Johann Huttner

Geboren: 21.03.1898, Augsburg

Gestorben: 20.01.1942, Hartheim/Linz

Wohnorte in Augsburg

Lange Gasse 16
Georgenstraße 11
Schönbergstraße 12a
Brentanostraße, Asyl für Obdachlose
Milchberg 22
Kappeneck 1
Peutingerstraße 19
Drentwettstraße 26
Lothringenstraße 27
Manlichstraße
Vorderer Lech 52
Hinterer Lech 39
Bäckergasse 18
Wartenburgstraße 39
Spitalgasse 24
Hinterer Lech 39
Hinterer Lech 11

Orte der Verfolgung

Strafvollzugsgefängnis Landsberg/Lech
KZ Dachau
KZ Flossenbürg
Tötungsanstalt Hartheim/Linz

Weitere Informationen

Johann Huttner, geb.21.3.1898 in Augsburg, r.k., geschieden, Hilfsarbeiter, letzter Wohnsitz Hinterer Lech 39, AZR, Schutzhäftling; ermordet durch Aktion 14f13 in Hartheim am 20.1.1942, fingiertes Todesdatum (lt. Standesamt Dachau) 25.2.1942

Elternhaus und Beruf

Johann Huttner ist am 21. März 1898 in Augsburg geboren. Seine Eltern sind Johann Huttner und Bettina, geb. Weichsler.1

Für eine solide Ausbildung ist kein Geld da, so verdingt er sich nach der Absolvierung der Volksschule als Hilfsarbeiter und nimmt Arbeit an, wo immer sich hierfür Gelegenheit bietet. Das bedeutet für ihn, dass er seinen Wohnsitz häufig wechseln und seine Arbeitskraft an den unterschiedlichsten Orten anbieten muss.

Wanderarbeiter in der Weimarer Republik

Wann immer Johann nach Augsburg kommt, wohnt er bei seinen Eltern in der Georgenstraße 11. Ansonsten nimmt er Gelegenheitsarbeiten in Göttingen, München, Göppingen, Oberglauchheim und anderswo an.2

Erste Gefängnisstrafe mit 23 Jahren

Seit Dezember 1921 sitzt er im Jugendgefängnis Niederschönenfeld bei Rain am Lech in Festungshaft ein, zeitgleich mit den Literaten Erich Mühsam, Ernst Niekisch, Ernst Toller, auch mit dem Kommunisten Hans Beimler. Wir wissen aber nicht, ob er sich politisch für die Bayerische Räterepublik3 der Literaten vom 7.4. bis 13.4. 1919 engagiert hat.

Auf Arbeitssuche und Wanderschaft

Johann wird bereits nach wenigen Tagen im Dezember wieder aus der Festungshaft entlassen. Unablässig ist er auf Arbeitssuche in der Region unterwegs, von April bis Anfang November 1927 wohnt er im Asyl für Obdachlose in Augsburg.

Heirat, häufiger Wohnungswechsel, Ehescheidung

Am 5. November 1927 heiratet Johann Huttner die aus Babenhausen stammende Maria Reischl.4 Sie bringt ihre 3 Kinder Josef (geb. 1923), Caroline (geb. 1925) und Franz Xaver (geb. 1925) mit in die Ehe.5 Nach wie vor wechselt Johann auf Arbeitssuche häufig den Wohnsitz und ist selten in Augsburg anzutreffen. Ab August 1930 wohnt er bei seiner Frau Maria am Milchberg 22, kommt aber für einige Wochen in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren.6 Nach seiner Rückkehr wohnt er im September 1930 alleine am Kappeneck 1, später in der Peutingerstraße 19, nach 14 Tagen wiederum alleine auf dem Kreuz 30, ehe er kurz vor Weihnachten wieder auf Wanderschaft zieht. Vom 11. Februar bis 20. Mai 1931 sitzt er in der Strafvollzugsanstalt Augsburg ein.7 Wiederum kennen wir den Grund nicht. Die Strafdauer weist darauf hin, dass es ein triviales Vergehen gewesen ist.

Die Ehe mit Maria wird am 17. April 1931 wegen „Verschuldens der Ehefrau“ rechtskräftig geschieden.8

Zweite Verehelichung mit der 13 Jahre älteren Franziska

Johann ist, wenn er in Augsburg weilt, immer nur für 1-2 Wochen bei verschiedenen Adressen in Augsburg gemeldet. Ab 1. März 1932 ist er am Hinteren Lech 39 wohnhaft.

