Manfred Dax

Geboren: 05.05.1940, Augsburg

Gestorben: 23.12.1943, Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee

Wohnorte in Augsburg

Augsburg, Leitershofer Straße 15

Orte der Verfolgung

Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren

Weitere Informationen

Manfred Dax, geb. am 5. Mai 1940 in Augsburg,
ermordet am 23.12.1943 in Kaufbeuren,
Opfer der sog. „Kindereuthanasie“;
letzter freier Wohnsitz Leitershofer Str. 15

Manfred Dax ist der Sohn des ungarischen Staatsangehörigen und Webermeisters Johann Wolf1 und der Luftnachrichtenhelferin Dora Dax.2 Dora ist 4 Jahre jünger als Johann und bei der Geburt von Manfred gerade erst 19 Jahre alt.3

Die Beziehung zwischen beiden ist nur eine Episode. Johann Wolf weilt aus beruflichen Gründen zeitweise in Augsburg. Seit dem 24.12.1938 ist er mit der Ungarin Elisabeth geb. Lenpyel verheiratet. Johann ist zu diesem Zeitpunkt erst 21 Jahre alt. Johann Wolf bekennt sich zur „Vaterschaft des von der ledigen Theodora Agnes Dax außerehelich geborenen Kindes Manfred“.4

Als Manfred geboren wird, weilt sein Vater wieder in Ungarn; im Mai 1942 meldet sich Johann Wolf endgültig nach Ungarn ab.5

Bald fällt der Mutter auf, dass ihr Sohn nicht auf seine Umwelt reagiert, weshalb sie Mitte September 1940 den Kinderarzt aufsucht.6 Dort wird sie vertröstet. Kurz vor der Vollendung des 1. Lebensjahres treten bei dem Kind regelmäßig Krämpfe auf, die sich häufig wiederholen.

Die Ärzte wissen lange keinen Rat. Erst im Oktober 1943 diagnostiziert Dr. Prückner einen angeborenen Gehirnschaden und sich häufig wiederholende zerebrale Krämpfe. Eine Besserung sei nicht zu erwarten.7

Einweisung in Kaufbeuren

Mitte November 1943 wird das Kind in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eingewiesen. Knapp 5 Wochen nach seiner Einlieferung teilt Dr. Faltlhauser der Mutter kurz vor Weihnachten mit:

Sehr geehrte Frau Dax,
Ich muss ihnen leider mitteilen, dass der körperliche Zustand ihres Kindes Manfred in letzter Zeit sehr stark zurückgegangen ist. Der Junge ist sehr blass, der Naseneingang ist entzündet, es zeigt sich starke eitrige Nasensekretion. Seit einigen Tagen bestehen auch Durchfälle mit leichten Temperatursteigerungen. Der Zustand ist nicht unbedenklich. Gez. Faltlhauser Direktor
8

Noch am gleichen Tag findet sich im Patientenbeobachtungsbogen der Eintrag: 22.12.43 heute Morgen 1.45 Uhr Exitus

Als Todesursache wird Meningoenzephalitis partialis lobi sinistri (Entzündung der linken Gehirnhälfte und der Hirnhäute) festgehalten. Besonders Menschen mit geschwächtem Immunsystem können an schwerer Meningoenzephalitis erkranken.

Gezielte Tötung von Kindern in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren

Nach dem sog. „Euthanasiestopp“ der Aktion T4 im August 1941 wird die „Kindereuthanasie“ gezielt aufgebaut. Im Reichsgebiet entstehen mindestens 21 Kinderfachabteilungen. Die Leiter dieser Abteilungen sind ermächtigt, die Kinder zu töten.

Seit dem 18. August 1939 gibt es eine „Meldepflicht für missgestaltete usw. Neugeborene“. Demnach sollen Hebammen und leitende Ärzte von Entbindungsstationen und Kinderkrankenhäusern sämtliche behinderte Neugeborene sowie Kinder unter 3 Jahren an die zuständigen Gesundheitsämter melden.9 Diese Meldebögen werden an die „Kanzlei des Führers“ geschickt, die diese Bögen an Gutachter weiterleiten.10 Entschieden die drei Gutachter des „Reichsausschuss“ auf „Behandlung“ des Kindes, hatte der Amtsarzt für die Einweisung des Kindes in eine der dafür geschaffenen „Kinderfachabteilungen“ zu sorgen. „Behandlung“ bedeutete: Man ließ die Kinder entweder verhungern oder vergiftete sie mit überdosierten Medikamenten (z.B. dem stark atemdepressiven Barbiturat Luminal).

