Martha Micik, geb. Eichhorst.

Martha Micik, geb. Eichhorst

Geboren: 25.05.1925, Adolin, Wolhynien, Ukraine

Gestorben: ,

Wohnorte

Adolin, Wolhynien, Ukraine

Orte der Verfolgung

Zwangsarbeiterin bei Messerschmitt, Augsburg

Weitere Informationen

Eine Familie zwischen bolschewistischem und nationalsozialistischem Terror:
die Schwestern Erna Haf und Martha Micik,
geb. Eichhorst

Frau Erna Haf, geb. Eichhorst wird am 24.8.1923 in Adolin (Wolhynien) in der Ukraine geboren. Generationen früher sind ihre Vorfahren von Deutschland nach Russland ausgewandert. Der ganze Ort ist deutsch, die Kinder gehen auf deutsche Schulen, sie sprechen kein Russisch. Erna ist das vierte von 6 Kindern, der Vater ist Landwirt.

1930 nimmt die Diskriminierung der Deutschen im bolschewistischen Sowjetrussland unter Stalin zu. Die deutsche Minderheit wird   unterdrückt, Vieh und anderes Eigentum wird konfisziert, die Deutschen müssen höhere Abgaben zahlen als die Sowjetbürger.

Deshalb reist der Vater mit Erna, ihrem älteren Bruder und einem Onkel über Polen aus und hoffen, auf diesem Weg nach Deutschland zu gelangen, von wo aus sie die ganze Familie nachkommen lassen wollen. Aber die Polen verweigern ihnen die Durchreise und sie werden wieder in die Ukraine abgeschoben.

Vater und zwei Brüder deportiert

Dort geht die Diskriminierung der Deutschen weiter, bis 1932 hat die russische Regierung der Familie Eichhorst jeglichen Besitz weggenommen. Inzwischen haben die sechs Kinder keinen Vater mehr. Gemeinsam mit den beiden ältesten Söhnen wird der Vater 1932 verhaftet. Von allen dreien hat die Familie nie mehr etwas gehört.

Deportation eines ganzen Dorfes, die Kinder werden Vollwaisen

Im Februar 1934 wird plötzlich die ganze deutsche Bevölkerung von Adolin in Viehwaggons geladen und nach Pogrovski, Rayon Dnjepropetrowsk verfrachtet. Die Deutschen dürfen nicht zusammenbleiben, sie werden auf verschiedene Orte verteilt. Die Mutter stirbt im März 1934, also schon einen Monat nach der Zwangsdeportation, an Fieber und Unterernährung.

Im Ort Metschetna wohnen Erna, ihre jüngere Schwester Martha und der jüngste Sohn Samuel für kurze Zeit in einem leerstehenden Haus, nach dem Tod der Mutter sind sie für sich selbst verantwortlich. Die Verwandten sind in den Dörfern der Umgebung und können sich kaum um die Vollwaisen kümmern. Die Kinder sammeln Unkraut und kochen davon Suppe, sie haben kein Brot, kein Salz, kein Mehl.

Zerschlagung der Familie – Unterbringung bei Fremden

Nun werden die Kinder anderweitig untergebracht, die Schwester kommt an einen anderen Ort, wo auch Verwandte wohnen, Martha ist ja erst 9 Jahre alt, auch der jüngste Bruder Samuel kommt zu einer Tante an einen anderen Ort.

Erna ist noch nicht ganz 11 Jahre. Sie muss das Kind der Gastfamilie betreuen, Unkraut jäten, im Haushalt helfen. Dafür erhält sie nur ein bisschen etwas zu essen. Da sie bisher zu Hause nur Deutsch gesprochen hat, lernt sie aus Büchern Ukrainisch. Aber Erna will zur Schule gehen. Am Abend sucht sie den Bürgermeister der Kolchose auf und wartet, bis eine Besprechung zu Ende ist. Sie bittet den Bürgermeister um Überweisung in ein Waisenhaus, denn sie will zur Schule. Die Familie gestattete ihr dies nicht. Von ihren Tränen lässt sich der Bürgermeister schließlich erweichen und weist sie ins Waisenhaus ein.

Im Waisenhaus

Unter den Kindern herrscht ein sehr gutes Verhältnis, sie alle haben ihre Eltern verloren, sie halten zusammen. Die meisten der Eltern werden ermordet. Nun kann Erna zur Schule gehen, obwohl sie kein Ukrainisch beherrscht, steckt sie der Rektor in die vierte Schulklasse. Als sie zum ersten Mal vorliest, lachen alle Kinder, denn sie hat soeben erst begonnen, Ukrainisch und die neue Schrift zu lernen. Sie hat schon in den Ferien begonnen, sich das ukrainische Alphabet beizubringen. In den Ferien arbeitet sie auf der Kolchose wie die anderen Kinder auch.

