Josef Faktorschik

Geboren: 18.08.1886, Błaszki/Polen

Gestorben: 30.06.1940, KZ Buchenwald

Wohnorte

Błaszki/Polen
Augsburg, Ulmer Straße 121
Augsburg, Im Anger 10
Augsburg, Ulmer Straße 121

Orte der Verfolgung

„Schutzhaft“ in Augsburg:
9. September 1939 – 16. Oktober 1939

Deportation
am 16. Oktober 1939
von Augsburg
in das
KZ Buchenwald

Weitere Informationen

Der am 18. August 1886 geborene jüdische Sattler Josef Isaak Faktorschik1 verließ 1933 seine Heimatstadt Błaszki, welche heute zur polnischen Woiwodschaft Łódź gehört.2 Laut Polizeibogen lebte er seit dem 2. September 1933 in der Ulmer Straße 121 in Augsburg-Kriegshaber.3 Im Einwohnerbuch von 1935 ist abweichend davon als Adresse Im Anger 10 und als Beruf Tapezier-Meister angegeben.4 Warum er in die Stadt kam, ist unbekannt.

Er gehörte zu den rund 17.000 im Deutschen Reich lebenden Jüdinnen und Juden polnischer Staatsbürgerschaft, die am 28. und 29. Oktober 1938 verhaftet, ausgewiesen und gewaltsam zur polnischen Grenze gebracht wurden. Diese Zwangsausweisung wurde als „Polenaktion“ bezeichnet und war die erste Massendeportation von Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich.5

Die Vorgeschichte dazu begann mit der Annexion Österreichs im Frühjahr 1938 durch das Deutsche Reich: Die polnische Regierung befürchtete, dass eine hohe Zahl von Jüdinnen und Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit aus Österreich nach Polen kommen könnte, um Schutz vor antisemitischer Verfolgung zu suchen. Durch ein vom polnischen Parlament verabschiedetes Gesetz, welches die Möglichkeit vorsah, polnischen Staatsbürgerinnen und -bürger, die länger als fünf Jahre ununterbrochen im Ausland gelebt hatten, die Staatsbürgerschaft zu entziehen, sollte dies unterbunden werden. Die polnische Regierung verfügte am 9. Oktober 1938, dass alle im Ausland ausgestellten Pässe ab dem 30. Oktober nur noch mit einem Sichtvermerk des polnischen Konsulats gelten sollten.6

Durch diese Maßnahme sah die deutsche Regierung die eigenen Pläne zur Ausweisung ausländischer Jüdinnen und Juden gefährdet und forderte deshalb am 26. Oktober Polen unmissverständlich auf, diese Verfügung zurückzunehmen. Sonst sollten alle polnischen Staatsbürgerinnen und -bürger aus Deutschland abgeschoben werden, bevor die Regelung in Kraft trete. Mit einem Rundschreiben an alle Stapo-Stellen wies das Reichssicherheitshauptamt einen Tag später an, „alle polnischen Juden, die im Besitz gültiger Pässe sind, sofort […] in Abschiebehaft zu nehmen und unverzüglich nach der polnischen Grenze im Sammeltransport abzuschieben“.7

Sie wurden zunächst in Gefängnissen und Sammellagern interniert. Sonderzüge, welche bewacht wurden, brachte sie anschließend an die deutsch-polnische Grenze. Zielorte waren Neu-Bentschen/Zbąszyń, Konitz (Pommern) und Beuthen (Oberschlesien). Weil die polnischen Grenzbehörden überrascht wurden, konnte der erste Zug die Grenze noch passieren, dann wurde die Einreise verweigert. Die ausgewiesenen Jüdinnen und Juden wurden dann von deutschen Polizisten und Wachleuten zu Fuß in das Niemandsland im Grenzbereich getrieben.8

In Zbąszyń war die Lage vor allem in den ersten Tagen und Wochen katastrophal. Schrittweise entstand ein Auffanglager mit Notunterkünften, in denen mehr als 8.000 Menschen teilweise monatelang festsaßen. Die polnischen Behörden erlaubte die Weiterreise ins Landesinnere, sofern sie dort Verwandte hatten.9

Einigen Ausgewiesenen, darunter auch Josef Isaak Faktorschik, erlaubte das NS-Regime die vorübergehende Rückkehr nach Deutschland. Er wurde am 9. September 1939, kurz nach dem deutschen Überfall auf Polen, von der Staatspolizeistelle Augsburg in „Schutzhaft“ genommen10 und durch diese am 16. Oktober 1939 in das Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen.11

