Hedwig Frankfurter, geb. Epstein. (Foto: Stolpersteine Göppingen)

Hedwig Frankfurter, geb. Epstein

Geboren: 05.11.1877, Augsburg

Gestorben: Mai 1944, Auschwitz

Wohnorte

Augsburg, Bahnhofstraße 12 ½
Göppingen, Lutherstraße 11
Oberdorf bei Bopfingen

 

 

Orte der Verfolgung

Deportation
am 22. August 1942
von Stuttgart-Killesberg
nach Theresienstadt

Weitertransport
am 16. Mai 1944
von Theresienstadt
nach Auschwitz

Weitere Informationen

Hedwig Frankfurter, geb. Epstein

Kindheit

Hedwig Epstein wurde am 5. September 1877 in Augsburg geboren. Ihr Vater Abraham Adolph Epstein (28.3.1828–23.4.1912) kam aus Harburg in Schwaben. Er war als Handlungskassier, Großhändler und Bankier tätig. Neben seinem beruflichen Engagement war er z. B. auch Mitglied im Johannisverein. Am 1. Juni 1857 hatte er ihre Mutter Babette Rosenfelder (10.5.1837–23.1.1908) in Nördlingen geheiratet. Sie stammte aus Aufhausen in Württemberg. Hedwig lebte mit ihren Eltern und ihren 7 Geschwistern in der Augsburger Bahnhofstraße 12 ½. Sie war die jüngste der Geschwister; über ihre Schullaufbahn oder Ausbildung ist nichts bekannt.1

Weiterer Lebensweg

Am 23. Oktober 1898 heiratete Hedwig den Fabrikanten Sigmund Frankfurter in Augsburg.2 Hedwig und ihr Mann waren keine streng religiösen Juden, sondern sie wurden als „Drei-Tages-Juden“3 bezeichnet, was bedeutet, dass sie nur zu jüdischen Feiertagen in die Synagoge gingen. Sie zog mit ihrem Mann nach Göppingen, da sich dort dessen Firma befand.4 1901 kam ihr Sohn Heinrich zur Welt und 1911 ihr zweiter Sohn Richard.5Die Familie lebte in der Göppinger Lutherstraße 11.6

Ihre Großnichte Doris Doctor erinnerte sich an ihre Großtante Hedwig: „Hedwig Frankfurter war eine sehr liebe, lebhafte Person, die mich einmal nach Göppingen für eine Woche einlud: Sie stellte mich anderen jungen Mädels vor und hat mich verwöhnt. Sie lachte gern und war stets guter Laune. Sie gab mir ganz feine Speisen, die wunderbar schmeckten. Sie war ganz entzückt, dass ich so gut aß, denn sie hörte von meiner Mutter, dass ich eine schlechte Esserin war.“ Auch Sigmund hat in der kindlichen Erinnerung seinen Platz gefunden: „An Sigmund Frankfurter kann ich mich auch erinnern. Er war ein großer Mensch, recht lieb, aber ich hatte etwas Angst vor ihm, weil er mir so riesengroß vorkam.“7

Verfolgung und Tod

Nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 und spätestens ab der Reichspogromnacht im November 1938 war der Alltag der Frankfurters von zunehmender Isolation geprägt.8 Hedwig traute sich kaum noch aus dem Haus und ihre Freunde kamen nicht mehr, was sie vereinsamen ließ.9

