Sarah „Selma“ Großberg

Geboren: 31.07.1905, Augsburg

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Augsburg, Körnerstraße 5
Augsburg, Färberstraße 11
Augsburg, Hessenbachstraße 7
Augsburg, Hallstraße 14

Orte der Verfolgung

Deportation
am 2. April 1942
von Augsburg
über München-Milbertshofen
nach Piaski

Weitere Informationen

Sarah „Selma“1 Großberg kam am 31. Juli 1905 in Augsburg als älteste Tochter einer zur Jahrhundertwende aus dem damaligen Kongresspolen zugewanderten Kaufmannsfamilie zur Welt.2 Ihre Eltern waren der selbstständige jüdische Kaufmann und Zigarrenfabrikant Aron Großberg (1857-1928) und Machlya/Machlja Min(n)a3 Großberg, geb. Großberg (1884-1942).4 Arons zweite und Minas erste Ehe schlossen diese am 2. Februar 1904.5 Sie wohnten in Augsburg-Pfersee im zweiten Stock der Körnerstraße 5.6 Sarah „Selma“ hatte drei Geschwister: Jakob (1906-1941), Lina (1915-1986) und Walter Max (1927-1942). Außerdem hatte sie mit Rosa, Malka Maria und Hermann drei ältere Halbgeschwister aus erster Ehe des Vaters mit Debora-Rifka, geb. Schleifer (gest. 1902), zu welchen sie allerdings zu keinem Zeitpunkt Kontakt hatte.7

Über ihre Kindheit ist sehr wenig  bekannt.  Es gibt Hinweise, dass sie von ihrer Grundschulzeit bis zum 8. Juni 1917 in Buttenwiesen lebte.8 Warum sie dort war, ist nicht klar, da sie keine Familie vor Ort hatte. Vielleicht besuchte sie die jüdische Volksschule.9

Wann genau sie nach ihrer Rückkehr nach Augsburg begann im „Zigarren Einzel- und Großhandel Großberg“ zu arbeiten, muss auch offen bleiben. Das Geschäft befand sich in einem von Joshua und Paulina Schuler angemieteten Laden in der Augsburgerstraße 15 in Pfersee und somit nur wenige Gehminuten von ihrer Wohnung entfernt.10 Der Vater hatte auch einen kaufmännischen Angestellten namens Theodor Müller.11 Die Umsätze des Geschäfts waren bis Anfang der 1920er Jahre sehr gut12, die Ausstattung der Wohnung auch.13 Die bayerische Staatsbürgerschaft wurde den Familienmitgliedern aber verwehrt.14

Doch dann gingen die Einnahmen zurück. Es kann angenommen werden, dass die Familie aufgrund der schwierigen Situation eine folgenschwere Entscheidung traf: Aron, Selma und Jakob Großberg wurden zusammen mit ihrem Angestellten Theodor Müller wegen Steuerhinterziehung und Tabakbanderolenfälschung angeklagt. Die Anklage gegen Sarah „Selma“ wurde fallengelassen, Theodor Müller wurde zu einer Geldstrafe von 100 RM oder 10 Tage Gefängnis verurteilt. Aron und Jakob Großberg wurden jeweils zu acht Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von insgesamt 42.000 RM verurteilt. Nach dem Urteil wurde ein antisemitischer Kommentar in der Bayerischen Gerichtszeitung veröffentlicht:

„[So] wurde als besonders straferschwerend erwähnt, daß die Gastfreundschaft des deutschen Reichs […] belohnt wird, [indem] sie den legalen Handel durch ihr Gebaren auf das Schwerste schädigen, gleich Parasiten das Blut aus dem deutschen Wirtschaftskörper aussaugen und dann verschwinden.“15

Jakob Großberg trat die Haftstrafe am 13. Juni 1927 an16, Aron Großberg starb am 19. Januar 1928 an einer Herzmuskelerkrankung und wurde auf dem jüdischen Friedhof in der Haunstetter Straße beerdigt.17