Bei ihrer Ankunft im Konzentrationslager wurde den Häftlingen zunächst das Gepäck abgenommen, daraufhin mussten sie sich in einem großen Raum ausziehen und auch ihre zivile Kleidung abgeben.12 Bei seiner Einlieferung hatte Josef Isaak Faktorschik eine Mütze, ein Paar Schuhe, ein Paar Strümpfe, eine Hose, einen Pullover, zwei Hosen, eine Unterhose, eine Brieftasche mit seinen Papieren und eine Uhr mit einer Kette bei sich.13 Andere Häftlinge rasierten sie dann von Kopf bis Fuß und desinfizierten sie. Daraufhin bekamen sie die Häftlingskleidung. Die Schuhe hatten eine Holzsohle, an die ein Stück Stoff befestigt war. Diese Schuhe erschwerten das Laufen, vor allem bei Schnee im Winter oder im Schlamm.

Für jeden Häftling wurde von der Häftlingskommission eine Karteikarte erstellt, auf der die persönlichen Daten, wie Namen der Angehörigen, der Beruf, das Gewicht und die Körpergröße vermerkt wurden. Außerdem bekam jeder Häftling nach zwei Tagen eine Nummer, die auf der linken Seite der Jacke angenäht wurde. Diese musste jeder Häftling auswendig auf Deutsch aufsagen können. Wer dies nicht konnte, wurde mit Schlägen bestraft.14

Josef Isaak Faktorschik bekam zunächst die Häftlingsnummer 10378, zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde ihm die Nummer 3791 zugeteilt.15 Außerdem wurde unter die Nummer ein Dreieck genäht, die für die zugewiesene Häftlingskategorie stand. Er musste einen roten auf einem gelben „Winkel“ tragen, die so einen „Judenstern“ bildeten und ihn als Juden und gleichzeitig politischen Häftling kennzeichneten.16 Nachdem alle Informationen registriert worden waren, erfolgte die Einteilung in die verschiedenen Kommandos17, er war zur Zwangsarbeit im Arbeitskommando „Judenkommando I“ eingeteilt.18

Zunächst aber wurden die neuen Häftlinge für die ersten zehn bis vierzehn Tage im Block 60, dem „Quarantäne-Block“, untergebracht. Dieser befand sich im Kleinen Lager, dem „Quarantänelager“. Danach wurde Josef Isaak Faktorschik zusammen mit anderen jüdischen Häftlingen in den Block 17 verlegt.19 Alle Häftlingsbaracken wurden nicht geheizt. In den Blöcken standen schmale dreistöckige Metallbetten.20

Die Häftlinge wurden morgens sehr früh geweckt und sie bekamen nur wenig Zeit für die Körperhygiene. Dafür stand ein rundes Waschbecken zur Verfügung. Um Krankheiten vorzubeugen, wurde auf körperliche Hygiene geachtet. Darüber hinaus fanden regelmäßig Gesundheitskontrollen statt. Zum Essen und Trinken bekamen sie morgens einen halben Liter Kaffee, zehn Gramm Margarine, ca. 300 Gramm Brot und einmal in der Woche einen Esslöffel Marmelade oder ein Stück Wurst. Das alles musste bis abends reichen. Danach mussten die Häftlinge teilweise stundenlang auf dem Appellplatz stehen und anschließend schwere körperliche Arbeit verrichten. Am Abend folgte ein weiterer Appell.21

Am 30. Juni 1940 starb Josef Isaak Faktorschik im Alter von 54 Jahren im Block 17 an den Lagerbedingungen. Im Totenbuch des Konzentrationslagers wurde „Herzschwäche“ als Ursache angegeben.22

Dies ist ein Auszug aus der Biografie, die von Xenia Kotscharin, Schülerin des Oberstufenjahrgangs 2017/2019 am Maria-Theresia-Gymnasium Augsburg, im Rahmen des W-Seminars „Opfer des Nationalsozialismus im Großraum Augsburg“ im Fach Geschichte erarbeitet wurde.

