Ludwig Ott. (Hist. Arch BKh Kaufbeuren)

Ludwig Ott

Geboren: 21.06.1886, Forchheim

Gestorben: 16.03.1945, Kaufbeuren

Wohnorte in Augsburg

Augsburg, Flurstraße 41
Augsburg, Ulmerstraße 60
Augsburg, Mühlstraße 30
Augsburg, Äußere Uferstraße
Augsburg, Schulstraße 4 (ab 1911)

Orte der Verfolgung

Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren

Weitere Informationen

Ludwig Ott, geb. 21.6.1886 in Forchheim,
ledig, kath., Weber,
Opfer der „dezentralen Euthanasie“,
ermordet am 16.3.1945 in HPA KF;
Wohnort in Augsburg Schulstraße 4

Familie

Ludwig Ott ist der Sohn des Pferseer Webers und Fabrikarbeiters Josef Johann und seiner Ehefrau Katharina Ott geb. Schramm1 aus Marktleugast (LK Kulmbach). Das Ehepaar ist seit dem 2. Februar 1867 verheiratet.2.

Ludwig wird am 21.6.1886 in Forchheim geboren. Er hat 9 Geschwister, von denen 7 das Kleinkindalter überleben.3 Leider finden sich im Stadtarchiv Forchheim und Lörrach keinerlei Unterlagen mehr zur Familie Ott.4 Die Geburtsorte der Kinder weisen darauf hin, dass die Familie bis 1890 viel unterwegs gewesen ist und der Vater an vielen Orten um Arbeit nachgesucht hat.

Ludwig erlernt wie sein Vater das Weberhandwerk, er ist ledig und zieht 1904 mit den Eltern von Lörrach nach Augsburg. Dort wohnt die Familie von 1904 bis 1910 in der Flurstraße 41, dann in der Ulmer Straße 60, in der Mühlstraße 30, der Äußeren Uferstraße, ab August 1911 in der Schulstraße 4.5 Der Vater verstirbt im Mai 1913.6 Ludwig ist bis 1923 immer wieder bei seiner Mutter gemeldet.7

Arbeitsstellen

In der Buntweberei Riedinger, wo er seit seinem 18. Lebensjahr arbeitet, und später in der Maschinenfabrik Reichenbach hält man ihn für einen Sonderling.8 Ludwig ist kräftig gebaut, 1,68 cm groß und wiegt 68 kg.

Militärdienst

Ludwig tritt 1908 in den Militärdienst ein und dient beim 3. Infanterie Regiment in Augsburg. Seinen Vorgesetzten fällt sein absonderliches Verhalten im Frühjahr 1910 auf, er vernachlässigt seine Pflichten, zieht sich von seinen Kameraden vollständig zurück. Als er über Schwindel klagt, kommt er ins Garnisonslazarett nach Augsburg.9 Es ist evident, dass Ludwig an einer psychotischen Erkrankung leidet. Der Regimentsarzt Dr. Ganser gelangt am 29. Oktober 1910 zur Diagnose: „Ott leidet an Jugendirresein (Dementia praecox). Wegen seines Leidens erkläre ich den Ott für … dienstunfähig, sowie für 100% erwerbsunfähig.10

Entlassung aus dem Militärdienst

Nach zweijähriger Dienstzeit wird Ludwig Ott im November 1910 aus dem Militärdienst entlassen und erhält eine Rente von 45 RM monatlich.11 Einer Arbeit kann Ludwig in Augsburg nicht nachkommen, er wird von seiner Mutter betreut.

Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren und nach Irsee

Übernahme der Pflegschaft durch den Bruder Johann. (Hist. Arch BKh Kaufbeuren)

 

Als seine Mutter verstirbt12, wird Ludwig nach 4-wöchiger Beobachtung auf der psychiatrischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses Augsburg13 mit Zustimmung seiner Familie am 13. Juli 1917 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee eingewiesen. Da seitens der Mutter Vermögen vorhanden ist, sind seine Unterhaltskosten bis zum Mai 1923 abgedeckt.14 Das ihm zustehende Vermögen wird zum Zweck der Pflegekostenübernahme liquidiert.15 Auch seine Militärrente wird für die Pflege herangezogen.16

Ausmusterung 1944. (Hist. Arch BKh Kaufbeuren)

 

Keine Veränderung seines Gesundheitszustandes

Eine Veränderung seines Geisteszustandes tritt nicht ein. Die Ärzte gehen auch nicht davon aus, dass eine Veränderung zu erwarten ist. Die Ärzte halten ihn für einen Autisten.17 Ludwig wird im Kreisgut beschäftigt und mehrmals von seinen Geschwistern besucht.

Hungerkost, Überdosierung von Medikamenten und Vernachlässigung führen zum Tod

Sein Patientenbeobachtungsbogen notiert seit 1944 einen beständigen körperlichen und geistigen Rückgang, ab Februar 1945 Bettlägerigkeit, am 16. März schließlich seinen Tod.

Sein Bruder und Vormund Johann erhält am 17. März 1945 das Telegramm: „Ludwig Ott verstorben. Die Leiche wird feuerbestattet, wenn nicht Einspruch erhoben wird. Feuerbestattung am 27.3.45“.

Indizien für die Ermordung von Patienten

Die Verfasser des 2020 erschienenen Kaufbeurer Gedenkbuches haben darauf hingewiesen, dass „die gehäufte Erwähnung der Arbeitsunfähigkeit des Patienten, die Zunahme von entwertenden Beschreibungen, die fehlenden Erwähnungen einer medizinisch nachvollziehbaren Krankheit, das Unterlassen von therapeutischen Bemühungen und die mangende Plausibilität des raschen Todes … mit großer Sicherheit erkennen lassen, wer Opfer der Krankenmorde wurde18.

„Dezentrale Euthanasie“

Ludwig Ott war bei seinem Tod 58 Jahre und 8 Monate alt. Ein Blick auf die Gewichtsliste von Ludwig Ott bestätigt die Befürchtung, dass die Anstaltsleitung seine Ermordung in die Wege geleitet hat. 1941 hat Ludwig Ott ein Gewicht von 76 kg, dann nimmt er kontinuierlich ab. Im Dezember 1942 wiegt er noch 62 kg, im Juni 1944 58 kg, im Februar 1945 noch 48 kg.19

Es ist evident, dass Dr. Faltlhauser dem Patienten die sogenannte Entzugskost verabreichen ließ, die ab Oktober 1942 in Kaufbeuren zum Einsatz kam. Nach der Beendigung der Ermordung „nicht lebenswerten Lebens“ in Grafeneck und Hartheim, der sogenannten Aktion T4 im August 1941, entwickelt Dr. Valentin Faltlhauser die sog. Hungermethode, um Patienten zu töten. Sie erhalten über Monate hinweg nur noch dünne Suppe – in Wasser gekochte Gemüsereste – und sind nach wenigen Monaten so geschwächt, dass sich aus der kleinsten Erkältung eine tödliche Lungenentzündung entwickelt.20

Zudem wird Ludwig Ott über einen längeren Zeitraum hinweg vermutlich eine Überdosis an Medikamenten verabreicht, um seinen Tod zu beschleunigen.

Beisetzung der Asche in Kaufbeuren

Die Geschwister von Ludwig Ott stimmen einer Feuerbestattung zu. Die Asche des Verstorbenen wird am 20. Mai auf dem Anstaltsfriedhof in Kaufbeuren beigesetzt.

