über 50 km hinweg, entlang den Kohlegruben entstanden über die Jahrzehnte hinweg die Siedlungen. Wir sind erleichtert, dachten wir doch schon an Umkehr, denn unser Zug nach Kiew wartet nicht. Wohl aber unser Taxifahrer, der seine Wartezeit zur Lektüre der Bibel nutzt.

Aufgeregt kommt uns Frau Barabasch, gebürtige Glaskowa entgegen, sperrt die vielen Hunde weg und gewährt uns Zugang zu ihrem winzigen Häuschen, das sie offensichtlich mit drei weiteren Frauen teilt. 80 Jahre ist sie jetzt und sieht kaum noch etwas. Sie bedankt sich bei mir für die zweimaligen Geldzuwendungen, die ihr das Leben wirklich erleichtert hätten. Die Gastfreundschaft bei allen Frauen ist wirklich herausragend. Alles, was die Menschen und deren Nachbarn an Lebensmitteln zur Verfügung haben, wird auf dem Tisch präsentiert.

Auch sie erinnert sich an die Schuhfabrik Schraml. Frau Schraml sei sehr gutmütig gewesen, Warwara durfte bei ihr putzen, da bekam sie so manche Lebensmittel zugesteckt. Wie alle anderen Frauen erinnert sie sich mit Schaudern an die Steckrüben. Die Lage habe sich erst verbessert, als eine der ihren die Mahlzeiten zubereiten durfte.

Ja, die Auswahl der Mädchen habe sie schon stark an einen Sklavenmarkt erinnert. Die Betriebsleiter und Bauern hätten die Blondinen bevorzugt, die schwarzen und kraushaarigen seien halt dann übrig geblieben, und so kam sie dann eben in die Gersthofener Schuhfabrik. Anfangs wurden Holzschuhe produziert, später nähte sie dann im 2. Stockwerk Schuhe. Die Arbeit empfand sie als nicht so schwer, die deutschen Frauen hätten ihnen geholfen, wann immer es möglich war. Auch drei Männer hätten in der Fabrik mit insgesamt circa 40 Angestellten gearbeitet. Über die Behandlung wolle sie nicht klagen, nicht einmal über den Russen Skworzow. Dieser setzte sie häufig nach Ende ihrer Arbeit bei Schraml noch bei sich zu Hause beim Hausbau ein. Dann im Kuka-Lager, in welches sie Ende 1944 kamen, lernte sie ihren späteren Mann kennen, der 1988 verstarb. Als sie hört, dass ich ihr nochmals einen Geldbetrag überreichen will, fällt sie mir um den Hals, küsst mir auf die Wange und ist überglücklich. Dass sie das noch erleben dürfe!

Wir eilen hinaus und winken zurück, Lubo von der ukrainischen Stiftung ist genauso zufrieden wie ich auch. Mit vergleichsweise wenig Geld konnten wir 8 Menschen zu einem menschenwürdigen Lebensabend verhelfen. Es waren nicht so sehr die Geldzahlungen, welche diese Menschen in einen Zustand innerer Zufriedenheit versetzten, als vielmehr die Tatsache, dass sich nach über 58 Jahren junge Menschen mit ihrem Schicksal auseinandergesetzt haben und versuchten, ihnen ein Stück ihrer Würde wiederzugeben.

Rechts: Warwara Barabasch, geb. Glaskowa

 

 

 

Interview mit Warwara Barabasch in Donetzk, November 2003