Erna lernt fleißig. Sie schafft mit Hilfe ihrer Lehrerin, die sich sehr um sie kümmert, tatsächlich die vierte Klasse. In der 5. Klasse hat sie die erste Fremdsprache: Deutsch! Welch ein Glück für sie! Bis zum Schulabschluss bleibt sie im Waisenhaus.

Schicksal der Geschwister – Einmarsch der deutschen Wehrmacht

In dieser Zeit gelingt es ihr, ihre Schwester Martha und ihren jüngsten Bruder Samuel ins Waisenhaus zu holen. Der ältere Bruder Edmund versucht, sich in die Westukraine durchzuschlagen. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in der Ukraine schließt er sich den deutschen Truppen an, schließlich ist er Deutscher und wurde von den Russen diskriminiert und hat seine Eltern verloren!

Erna als Dolmetscherin im Dienst der deutschen Zivilverwaltung

Erna zieht nach der Schule nach Kiew um, mittlerweile ist sie 18 Jahre alt. Als deutsche Truppen einmarschieren, versucht sie, möglichst schnell in die deutsche Einflusssphäre zu gelangen. Dort wird sie als Dolmetscherin der deutschen Zivilverwaltung angestellt, zuvor hatte sie schon die gleichen Dienste für den ukrainischen Bürgermeister übernommen.

Rückzug der Deutschen bestimmt ihr Schicksal

1943 ziehen sich die deutschen Truppen nach Niederlagen zurück, Erna kommt nach Thüringen und arbeitet dort als Bedienung in einem Ausflugslokal, 1944 erhält sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie zieht weiter nach Gotha, wo sie gegen Kost und Logis eine Anstellung bei der deutschen Luftschutzpolizei als Aushilfskraft erhält.

Martha Micik, geb. Eichhorst.

 

Deportation zur Zwangsarbeit nach Deutschland

Ernas Geschwister Martha und Samuel verblieben unterdessen im Waisenhaus. Als sie ihnen schreiben will, erfährt sie, dass beide seit 1942 nach Deutschland deportiert wurden und in Augsburg arbeiten. Samuel ist 1942 15 Jahre und arbeitet bei MAN; Martha, 17 Jahre alt, arbeitet ab 1.11.42 bei Messerschmitt und wohnt in einem Arbeiterlager in der Bahnstraße 51.

Nach dem Krieg werden Martha und Samuel von den Amerikanern über Österreich wieder in die Sowjetunion abgeschoben. Die ankommenden Flüchtlinge aus Ostpreußen und dem Sudetenland ab 1946, Kriegsheimkehrer und Flüchtlinge aus der SBZ mussten in der Amerikanisch besetzten Zone untergebracht werden, deshalb war kein Platz mehr für die Deportierten, die nun Displaced Persons genannt wurden.

Zwangsarbeit in der Ukraine

Wie viele andere ukrainische Zwangsarbeiter wird Martha in ein Bergwerk zur Arbeit eingeteilt, dort arbeitet sie fast 5 Jahre. Auch ihr Bruder kehrt unfreiwilligerweise in die Ukraine zurück. Beide werden von der Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschland ausgebeutet und haben noch keine Entschädigung erhalten.

Kampf um eine Entschädigung

In der Rangfolge der Entschädigungsopfer rangiert Martha ganz weit hinten. Sie ist Volksdeutsche, arbeitete als Zwangsarbeiterin bei Messerschmitt und im ukrainischen Bergwerk. Nun versucht sie über ihre Schwester Erna, die seit 1953 wie ihr älterer Bruder Edmund in Augsburg wohnt, eine Entschädigung zu erhalten.

Erna Haf, geb. Eichhorst.

 

Glücklicherweise findet man im Stadtarchiv Unterlagen, dass sie im Arbeiterlager in der Bahnstraße 51 ab 1.11.1942 untergebracht war, einem Arbeiterlager für Messerschmitt-Zwangsarbeiter. Martha Micik, geborene Eichhorst, geb. am 25.5.1925, ist heute mit einem Ukrainer verheiratet und hat Kinder und Enkelkinder. Gesundheitlich geht es ihr sehr schlecht, wenn Erna ihr nicht regelmäßig per Paket Salben und Medizinen senden würde, würde sie wahrscheinlich nicht mehr leben.

Martha Micik, geb. Eichhorst.

 

Wir haben Frau Martha Micik, geborene Eichhorst, die seit 25 Jahren ihre Schwester Erna nicht mehr gesehen hat, nach Augsburg eingeladen. Ihre Familie wurde durch das bolschewistische wie das nationalsozialistische Regime verfolgt und hat noch heute darunter zu leiden.

Biografien verfasst von Dr. Bernhard Lehmann StD Gegen Vergessen – Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben

Erna Haf, geb. Eichhorst

Geboren

24.08.1923

Gestorben

Letzter freiwilliger Wohnort