Iwan Sirenko.

Iwan Sirenko

Geboren: 04.04.1926, Pawlowgrad, Ukraine

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Pawlowgrad, Ukraine

Orte der Verfolgung

Zwangsarbeit bei Bauer Zott in Adelsried

Weitere Informationen

Iwan Sirenko, geb. am 4. April 1926 in Pawlowgrad, Ukraine

Zwangsarbeit ab 9.8.1942 bei Bauer Zott in Adelsried

Seit zwei Jahren ist Iwan Sirenko verwitwet und lebt nun alleine in seinem kleinen Häuschen, in dem es keinen Wasseranschluss gibt.

Welch ein Zufall, welch ein Wink des Schicksals. Iwan wurde am 9. August 1942 nach Deutschland deportiert, er ist gerade einmal 16 Jahre. Am 9. August 1945 kehrt Iwan auch wieder in die Heimat zurück, auf den Tage genau. Und heute, am 9. August 2007 erhält er als späte Geste der Versöhnung Besuch von mir, 65 Jahre nach seiner Deportation!

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Seine drei älteren Brüder befinden sich bereits an der Front, als die örtliche Polizei ihm seinen Gestellungsbefehl überbringt und mit der Ermordung seiner Eltern und mit dem Anzünden des elterlichen Grundstücks droht.

Nach medizinischer Untersuchung und Quarantäne in Dachau kommt er in ein Verteilungslager in Augsburg. Es geht zu wie auf dem Sklavenmarkt, die Jugendlichen werden „verteilt“. Niemand wählt ihn aus, so wird er einer Frau zugeteilt, die sich aber empört darüber zeigt, dass sie den schmächtigen 16-jährigen nehmen soll.

Schließlich nimmt ihn ein 55-jähriger Bauer, Matthias Zott. Sein Freund Ivan Osoka aus dem gleichen Ort kommt zu einem anderen Bauern und gibt ihm seine Adresse, aber die kann er nicht lesen, sie treffen sich erst nach dem Krieg wieder in Pawlowgrad wieder. Im Mai dieses Jahres ist Ivan verstorben.

Bauer Zott aus Adelsried (gleich in Autobahnnähe) hat bereits einen Polen und eine 18-jährige Westukrainerin als Helfer auf dem Bauernhof. Beide haben später ein Kind miteinander. Der Bauer behandelt Ivan recht gut, er findet sich schnell zurecht, die Westukrainerin übersetzt ihm, was er zu tun hat. Arbeit gibt es von früh morgens bis spät abends, es müssen täglich 17 Kühe gemolken werden und die zwanzig Ochsen und zwei Pferde sind auch zu versorgen. Die Nahrung ist einfach und wenig abwechslungsreich: Suppen, Kartoffeln, viel Kraut und Rüben.

Herr Zott und seine Frau haben 4 Kinder: Zotts 25-jähriger Sohn Michael ist an der Front, Sohn Hans fällt in Wassilkowskja ganz in der Nähe von Pawlowgrad. Sohn Georg ist 23, sodann ist da noch eine Tochter Marie. Der jüngste Sohn Jakob ist erst 12 Jahre. Iwan bittet mich zu eruieren, ob er noch lebt, ich möge Grüße an ihn ausrichten.

Erinnerung an eine Fanatikerin

Frau Zott scheint eine glühende Anhängerin des Nationalsozialismus gewesen zu sein. Als die Schwiegertochter mit ihrer Tochter Rosemarie wegen der Bombardierung aus der Stadt evakuiert wird und auf dem Bauernhof wohnt, verweigert ihr die Schwiegermutter Milch für das Mädchen. Die Milch sei für die deutschen Soldaten, nicht für das Kind. Sie ist auch der Ansicht, dass Russen sich von Kleinkindern ernähren. Sie glaubt auch nicht, dass Ukrainer ein technisches Verständnis haben und ist ganz erstaunt, dass er Rad fahren kann. Als ihr Sohn Hans in der Nähe der Heimat von Iwan fällt, glaubt Frau Zott allen Ernstes, er solle mit ihr dorthin reisen, das Grab besuchen und dann wieder mit ihr nach Deutschland zurückkehren. Aber mittlerweile hatte die sowjetische Armee bereits die Gebiete westlich des Dnjepr zurückerobert.