Dort lernt er seine zweite Ehefrau Franziska kennen. Johann heiratet Franziska am 8. Juni 1933. Sie ist geschieden, stammt aus Pilsting und ist 13 Jahre älter als Johann9, also bereits 48 Jahre. Die beiden wohnen am Hinteren Lech 39.

Gefängnisaufenthalt in Landsberg und KZ-Aufenthalt in Dachau und Flossenbürg

Am 24. April 1936 kommt Johann Huttner für knappe 7 Wochen ins Gefängnis nach Landsberg/Lech und nur wenige Monate später wird er am 19. Dezember 1936 für 12 Monate gemäß § 20 RFV (Reichsfürsorgepflichtverordnung) ins KZ Dachau eingewiesen. Wohlfahrtshilfeempfänger, die als „asozial“ und „arbeitsscheu“ gelten, können ab Oktober 1934 gemäß § 20 dieser Verordnung „fürsorglich“ ins KZ eingewiesen werden.10

Schreibstubenkarte des KZ Dachau. (ITS Bad Arolsen)

 

Fürsorgerechtlicher Arbeitszwang

Gegen Personen, die aus dem einen oder anderen Grund keiner dauerhaften Beschäftigung nachgehen und auf Fürsorgeunterstützung angewiesen sind, konzipierte das Bayerische Innenministerium den Vollzug des fürsorgerechtlichen Arbeitszwangs („AZR“, d.h. Arbeitszwang Reich) im KZ Dachau bewusst als „neues, wirksames Zuchtmittel gegen asoziale Personen“.11 Wir müssen demzufolge annehmen, dass Johann Huttner „präventiv“ ins KZ Dachau eingewiesen worden ist, und zwar wegen einer Banalität.

Johann Huttner verbrachte 1921 nur wenige Wochen im Gefängnis Niederschönenfeld, 3 Monate war er von Februar bis Mai 1931 im Strafvollzugsgefängnis Augsburg und von April 1936 bis Anfang Juni 1936 im Landsberger Gefängnis. Das genügte den Nazis, ihn als „asozial“ und „arbeitsscheu“ zu kategorisieren und zu stigmatisieren.

KZ als rechtsfreier Raum

Ab 1934 sinkt der Anteil der politischen Häftlinge im KZ Dachau, ab dieser Zeit richtet sich der SS-Terror gegen die sog. „Asozialen“, Obdachlose, Wanderarbeiter, Fürsorgeempfänger, Sinti und Roma.12

Ab Ende 1936 entwickelt sich das KZ-System endgültig zum rechtsfreien Raum, indem alle Personen weggesperrt und ermordet werden sollen, die nicht ins Konzept der rassistischen Gesellschaft des NS-Regimes passen.13

Sicherungsverwahrung im KZ

Wir müssen die Verhaftung Johanns in diesem Kontext begreifen. Er kommt am 19. Dezember 1936 ins KZ Dachau. Seine ursprüngliche Schutzhaft wird als „Sicherungsverwahrung“ auf unbestimmte Zeit verlängert.14 Am 27. September 1939 wird Johann als Häftling Nr. 11196 ins KZ Flossenbürg verlegt, von dort kommt er am 2. März 1940 wieder zurück ins KZ Dachau.15

Invalidentransport nach Hartheim/Linz

Am 20. Januar 1942 wird Johann Huttner mit einem sogenannten Invalidentransport mit 79 weiteren Häftlingen der Buchstaben G-K in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz „verlegt“.16

„Invalidentransport“, 20. Januar 1942. (ITS Bad Arolsen)

 

Nach Einstellung der Krankenmorde (Aktion T4) im August 1941 werden unter der Aktion 14f1317 nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge zu ihrer Ermordung nach Hartheim bei Linz gebracht und meist am gleichen Tag durch Gas ermordet.18

Transporte der Aktion 14f13 von Dachau nach Hartheim

Vom 3. bis 7. September 1941 begutachteten Prof. Hermann Nitsche, Prof. Werner Heyde, Dr. Theodor Steinmeyer, Dr. Rudolf Lonauer und andere rund 2.000 Häftlinge im KZ Dachau. Für kranke und invalide Häftlinge gab es in Dachau ein eigenes Invalidenlager.19

