Nina Roschtschina, geb. Moskalenko.

Nina Roschtschina, geb. Moskalenko

Geboren: 19.12.1926, Pawlowgrad, Ukraine

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Pawlowgrad, Ukraine

Orte der Verfolgung

Zwangsarbeiterin bei IG Farben, Bobingen

Weitere Informationen

Nina Roschtschina, geb. Moskalenko,
geb. am 19.12.1926 in Pawlowgrad, Ukraine

nach Deutschland am 9.8.42 zur Zwangsarbeit deportiert,
Arbeit in Bobingen bei IG Farben

Nach einer 10-stündigen Nachtfahrt mit dem Zug – in der Ukraine wahrlich kein Vergnügen – kommen meine ukrainische Begleiterin Lubov Sochka und ich um 7:05 in Dnjepropetrowsk an, wo uns die Töchter von Frau Roschtschina bereits am Bahnhof in Empfang nehmen. Ihr Nachbar hat sich bereit erklärt, uns mit seinem Auto nach Pawlowgrad zu expedieren. Am Tag zuvor war es noch schwül und heiß gewesen, die Temperaturen hatten bis zu 34 Grad betragen. Ich bin froh, dass es über Nacht geregnet und abgekühlt hat.

Es geht an kilometerlangen Sonnenblumenfeldern vorbei, die früheren Kolchosen sind mittlerweile alle an Aktiengesellschaften oder Molkereibetriebe übergegangen, auch ausländische Firmen haben Grund und Boden erworben. Kein einziges Feld ist kleiner als 3–4 km².

In Pawlowgrad wurde nach den Abrüstungsverhandlungen mit den Amerikanern der sowjetische Raketentreibstoff deponiert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wollten die Russen ihn nicht mehr übernehmen, so sitzt die Stadt Pawlowgrad buchstäblich auf einem Pulverfass.

Frau Nina Roschtschina ist eine stattliche, sehr rüstige und agile Frau Anfang der 80-er Jahre und wohnt im 4. Stock eines Blocks Marke sozialistischer Plattenbauweise. Wie bei allen Wohnsilos, die ich bisher besucht habe, ist auch dieser im Hausaufgang völlig verwahrlost. Seit Anfang der 90-er Jahre konnten die Wohnungen von den Bewohnern erstanden werden, es gibt auch eine Hausverwaltung, aber die unternimmt nur das Nötigste. Es gibt kein Licht im Hausgang, die Wände sind verschmiert, die Farbe blättert von den Wänden, es ist sehr feucht, die Briefkästen sind aufgebogen, Namensschilder sind keine vorhanden, einen Aufzug gibt es auch nicht.

Hinter der mehrfach verriegelbaren Wohnungstür kommt eine liebevoll renovierte Wohnung zum Vorschein. Die Qualität der Fenster, Fliesen und sanitären Anlagen sind schlichtweg inakzeptabel, und so sehen die Häuserblocks aus den 90-er Jahren aus, als seien sie aus der Vorkriegszeit.

Nina wurde 1942 von der einheimischen Polizei ein Gestellungsbefehl überbracht mit der Maßgabe, dass sie sich mit Proviant am Bahnhof einzufinden habe. So wird sie am 9. August 1942 gemeinsam mit Maria Lawrenko, Alexandra Bespjata und Iwan Sirenko deportiert und kommt nach Bobingen. Die Fahrt nach Deutschland dauert etwa 14 Tage, Partisanen hatten Brücken gesprengt, immer wieder kommt es zu Gefechten. Nach ihrer medizinischen Untersuchung und Quarantäne an der deutsch-polnischen Grenze werden sie als beliebige „Verfügungsmasse“ bei der Hopfen- und Kartoffelernte eingesetzt.

Eine zweistöckige Texilfabrik in Bobingen

Woran kann sich Nina noch erinnern? In Bobingen arbeitete sie in einer zweistöckigen Textilfabrik, wie die andern ukrainischen Mädchen hatte sie das Garn aufzuspulen und in die Säure zu legen, dann wieder herauszuholen und trocknen zu lassen.

Mit ihren Landsleuten war sie in einem ca. zwei Kilometer entfernten Lager untergebracht, gemeinsam mit Franzosen und Russen, aber in jeweils getrennten Baracken. Auch ganze Familien wohnten dort. Jeden Morgen marschierten sie dann unter Bewachung in die Fabrik. Nina schätzt, dass etwa 300 Zwangsarbeiter in der Textilfabrik arbeiten mussten. In den Schlafräumen gab es 2-stöckige Pritschen, die Bettwäsche war aber sauber, es gab Decken und Kissen, um die 50 Mädchen schliefen in einem Raum. Nach Feierabend sangen die Mädchen oder lasen, aber es wurde auch viel geweint, das Heimweh war sehr groß. Briefe an die Familien durften sie nicht schicken.

Für ihre Arbeit gab es Lagergeld, mit dem sie zusätzliche Lebensmittel kaufen konnten. Gemeinsam mit den anderen Mädchen besuchte sie am Sonntag die Kirche, aber alle Deutschen blickten sich nach ihnen um, und sie schämten sich mit ihrem Ostarbeiter-Abzeichen, das sie zu tragen hatten.

Sie erinnert sich noch an den Aufseher Johann, der recht nachsichtig mit den jungen Mädchen gewesen sei. Gegen Ende des Krieges seien sie über den Zaun gestiegen und von der Polizei ertappt worden, aber sie wurden dafür nicht bestraft.

Nach der Rückkehr geächtet

Nach ihrer Rückkehr in die Heimat kann Nina nicht mehr Fuß fassen. Ihr fehlen einige Klassen für den Schulabschluss, so wird sie Verkäuferin. Alle UkrainerInnen, ganz gleich ob sie nun deportiert wurden oder sich freiwillig für einen Arbeitseinsatz in Deutschland gemeldet hatten (dies traf nur auf sehr wenige Personen während der ersten vierzehn Tage der deutschen Besatzung in der Ukraine zu), galten als Verräter, die häufig nochmals in der Heimat schwerste Arbeit zu verrichten hatten. Der Weg in führende Positionen blieb ihnen weitestgehend versagt.

1948 heiratet Nina. Sie hat drei Töchter, die älteste lebt in Argentinien, die beiden anderen kümmern sich rührend um ihre Mutter.

Nina Roschtschina bei meinem Besuch in Pawlowgrad 2007. Sie war Zwangsarbeiterin bei IG Farben in Bobingen.

Interview Dr. Bernhard Lehmann bei einem Besuch in Pawlowgrad 2007.