© Dr. Bernhard Lehmann, StD Gegen Vergessen – Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben, alle Rechte beim Autor

  1. StadtAA, MB Josef Johann Ott, geb. am 14.4.1839 in Pfersee, Fabrikarbeiter, verst. 22. Mai 1913 in Augsburg. Katharina Ott, geb. Schramm, geb. 10.3.1847 in Marktleugast, BA Stadtsteinach, verst. 26.7.1917.
  2. Ebenda.
  3. StadtAA, MB Ott Josef Johann, ebenso Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Nr. 10239 Ott Ludwig, ärztliches Gutachten des Regimentsarztes 29.10.1910. Seine Geschwister sind Konrad (geb. 1868), Nikolaus (geb. 1871), Georg (geb. 1875), Margaretha (geb. 1880), Katharina (geb. 1882), Johann (geb. 1888), und Anna (geb. 1891). Für seinen geisteskranken Sohn erhält Josef Ott laut Beschluss vom 11.10.1910 eine Jahresrente von 184 Mark 20 Pf: StadtAA, MB Josef Johann Ott.
  4. Stadtarchiv Forchheim, Auskunft Reiner Kestler vom 12.6.2020; Stadtarchiv Lörrach, Mitteilung Jürgen Schaser vom 18.6.20.
  5. StadtAA, MK 1 Ludwig Ott.
  6. Siehe Anmerkung 1.
  7. StadtAA, MK 1 Ludwig Ott. Seine Aufenthalte in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren 1911 und ab 13.7.1917 sind dort ebenfalls vermerkt.
  8. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Nr. 10239 Ott Ludwig, ärztliches Gutachten des Regimentsarztes 29.10.1910, S. 4.
  9. Ebenda.
  10. Ebenda, S. 4. Die Untersuchungen wurden nach 1 Jahr wieder aufgenommen und seine Dienstunfähigkeit, diesmal zu 80%, von Dr. Hofbauer bestätigt.
  11. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Nr. 10239 Ott Ludwig. Gutachten der Landesversicherungsanstalt Schwaben, o.D.
  12. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Nr. 10239 Ott Ludwig. Städtisches Krankenhaus Augsburg vom 19.6.1917 bis 13.7.1917, Beobachtungsbogen.
  13. Ebenda.
  14. Ebenda. Augsburg, Ortsarmenverband an den Ortsarmenverband Kaufbeuren, 29.5.23
  15. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Nr. 10239 Ott Ludwig. Überweisung des verwalteten Vermögens an das Amtsgericht Vormundschaftsgericht.
  16. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Nr. 10239 Ott Ludwig. Versorgungsamt Augsburg, 18.3.1925.
  17. Ebenda, Beobachtungen 1934-1939.
  18. Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek/Petra Weber, „Später wurde in der Familie darüber nicht gesprochen.“ Gedenkbuch für die Kaufbeurer Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen, Neustadt/Aisch 2020, S. 53.
  19. Hist. Arch BKh Kaufbeuren, Nr. 10239 Ott Ludwig Gewichtsliste.
  20. So die Aussagen des ehemaligen ärztlichen Direktors des BKH Kaufbeuren, Dr. Michael von Cranach im Tagesspiegel vom 4.10.2016 „Der stille Massenmord.“. Prof. von Cranach ist heute einer der anerkanntesten Forscher zum Thema Euthanasie im Nationalsozialismus. Zum Thema dezentrale Euthanasie allgemein vgl. Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek, Die NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, in: Stefan Dieter (Hg.), Kaufbeuren unterm Hakenkreuz, Kaufbeurer Schriftenreihe Band 14, Thalhofen 2015, S. 270-287.

Historisches Archiv des Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren (Hist. Arch BKh Kaufbeuren)
– Nr. 10239 Patientenbogen Ott Ludwig

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekarten 1 (MK 1)
– Ludwig Ott

Stadtarchiv Forchheim
– Auskunft Reiner Kestler vom 12.6.2020

Stadtarchiv Lörrach
– Mitteilung Jürgen Schaser vom 18.6.20

Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek, Die NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, in: Stefan Dieter (Hg.), Kaufbeuren unterm Hakenkreuz, Kaufbeurer Schriftenreihe Band 14, Thalhofen 2015, S. 270-287.

Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek/Petra Weber, „Später wurde in der Familie darüber nicht gesprochen.“ Gedenkbuch für die Kaufbeurer Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen, Neustadt/Aisch 2020.