Joseph Lammfromm. (Avraham Lammfromm)

Joseph Lammfromm

Geboren: 18.03.1888, Buttenwiesen

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Buttenwiesen, Marktplatz 7
Deisenhofen
Unterbaar, Hauptstraße 13
Augsburg, Hermanstraße 3
Augsburg, Maximilianstraße 14

Orte der Verfolgung

Deportation
am 2. April 1942
von Augsburg
über München-Milbertshofen
nach Piaski

Weitere Informationen

Joseph Lammfromm, geb. 1888

Joseph Lammfromm kam am 18.3.1888 als ältester Sohn von Israel Lammfromm (1863–1930) und Cilly Lammfromm (1865–1934), geb. Graf, in Buttenwiesen zur Welt. Die Familie Lammfromm gehörte zu den alteingesessenen jüdischen Familien in Buttenwiesen, deren Stammbaum sich über mehrere Generationen zurückverfolgen lässt. Der Vater Israel Lammfromm hat sich durch sein Engagement im Vereinsleben große Verdienste erworben. Seine 1911 veröffentlichte „Chronik der Markt-Gemeinde Buttenwiesen“ ist bis heute das maßgebliche Standardwerk zur Geschichte Buttenwiesens. Die Familie bewohnte das Haus Nr. 32 (heute Marktplatz 7).

Joseph hatte insgesamt drei Geschwister:

  • Selma (geb. im Juli 1889), 1942 deportiert und ermordet.
  • Jonas (geb. im Oktober 1892, gest. 8.10.1939 in Heidelberg). Seine Frau Dora, geb. Grinbaum, wurde in Auschwitz ermordet. Ihr Sohn Avraham Alfred Lammfromm überlebte in Israel.
  • Hugo (geb. im August 1902). Hugo Lammfromm beging am 21.4.1938 in Buttenwiesen Selbstmord, nachdem seine Geschäftsräume von der Polizei durchsucht worden waren. Seine Frau Siegfriede (geb. 20.12.1905 in Bamberg) und sein Sohn Erwin (geb. 10. 4.1934 in Buttenwiesen) wurden beide Opfer des Holocaust.1

Maria Sindl, aus einer christlichen Familie, die ebenfalls am Marktplatz wohnte, war „ein halbes Jahrhundert“ bei Israel und Cilly Lammfromm als Kindermädchen/Haushaltshilfe angestellt. Sie hatte ein enges Verhältnis zu den Lammfromm-Kindern. Anlässlich ihres Todes 1941 schrieb Josef Lammfromm einen berührenden Kondolenzbrief2 an die Sindl-Familie. In diesem Brief wird deutlich, dass es Freundschaften zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Familien gab, die auch während der NS-Zeit aufrechterhalten wurden.

Im 1. Weltkrieg diente Josef Lammfromm als Soldat für das Deutsche Reich. Er heiratete am 15.12.1919 in Fürth Bertha Birnzweig (geb. 8.12.1891 in Wiesbaden). Aus der Ehe ging als einziges Kind der Sohn Siegfried (geb. 25.05.1921 in Oberhaching) hervor.3

Joseph Lammfromm in Uniform. (Avraham Lammfromm)

 

Josef Lammfromm war von Beruf Buchhalter und zog am 1.11.1930 mit seiner Frau und dem 9-jährigen Siegfried nach Unterbaar4, da er dort im Büro der Schlossbrauerei eine Anstellung fand. Das Schlossgut mitsamt der Unterbaarer Schlossbrauerei hatte am 17.2.1928 Gustav Einstein erworben, der ebenfalls jüdischen Glaubens und aus Buttenwiesen war.5 Mit Sicherheit bestand zwischen Gustav Einstein und Josef Lammfromm eine persönliche Bekanntschaft, wodurch er eine neue Arbeitsstelle als Buchhalter und seine Familie ein neues Zuhause in Unterbaar fand.