Im Verlauf der „Sonderbehandlung 14f13“ wurden Häftlinge auch unabhängig von der T4-Gutachtergruppe selektiert. Kranke und arbeitsunfähige Gefangene wurden direkt aus den Revieren und Blocks zusammengeholt und in ein Ärztezimmer geführt. Die Häftlinge wurden aber nicht untersucht, sondern die Selektion wurde rein nach ihrem Aussehen vorgenommen. Die Häftlinge mussten sich im Häftlingsbad ausziehen, ihre Krücken, Prothesen, Brillen und Kleider ablegen und wurden mit alter Kleidung ausgestattet. Anschließend wurden diese Häftlinge auf LKWs verladen und abtransportiert.20

5 „Transportwellen“ der Häftlinge nach Hartheim

Die erste der 5 Wellen (15.1.–3.3.42) umfasste 15 Transporte mit 1.452 Häftlingen,
die zweite (4.5.–11.6.42) sechs Transporte mit 561 Häftlingen,
die dritte (10.8.–12.8.42) zwei Transporte mit 181 Häftlingen,
die vierte (7.10.–14.10.42) drei Transporte mit 330 Häftlingen,
die fünfte (27.11.–8.12.42) sechs Transporte mit 69 Häftlingen.

Gemäß den Erhebungen des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes in Bad Arolsen fielen der Sonderbehandlung 14f13 insgesamt 2.593 Häftlinge des KZ Dachau zum Opfer.21

Johann Huttner bei der ersten Welle der Transporte

Johann Huttner kommt mit der „ersten Welle“ in die Tötungsanstalt Hartheim. Seine Sterbeurkunde vom 28. Februar 1942 ist fingiert und wurde von Dachau aus erstellt. Dort wurde auch der Todesort Dachau bewusst genannt, um die Massenmorde in Hartheim zu vertuschen. Als Todesursache wurde „Versagen von Herz und Kreislauf bei Darmkatarrh“ angeführt.22

Fingierte Todesbenachrichtigung des KZ Dachau. (ITS Bad Arolsen)

 

Johann Huttners Asche wurde auf dem Ehrenhain des Augsburger Westfriedhofes beigesetzt.23

Liste der im Ehrenhain auf dem Augsburger Westfriedhof Bestatteten. (ITS Bad Arolsen)

 

Wir möchten an Johann Huttner mit einem Stolperstein und dieser Biografie erinnern.

© Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, Gegen Vergessen-Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben, 86368 Gesthofen, Haydnstr. 53

