Josef Furchtner

Geboren: 29.09.1912, Augsburg

Gestorben: 26.11.1942, Dachau

Wohnorte

Augsburg, Stadtberger Str. 26
Augsburg, Kaltenhoferstraße 29/3
Augsburg, Pferseer Straße 22

Mannheim
Stuttgart
Pflaumdorf

Orte der Verfolgung

KZ Dachau 1934–1935
KZ Sachsenhausen 1939–1940
KZ Flossenbürg 6. April 1940–18. Juli 1942
KZ Ravensbrück Juli–November 1942
KZ Dachau 3.–26. November 1942
Verstorben am 26. November 1942

Weitere Informationen

Josef Furchtner, geb. 29.9.1912 in Augsburg, letzter Wohnsitz in Augsburg: Pferseer Straße 22, ermordet am 26.11.1942 im KZ Dachau

Elternhaus und berufliche Laufbahn

Josef Furchtner ist gebürtiger Augsburger und wächst bei seinen Eltern auf. Bis zu seinem Tode ist er dort auch immer wieder wohnhaft.1 Die Familie wohnt in der Pferseer Straße 22. Sein Vater Josef ist Beamter, Schaffner bei der Reichsbahn. Seine Mutter Anna, geb. Wagner zieht den Sohn auf.

Welche Schulbildung Josef genossen hat, wissen wir nicht. Er übt jedenfalls den Beruf eines Schlossers aus. Josef scheint bis 1933 die eine oder andere Straftat begangen zu haben, den Nazis liegt im Februar 1933 ein Vorstrafenregister vor, das uns nicht bekannt ist.2

Rigoroses Vorgehen der Nazis gegen sog. Gemeinschaftsfremde“

Gegen Kleinkriminelle, Obdachlose, Wanderarbeiter, Alkoholiker, Bettler gehen die Nationalsozialisten von Anfang an erbarmungslos vor. Sie gelten als sog. „Asoziale“ und „Gewohnheitsverbrecher“, gegen welche sie ab 24. November 1933 „Maßnahmen der Sicherung und Besserung“ ins deutsche Strafrecht einführen.3 Die Novelle wird unter § 42e in das RStGB eingefügt.4

Neben der dort verankerten „Sicherheitsverwahrung“ sind jetzt die Zwangsunterbringung in Heil-und Pflegeanstalten, Trinkerheilanstalten, Entziehungsanstalten und Arbeitshäusern, die Untersagung der Berufsausbildung, die Reichsverweisung und die „Entmannung“ „gefährlicher Sittlichkeitsverbrecher“ möglich.5 Fortan können die Gerichte Angeklagte, die sie nach § 351 RStGB wegen Bettelei, Landstreicherei, Verwahrlosung, „Arbeitsscheu“, Obdachlosigkeit oder Prostitution verurteilt haben, im Anschluss an die Strafhaft direkt in ein Arbeitshaus einweisen, um die Betroffenen „zur Arbeit anzuhalten und an ein gesetzmäßiges und geordnetes Leben zu gewöhnen.“6

Indem das „Gewohnheitsverbrechergesetz“ die Sicherheitsverwahrung in letzter Instanz der Abwägung der „Gefährlichkeit“ nach „Gesamtwürdigung der Taten“ den Richtern anheimstellt, liegt sie de facto in deren subjektiven Ermessen.

Disziplinierung und KZ Aufenthalt Josef Furchtners

Bereits am 27. Juli 1933 wird Josef Furchtner in „Schutzhaft“ genommen und kehrt von Egling am 11. Oktober 1933 wieder ins elterliche Haus zurück. Den Grund der Strafe kennen wir nicht.