Ihr Ehemann war im Zuge des Novemberpogroms verhaftet und in das Göppinger Gefängnis gebracht worden.10 Nach seiner Entlassung und nachdem ihre Kinder emigriert waren, fassten auch Hedwig und Sigmund den Plan auszuwandern, jedoch zu spät. Ab dem 23. Oktober 1941 wurde ein Gesetz erlassen, das Juden die Ausreise aus Deutschland untersagte.11 Ab November 1941 wurden erstmals auch Göppinger Juden nach Riga im heutigen Lettland deportiert, was auf der nationalsozialistischen „Endlösung der Judenfrage“ beruhte.12 Im Juni 1942 bekamen Hedwig und ihr Mann ein Schreiben mit der Aufforderung ihr Haus zu verlassen. Sie erkundigten sich und wussten bereits, dass ihnen „ein beengtes und armseliges Leben drohe“. Als sie ihr Haus verlassen mussten, wurden sie „rücksichtslos, wie man ein Stück Vieh am Strick zieht“ aus dem Haus getrieben. Sie wurden nach Oberdorf bei Bopfingen umgesiedelt und verbrachten dort die letzten zwei Monate vor ihrer Deportation.13 Im August 1942 wurden sie in das Sammellager Stuttgart-Killesberg gebracht und am 22. August ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert.14 Hedwig und Sigmund waren kein Einzelfall, denn im Sommer 1942 wurden vor allem ältere Göppinger Juden nach Theresienstadt deportiert.15 Dort arbeitet Hedwig zunächst in der Küche.16 Am 16. Mai 1944 wurde sie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau weiter verschleppt.17 Aufgrund ihres Alters wurde sie höchstwahrscheinlich sofort nach der Ankunft ermordet.18 Ihr Ehemann Sigmund Frankfurter war schon am 1. November 1942 aufgrund der Haftbedingungen in Theresienstadt gestorben.19

Ihr Ehemann Sigmund Frankfurter

Sigmund Frankfurter. (Foto: Stolpersteine Göppingen)

 

Sigmund Frankfurters Familie stammte ursprünglich aus Buchau am Federsee.20 Er wurde am 15. März 1866 in Stuttgart geboren.21 Er war Fabrikant und ein sehr angesehener Bürger Göppingens, außerdem war er seit 1919 Vorstandsmitglied der Ortsgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und ab 1921 Vorstand der jüdischen Gemeinde.22 Sein Vater Heinrich Frankfurter hatte 1896 die Mechanische Buntweberei in der Bahnhofstraße gegründet, die später in Buntweberei Gebrüder Frankfurter OHG umbenannt wurde. Nach und nach machte sich die Firma einen Namen, da sie Inletts, Bezugsstoffe und Korsettstoffe produzierte und immer weiter wuchs.23 Als die NSDAP 1933 bei der Reichstagswahl die Mehrheit der Stimmen erlangte und die Regierung bildete, wurden die Möglichkeiten des Wirtschaftens immer schwieriger: Anfangs waren die Veränderungen fast nicht bemerkbar, doch 1938 war die Familie gezwungen die Firma zu verkaufen, da es kaum mehr möglich war, das Unternehmen erfolgsorientiert weiterzuführen.24 Carl Schlecht kam als Käufer in Frage, da die Frankfurters ihn kannten und er nicht mit den Nationalsozialisten sympathisierte. Der Verkauf wurde am 18. August 1938 durch einen Notar besiegelt. Carl Schlecht wurde kurz darauf von der Stuttgarter Gauleitung gezwungen, vom Vertrag zurückzutreten.25 Als er sich dem widersetzen wollte, wurde er im sog. Schutzhaftlager Welzheim inhaftiert, und der Betrieb konnte von einem dem Regime erwünschten Käufer übernommen werden. Wilhelm Munze und sein Partner Karl Öhme kauften die Firma schließlich für 155.000 Reichsmark, während Carl Schlecht noch 210.000 Reichsmark bezahlt hätte.26

Buntweberei Gebrüder Frankfurter OHG (Foto: http://antifagp.blogsport.eu)

Kinder

Heinrich Frankfurter

Heinrich Frankfurter wurde am 10. Juni 1901 in Göppingen geboren. Nach seiner Schulzeit machte er eine Ausbildung zum Textilingenieur, um dann ins Familienunternehmen einzusteigen.27 Er heiratete am 29. August 1931 Ilse Berlizheimer in Hanau. Sie wurde am 19. Juli 1906 in Hanau geboren und war Gymnastiklehrerin. Bis 1933 besaß sie sogar eine eigene Tanzschule in Stuttgart. Diese musste sie vermutlich aufgrund der Boykotte gegen jüdische Geschäfte nach der Machtübernahme Hitlers im April 1933 schließen.28 Die Familie lebte zur Miete in der Frühlingstraße 73 in Göppingen.29 Heinrich und Ilse bekamen zwei Kinder30: eine Tochter namens Ruth Ida, die am 15. Juni 1935 in Göppingen geboren wurde, und einen Sohn namens Michael, der am 17. Februar 1938 ebenfalls dort geboren wurde.31 Da die Übergriffe gegenüber Juden immer schlimmer wurden, reisten die Eheleute mit einem Touristenvisum im September 1938 nach Palästina, um eine mögliche Auswanderung vorzubereiten. Die darauffolgende Reichspogromnacht machte ihnen jedoch eine Rückreise nach Deutschland unmöglich. Ihre Kinder waren noch in Deutschland, und deshalb beauftragten sie ihr Kindermädchen Emilie Eisele, Ruth Ida und Michael nach Palästina zu bringen.32 Im Januar 1939 schließlich kam sie mit den Kindern in Palästina an. Heinrich schlug sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durch, war seit Ende 1942 Angestellter der Mandatsregierung, 1947/48 Vertreter und ab 1948 Teilhaber der Firma Frankfurter & Co. Die Familie lebte in Kfar-Ono (Kiryat Ono) bei Tel Aviv.33