Etwa 10.000 Kinder fielen zwischen 1939 und 1945 im Deutschen Reich diesem geheimen Mordprogramm zum Opfer. In Bayern wurden nachweislich 694 Kinder ermordet. Die Gehirne der toten Kinder landeten in der Deutschen Forschungsanstalt (DFA) für Psychiatrie in München, wovon noch heute mikroskopische Schnittpräparate im Archiv lagern.11

Rolle Dr. Faltlhausers bei der „Kindereuthanasie“

Wenn Kinder in Kaufbeuren zur Beobachtung in die Kinderfachabteilung eingewiesen werden, ist Dr. Valentin Faltlhauser der zuständige Arzt. Entweder führt er selbst die tödliche Injektion aus oder er erteilt den Todesbefehl an die zuständigen Pfleger oder Krankenschwestern. In Kaufbeuren ist Dr. Faltlhauser für die Tötung von mindestens 210 Kindern verantwortlich. Die Kinder erhalten Luminal in Tablettenform oder im Essen beigemischt, fallen in Bewusstlosigkeit und versterben nach 2–5 Tagen. Manchmal wird auch Morphium-Skopolamin gespritzt.12

Faltlhauser ist davon überzeugt, die Menschen „von ihrem Leiden zu erlösen“, indem er sie der „Euthanasie“ zuführt. Er begründete im Gerichtsprozess in Augsburg nach dem Krieg sein Vorgehen auch mit seinen persönlichen Erfahrungen, er habe nämlich 2 behinderte Enkel gehabt und „gewünscht, dass das Leben dieser Kinder bald zu Ende geht, weil ich unter deren Leiden selbst schwer gelitten habe.“13

Einsendung des Gehirns zu Forschungszwecken

Das Gehirn wird an die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie versandt, die am 7. März einen Untersuchungsbericht an Dr. Faltlhauser zurücksendet.14

Wir wissen nicht, wo der Leichnam von Manfred Dax bestattet worden ist. Wir wollen mit einem Stolperstein an ihn erinnern.

© Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann Gegen Vergessen-Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben

Transskript einzelner Dokumente

Dora Dax A-Leitershoferstr. 15                         Augsburg, den 17.11.43
an Dr. Valentin Faltlhauser

Sehr geehrter Herr Doktor!
Ich habe gestern Nachmittag mein Kind bei Ihnen eingeliefert. Wie man mir sagte, ist der Einweisungsschein, welcher sich bei der Betriebskrankenkasse des Reichs, München, zur Unterschrift befindet, noch nicht in Kaufbeuren eingelaufen.
Ich lege ihnen ein Gutachten des behandelnden Arztes bei. Es wäre mir angenehm gewesen, persönlich mit ihnen über den Zustand des Kindes zu sprechen, Sie waren aber nicht anwesend. Das Kind bekommt täglich 5-6 mal Anfälle, die sich wie nachstehend äußern: Es zieht die Beine an den Leib, schreit und streckt die Arme, dann streckt sich der ganze Körper, wird momentan steif, das Kind verdreht die Augen und nach 1-2 Minuten kommt es wieder zu sich. Festes kann es nicht essen, nur Brei, Suppe, usw.
Nach Aussagen des Arztes muss das Kind sehr viel leiden. Die Krämpfe sind einen Tag nach dem Impfen aufgetreten, gesprochen und reagiert wie andere Kinder hat der Kleine schon vorher nicht.
Ich ersuche Sie abschließend, mir etwaige Veränderungen gleich mitzuteilen.
Heil Hitler, Dora Dax.

Dr. Alfred Prückner, Arzt für Kinderkrankheiten, Augsburg, den 25.10.43, Bahnhofstr.  8
Fachärztliches Gutachten

Das Kind Manfred Dax, geb. 5.5.40 steht seit 19.9.40 bei mir in Behandlung, bzw. Beobachtung. Es ist infolge eines angeborenen Hirnschadens in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung sehr stark zurückgeblieben und leidet an sich häufig wiederholenden zerebralen Krämpfen. Es besteht ein erheblicher Intelligenzdefekt (Debilitas) und eine hochgradige Blutarmut (Anaemie). Mit einer Besserung des Zustandes ist nicht zu rechnen.
Gez. Prückner

Bericht der Mutter Dora Dax über ihren Sohn Manfred Dax geb. 5.5.40, eingegangen in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren am 3.12.43

