Henry Landman. (Rick Landman)

Henry Landman (Heinz Landmann)

Geboren: 12.06.1920, Augsburg

Gestorben: 29.12.2014, New York/USA

Wohnorte

Augsburg, Bahnhofstraße 18
Augsburg, Maximilianstraße 4c
Augsburg, Hermanstraße 3
England
New York/USA

Orte der Verfolgung

Gefängnis am Katzenstadel Augsburg

KZ Dachau

Weitere Informationen

*English version below*

Henry Landman wurde als Heinz Landmann am 12.06.1920 in Augsburg geboren. Seine Eltern waren Regina Landmann, geb. Grünebaum (1891-1955) und Joseph Landmann (1895-1964). Er wuchs in Augsburg zusammen mit seinen Schwestern Johanna (1921-1970) und Irma (1923-1985) auf.1

Seit dem Jahr 1922 wohnte die Familie in einem gemeinsamen Haushalt mit Minna Wolf (einer Schwester der Mutter) und deren Tochter Auguste.

In den 1920er Jahren bewohnte die Familie ein Apartment in der Bahnhofstraße 18.2 Als eine spätere Adresse wird von Heinz Landmann die Maximilianstraße 4c genannt.3 Später zogen alle gemeinsam in die Hermanstraße 3.4

Heinz Landmann besuchte ab seinem sechsten Lebensjahr die Volkshauptschule St. Anna (heutige St.-Anna-Grundschule, Schaezlerstraße).5 Mit zehn Jahren wechselte er auf das Augsburger Realgymnasium (das heutige Peutinger Gymnasium, An der Blauen Kappe 10).

Privat war Heinz Landmann ganz offensichtlich ein sportbegeisterter junger Mann. Viele Dokumente und Bilder erzählen von seinen vielfältigen Aktivitäten. Seine größte sportliche Leidenschaft dieser Zeit galt nach eigener Aussage dem Fußball: I belong to a  German soccer club, which was my love of <lacht> my life, playing soccer at that time.6 Er gehörte der Schülerelf des Fußballvereins Schwaben Augsburg an.7

Diskriminierung und antijüdische Hetze hat Heinz Landmann sowohl im Sportverein als auch in der Schule erfahren. Diese Ereignisse haben ihn sein Leben lang begleitet und wurden mehrmals von ihm erzählt. Er erwähnte sowohl in seinem Interview als auch gegenüber Gernot Römer den Abend, an dem er wie so oft an einer der regelmäßigen Spielersitzungen teilnahm. Nur dass er dieses Mal miterleben musste, wie ein Angehöriger der Sturmabteilung (SA) einen langen hetzerischen Vortrag über Juden und andere Reichsfeinde abhielt. Dieses persönliche Erlebnis wog für ihn so schwer, dass er am nächsten Tag der Vereinsführung seinen sofortigen Austritt mitteilte.8

Auch während des Unterrichts in der Schule kam es immer wieder zu antisemitischen Aktionen. Henry Landmann berichtete ausführlich und äußerst ergriffen davon, wie ein jüdischer Mitschüler vor der ganzen Klasse diskriminiert wurde. Indem der Lehrer den Mitschüler als eine Person zur Schau stellte, vor der sich die deutschen Schüler und Schülerinnen fernhalten sollten, wurde dieser geradezu als „ lebendes jüdisches Anschauungs- und Abschreckungsmaterial“ missbraucht.9

Vermutlich im Jahr 1935 verließ Heinz Landmann die Schule und begann im elterlichen Geschäft eine Lehre als Kürschner. Die Berufsschule besuchte er ebenfalls in Augsburg. Ein Schreiben des Firmenbesitzers Josef Berchtold aus Augsburg bestätigt, dass er vom 01.04.1936 bis zum 09.09.1938 in dessen Kürschnerbetrieb beschäftigt war.10

Obwohl sich die Familie schon im Laufe des Jahres 1938 immer wieder um eine Ausreisegenehmigung bemüht hatte, machte Heinz Landmann noch seinen Führerschein.

In der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 wurde Heinz Landmann von zwei Gestapoangehörigen in der elterlichen Wohnung aus dem Bett geholt, abgeführt und in das Polizeipräsidium gebracht. Er war der Erste von ca. 200 verhafteten jüdischen Männer aus Augsburg, welcher in dieser Nacht auf dem Polizeipräsidium ankamen.11

Von dort aus brachte man ihn und die Anderen in das Augsburger Gestapo Gefängnis am Katzenstadel. Er erinnerte sich, dass er dort zusammen mit drei weiteren Männern in einer Zelle eingesperrt war.12 Am nächsten Tag wurden alle Gefangenen (darunter auch sein Vater) in Bussen in das Konzentrationslager Dachau gebracht.13

Schon bei der Ankunft in Dachau war Heinz Landmann mit dem äußerst gewaltvollen Vorgehen der Aufseher konfrontiert und wurde zudem massivem psychischem Terror ausgesetzt. Über einzelne Erfahrungen während der Zeit seiner Inhaftierung berichtet er im Interview und der Biografie wenig, lediglich über die Ankunft und den nächsten Tag kann und möchte er später ausführlicher berichten. Insgesamt wurde er sechs Wochen im Konzentrationslager festgehalten.