  1. StadtAA, MK 2 Johann Huttner
  2. StadtAA, MK 2 Johann Huttner.
  3. https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/R%C3%A4terepublik_Baiern_(1919); https://www.dw.com/de/m%C3%BCnchen-november-1918-die-revolution-der-literaten/a-46218308.
  4. StadtAA, MK 2, Johann Huttner. Maria Reischl ist am 5.6.1900 geboren, ihre Eltern sind Karl und Maria, geb. Knie.
  5. Ebenda.
  6. Ebenda.
  7. Ebenda.
  8. Ebenda. Beschluss des LG Augsburg vom 17.4.1931. Maria wird gemäß Beschluss des LG Augsburg vom 12.4.1932 entmündigt.
  9. Ebenda. Franziska Huttner ist am 7.12.1885 in Pilsting geboren. Nach dem Tod von Johann Huttner in Hartheim heiratet Franziska am 31.8.1942 den Marmorschleifer Florian Eisenbarth.
  10. Julia Hörath, „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ in den Konzentrationslagern 1933 bis 1938, Göttingen 2017, 106f und 251ff.
  11. BayHStA, Minn71561, DVO BayStMdI zum § 20 RFV (Arbeitszwang), 22.11.1934, siehe Julia Hörath, a.a.O., S. 254f.
  12. Dirk Riedel, Vom Terror gegen politische Gegner zur rassischen Gesellschaft. Die Häftlinge des Konzentrationslager Dachau 1933-1936, in: Jörg Osterloh, Kim Wünschmann (Hg.): „… der schrankenlosesten Willkür ausgeliefert“. Häftlinge der frühen Konzentrationslager 1933-1936, Frankfurt/Main 2017, S. 73-96, hier S. 93.
  13. Dirk Riedel, a.a.O., S. 95.
  14. Gemäß dem am 14. Dezember 1933 erlassenen „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung“ konnten rückfällige Straftäter, d.h. zweimal rechtskräftig verurteilte Personen bei einer dritten Straftat in Sicherheitsverwahrung genommen werden, sofern der Delinquent als Gewohnheitsverbrecher taxiert wurde und dies im Interesse der öffentlichen Sicherheit notwendig erschien. Damit konnten die Strafen von rückfälligen Straftätern über Gebühr verlängert werden. Ab 1941 war sogar die Verhängung der Todesstrafe möglich: Der gefährliche Gewohnheitsverbrecher (§ 20a des Strafgesetzbuchs) und der Sittlichkeitsverbrecher (§§ 176 bis 178 des Strafgesetzbuchs) verfallen der Todesstrafe, wenn der Schutz der Volksgemeinschaft oder das Bedürfnis nach gerechter Sühne es erfordert.“[note]Nach: Jörg Kinzig, Die Neuordnung des Rechts der Sicherungsverwahrung, NJW 4/2011, S. 20.
  15. ITS Bad Arolsen, Nr. 10665582 Huttner Johann.
  16. Ebenda.
  17. Die Ziffern- und Buchstabenkombination resultierte aus dem SS-Einheitsaktenplan und setzt sich zusammen aus der Ziffer „14“ für den Inspekteur der Konzentrationslager, dem Buchstaben „f“ für Todesfälle und der Ziffer „13“ für die Todesart, hier für die Tötung durch Gas in den Tötungsanstalten der T4-Organisation. „Sonderbehandlung“ war der gängige Begriff für Tötung: http://www.ns-euthanasie.de/index.php/aktion-14f13. Die natürlichen Todesfälle verzeichnete man z.B. als 14f1, Selbstmord mit 14f2, Erschießung auf der Flucht mit 14f3, die Unfruchtbarmachung mit 14h7, die Aktion 14f14 wiederum stand für die Exekution sowjetischer Kriegsgefangener.
  18. Florian Schwanninger, „Wenn du nicht arbeiten kannst, schicken wir dich zum Vergasen.“ Die „Sonderbehandlung 14f13“ im Schloss Hartheim 1941–1944, in: Brigitte Kepplinger, Gerhart Marckhgott, Hartmut Reese (Hg.), Tötungsanstalt Hartheim, 2. Auflage, Linz 2008, S. 155-208.
  19. Ebenda, S. 190.
  20. Ebenda, S. 191.
  21. Ebenda, S. 192ff.
  22. ITS Bad Arolsen, Nr. 10665582 Huttner Johann, Totenschein.
  23. Ebenda, Häftlinge der auf dem Augsburger Westfriedhof bestatteten/eingeäscherten Häftlinge, Augsburg 2.3.1950.

Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA)
– Minn71561, DVO BayStMdI zum § 20 RFV (Arbeitszwang)

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekarten Abgabe 2 (MK 2)
– Johann Huttner

ITS Bad Arolsen
– Nr. 10665582 Johann Huttner

https://www.dw.com/de/m%C3%BCnchen-november-1918-die-revolution-der-literaten/a-46218308

https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/R%C3%A4terepublik_Baiern_(1919)

http://www.ns-euthanasie.de/index.php/aktion-14f13

Jörg Kinzig, Die Neuordnung des Rechts der Sicherungsverwahrung, NJW 4/2011, S. 20.

Wolfgang Neugebauer, Die „Aktion T4“, in: Brigitte Kepplinger, Gerhart Marckhgott, Hartmut Reese (Hg.), Tötungsanstalt Hartheim, 2. Auflage, Linz 2008, S. 17-34.

Dirk Riedel, Vom Terror gegen politische Gegner zur rassischen Gesellschaft. Die Häftlinge des Konzentrationslager Dachau 1933-1936, in: Jörg Osterloh, Kim Wünschmann (Hg.): „… der schrankenlosesten Willkür ausgeliefert“. Häftlinge der frühen Konzentrationslager 1933-1936, Frankfurt/Main 2017, S. 73-96.

Florian Schwanninger, „Wenn du nicht arbeiten kannst, schicken wir dich zum Vergasen.“ Die „Sonderbehandlung 14f13“ im Schloss Hartheim 1941–1944, in: Brigitte Kepplinger, Gerhart Marckhgott, Hartmut Reese (Hg.), Tötungsanstalt Hartheim, 2. Auflage, Linz 2008, S. 155-208.