Die in „Schutzhaft“ genommenen Personen sind im Nationalsozialismus vollkommen rechtlos gestellt. Ohne Angaben von Gründen können Personen ohne Vorführung vor einem Haftrichter ohne zeitliche Begrenzung festgehalten werden. Die „Schutzhaft“ gilt als Grundlage der NS-Herrschaft.7

Ab 11. Juni 1934 wird Josef Furchtner im KZ Dachau inhaftiert, auf der gleichen Liste steht übrigens auch der Augsburger Reichstagsabgeordnete Josef Felder. Im alphabetischen Zugangsbuch hat Furchtner die laufende Nr. 5257. Am 9. August 1935 wird er aus dem KZ Dachau entlassen.8

Versuch der Integration

Am 21.4.1936 wird Josef in Penzing inhaftiert. In der Zeit zwischen 1935 und 1937 ist Josef nach Mannheim, Stuttgart und Pflaumdorf „abgemeldet“, wir kennen aber den Grund der Aufenthalte nicht. Wir können nur vermuten, dass er auf Arbeitssuche war.

Rückkehr ins Elternhaus

Seit November 1938 ist Josef Furchtner wieder bei den Eltern in der Pferseer Straße 22 gemeldet. Wir müssen davon ausgehen, dass Josef Furchtner bei Kriegsbeginn der polizeilichen „Sicherungsverwahrung“ (PSV) zugeführt wird und auch für ihn die Weisung Freislers zutrifft, dass „Sicherungsverwahrte“ für die restliche Dauer des Krieges nicht mehr zu entlassen seien.9 Insgesamt wird die „Sicherungsverwahrung“ zwischen 1934 und 1943 in mindestens 15.829 Fällen verhängt. Vollstreckt wird sie anfangs in den regulären Justizvollzugsanstalten, ab September 1942 überstellt die Justiz die zur „Sicherungsverwahrung“ verurteilten „Gewohnheitsverbrecher“ dann direkt in die KZ.10

Häftling im KZ Sachsenhausen, Flossenbürg, Ravensbrück

Josef Furchtner wird Ende März 1940 als Gefangener „BV“ (Berufsverbrecher) im KZ Sachsenhausen aufgelistet. Eine Woche später, am 6. April 1940, wird er nach Flossenbürg überstellt. Josef wird die Haftkategorie „Polizeiliche Sicherheitsverwahrung“ (PSV) zugewiesen, und trägt den Grünen Winkel für „Gewohnheitsverbrecher“.11 Auch auf der Karteikarte in Flossenbürg wird er als BV, als „Berufsverbrecher“ geführt. Er hat die Häftlingsnummer 1882.12 Von dort wird er am 18. Juli 1942 ins KZ Ravensbrück überstellt. Keine vier Monate später, am 3.11. 1942 wird Josef Furchtner vom KZ Ravensbrück wieder ins KZ Dachau verlegt.

Überstellung von Josef Furchtner in das KZ Ravensbrück. (ITS Archives, Bad Arolsen)

 

Rückführung ins KZ Dachau

Im KZ Dachau verstirbt Josef Furchtner am 26. November 194213, keine 4 Wochen nach seiner Rückverlegung. Er wird aus sozial-rassistischen Gründen aus der sogenannten „Volksgemeinschaft“ „eliminiert“ und ermordet. Josef Furchtner war zum Zeitpunkt seines Todes 30 Jahre und 2 Monate alt.

Schreibstubenkarte KZ Dachau von Josef Furchtner. (ITS Archives, Bad Arolsen)

 

Der Leichenschauschein verzeichnet als Krankheit „Darmkatarrh“ und als Todesursache „Versagen von Herz- und Kreislauf“. Der diensthabende Arzt SS-Untersturmführer Dr. Kahr setzt das Todesdatum auf den 26.November 1942 um 1 Uhr 30 fest.14 Aller Wahrscheinlichkeit sind Todeszeitpunkt und Todesursache manipuliert.

Der Bericht des Stabsarztes an die Lagerkommandantur ähnelt hinsichtlich Erkrankung und Todesursache in fataler Weise den Todesmeldungen anderer Häftlinge, z.B. der von Johann Grundler, der ebenfalls aus Augsburg kommend in Dachau ermordet wird.