(Rick Landman)

 

Die Familienmitglieder mussten zum Teil getrennt voneinander ausreisen. Heinz Landmann verließ Deutschland im März 1939 alleine.14 Er emigrierte über England, wo er sich ca. 7 Monate aufhielt, in die USA. Im November desselben Jahres kamen in New York die Eltern und die drei Geschwister wieder zusammen.

Im Januar 1943 erhielt Henry Landman den endgültigen Einberufungsbescheid für den Militärdienst in die amerikanische Armee.15 Sein Weg als Soldat führte ihn dann im Zweiten Weltkrieg zurück nach Deutschland, und schließlich auch nach Augsburg.

Henry Landman erreichte am 28. 04.1945 die Stadt. Dort suchte er nach seiner Tante Minna. Sie hatte als einzige der Familie bei Kriegsausbruch noch keine Ausreisegenehmigung erhalten. Seine Cousine Auguste war mit einem der Kindertransporte noch rechtzeitig nach England gebracht worden. Eine befreundete Familie konnte ihm jedoch nur noch einen Koffer mit persönlichen Gegenständen seiner Tante übergeben, welchen sie vor ihrer Deportation aus Augsburg bei der Familie zurückgelassen hatte.

Henry Landman, 1944. (Rick Landman)

 

Nach seiner Rückkehr in die USA arbeitete er in New York zusammen mit seinem Vater im gemeinsamen Betrieb. Im Jahr 1947 heiratete er die in Nürnberg geborene Lisa Öttinger. Sie bekamen zusammen zwei Söhne, Robert und Richard.16

Henry Landman hat im Verlauf seines Lebens immer wieder von seinen Erfahrungen berichtet. Gegen das Vergessen zu arbeiten war ihm ein großes Bedürfnis geworden. In seinem Zeitzeugeninterview aus dem Jahr 1996 antwortete er auf die Frage, was ihm persönlich wichtig sei weiterzugeben: to be aware that it can happen again.17

Henry Landman ist 2014 im Alter von 94 Jahren in New York verstorben.

Maria Kastner

*English version*

Henry Landman was born as Heinz Landmann on the 12th of June 1920 in Augsburg. His parents were Regina Landmann, born Grünebaum (1891 – 1955) and Joseph Landmann (1895 – 1964).  He grew up in Augsburg, together with his sisters Johanna (1921 – 1970) and Irma (1923 – 1985).1

After 1922 the family lived in a household with Minna Wolf who was a sister of the mother, and her own daughter Auguste.

In the 1920`s the family lived in a flat in the Bahnhofstrasse 18.2 A later address of Heinz Landmann was named as Maximillianstrasse 4c.3 Later they all moved together in the Hermanstrasse 3.4

At the age of six, Heinz Landmann was a pupil at the Volkshauptschule St. Anna (today St. Anna-Grundschule, Schaetzlerstrasse).5 When he was ten, he then went to the Augsburger Realgymnasium. (Today that is Peutinger Gymnasium, An der Blauen Kappe 10).

Privately, Heinz Landmann was evidently a sporty young man. Many documents and pictures show his many activities. His big sporting passion was, according to himself, football.  „I belong to a German soccer club, which was my love of (laughs) my life, playing soccer at that time“.6 He belonged to the school eleven of the football club Schwaben Augsburg.7

Not only at school, but also in his sport club, he experienced discrimination and anti-Jewish hate. These experiences accompanied his whole life, and he spoke often of them, as well as mentioning them in an interview with Gernot Römer, during the evening when he took part in a regular meeting of players. During this time, he had to live through a long rabble-rousing lecture about Jews and other enemies of the empire, given by a member of the Sturmabteiling (S.A.). This personal experience was so serious for him, that the next day he announced his immediate resignation from the football club.8

During the school lessons, there were repeated anti-Jewish actions. Henry Landman reported in detail, how a Jewish schoolboy was discriminated in front of the whole class. The teacher humiliated the schoolboy by telling the other pupils to keep clear of him.  He was a „living Jewish material for deterrence“9

Presumably Heinz Landmann left school in 1935 and began to work as a farrier in his parents` business. He also went to a vocational training school in Augsburg. A letter from the owner of the business Josef Berchtold from Augsburg confirmed that he was in his farriers` business from 1st April 1936 until 9th September 1938.10

Although the family were trying to obtain permission to leave throughout 1938, Heinz Landmann still obtained a driving licence.