In dieser insgesamt schwierigen Situation hatte am 1. April 1926 die 21-jährige Sarah „Selma“ Großberg das Geschäft von ihrem Vater übernommen.18 Ihr Vater passte auf die 11-jährige Lina auf und kurze Zeit später war ihre Mutter mit Max schwanger.19

Nach der Entlassung aus der Haft zog Jakob Großberg bis 1933 innerhalb Augsburgs immer wieder um. So wohnte er in diesen Jahren bei insgesamt 13 Familien, bei welchen er sich ein Zimmer mietete.20 Am 15. Januar 1934 zog er dann nach Breslau, wo er ein Gewerbe führte. Hier wurde er im Dezember 1939 verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, um anschließend im September 1940 in das KZ Dachau weiterverschleppt zu werden, wo er am 5. Februar 1941 starb.21

Am 13. Dezember 1932 zog die verbliebene vierköpfige Familie in eine Wohnung in der Hessenbachstraße 7, welche ebenfalls wie die vorherige Wohnung nur einige Minuten vom Arbeitsplatz entfernt war.22 Bis zur Emigration nach Südafrika im Oktober 1936 arbeitet ihre Schwester Lina als kaufmännische Angestellte bei der Schwester.23 Nach einem schwierigen Start in Kapstadt fand sie Arbeit und hatte dort auch Kontakt zu anderen aus Augsburg geflüchteten.24 Am 22. November 1959 heiratete sie Arnold Hershbaum. Sie starb am 19. Augsburg 1986 in Kapstadt.25

Aufgrund der nationalsozialistischen Machtübernahmen gingen die Einnahmen des Ladens immer weiter zurück, bis er am 9. Dezember 1938 endgültig liquidiert wurde.26 Der Sohn der Vermieter des Ladengeschäfts, Max Schuler, stellte am 28. September 1938 an die IHK Augsburg die Anfrage, ob er das Geschäft übernehmen könne. Diesem Ansinnen wurde nicht stattgegen, sondern die Zwangsliquidierung vorangetrieben.27

Am 26. November 1940 wurde die Familie gezwungen, in das Ghettohaus in der Hallstraße 14 zu ziehen.28 Außerdem musste Sarah „Selma“ Großberg ab dem 1. September 1941 bis zur ihrer Deportation Zwangsarbeit in der Augsburger Ballonfabrik leisten. Am 2. April 1942 wurden Sarah „Selma“, Walter Max und Mina Großberg nach München gebracht und zwei Tage später in das Durchgangsghetto Piaski deportiert.29 Keiner hat die Deportation überlebt.

Dies ist ein Auszug aus der Biografie, die von Tom Halter, Schüler des Oberstufenjahrgangs 2017/2019 am Maria-Theresia-Gymnasium Augsburg, im Rahmen des W-Seminars „Opfer des Nationalsozialismus im Großraum Augsburg“ im Fach Geschichte erarbeitet wurde.