Das Kind Manfred wog bei der Geburt 5 ¾ Pfund. Gestillt wurde es ungefähr 3 Wochen. Die Gewichtszunahme war normal. Auffällig an dem Kind war, dass es nie recht auf vorgehaltene Gegenstände oder Unterhaltung reagierte. Kurz vor Vollendung des ersten Lebensjahres kam das Kind zum Sitzen und dabei legte es immer das Köpfchen vorwärts auf die Bettdecke. Auch hatte der Kleine ständig die Händchen am Kopf, als wollte er etwas wegnehmen. Einen Tag nach dem Impfen traten Krämpfe auf, die sich oft 10-15mal wiederholten. Das Kind schrie furchtbar, wurde ganz weiß und der Körper war zusammengekrampft. Diese Krämpfe dauerten bis heute, nur einmal blieben sie auffallender Weise ein paar Tage aus. Voriges Jahr war das Kind zweimal in der Kinderklinik in Oberhausen, das erste Mal hieß es, der Kleine sei überernährt. Herr Professor Auernhamer sagte mir, das Kind hätte einen Schädeldruck, das zweite Mal überwies Herr Dr. Prückner nochmals das Kind in die Klinik, zur Beobachtung. Wir konnten es wieder mitnehmen und auf die Meinung, wann das Kind nicht besser wird dürfte man ihn doch etwas geben, wurde erwidert: Das Kind kann sich entwickeln. Es blieb aber immer gleich. Die Anfälle kamen genau wieder so wie zuvor. Bis heute haben wir noch keine Besserung bemerkt, im Gegenteil. Die Füßchen wurden immer schwächer und das Kind immer matter. Der Kleine hat oft den ganzen Tag vor sich hin geweint, man merkte direkt, daß dem armen Kind was weh tut.
Erkannt hat das Kind niemand, es blieb teilnahmslos ……
Dora Dax

  1. StadtAA, MK 2 Johann Wolf, geb. 15.4.1917 in Wien. Johann Wolf heiratet am 24.12.1938 in Budapest Elisabeth geb. Lenpyel, geb. 1919 in Debrecen.
  2. Theodora Agnes Dax ist am 10.2.1921 in Augsburg geboren. Sie hat keine Geschwister. Der Großvater war Johann Dax: StadtAA, MK Johann Dax. Nach dem II. Weltkrieg wird ein weiteres Kind von Theodora Dax geboren.
  3. StadtAA, MK 2 Theodora Dax. Mit dem Eintritt in die Volljährigkeit 1942 wird für sie eine eigene Meldekarte angelegt.
  4. Ebenda.
  5. StadtAA, MK 2 Johann Wolf.
  6. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Patientennr. 13498 Manfred Dax. Fachärztliches Gutachten Dr. Alfred Prückner, 25.10.1943.
  7. Ebenda.
  8. Ebenda, Brief Faltlhausers an Dora Dax, 22.12.1943.
  9. Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek, Die NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, in: Stefan Dieter (Hg.), Kaufbeuren unterm Hakenkreuz, Kaufbeurer Schriftenreihe Band 14, Thalhofen 2015, insbesondere S. 271.
  10. Ebenda.
  11. Die Erbpolizei im Dritten Reich. Staatliche Gesundheitsämter in Schwaben. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Augsburg in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt im Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen, Meldepflicht für Hebammen.
  12. Michael von Cranach, In Memoriam. Katalog zur Ausstellung in Gedenken an die Opfer des Nationalsozialistischen Euthanasieprogramms aus Anlass des 20. Weltkongresses für Psychiatrie in Hamburg, Hamburg 1999, S. 22. Zur Kindereuthanasie vgl. Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek, Die NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, in: Stefan Dieter (Hg.), Kaufbeuren unterm Hakenkreuz.
  13. Aussage Faltlhausers vor dem Augsburger Landgericht: Ulrich Pötzl, Sozialpsychiatrie, Erbbiologie und Lebensvernichtung. Valentin Faltlhauser, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in der Zeit des Nationalsozialismus, München 1995, S. 219.
  14. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Patientennr. 13498 Manfred Dax. Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie, 7.3.1943.

Historisches Archiv des Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren (Hist. Arch BKh Kaufbeuren)
– Patientennr. 13498 Manfred Dax

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekartei (MK)
– Johann Dax

Meldekartei II (MK II)
– Dora Dax
– Johann Wolf

Michael von Cranach, In Memoriam. Katalog zur Ausstellung in Gedenken an die Opfer des Nationalsozialistischen Euthanasieprogramms aus Anlass des 20. Weltkongresses für Psychiatrie in Hamburg, Hamburg 1999.

Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek, Die NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, in: Stefan Dieter (Hg.), Kaufbeuren unterm Hakenkreuz, Kaufbeurer Schriftenreihe Band 14, Thalhofen 2015, S. 270-287.

Ulrich Pötzl, Sozialpsychiatrie, Erbbiologie und Lebensvernichtung. Valentin Faltlhauser, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in der Zeit des Nationalsozialismus, München 1995.

Dietmar Schulze, „Auch der ‚Gnadentod‘ ist Mord. Der Augsburger Strafprozess über die NS-„Euthanasie“-Verbrechen in Kaufbeuren und Irsee, Irsee 2019.

Die Erbpolizei im Dritten Reich. Staatliche Gesundheitsämter in Schwaben. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Augsburg in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt im Landratsamt Neuburg-Schrobenhausen, 5. März bis 30. April 2020 im Foyer des Staatsarchivs Augsburg.