Das Ehepaar Lammfromm mit Sohn Siegfried wohnte im sogenannten „Hoarihaus“, in der Hausnummer 8a, jetzt Hauptstraße 13, im Mietshaus der Familie Sedlmeier.6 Laut Adressbuch von 19357 wohnten in dem Haus noch vier weitere Parteien. In der Wohnung direkt neben Lammfromms wohnte der Metzger Xaver Angerer mit Frau Katharina und den gemeinsamen Kindern, mit denen sich eine Freundschaft entwickelte. Die Lammfromms waren im Mietshaus Sedlmeier und auch bei den Nachbarn ringsum als rechtschaffen und freundlich bekannt.8

Nicht lange nach dem Ortswechsel begann sich jedoch auch in den Dörfern Unterbaar und Oberbaar (heute Baar/Schwaben) die politische Atmosphäre zu verändern. Gustav Einstein erkannte die Zeichen der Zeit und floh im Frühjahr 1933 mit seiner Frau und Tochter über die Schweiz nach Amerika. Sein Besitz wurde von der Dresdner Bank übernommen und im Herbst 1933 (laut Balle-Chronik) an Hans Emslander verkauft.9

Josef, Siegfried und Berta Lammfromm. (Avraham Lammfromm)

 

Die Lammfromms blieben auch nach diesen Ereignissen in Unterbaar, und anscheinend konnte Josef Lammfromm weiterhin im Büro der Brauerei arbeiten: Er war im Adressbuch von 1938 immer noch in der Hausnummer 8a als Buchhalter gemeldet.10

In der Nacht des 9.11.1938 zogen Anhänger der Partei (NSDAP) aus Ober- und Unterbaar als pöbelnder Mob vor das Wohnhaus der Lammfromms. Sie lärmten und klopften mit Stöcken auf den Boden. Die Fensterscheiben wurden durch Steinwürfe zertrümmert. Frau Lammfromm rannte in die Nachbarwohnung zu Frau Katharina Angerer und holte diese in ihre Wohnung. Die Scheiben des Schlafzimmerfensters waren durch einen Ziegelstein zerborsten. Der Stein lag im Bett von Josef Lammfromm, der an diesem Tag jedoch wegen einer Krankheit in einem anderen, beheizten Zimmer geschlafen hatte. An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Auch die Nachbarsleute erwachten vom Lärm in dieser Nacht, die als Reichspogromnacht in die Geschichte unseres Landes eingehen sollte. Die Täter aus Baar zogen noch zu mindestens zwei weiteren Häusern, in denen Dorfbewohner lebten, die das „Fürchten gelehrt werden sollte“. Anschließend beabsichtigten sie, nach Buttenwiesen zu fahren und auch dort „Rabatz“ zu machen.11

Josef Lammfromm wohnte danach nicht mehr lange in Unterbaar. Keine zwei Monate später, am 31.12.1938 musste er ausziehen und mit seiner Familie nach Augsburg, wo sie ihren Aufenthalt in der Hermanstraße 3 hatten.12

Am 14.8.1939 mussten sie wiederum umziehen in die Maximilianstraße 14/II, ein sogenanntes Judenhaus.13 Die Versorgung mit Lebensmitteln war schwierig. Juden durften nur zu sehr begrenzten Zeiten einkaufen. Einige Leute aus Baar, auch Katharina Angerer, besuchten die Lammfromms in Augsburg und brachten ihnen Lebensmittel wie Butter und Eier mit. Die Furcht vor der SS schreckte Frau Angerer nicht ab, mehrere Besuche dorthin zu machen. Für den Fall, dass sie kontrolliert werden sollte, hatte sie sich als Ausrede parat gelegt, dass sie sich als Frau vom Land verlaufen hätte. Frau Angerer war jedoch froh, dass sie immer ohne Befragung in das Haus hinein und auch wieder herauskam.

Bei ihrem letzten Besuch nahm das Ehepaar Lammfromm die mitgebrachten Lebensmittel nicht mehr an. Als Grund nannten sie, dass die Wohnung von SS-Leuten durchsucht würde und dann die Lieferanten genannt werden müssten. Als weiteren Grund gaben sie an, dass ihre „Aussiedlung in den Osten“ bevorstand. Josef und Berta Lammfromm versprachen, vor der Umsiedlung eine Karte an Frau Angerer zu senden. Wie abgesprochen kam eines Tages der unauffällige Kartengruß an. Danach hörte Frau Angerer nie mehr etwas von den ihr lieb gewordenen Menschen.14

Aus der Maximilianstraße 14 hatte Josef Lammfromm am 24.10.1941 den Kondolenzbrief an Familie Sindl beendet mit den Worten:

„Entschuldigt, wenn ich diesen Brief mit der Maschine schreibe, aber ich habe so eine schwere Hand (von der Arbeit), dass ich ein Handschreiben kaum verfassen kann. Möge Euch Alle der liebe Herrgott vor weiteren Schicksalsschlägen bewahren, Euch ferner eine gute Zeit und uns Menschen bald den Frieden schenken!