Die Asche des Ermordeten Josef Furchtner wird auf Wunsch der Angehörigen in der Familiengrabstätte im Westfriedhof Augsburg beigesetzt.15

Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, Gegen Vergessen – Für Demokratie, RAG Augsburg-Schwaben

  1. StadtAA, MK II Furchtner Josef.
  2. Ebenda. „Vorstrafen siehe Akt Februar 1933“ ist dort in der Meldekartei eingetragen. Wir kennen allerdings seine Vorstrafen nicht.
  3. Im Überblick siehe Lothar Gruchmann, Justiz im Dritten Reich 1933-1940. Anpassung und Unterwerfung in der Ära Gürtner, München 1988, S. 838-844; C. Müller, Das Gewohnheitsverbrechergesetz vom 24. November 1933, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 47, 1999, S. 965-979.
  4. Gewohnheitsverbrechergesetz, RGBl 1933/I, S. 996.
  5. Gewohnheitsverbrechergesetz, RGBl 1933/I, § 42e ebenda.
  6. § 42e Gewohnheitsverbrechergesetz, RGBl 1933/I, S. 996f
  7. Alexander Sperk, Schutzhaft und Justiz im „Dritten Reich“ auf dem Gebiet des heutigen Landes Sachsen-Anhalt; in: Justiz im Nationalsozialismus. Über Verbrechen im Namen des Deutschen Volkes – Sachsen-Anhalt, Magdeburg 2008; ebenso: https://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/grundrechte/katalog/57-63.pdf.
  8. Alphabetisches Zugangsbuch der Häftlinge des KZ Dachau 1933-1935, in: ITS Bad Arolsen, Josef Furchtner
  9. Julia Hörath, „Asoziale und „Berufsverbrecher” in den Konzentrationslagern 1933-1938, Göttingen 2017, S. 127.
  10. Julia Hörath, a.a.O., S. 127.
  11. ITS Bad Arolsen, Josef Furchtner.
  12. ITS Bad Arolsen, Josef Furchtner, Vorbeugungshäftling Ravensbrück, Effektenverwaltung.
  13. Ebenda, Leichenschauschein Josef Furchtner.
  14. ITS Bad Arolsen, Josef Furchtner, Leichenschauschein.
  15. ITS Bad Arolsen, Josef Furchtner, Listen und Korrespondenz zu Häftlingen des KZ Dachau, die auf dem KZ-Ehrenhain in Augsburg beerdigt wurden.

ITS Bad Arolsen
Nr. 38403 Josef Furchtner PSV

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekarte II (MK)

Josef Furchtner

Michael Cramer-Fürtig/Bernhard Gotto (Hg.), „Machtergreifung“ in Augsburg. Anfänge der NS-Diktatur 1933–1937, Augsburg 2008.

Oliver Gaida, Zwischen Arbeitshaus und Konzentrationslager. Die nationalsozialistische Verfolgung von als „asozial“ Stigmatisierten 1933–1937, in: Jörg Osterloh, Kim Wünschmann (Hg.), »… der schrankenlosesten Willkür ausgeliefert«. Häftlinge der frühen Konzentrationslager 1933–1936/37, Frankfurt am Main 2017, S. 247–268.

Gerhard Hetzer, Die Industriestadt Augsburg. Eine Sozialgeschichte der Arbeiteropposition, in: Martin Broszat/Elke Fröhlich/Anton Grossmann (Hg.), Bayern in der NS-Zeit. Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt, Bd. 3, München/Wien 1981, S. 1–233.

Julia Hörath, „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ in den Konzentrationslagern 1933-1938, Göttingen 2017.

Dirk Riedel, Vom Terror gegen politische Gegner zur rassischen Gesellschaft. Die Häftlinge des Konzentrationslager Dachau 1933-1936, in: Jörg Osterloh, Kim Wünschmann (Hg.), »… der schrankenlosesten Willkür ausgeliefert«. Häftlinge der frühen Konzentrationslager 1933–1936/37, Frankfurt am Main 2017, S. 73–96.