Iwan Dwirko.

Iwan Dwirko

Geboren: 10.05.1925, Lisniaki, Jahotyn, Ukraine

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Lisniaki, Jahotyn, Ukraine
Dwirkowshyna, Ukraine

Orte der Verfolgung

Zwangsarbeiter bei Hery in Gersthofen

Weitere Informationen

Besuch bei Iwan Dwirko geb. am 10.05.1925 in Lisniaki, Jahotyn, Ukraine

Zwangsarbeiter bei Hery in Gersthofen. Besuche bei ihm 2002, 2003, 2006

Über zwei Stunden sind wir mit dem Auto von Kiew aus nach Jahotyn unterwegs in Richtung Charkow, der heftige Schneefall scheint Gift für den Lada unseres Fahrers zu sein, der Tachometer fällt aus, zeitweilig auch die Scheibenwischeranlage. Unter diesen Umständen scheint der Lada doch mehr Kilometer als die angezeigten 550 auf dem Buckel zu haben. Aber der junge Mann ist ein vorzüglicher Fahrer, der nicht einmal trotz der tiefen Fahrrillen ins Rutschen kommt.

Iwan Dwirko nach dem II. Weltkrieg.

 

Herr Dwirko wohnt in Dwirkowshyna, in der Dwirkowastraße. Der Ort und die Straße sind nicht ihm zu Ehren so benannt, der Name ist einfach sehr geläufig in der Gegend. Wenige Kilometer weiter südlich wohnen Familien aus Tschernobyl, die hier nach der großen Atommeilerkatastrophe neu angesiedelt wurden.

Wer Philosoph werden will und die Einsamkeit mag, der sollte sich hierher begeben. Er muss allerdings auf ein Spülklosett im Haus und auf fließendes Wasser verzichten, das gibt es hier nicht.

Bereits vor 4 Jahren habe ich Herrn Dwirko in Kiew getroffen, überreichte ihm eine symbolische Summe und tat dies auch vor zwei Jahren nochmals.

Es war sehr eindrucksvoll, als Herr Dwirko auf meiner ersten Reise in die Ukraine mit seinem ehemaligen Kollegen Tadeusz Malinowski zusammentraf.

Tadeusz Malinowski (links) und Iwan Dwirko (rechts) im Februar 2002 in Kiew. Beide arbeiteten bei der Firma Hery in Gersthofen als zivile Zwangsarbeiter.

 

„Mein Gott, ist der alt geworden“, flüsterte Iwan mir ins Ohr, um dann gemeinsam mit Herrn Malinowski die Namen der Personen aufzuzählen, die gemeinsam mit Ihnen bei der Möbelfabrik Hery in Gersthofen gearbeitet hatten. Fernsehreporter von CNN und des ukrainischen Fernsehens staunten ungläubig, dass die beiden keinen der 10 anderen Namen vergessen hatten. Ich saß mit meiner Liste aus dem Archiv daneben und war total überrascht über das phänomenale Gedächtnis der beiden älteren Herren. Die Namen der 80 russischen Kriegsgefangenen kannten beide natürlich nicht, die waren separat von den zivilen Gefangenen untergebracht gewesen.

Vier Jahre später. Iwan Dwirko empfängt uns freundlich an der Türe, er muss erst mal 5 Minuten Schnee schaufeln, dass der Fahrer sein Auto parken kann. Dann bittet er uns hinein, stellt uns seiner Frau vor. Hanna kommt uns entgegen, sie lächelt liebenswert und schüttelt uns die Hand. Ich erschrecke ein wenig. Sie läuft vorn übergebeugt und ist unendlich klein. Ich wusste von der Tochter, dass sie krank ist, sich von ihrer Ziegenmilch ernährt, aber so krank hatte ich sie mir nicht vorgestellt.

Hanna hat aber großen Humor, ich zeige ihr die Bilder ihres Mannes von vor vier Jahren. „Ja, das ist er, mein Greis“, sagt sie gutaufgelegt. Iwan frage ich, ob er sich noch an seine Zeit in Gersthofen erinnere, an die Namen, die er mir vor 4 Jahren alle nennen konnte. Er nickt nur verständnislos. Seine Erinnerung ist wie weggeblasen!

Dr. Bernhard Lehmann zeigt Iwan Dwirko seinen Namen auf der Gedenkstätte in Gersthofen.

