Olga Jemelina geb. Tschernawskaja.

Olga Jemelina, geb. Tschernawskaja

Geboren: 03.01.1923, Saporoshjie, Ukraine

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Saporoshjie, Ukraine

Orte der Verfolgung

Zwangsarbeiterin bei der Familie Schegg, Gersthofen

Weitere Informationen

Frau Olga Jemelina, geb. Tschernawskaja,
geb. 3.1.1923 in Saporoshjie,
Zwangsarbeiterin bei der Familie Schegg, Gersthofen

Besuch bei Olga Jemelina im Herbst 2003 in Saporoshjie

Es ist ein sonniger Morgen, wir erreichen pünktlich um 8 Uhr 41 Ortszeit Saporoshjie. Jetzt gilt nicht mehr wie früher die Moskauer Zeit in den Bahnhöfen, die zu Zeiten des Sowjetsystems im Sinne der Russifizierung gewissermaßen exterritoriales Gebiet darstellten. Saporoshjie gehört heute noch zum „roten Streifen“, wie man in der Ukraine sagt, d.h. die Menschen hier hängen noch stark an der sozialistischen Vergangenheit. Das merkt man gleich beim hiesigen Leiter der Stiftung, der Flüche auf die Perestrojka ausstößt und unmissverständlich die stalinistische Vergangenheit beschwört. Meinen Hinweis auf den Hitler-Stalin-Pakt lässt er unbeantwortet, Stalin habe das Vaterland verteidigt, habe eine gute Außenpolitik geführt. Ob er die Millionen von Opfern der stalinistischen Kollektivierungsmaßnahmen vergessen habe, frage ich ihn. Die wolle er nicht abstreiten, antwortet er mir und lässt davon ab, mich über die sozialistische Vergangenheit zu belehren. Unser örtlicher Leiter ist schon Pensionär, ist über 72. Aber er setzt seine ganze Energie in die Aufgabe der Beweisbeschaffung für seine Landsleute. Ich habe Respekt vor ihm.

Zusammen mit einem Fernsehteam fahren wir in einen Vorort. In einem dieser hässlichen Blocks aus der Breschnewzeit, die siebenstöckig als Plattenbau errichtet jetzt bereits heruntergekommen und verwahrlost sind, wohnt Frau Olga Jemelina, mit der ich schon seit langem in Briefkontakt stehe. Sie empfängt uns in einem roten Festtagskleid, humpelt uns entgegen, seit der Deportation nach Deutschland hat sie ein lädiertes Bein.

Woran erinnert sich Olga, wie kam sie nach Deutschland? Im Herbst 1941 kommen die Deutschen nach Saporoshje (Ostukraine), sie verzeichnen alle Bürger auf ihrer Arbeitsliste, einmal im Monat müssen sich die arbeitsfähigen Männer und Frauen freiwillig beim Arbeitsamt melden.

Olga Jemelina, geb. Tschernawskaja.

Olga wird im März 1942 nach Deutschland deportiert, da ist sie 19 Jahre alt. Sie kommt nach Dachau. Von dort wird sie am 7. April nach Augsburg gebracht und kommt nach Gersthofen.

Ich lege ihr einen Brief von ihrem früheren Nachbarn, Herrn Karl Hintermayr aus der Bauernstraße, vor, zeige ihr Bilder von ihm, sie kann sich genau erinnern. Der Bauer heißt Josef Schegg, seine Frau Agathe. Sie haben zwei Kinder, Emma und Minni. Anastasja Borbotjuk und sie müssen auf dem Bauernhof jegliche Arbeit verrichten, die es auf dem Bauernhof zu tun gibt, arbeiten auf dem Feld, melken die Kühe. Die Arbeit geht von 6 Uhr morgens bis manchmal 8 oder 9 Uhr abends, solange es eben hell ist. Sie hat arges Heimweh. Am Nachmittag haben sie 2-4 Stunden Freizeit. Es ist Zwangsarbeitern verboten, in die Kirche zu gehen, aber Frau Agathe nimmt sie am Abend trotzdem mit, wofür sie ihr sehr dankbar ist. Es gibt einen Lohn von 12 RM pro Monat, aber dafür kann man sich nichts kaufen, denn Zwangsarbeiter haben keine Bezugsscheine.

Sie erinnert sich an den Obstbaum, der über den Zaun herüberwuchs, an die Nachbarn, an die anderen Zwangsarbeiter auf dem Bauernhof, an ihr Bett beim Bauern im 2. Stock in der Kammer, das so weich und warm war, aus echten Daunen! Sie hegt keinen Groll gegen die Deutschen. Ob die beiden Töchter Emma und Minni noch leben? Sie kennt die Namen, ich solle einen Gruß an sie bestellen.

Vor meiner Abreise habe ich Frau Schegg getroffen und sie gefragt, ob sie ein paar Zeilen für Olga mitgeben würde. Frau Schegg erwidert nichts, dreht sich kommentarlos um und geht ins Haus.

Wir wissen, dass Olga in Gersthofen von einem französischen Zwangsarbeiter namens Chupin Pierre schwanger wird, das Kind verstecken die Nachbarn für sie solange, bis sie bei Kriegsende in die Heimat zurückkehrt. Wir kommen ganz vorsichtig auf das Thema zu sprechen, aber hierüber erhalte ich keine Auskunft. Der Junge ist verstorben.
Olga hat einen neuen Fernseher in ihrer Einzimmerwohnung. Ja, letzten Monat erhielt sie die 950 DM aus der ersten Rate der Entschädigung, wann die restlichen 350 Mark kommen, weiß niemand, dafür müssten erst einmal alle weiteren über 400.000 Anträge bearbeitet sein, erst dann kann sie mit der zweiten Rate rechnen. Ob Olga das noch erlebt? Wir sind froh, ihr ein wenig Geld dalassen zu können. Sie hat in den letzten zehn Jahren nicht nur ihren Mann, sondern auch die beiden Söhne verloren, ihr ältester Sohn verstarb mit gerade 52 Jahren, der jüngere mit 40 Jahren. Nun ist sie allein. Frau Jemelina begleitet uns auf den Gang, verabschiedet uns mit Tränen in den Augen. Gott möge sie beschützen und segnen, übersetzt Lubov ihre letzten Worte.

Verfasst von Dr. Bernhard Lehmann, Gegen Vergessen – Für Demokratie , RAG Augsburg-Schwaben,
86368 Gersthofen, Haydnstr. 53

Stadtarchiv Gersthofen

Interview mit Olga Jemelina 2003 in Saporoshjie

Korrespondenz mit Frau Jemelina