Samuel Lemle

Geboren: 10.02.1876, Fischach

Gestorben: 31.12.1943 (für tot erklärt), Theresienstadt

Wohnorte

Fischach
Bayreuth
Augsburg, Hermanstraße 1/II
Augsburg, Maximilianstraße 6

Orte der Verfolgung

Deportation
am 31. Juli 1942
von Augsburg
über München
nach Theresienstadt

Weitere Informationen

Samuel Lemle

Samuel Lemle wurde am 10. Februar 1876 in Fischach als Sohn des Handelsmanns Heinrich Lemle und seiner Frau Sara Lemle, geb. Groß geboren.1 Sein Bruder Siegfried kam am 13. Mai 1886 zur Welt.2 Die Angaben über weitere Geschwister sind widersprüchlich.3

Schulzeit

Zu Samuel Lemles Schulzeit ist nichts Konkretes bekannt, nachdem es aber in Fischach eine Schule gab, besuchte er vermutlich diese. Bis 1861 gingen Juden und Christen dort auf die gleiche Schule. Da Samuel Lemle 1876 geboren wurde, heißt das, dass er sehr wahrscheinlich die jüdische Schule besuchte.4

Militärdienst

In den Jahren 1896 bis 1899 erfüllte Samuel Lemle seine Militärpflicht beim 1. Schweren Reiter-Regiment.5

Beruf

Er war Viehhändler und er betrieb zusammen mit seinem Bruder Siegfried die Firma „Gebrüder Lemle, Viehhandel, Landsberg-Schwabmünchen“. Samuel war für die Stallung in Schwabmünchen verantwortlich, Siegfried für die in Landsberg am Lech.6 Wohnhaft war sein Bruder in Göggingen, Margertshausen sowie München.7 Das Geschäft lief bis 1933 relativ gut, verschlechterte sich jedoch aber durch die Wahl der NSDAP an die Macht zusehends.8

Hochzeit

Am 22. Februar 1909 heiratete er Regina9 Ney im Standesamt Nürnberg-Lorenz.10 Sie stammte aus Niederstetten bei Bad Mergentheim und war dort am 30. März 1884 geboren worden.11 Nach der Hochzeit zogen die beiden am 4. März 1909 von Bayreuth nach Augsburg, wo am 30. Oktober 1909 ihr gemeinsamer Sohn Heinrich zur Welt kam.12 Über ihre Zeit in Bayreuth ist nichts bekannt. Es spricht aber viel dafür, dass der Aufenthalt dort nur kurz war.13

Die Familie wohnte im 2. Stock der Augsburger Hermanstraße 1.14 Alfred Metzger, ein Freund der Familie,  beschrieb den Haushalt in einer eidesstattlichen Erklärung nach dem Zweiten Weltkrieg als „gut buergerlichen Haushalt“15, die Schwiegertochter Margot Lemle als „besonders solide eingerichteter Haushalt“16.

Sohn

Heinrich Lemle machte in Augsburg sein Abitur. 1928/29 besuchte er das Jüdisch-Theologische Seminar in Breslau und die dortige Universität, in den Jahren 1929/30 studierte er an der Universität Berlin und ein weiteres Jahr später an der Universität in Würzburg. Außerdem besuchte er die Hochschule für die Wissenschaften des Judentums in Berlin, wo er 1933 sein Rabbinerexamen bestand.17 Er wurde Prediger in Nordhausen im Harz, war dann von 1934 bis 1938 Jugendrabbiner in Frankfurt und Lehrer am Frankfurter Philanthropin, außerdem auch Dozent am Jüdischen Lehrhaus. Über die Jahre hinweg setzte er sich für das Aufbauwerk in Palästina ein.18

Im Zuge des Novemberpogroms 1938 wurde er in das Konzentrationslager nach Buchenwald gebracht. Nach drei Wochen wurde er entlassen, da die Vorsitzende der „World Union for Progressive Juadaism“, Miss Lily Montagu, ihm einen Anstellungsvertrag als Rabbiner in England zusandte. Daraufhin wanderte er im Dezember 1938 dorthin aus.19 Er wurde Mitarbeiter im „Wobourn House“ und der „West Central Liberal Synagogue“ in London. In den Jahren 1939/40 war er Rabbiner bei der „Liberal Congregation“ in Brighton und Hove. Dann emigrierte er im Dezember 1940 zusammen mit seiner Frau Margot und seinem Sohn Alfred nach Brasilien, wieder im Auftrag der „World Union for Progressive Juadaism“. In Rio de Janeiro war er am 13. Januar 1942 Mitbegründer der „Associação Religiosa Israelita“ und bis 1978 Oberrabbiner.20Außerdem war er Professor der Hebräischen Sprache an der Universität in Rio de Janeiro. Darüber hinaus schrieb er sechs Bücher, war an zwei weiteren Publikationen beteiligt und übersetzte ein Gebetsbuch ins Portugiesische.21 In Brasilien nannte er sich „Henrique“ statt „Heinrich“.  Im Alter von 68 Jahren starb er an den Folgen eines Herzinfarkts.22 Bis zu seinem Tod lebte er in Rio de Janeiro.23

Heinrich Lemle. (Jüdisches Museum Frankfurt am Main)

 

Deportation und Tod

Das Ehepaar Lemle wurden ab September 1941 gezwungen, den „Judenstern“ zu tragen.24 Sehr wahrscheinlich geschah auch der Umzug in die Maximilianstraße 6 nicht freiwillig.25 Überdies musste Samuel Lemle ohne Rücksicht auf sein fortgeschrittenes Alter Zwangsarbeit leisten. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 70 Jahre alt und musste harte Straßenarbeiten verrichten.26 Am 31. Juli 1942 folgte die Deportation der beiden mit dem Transport II/21 von München nach Theresienstadt.27 Samuel Lemle wurde am 12. November 1953 vom Amtsgericht Augsburg für tot erklärt. Sein Todesdatum wurde auf den 31. Dezember 1943 festgelegt.28 Regina Lemle starb am 9. April 1943.29

Sein Bruder Siegfried Lemle wurde am 03./04. April 1942 von München nach Piaski deportiert. Nach Kriegsende wurde er wie sein Bruder für tot erklärt.30

„Wiedergutmachung“

Der Sohn Henrique Lemle stellte am 6. Oktober 1948 einem Antrag zur Rückerstattung.31Außerdem folgte am 23. Mai 1957 ein Entschädigungsantrag für folgende Sachverhalte:

„a) Freiheit/Freiheitsbeschränkung durch Tragen des Judensterns, Deportation

b) Schaden an Eigentum durch Verlust der Wohnungseinrichtung, welche bei der Deportierung zurückgelassen wurde

c) Schaden an Vermögen durch Aufgabe des Viehhandelsgeschäftes während des Drittes Reiches

d) Schaden durch Zahlung von Sonderabgaben und Beschlagnahme des Vermögens“32

Das Verfahren kam 1963 endgültig zum Abschluss, was zeigt, wie lange die Betroffenen für ihr Recht kämpfen mussten. 1960 bekam er eine Entschädigung von 4.950 DM für die Haft seiner Eltern im Theresienstadt. Für den „Berufschadens“ des Vaters bekam er 1963 5.000 DM ausgezahlt.33

Dies ist ein Auszug aus der Biografie, die von Jana Golombek, Schülerin des Oberstufenjahrgangs 2018/2020 am Paul-Klee-Gymnasium Gersthofen, im Rahmen des W-Seminars „Jüdische Opfer des Nationalsozialismus im Großraum Augsburg“ im Fach Geschichte erarbeitet wurde.

  1. StadtAA, MB Samuel Lemle.
  2. https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11572613&ind=0.
  3. Siehe: https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=gedenkbuch&no_cache=1&tx_mucstadtarchiv_stadtarchivkey%5Bopferid%5D=7195&tx_mucstadtarchiv_stadtarchivkey%5Baction%5D=showopfer&tx_mucstadtarchiv_stadtarchivkey%5Bcontroller%5D=Archiv&cHash=3db8f0498ee54becc0e5caddebd01742.
  4. https://www.fischach.de/fischach/markt-fischach/juedische-gemeinde.
  5. StadtAA, MB Samuel Lemle.
  6. BayHStA, LEA 22888; Einwohnerbuch der Stadt Augsburg 1929, Augsburg 1929.
  7. https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de910621.
  8. BayHStA, LEA 22888.
  9. In manchen Quellen auch Regine.
  10. StadtAA, MB Samuel Lemle; BayHStA, LEA 22888.
  11. StadtAA, MB Samuel Lemle.
  12. StadtAA, MB Samuel Lemle.
  13. StadtABay, Persönliche Mitteilung von Christine Batholomäus am 04.06.2019: Diesbezügliche Akten wurden während der Bombardierung der Stadt im April 1945 zerstört. Alle Meldeakten und die gesamte Registratur verbrannten, deshalb gibt es kaum Informationen über dort lebende Personen vor 1945 gibt. Lediglich die Adressbücher ab dem Jahr 1881 stehen zur Verfügung, diese sind jedoch nicht jährlich erschienen. In den Jahren 1881 bis 1909 sind dort keine Einträge zu dem Namen Lemle vorhanden, ebenso wenig findet man ihn im Geschäftsregister unter „Viehhändler“ oder „Kaufleute“.  Weder in der Personenkartei, der Gewerbekartei, dem Gewerbekataster, den Militärunterlagen, den Heimatsanträgen noch der Mitgliedsliste der jüdischen Gemeinde Bayreuth von 1907 sind Hinweise auf Samuel Lemle zu finden. Der Aufenthalt in Bayreuth kann also nur kurz gewesen sein.
  14. StadtAA, MB Samuel Lemle.
  15. BayHStA, LEA 22888.
  16. BayHStA, LEA 22888.
  17. Markus Brocke/Julius Carlebach (Hg.), Biographisches Handbuch der Rabbiner, Teil 2: Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945, Mit Nachträgen zu Teil 1, Berlin 2009, S.375; http://www.judengasse.de/dhtml/P148.htm.
  18. Markus Brocke/Julius Carlebach (Hg.), 2009, S.375; http://www.judengasse.de/dhtml/P148.htm.
  19. Markus Brocke/Julius Carlebach (Hg.), 2009, S.375.
  20. Katalog der Deutschen Nationalbank: http://d-nb.info/gnd/116896884.
  21. Markus Brocke/Julius Carlebach (Hg.), 2009, S.375.
  22. Jewish Telegraphic Agency: Henrique Lemle dead at 68, in: JTA Daily News Bulletin, 27.09.1978.
  23. Bayrisches Hauptstaatsarchiv, LEA 22888.
  24. https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/september-1941-einfuehrung-der-kennzeichnungspflicht-fuer-juden-im-deutschen-reich.html.
  25. StadtAA, MB Samuel Lemle; BayHStA, LEA 22888; https://www.statistik-des-holocaust.de/II21-1.jpg.
  26. BayHStA, LEA 22888.
  27. https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11572612&ind=1; https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11572611&ind=1.
  28. StadtAA, MB Samuel Lemle.
  29. https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11572611&ind=1, https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/46084-regine-lemle/.
  30. https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11572613&ind=0; https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de910621.
  31. StAA, Finanzmittelstelle Rückerstattungsakten L74, V1/8.
  32. BayHStA, LEA 22888.
  33. BayHStA, LEA 22888.

Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA)
Landesentschädigungsamt (LEA):
– 22888

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldebogen (MB)
– Samuel Lemle

Stadtarchiv Bayreuth (StadtABay)
– Persönliche Mitteilung von Christine Batholomäus am 04.06.2019

Staatsarchiv Augsburg (StAA)
– Finanzmittelstelle Rückerstattungsakten L74, V1/8

Einwohnerbuch der Stadt Augsburg 1929, Augsburg 1929.

Jewish Telegraphic Agency, Henrique Lemle dead at 68, in: JTA Daily News Bulletin, 27.09.1978.

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de910621

https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/september-1941-einfuehrung-der-kennzeichnungspflicht-fuer-juden-im-deutschen-reich.html

http://d-nb.info/gnd/116896884

https://www.fischach.de/fischach/markt-fischach/juedische-gemeinde

https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=gedenkbuch&no_cache=1&tx_mucstadtarchiv_stadtarchivkey%5Bopferid%5D=7195&tx_mucstadtarchiv_stadtarchivkey%5Baction%5D=showopfer&tx_mucstadtarchiv_stadtarchivkey%5Bcontroller%5D=Archiv&cHash=3db8f0498ee54becc0e5caddebd01742

https://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/46084-regine-lemle/

http://www.judengasse.de/dhtml/P148.htm

https://www.statistik-des-holocaust.de/II21-1.jpg.

 

https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11572611&ind=1

https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11572612&ind=1

https://yvng.yadvashem.org/nameDetails.html?language=en&itemId=11572613&ind=0

Markus Brocke/Julius Carlebach (Hg.), Biographisches Handbuch der Rabbiner, Teil 2: Die Rabbiner im Deutschen Reich 1871–1945, Mit Nachträgen zu Teil 1, Berlin 2009.