  1. In den Quellen auch: Faktoschik, Faktoczisch und Faktorschnik.
  2. ITS Archives, Bad Arolsen, 2.2.2.1/72184246, Meldekarte Isak Faktorschik, Augsburg.
  3. StadtAA, Pol. Bg. Ulmer Straße 121.
  4. Einwohnerbuch der Stadt Augsburg 1935, Augsburg 1935.
  5. https://www.jmberlin.de/thema-polenaktion-1938.
  6. https://www.jmberlin.de/thema-polenaktion-1938.
  7. https://www.jmberlin.de/thema-polenaktion-1938.
  8. https://www.jmberlin.de/thema-polenaktion-1938.
  9. https://www.jmberlin.de/thema-polenaktion-1938.
  10. ITS Archives, Bad Arolsen, 1.1.5.3/5833141, Fragebogen der Effektenkammer Isak Faktoczik, Buchenwald; https://www.jmberlin.de/thema-polenaktion-1938.
  11. Archiv der Gedenkstätte Buchenwald, E-Mail von Stefanie Dellemann vom 06.06.2018; ITS Archives, Bad Arolsen, 1.1.5.3/5833147, Effektenkarte Isak Faktoczik, Buchenwald; ITS Archives, Bad Arolsen, 1.1.5.3/5833141, Fragebogen der Effektenkammer Isak Faktoczik, Buchenwald; ITS Archives, Bad Arolsen, 1.1.5.3/5833144, Häftlings-, Personal-Karte Isak Faktoczik, Buchenwald; ITS Archives, Bad Arolsen, 1.1.5.3/5833142, Schreibstubenkarte Isak Faktoczik, Buchenwald.
  12. Bertand Herz, Der Tod war überall. Ein Überlebender berichtet, Weimar 2016, S. 70f; Rolf Kralovitz, ZehnNullNeunzig in Buchenwald. Ein jüdischer Häftling erzählt, Köln 1996, S. 36.
  13. ITS Archives, Bad Arolsen, 1.1.5.3/5833147, Effektenkarte Isak Faktoczik, Buchenwald.
  14. Bertand Herz, 2016, S. 70f; Rolf Kralovitz, 1996, S. 36.
  15. Archiv der Gedenkstätte Buchenwald, E-Mail von Stefanie Dellemann vom 06.06.2018; ITS Archives, Bad Arolsen, 1.1.5.3/5375253, Häftlingsnummerverzeichnis Isaak Faktoschik, Buchenwald.
  16. https://www.ravensbrueckerinnen.at/?page_id=591; https://de.wikipedia.org/wiki/Kennzeichnung_der_H%C3%A4ftlinge_in_den_Konzentrationslagern.
  17. Reiner Engelmann, Wir haben das KZ überlebt. Zeitzeugen berichten, München 2015, S. 210.
  18. Archiv der Gedenkstätte Buchenwald, E-Mail von Stefanie Dellemann vom 06.06.2018; ITS Archives, Bad Arolsen, 1.1.5.3/5833142, Schreibstubenkarte Isak Faktoczik, Buchenwald.
  19. ITS Archives, Bad Arolsen, 1.1.5.1/5334987, Blockverlegungen Faktorschik, Buchenwald; ITS Archives, Bad Arolsen, 1.1.5.3/5833142, Schreibstubenkarte Isak Faktoczik, Buchenwald.
  20. Rolf Kralovitz, 1996, S. 34.
  21. Rolf Kralovitz, 1996, S. 36ff.
  22. Archiv der Gedenkstätte Buchenwald, E-Mail von Stefanie Dellemann vom 06.06.2018; ITS Archives, Bad Arolsen, 1.1.5.1/5279581, Veränderungsmeldung Isaak Faktoschik, Buchenwald.

Archiv der Gedenkstätte Buchenwald
– E-Mail von Stefanie Dellemann vom 06.06.2018

ITS Archives, Bad Arolsen
– 1.1.5.1/5279581, Veränderungsmeldung Isaak Faktoschik, Buchenwald
– 1.1.5.1/5334987, Blockverlegungen Faktorschik, Buchenwald
– 1.1.5.3/5833141, Fragebogen der Effektenkammer Isak Faktoczik, Buchenwald
– 1.1.5.3/5833142, Schreibstubenkarte Isak Faktoczik, Buchenwald
– 1.1.5.3/5833144, Häftlings-, Personal-Karte Isak Faktoczik, Buchenwald
– 1.1.5.3/5833147, Effektenkarte Isak Faktoczik, Buchenwald
– 1.1.5.3/5375253, Häftlingsnummerverzeichnis Isaak Faktoschik, Buchenwald
– 2.2.2.1/72184246, Meldekarte Isak Faktorschik, Augsburg

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Polizeibogen (Pol.Bg.)
– Ulmer Straße 121

Einwohnerbuch der Stadt Augsburg 1935, Augsburg 1935.

https://www.jmberlin.de/thema-polenaktion-1938

https://de.wikipedia.org/wiki/Kennzeichnung_der_H%C3%A4ftlinge_in_den_Konzentrationslagern

Reiner Engelmann, Wir haben das KZ überlebt. Zeitzeugen berichten, München 2015.

Bertand Herz, Der Tod war überall. Ein Überlebender berichtet, Weimar 2016.

Rolf Kralovitz, ZehnNullNeunzig in Buchenwald. Ein jüdischer Häftling erzählt, Köln 1996.