  1. Laut Geburtsurkunde wurde ihr der Vorname „Sarah“ gegeben, siehe: StadtAA, Standesamt Pfersee, Nr. A 253/1905. Dieser Name findet sich auch in den amtlichen Dokumenten wie den Meldedokumenten ihrer Eltern und ihren Meldedokumenten. Offenbar wurde sie von Ihren Familienangehörigen ungeachtet der „offiziellen“ amtlichen Namensgebung „Selma“ genannt. Dies belegt die Tatsache, dass es im Rahmen der Todeserklärung und des Wiedergutmachungsverfahrens zu einer Richtigstellung ihres Vornamens durch das Amtsgericht Augsburg (Beschluss vom 24.07.1957) gekommen ist, siehe: Amtsgericht Augsburg AZ: UR II 32/1957. Die Angehörigen hatten den Antrag vermutlich unter ihrem Rufnamen „Selma“ gestellt.
  2. StadtAA, MB Aron Großberg.
  3. Als Varianten des Vornamens auch Machlya oder Machlja.
  4. StadtAA, GK Aaron Großberg.[/Note] Beide stammten aus Łódź, kamen allerdings unabhängig voneinander nach Deutschland.[note]Landesamt für Finanzen, BEG16076 – 3a, Wiedergutmachungsakte, S. 115.
  5. Landesamt für Finanzen, BEG16076 – 3a, Wiedergutmachungsakte, S. 112.
  6. StadtAA, MB Aron Großberg.
  7. StAA, AG Augsburg, 27/1928, Nachlassakten.
  8. StadtAA, FB Großberg.
  9. https://www.alemannia-judaica.de/buttenwiesen_synagoge.htm#Zur%20Geschichte%20der%20j%C3%BCdischen%20Gemeinde.
  10. BWA, K9/2090, 28.09.1938-21.03.1939.
  11. BWA, K9, 1/7304.
  12. Landesamt für Finanzen, BEG16076 – 3a, Wiedergutmachungsakte, S. 6.
  13. StAA, A-Akten 1205, Wiedergutmachungsbehörde.[/Note] Die Familie wurde in ihrem Haushalt von dem Dienstmädchen Maria Landmann unterstützt.[note]StadtAA, FB Großberg.
  14. StadtAA, FB Großberg.
  15. BWA, K9, 1/7304.
  16. StABamberg, VA St. Georgen-Bayreuth, Rep. K 190, Nr. 90.
  17. https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20302/CEM-AUG-GRAVELIST-GERMAN.pdf.[/Note] Die Familie hatte zudem im Mai 1927 ihr Haus in der Färberstraße 11 verkaufen müssen. Es wurde zu einem erheblich geringeren Preis als dem Kaufpreis verkauft, weil die Familie sehr wahrscheinlich das Geld brauchte.[note]StadtAA, FB Großberg.
  18. BWA, K9/2090, 28.09.1938-21.03.1939.
  19. Landesamt für Finanzen, BEG16076 – 3a, Wiedergutmachungsakte, S. 31.
  20. StadtAA, MB Jakob Großberg.
  21. https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de879227.
  22. StadtAA, FB Großberg.
  23. StadtAA, FB Großberg.
  24. Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941-1949 (Materialien zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007, S. 51.
  25. E-Mail von Gerald Sher am 03.06.2018.
  26. Landesamt für Finanzen, BEG16076 – 3a, Wiedergutmachungsakte, S. 37.
  27. BWA, K9/2090, 28.09.1938-21.03.1939; Landesamt für Finanzen, BEG16076 – 3a, Wiedergutmachungsakte, S. 6.
  28. StadtAA, FB Großberg.
  29. Gernot Römer (Hg.), 2007, S. 234.

Amtsgericht Augsburg
– AZ: UR II 32/1957

Bayerisches Wirtschaftsarchiv (BWA)
– K9, 1/7304
– K9/2090, 28.09.1938-21.03.1939

E-Mail von Gerald Sher am 03.06.2018

Landesamt für Finanzen
– BEG16076 – 3a, Wiedergutmachungsakte

Staatsarchiv Augsburg (StAA)
Amtsgericht Augsburg (AG Augsburg)
– 27/1928, Nachlassakten

A-Akten 1205, Wiedergutmachungsbehörde

Staatsarchiv Bamberg (StABamberg)
– VA St. Georgen-Bayreuth, Rep. K 190, Nr. 90.

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldebogen (MB)
– Aron Großberg
– Jakob Großberg

Familienbogen (FB)
– Großberg

Gewerbekartei (GK)
– Aaron Großberg

Standesamt Pfersee, Nr. A 253/1905

https://www.alemannia-judaica.de/buttenwiesen_synagoge.htm#Zur%20Geschichte%20der%20j%C3%BCdischen%20Gemeinde

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20302/CEM-AUG-GRAVELIST-GERMAN.pdf

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de879227

Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941-1949 (Materialien zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007.