Mit recht herzlichen Grüßen verbleiben wir

Eure

treunachbarliche Familie

Josef Lammfromm“15

 

Josef Lammfromm wurde am 2. April 1942 von Augsburg nach München und von dort weiter nach Piaski/Ghetto deportiert und umgebracht.16 Das Todesdatum ist unbekannt.

Angela Hakelberg

  1. Gemeindearchiv Buttenwiesen, Sammlung Franz Xaver Neuner.
  2. Gemeindearchiv Buttenwiesen, Sammlung Franz Xaver Neuner.
  3.   Gemeindearchiv Buttenwiesen, Sammlung Franz Xaver Neuner.
  4. Gemeindearchiv Buttenwiesen, Sammlung Franz Xaver Neuner.
  5. Josef Balle und Joseph Heider, Königsgut Barre und Hofmark Baar: Oberbaar – Unterbaar – Wiesenbach, Neuburg a. d. Donau 1961.
  6. Hannelore Schaller, Juden in Baar in einer schicksalsträchtigen Zeit, aufgeschrieben nach Berichten von Frau Katharina Angerer und anderen Zeitzeugen, Baar 1989 (unveröffentlicht).
  7. Adressbuch Neuburg a. d. Donau, Unterbaar 1935 (eingesehen im Staatsarchiv Augsburg).
  8. Hannelore Schaller, Juden in Baar in einer schicksalsträchtigen Zeit, aufgeschrieben nach Berichten von Frau Katharina Angerer und anderen Zeitzeugen, Baar 1989 (unveröffentlicht).
  9. Josef Balle und Joseph Heider, Königsgut Barre und Hofmark Baar: Oberbaar – Unterbaar – Wiesenbach, Neuburg a. d. Donau 1961.
  10. Adressbuch Neuburg a. d. Donau, Unterbaar 1938 (eingesehen im Staatsarchiv Augsburg).
  11. Hannelore Schaller, Juden in Baar in einer schicksalsträchtigen Zeit, aufgeschrieben nach Berichten von Frau Katharina Angerer und anderen Zeitzeugen, Baar 1989 (unveröffentlicht).
  12. StadtAA, PB Hermanstraße 3 (mit freundlicher Unterstützung von Herrn Georg Feuerer).
  13. StadtAA, PB Maximilianstraße 14 (mit freundlicher Unterstützung von Herrn Georg Feuerer).
  14. Hannelore Schaller, Juden in Baar in einer schicksalsträchtigen Zeit, aufgeschrieben nach Berichten von Frau Katharina Angerer und anderen Zeitzeugen, Baar 1989 (unveröffentlicht).
  15. Gemeindearchiv Buttenwiesen, Sammlung Franz Xaver Neuner.
  16. https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Lammfromm&s_firstName=Josef&s_place=&s_dateOfBirth=.

Berta Lammfromm, geb. Birnzweig

Geboren

08.12.1891

Gestorben

Datum nicht bekannt

Letzter freiwilliger Wohnort

Unterbaar, Hauptstraße 13

Gemeindearchiv Buttenwiesen
– Sammlung Franz Xaver Neuner

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Polizeibogen (PB)
– Hermanstraße 3
– Maximilianstraße 14

Adressbuch Neuburg a. d. Donau, Unterbaar 1935.

Adressbuch Neuburg a. d. Donau, Unterbaar 1938.

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=Lammfromm&s_firstName=Josef&s_place=&s_dateOfBirth=

Josef Balle und Joseph Heider, Königsgut Barre und Hofmark Baar: Oberbaar – Unterbaar – Wiesenbach, Neuburg a. d. Donau 1961.

Hannelore Schaller, Juden in Baar in einer schicksalsträchtigen Zeit, aufgeschrieben nach Berichten von Frau Katharina Angerer und anderen Zeitzeugen, Baar 1989 (unveröffentlicht).