Tusja Parchomtschuk 2006

Tusja Parchomtschuk

Geboren: 01.11.1927, Lwiw

Gestorben: ,

Wohnorte

Raum Tschernobyl, Ukraine
Lwiw, Ukraine

Orte der Verfolgung

Zwangsarbeiterin in Donauwörth, Augsburg und Meitingen

Weitere Informationen

Tusja Parchomtschuk, geb. am 1.11.1927, Lwiw, mit 15 Jahren verschleppt am 15. Juli 1942 nach Meitingen bei Augsburg

Deportation nach Deutschland mit 15

Tusja Parchomtschuk ist in der Nähe von Tschernobyl geboren. Im Sommer wird sie von der Straße weg von der ukrainische Hilfspolizei verhaftet. Tusja steht auf den Listen des Dorfältesten, auf denen  die Personen  zu finden sind, die nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert werden sollen. Sie kann nur wenige Kleidungsstücke mit auf dir „Reise“ nehmen, denn die Familie ist sehr arm. Der Zug rollt ohne Zwischenaufenthalt nach Deutschland. Ihr erster Arbeitseinsatz ist in Donauwörth, dann kommt sie ins Kuka-Lager in der Schönbachstraße in Augsburg. Nach einiger Zeit kommt sie nach Meitingen. Dort arbeitet sie bis kurz vor Kriegsende in der Grafitfabrik, der Vorläuferin des noch heute dort ansässigen Unternehmens SGL Carbon.

Kontakt in die Heimat

Tusja ist mit 20 russischen bzw. ukrainischen Jungs und 5 Mädchen zusammen deportiert worden. Sie darf Briefe in die Heimat schreiben und erhält auch Post von ihrer Mutter. Wie die russischen Kriegsgefangenen muss sie bei Bauarbeiten helfen.

Das Barackenlager in Meitingen

Das Lager befindet sich gegenüber der Grafitfabrik, der Lagerführer ist ein Herr Petrow. Dort stehen einige Baracken für jeweils 25 Zwangsarbeiter. In der Nähe sind auch Kriegsgefangene und Italienische Militärinternierte untergebracht, die auf einer Baustelle zu arbeiten haben.

Kontakt zu einer deutschen Familie

Über eine deutsche Köchin erhält sie Kontakt zu einer Meitinger Familie. Sie hieß Bayer oder so ähnlich, hatte eine Tochter und einen Schwiegersohn, wohnte direkt an der nach Donauwörth führenden Straße, erinnert sich Tusja. Es sei damals das letzte Haus in Richtung Donauwörth auf der rechten Seite gewesen.

Hin und wieder dürfen die Mädchen in Frau Bayers Garten. Dort helfen sie bei der Johannisbeerenernte oder sie richten auf dem Friedhof das Grab von Herrn Bayer. Frau Bayer meint, Tusja sehe aus wie eine Deutsche und sie wolle nach dem Krieg ein Grundstück in der Ukraine kaufen. Dort solle Tusja dann wieder für sie arbeiten. Ernst oder Spaß? Das wird man nicht mehr erfahren.

Beliebtheit der Ukrainerinnen

Die ukrainischen Mädchen sind begehrte Arbeitskräfte, sie sind bekannt wegen ihrer Tüchtigkeit, Zuverlässigkeit und Loyalität. Die Mädchen sind gehorsam, um nicht den Zorn des Vorgesetzten auf sich zu laden. Weil sie sich mit Frau Bayer anfreundeten, setzt es hin und wieder Prügel von den russischen Jungs.

Kleider aus Eigenproduktion

3 Zwangsarbeiterinnen und Frau Bayer vor einer Baracke.

 

Tusja besitzt aus ihrer Zeit in Deutschland ein Foto. Darauf sind 3 Zwangsarbeiterinnen, Frau Bayer und im Hintergrund eine Baracke zu sehen.

Die Kleider haben die Mädchen aus ihren Bettbezügen, die Blusen aus Bettlaken angefertigt. Die Schuhe sind aus Bast, worüber sich die ortsansässigen Kinder oft lustig machen.

Schon bald kann Tusja so gut Deutsch sprechen, dass sie oft für eine Einheimische gehalten wird. Während meiner Besuche bei ihr 2006, 2007, 2008 und 2011 spricht sie immer wieder einige Brocken in Deutsch, vor allem die Befehle und Begriffe rund um die Arbeitswelt kennt sie noch alle.

Arbeit in Augsburg bei der Bahn

Kurz vor Kriegsende kommt Tusja nach Augsburg und muss dort an der Bahnstation Aufladearbeiten verrichten.

Rückkehr in die Heimat – Bestrafung als Kollaborateurin

Nach Ende des Krieges kommt die mittlerweile 17-jährige mit dem Zug nach Warschau. Von hier schlägt sie sich in ihre Heimat nach Tschernobyl durch. Sie ist monatelang unterwegs. In der Heimat soll sie als ehemalige Zwangsarbeiterin zur Strafe im Bergwerk arbeiten. Sie läuft weg und landet schließlich in ihrem heutigen Wohnort Lwiw, dem früheren Lemberg.

Nun kann sie ihre Schulausbildung erst einmal beenden. Sie absolviert die Realschule und arbeitet dann als Verkäuferin. 1946 heiratet sie, 1973 verstirbt ihr Mann. Zur Zeit meines Besuches 2011 wohnt sie bei ihrer Tochter und ihrem Enkelsohn.

Ihr Leben in Lwiw im Jahre 2011

Sie lebt oder besser gesagt sie überlebt mit 80 Euro monatlich Rente (350 Griwna). Im Gegensat zu den alten Menschen auf dem Dorf fehlt ihr ein Garten als Ernährungsgrundlage. Umso dankbarer ist sie für die finanzielle Hilfe aus Meitingen. Die 1000 Euro bedeuten für sie ein kleines Vermögen.
„Ich liebe Deutschland, deutsche Menschen sind gut, aber es war Krieg! Bitte grüßen Sie mir die deutschen Menschen“, sagt sie und küsst mir die Hände.

Tusja hat nur noch wenige Zähne im Mund und bedarf dringend der medizinischen Hilfe. Über die symbolische Summe, die ich ihr überbringe, ist sie sehr überrascht.
„Niemand hat mir im Leben etwas Gutes einfach so gemacht. Und nun so eine Überraschung, und dann von einem Deutschen!“

Sie ist auch Lubov Sochka sehr dankbar, dass sie jeden dritten Tag in der Stiftung anruft und sich erkundigt, wann sie von der Stiftung eine „Entschädigung“ erhält.
Der Brief des Bürgermeisters Dr. Higl hat sie zu Tränen gerührt, gleichzeitig fühlt sie sich geehrt:
„Sagen Sie allen, dass Frieden das höchste Gut ist. Wir müssen ihn unter allen Umständen bewahren“.

Besuch und Gespräche mit Tusja Parchomtschuk 2006, 2007, 2008, 2011.

 

Liste der Ukrainer in Meitingen Nr. 48-63, Nr. 52 Tusja Parchomtschuk.
Artikel in der StadtZeitung, 15.6.2011.

 

© Erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, Gegen Vergessen – Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben