Pawel Kotlarow.

Pawel Kotlarow

Geboren: 05.10.1925, Snamenka, Ukraine

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Snamenka, Ukraine
Saporoshjie, Ukraine

Orte der Verfolgung

KZ Dachau

Zwangsarbeiter bei Hery, Gersthofen

Weitere Informationen

Pawel Kotlarow, geb. 05.10.25 in Snamenka, Ukraine

ehemaliger Zwangsarbeiter bei Hery, Gersthofen
Besuch bei ihm in Saporoshjie 2003

„Wenn ich mich nicht täusche, wurde ich 1943 ohne Einladung nach Deutschland deportiert. Wie lange wir gefahren sind, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Sie haben uns direkt nach Dachau gebracht. Bevor sie uns die Baracken zeigten, haben sie uns zum Krematorium im KZ geführt, wo es eine kleine Türe gab. Die Türe war offen und auf dem Rost lag ein Mensch, der im Feuer verbrannt war. Damit wollten sie uns zeigen, welche Bedeutung wir für sie haben, nämlich gar keine, wir waren wie ein Stück Vieh für sie. Wir bekamen als Nahrung Brot und heißes Wasser. Wir mussten an unterschiedlichen Orten arbeiten. Einmal arbeiteten wir in München und bauten die Straßenbahn, einige Zwangsarbeiter blieben in München, ich aber kam wieder nach Dachau. Wir mussten auch in der Nähe der Berge arbeiten.

Später kamen wir mit dem LKW nach Augsburg. Wir übernachteten in einer Baracke, am nächsten Tag wurden wir nach Gersthofen gebracht. Zum Holz- und Sägewerk Emil Hery. Es gab eine Baracke für zivile Ostarbeiter und eine weitere für Kriegsgefangene. Als Nahrung erhielten wir Brot und eine Suppe mit Mehl. Wir verluden Balken und Bretter und stapelten diese. Wir hatten zwei Meister. Einer hieß Pieler und einer Dotterweich. Dotterweich war ein guter Mensch, Pieler möchte ich nicht verurteilen, aber er war kein so guter Mensch. Was kann ich über Emil Hery sagen? Ich bin der Meinung, dass er ein guter Mensch war. Man kann nicht alle Deutschen über einen Kamm scheren. Im Lager kannte ich Arsen Karatschun, der war unser Dolmetscher. Als die Amerikaner sich bereits Gersthofen näherten, verluden uns die Deutschen in einen LKW und brachten uns in Richtung Augsburg. Vielleicht wollten sie uns nach Dachau bringen. Als der LKW hielt, lief ich weg. Ich versteckte mich bis zum Morgen des nächsten Tages. Als die Amerikaner am nächsten Tag kamen, befragten sie mich. In der Heimat in der Ukraine wurde ich von den Behörden überprüft. Dann wurde ich nach Sewastopol auf der Krim auf eine Schule gebracht. Nach der Schule arbeitete ich auf verschiedenen Baustellen in Sewastopol. Nicht alle Deutschen waren schlecht, man darf keine Pauschalurteile fällen.“

Eine ganz unglaubliche Geschichte

Ludwig Kroll, geb. am 1.2.1926 arbeitet zwischen 1942 und 1944 beim Säge- und Holzwerk Hery in Gersthofen. Dabei freundet er sich mit einem ukrainischen Zivilarbeiter an, sein Name ist Pawel Kotlarow. Sie arbeiten nicht nur zusammen, sondern am Samstag und Sonntag kommt Ludwig hinauf zum Sägewerk Hery zum Barackenlager. Dort spielen die Russen und Ukrainer Balalaika und singen, Ludwig führt mit Pawel Gespräche und lauscht der Musik. Die Musikinstrumente basteln die Zwangsarbeiter selber, die Saiten bringt ihnen Ludwig. Eines Tages bringt Ludwig seine Mandoline mit und gibt sie seinem Freund Pawel.

Am 19.2.1944, gerade 19 Tage nach seinem 18. Geburtstag, wird Ludwig zur Wehrmacht eingezogen, die Freunde werden getrennt. Nur einmal, im Sommer 1944 kehrt Ludwig auf Heimaturlaub zurück und schlägt seinem Freund Pawel vor, zu verschwinden. Aber der ist Patriot, liebt seine Heimat und will nach dem Krieg in die Ukraine zurückkehren.

Als der Krieg zu Ende ist, befindet sich Ludwig Kroll in französischer Kriegsgefangenschaft. Pawel ist frei, er kann nach Hause zurückkehren. Das erste, was er macht, ist, sich nach dem Wohnort seines deutschen Freundes zu erkundigen. Die Ludwig-Herrmann-Straße ist ein ganzes Stück entfernt. Er fragt sich durch und bringt die Mandoline seiner Mutter. Welch eine Geste der Freundschaft!

Als Ludwig aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt, findet er die Mandoline vor. Er behält sie als Erinnerungsstück an seinen Freund. Er hat ihn die ganzen 56 Jahre hinweg nicht vergessen und immer wieder versucht, seinen Aufenthaltsort herauszufinden. Über die Firma Hery, über das Einwohnermeldeamt, vergeblich.

Als Herr Kroll erfährt, dass wir Kontakt zu Herrn Kotlarow  haben, will er sofort in die Ukraine reisen, um seinen Freund, den er seit 56 Jahren nicht mehr gesehen hat, zu besuchen. Leider erfahren wir, dass Herr Kotlarow nach meinem Besuch bei ihm in Saporoshjie verstorben ist.

Besuch bei Pavel Kotlarow in Saporoshjie, Ukraine 2003

Es ist ganz ruhig im Bus, der uns nach einstündiger Fahrt zu Herrn Pawel Kotlarow bringt. Er empfängt uns am Straßenrand und geleitet uns in sein winziges Häuschen, Toilette im Garten. Ich nehme seine Hand, die nicht mehr aufhört zu zittern. Es ist die Aufregung, sagt seine Frau. Ich überreiche Herrn Kotlarow die Bilder der Schüler, die das historische Projekt mit mir bearbeitet haben. Er schaut lange darauf und ist sichtlich gerührt. Es gibt ein Deutschland, das sich für ihn und sein Schicksal interessiert, junge Menschen, die seine Vergangenheit aufgearbeitet haben. Ich erzähle ihm von meiner sechsten Klasse, die spontan kurz vor meiner Abreise in die Ukraine noch weitere 200 Mark gesammelt hat. Auch ihr Bild übergebe ich an Herrn Kotlarow.

Wie er nach Deutschland kam? Der erste Ort war Dachau, dort war er anfangs im KZ, sie zeigten ihm eine Leiche in den Verbrennungsöfen, dann arbeitete er in der Nähe der Alpen, dann wieder in der Nähe Münchens, dann kam er nach langer Krankheit von Dachau aus nach Gersthofen.

Historisches Foto des Holz-und Sägewerks Hery neben dem Bahnhof in Gersthofen. (Familie Hery)

 

Er erinnert sich genau an die beiden Vorarbeiter, Pieler und Dotterweich. Ich erzähle ihm, dass Frau Hery noch lebt, er sagt, sie sei eine sehr schöne Frau gewesen. Dann überreiche ich ihm die Broschüre, die wir zum Thema Zwangsarbeit erstellt haben, zeige ihm die Seiten über das Holz- und Sägewerk Hery. Kann er sich an Arsen Karatschun erinnern, frage ich ihn, der damals die Mandoline spielte, die er von Ludwig Kroll erhalten habe? Arsen sei ihr Dolmetscher gewesen, aber nicht dieser, sondern er selbst habe die Mandoline gespielt. Er holt eine Mandoline hervor und beginnt auf ihr zu spielen. Wir sind alle sehr betroffen. Der alte Mann spielt ganz zittrig aber ungeheuer eindrucksvoll eine Melodie, dann noch eine.

Historisches Foto des Holz-und Sägewerks Hery neben dem Bahnhof in Gersthofen. (Familie Hery)

 

Hat er schon Geld von der Stiftung erhalten? Nein, aber hier ist ein Schreiben der Stiftung, die ihn auffordert, zur Bank zu kommen. Der Betrag, den er bekommt, ist nicht genannt. Zu oft hat sich das im Dorf herumgesprochen, wenn jemand von den Nemetzki eine Entschädigung bekommen hat. Da ist die Gefahr groß, dass man bestohlen wird. Nein, ein Konto hat Herr Kotlarow wie fast alle ukrainischen Bürger nicht, er wird erst eines eröffnen müssen. Soviel Geld wagt er nicht im Hause zu behalten. Wir verlassen Herrn Kotlarow, er geleitet uns ganz langsam zu seiner Gartentüre, lässt sich mit mir fotografieren, dankt mir nochmals ganz herzlich. Ich verabschiede mich von ihm, er zittert nicht mehr. Obwohl von schwerer Krankheit gezeichnet, hinterlässt er bei mir den Eindruck eines überaus würdevollen Menschen.

Noch stehende Gebäude des Holz- und Sägewerks der Firma Hery, 2003. (Bernhard Lehmann)

Archiv der Firma Hery

Interview mit Frau Hery

Stadtarchiv Gersthofen

Interview mit Pawel Kotlarow 2003