In the „Reichspogromnacht“ between the 9th and 10th November 1938, Heinz Landmann was taken from his bed in his parents` house, and  taken to the police headquarters. He was the first of about two hundred arrested Jewish men from Augsburg who landed in the police headquarters in that night.11

From there, together with the other men, he was brought to the Augsburger Gestapo prison at Katzenstadel. He remembers that he was locked up with three other men in a cell.12 The next morning all the prisoners (including his father) were brought to the concentration camp in Dachau.13

As soon as he arrived in Dachau Heinz Landmann was confronted with the extreme violent actions of the guards and was exposed to massive psychological terror. He spoke little about the singular experiences in an interview and biography. Altogether he was detained for six weeks in the concentration lager.

(Rick Landman)

 

Some of the members of the family had to leave the country separately from each other. Heinz Landmann left Germany in March 1939 on his own.14 He emigrated via England, where he stayed for seven months, to the USA. In November 1939 his parents and his siblings were reunited.

In January 1943 Heinz Landmann was drafted for military service in the American army.15 His path as a soldier took him then back to Germany in the Second World War, and eventually to Augsburg.

Henry Landman reached Augsburg on the 28th of April 1945. There he looked for his Aunt Minna.  She was the only one in the family who did not receive emigration papers. Just in time, his cousin Auguste had been put on the childrens` transport to England.  However, a friendly family could give him back just one suitcase with the personal objects of his aunt, which she had given them before she was deported from Augsburg.

Henry Landman, 1944. (Rick Landman)

 

When he returned to the U.S.A. he worked together with his father in the family business. In 1947 he married Lisa Öttinger who had been born in Nürnberg. They had two sons, Robert and Richard.16

Henry Landman repeatedly reported his experiences throughout his life. It had become an urgent need to work against forgetting. In his newspaper interview from 1996, on being asked what was personally important to him to tell, he said „to be aware that it can happen again“.17

In 2014 Henry Landman died in New York at the age of 94.

Maria Kastner

  1. Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941–1949 (Material zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007, S. 285f.
  2. Visual History Archive USC Shoah Foundation, Henry Landman, Interview 16769. Ebenso Archiv USHMM Collection, Henry Landman papers, Series 1, Biographical materials, Landman Josef, Page 11, Heiratsschein von Josef und Regina Landmann in Augsburg.
  3. Archiv USHMM Collection, Henry Landman papers, Series 7, Writings, Articels for the Augsburger Allgemeine Zeitung by Henry Landman, Page 4; Augsburger Allgemeine Zeitung, 27.04.1985, „Als Besatzer die Heimatstadt wiedergesehen“.
  4. Gernot Römer (Hg.), 2007, S. 285.
  5. Archiv JMAS, Bestand PA 1207, Landman, Henry (Heinz), Zeugnis 1. Klasse.
  6. Visual History Archive USC Shoah Foundation, Henry Landman, Interview 16769.
  7. Gernot Römer, „Wir haben uns gewehrt“. Wie Juden aus Schwaben gegen Hitler kämpften und wie Christen Juden halfen, Augsburg 1995, S. 87f.
  8. Gernot Römer, 1995, S. 87f. und Interview am 26. Juni 1996.
  9. Visual History Archive USC Shoah Foundation, Henry Landman, Interview 16769.
  10. Archiv USHMM Collection, Henry Landman papers, Series 7, Writings, Biography, S. 56.
  11. Visual History Archive USC Shoah Foundation, Henry Landman, Interview 16769.
  12. Visual History Archive USC Shoah Foundation, Henry Landman, Interview 16769.
  13. Visual History Archive USC Shoah Foundation, Henry Landman, Interview 16769.
  14. Gernot Römer, Die Austreibung der Juden aus Schwaben. Schicksale nach 1933 in Berichten, Dokumenten, Zahlen und Bildern, Augsburg 1987, S. 223.
  15. Archiv USHMM Collection, Henry Landman papers, Series 7, Writings, Biography, S. 153-164.
  16. Gernot Römer, 1987, S. 224.
  17. Visual History Archive USC Shoah Foundation, Henry Landman, Interview 16769.

Archiv USHMM (United States Holocaust Memorial Museum) Collection
– Henry Landman papers, Accession Number: 1997.A.0175.1, RG Number: RG-10.476, https://collections.ushmm.org/search/

Archiv Jüdisches Museum Augsburg Schwaben (JMAS)
– Bestand PA 1207, Landman Henry (Heinz), Zeugnis 1. Klasse

Visual History Archive USC Shoah Foundation
– Henry Landman, Interview 16769, Visual History Archive, USC Shoah Foundation, <https://sfi.usc.edu>. (Stand 24.11.2020: Das Interview ist dort derzeit nicht mehr zugänglich, die Bilder sind weiterhin abrufbar. Das Video ist an der Freien Universität Berlin für Mitglieder der Universität zugänglich, ebenso am NS-Dokumentationszentrum München).

Gernot Römer, Die Austreibung der Juden aus Schwaben. Schicksale von 1933 in Berichten, Dokumenten, Zahlen und Bildern, Augsburg 1987.

Gernot Römer, „Wir haben uns gewehrt“. Wie Juden aus Schwaben gegen Hitler kämpften und wie Christen Juden halfen, Augsburg 1995.

Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941–1949 (Material zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007.