Bauer Zott hat mittlerweile großes Vertrauen in Iwan. Er darf Kartoffeln in Augsburg ausliefern. Er arbeitet fast immer im Freien, das gefällt ihm. Gegen Ende des Krieges soll er im 3 km entfernten Ort Bier holen. Der Bauer dort ist bester Laune, lädt ihn auf ein Bier ein. Es ist der 28. April 1945. Der Mann feiert bereits die Befreiung durch die Amerikaner.

Befreiung

Iwan begegnet auf dem Rückweg einer kanadischen Einheit, die trinken sein Bier, das er dem Bauern bringen soll, einfach weg, fahren mit ihm nach Adelsried und errichten ausgerechnet bei Bauer Zott ihr Hauptquartier. Frau Zott ist erstaunt über Iwan. Kann er jetzt auch schon Englisch?

Nach einigen Tagen werden die Zwangsarbeiter auf Traktoren verladen und nach Augsburg gebracht. Er ist der einzige Junge aus der Ostukraine, alle anderen kommen aus der Westukraine. Für einige Wochen bleibt Iwan in Augsburg in einem leerstehenden Haus, welches die Amerikaner bewachen. Ein Vertreter der sowjetischen Kommandantur erscheint schließlich mit einer Auflistung der Namen derjenigen, die in die Heimat zurückgeführt werden sollen. Amerikanische Soldaten fahren die Ukrainer und Russen bis Riesa an der Elbe. Dort werden sie der sowjetischen Armee überstellt. 40.000 Ukrainer und Russen befinden sich bereits in diesem sogenannten Filtrationslager, in dem sie wochenlang über ihren Aufenthalt in Deutschland verhört werden.

Ungewisse Zukunft

Auch in der Heimat wird er später nochmals verhört, auch die Nachbarschaft wird über ihn befragt. Nach einem halben Jahr erhält er schließlich einen provisorischen Ausweis.

In Brest-Litowsk wartet der Zug in Richtung Sowjetunion. Aber die Hoffnung auf Rückkehr nach Hause ist sehr gering. Sie alle sollen in die TRUD-Armee, zum Arbeitseinsatz im Bergwerk und am Wiederaufbau des Landes oder aber im Krieg gegen Japan zum Einsatz kommen. In Dnjepropetrowsk bleibt der Zug am 8. August stehen. Die Sowjetunion erklärt zwischen den amerikanischen Atombombenabwürfen auf Hiroshima am 6. August und auf Nagasaki am 9. August 1945 Japan den Krieg, aber eine Woche später kapituliert Japan. Iwan gelingt es, eine Erlaubnis zu erhalten, damit er die Eltern zu Hause besuchen kann. Am 9. August sieht er seine Eltern nach genau drei Jahren wieder.

Der Zufall will es, dass die Deutschen in Pawlowgrad einen Safe hinterlassen haben, den er öffnen kann. Der verantwortliche Direktor sorgt dafür, dass der ihm drohende Einsatz in der TRUD-Armee verhindert wird. Sein Freund, der mit dem gleichen Zug aus Brest-Litowsk eingetroffen ist, muss wie alle zurückgeführten Personen zur TRUD-Armee und dort weitere 4 Jahre arbeiten. Dieses Schicksal ist Iwan erspart geblieben.

Nach dem Krieg macht er eine Ausbildung zum Schlosser. Er heiratet und hat zwei Söhne, die nach dem Tod der Ehefrau regelmäßig nach ihm schauen.

Als ich ihm das Kuvert mit dem Geldbetrag überreiche, ist er wie vom Blitz getroffen. Er kann es nicht glauben und schüttelt den Kopf. Er ist tief bewegt und die Tränen stehen ihm in den Augen. Keine Frage, er kann das Geld sehr dringend brauchen. Er begleitet uns aus dem Haus und schüttelt immer noch den Kopf.

Der heutige Tag, auf den Tag genau 65 Jahre nach seiner Deportation, wird ihm hoffentlich in besserer Erinnerung bleiben als der 9.8.1942. So schließt sich für ihn der Kreis.

Bericht erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, StD a.D., Gegen Vergessen – Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben

Interview am 9. August 2007 in Pawlowgrad.