 

Seine Tochter Ludmilla versichert mir aber, dass er nach meinem Besuch noch wochenlang in den Erinnerungen schwelgen werde, er sei nur zu aufgeregt wegen unseres Besuches. Als er hörte, dass ich ihn besuchen wolle, sei er in Tränen ausgebrochen: „Dass sich nach 60 Jahren noch jemand an mich erinnert und etwas von mir wissen will, ist unglaublich, unfassbar!“

Seine Frau Hanna erinnert sich an ihren Zwangsaufenthalt in Deutschland genauer. In Arnsberg, als die Stadt bombardiert wurde, sei sie auf einem Laster gesessen, der den Bomben entkommen wollte. Ein Ast habe sie auf dem offenen LKW erfasst, sie sei vom Laster heruntergestürzt und dann 40 Tage im Koma gelegen. Seit dieser Zeit hat sie eine Schädigung des Rückenmarks, kann weder aufrecht sitzen noch gehen, Sie verlässt das Haus nur, um die Ziege zu melken. Einkaufen muss ihr Mann Iwan.

Hanna Dwirko mit Lubov Sochka von der ukrainischen Stiftung und Iwan Dwirko in Yahotyn, März 2006.

 

Letztes Jahr, als Iwan ins Krankenhaus musste, war sie völlig auf sich alleine gestellt und wollte sterben. Die Tochter besucht sie jedes Wochenende, sie arbeitet in Kiew, der Weg ist doch sehr weit. Die Enkelkinder sind mittlerweile der wichtigste Lebensinhalt.

59 Jahre ist sie nun mit ihrem Iwan verheiratet, den sie seit der Kindheit kennt. Der sei ein rechter Treibauf gewesen, habe ihr versprochen, ihr das Schwimmen beizubringen, aber habe sie doch nur immer getaucht. Ihr Iwan sei gerne mit seinem Motorrad alleine unterwegs gewesen, bis sie ihm die Zündkerzen herausgeschraubt habe. Aber findig wie er nun einmal sei, habe er sich schnell beholfen. Erst als sie Salz in den Tank geschüttet habe, sei er ein wenig ruhiger geworden.

Heute benutzen die beiden 81-jährigen den Zucker lieber für den Wodka, den sie für den Eigenverbrauch brennen. Ob ich den einmal versuchen dürfe, der schmecke doch sicherlich noch besser als die drei Gläser, die ich bisher getrunken habe?

Da eilt Iwan hinaus, holt eine zwei Literflasche Wodka, den er mir für zuhause mitgibt. Ich versuche vorsichtig, denn ich bin kein Freund von hochprozentigen Sachen. Aber der Wodka schmeckt fabelhaft! Das ältere Paar hält beim Wodka vorzüglich mit, sie haben auch bereits ihr drittes oder viertes Glas.

Voller Stolz zeigen die beiden mir auch noch ihre eingelegten Früchte und das Gemüse und ich darf auch die wundervollen Birnen und Tomaten verkosten. Dann heißt es Abschied nehmen von diesem wundervollen Paar, das sich nach fast 60 Jahren noch immer schätzt und respektiert und liebt.

Iwan Dwirko aus Yahotyn mit seiner Frau Hanna im März 2006.

 

Das Massaker der Deutschen in Kamenezk-Podolsk, Dnjepropetrowsk und Babi Jar unweit von Kiew

Ich habe auf meine Reise historische Lektüre mitgenommen: Hermann Graml, Die Reichskristallnacht. Dort lese ich auf Seite 214:

„Die Einsatzgruppe A …. verzeichnete bis zum 25. November 1941
229 052 exekutierte Juden. Die Einsatzgruppe B berichtete bis zum 14. November 1941 die Erschießung von 45467, Gruppe C bis Anfang Dezember 1941 von 95 000, Gruppe D bis 8. April 1942 bis 92 000 Juden.

Dazu kamen die von den Polizeiformationen der Höheren SS- und Polizeiführer ermordeten Juden, z.B. im August 1941 rund 23 600 karpato-ukrainische Juden bei Kamenezk-Pololsk, am 13. Oktober 1941 etwa 10 000 in Dnjepropetrowsk, Anfang November 1941 mindestens 15 000 in Rowno. Dem Massaker von Kiew (Babi Jar), an dem neben Teilen der Einsatzgruppe C mehrere andere Einheiten beteiligt waren, fielen im Laufe dreier Septembertage des Jahres 1941 nicht weniger als 33 771 Juden zum Opfer.“

Diese Massaker fanden unweit der Orte statt, die ich besuchte. Ob die Ukrainer und die Deutschen über diese unglaubliche Barbarei Bescheid wissen? Unrecht kann nicht mehr gutgemacht werden, aber vergessen dürfen wir es keinesfalls.

 

Besuche bei Iwan Dwirko 2002, 2003, 2006

Hermann Graml, Reichskristallnacht. Antisemitismus und Judenverfolgung, München 1988.