Richard Frankfurter

Richard Frankfurter wurde am 27. Januar 1911 in Göppingen geboren.34 Wie sein Bruder machte er eine Ausbildung zum Textilingenieur, um im Familienbetrieb zu arbeiten. Er heiratete am 15. Februar 1937 Elsbeth Fleischer in Göppingen und zog kurz darauf gemeinsam mit ihr in eine Wohnung in der Östlichen Ringstraße 52.35 Ihre Tochter Edith kam am 25. Mai 1938 zur Welt.36 In Folge der Reichspogromnacht wurde Richard vom 10. November 1938 bis zum 1. Dezember 1938 ins KZ Dachau gebracht.37 Kurz nach seiner Entlassung wurde er vom 8. Dezember 1938 bis zum 30. Dezember 1938 im naheliegenden sog. Schutzhaftlager Welzheim festgehalten.38 Nachdem er wieder freigekommen war, beschlossen Richard und Elsbeth, da keine Besserung in Sicht war, zu emigrieren. Sie flohen im August 1939 nach Lima in Peru zu Elsbeths Bruder Edgar Fleischer, der bereits 1934 dorthin ausgewandt war.39 Elsbeth starb 1941 bei einem Autounfall.40 Richard heiratete ein Jahr nach ihrem Tod Gerda Lewin, mit der er einen Sohn namens Raul bekam.41

Stolpersteine

Für Hedwig und Sigmund Frankfurter wurden 2016 in Göppingen Stolpersteine vor ihrem letzten freiwilligen Wohnort in der Lutherstraße 11 verlegt.42

Stolperstein für Hedwig Frankfurter. (Foto: Stolpersteine Göppingen)
Stolperstein für Sigmund Frankfurter. (Foto: Stolpersteine Göppingen)

 

Dies ist ein Auszug aus der Biografie, die von Marc Wolla, Schüler des Oberstufenjahrgangs 2018/2020 am Paul-Klee-Gymnasium Gersthofen, im Rahmen des W-Seminars „Jüdische Opfer des Nationalsozialismus im Großraum Augsburg“ im Fach Geschichte erarbeitet wurde.

  1. StadtAA, MB Abraham Adolph Epstein; https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20302/CEM-AUG-GRAVELIST-GERMAN.pdf.
  2. StadtAA, MB Hedwig Epstein.
  3. Klaus Maier-Rubner, Die Buntweberei Gebr. Frankfurter. Die Arisierung des Unternehmens und das Schicksal der Familie Frankfurter, Göppingen 2014, S. 6.
  4. Ebd.
  5. StAStutt, Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Heinrich Berthold Frankfurter.
  6. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 6.
  7. http://www.stolpersteine-gp.de/frankfurter-hedwig-und-sigmund/ (aufgerufen am 29.3.2021).
  8. Claudia Liebenau-Meyer/Klaus Maier-Rubner, Die stillen Helfer der Familie Frankfurter: Carl Schlecht und Emilie Eisele, Göppingen 2013, S. 37.
  9. http://www.stolpersteine-gp.de/frankfurter-hedwig-und-sigmund/ (aufgerufen am 23.10.2019).
  10. http://www.stolpersteine-gp.de/frankfurter-hedwig-und-sigmund/ (aufgerufen am 23.10.2019).
  11. Claudia Liebenau-Meyer/Klaus Maier-Rubner, 2013, S. 38.
  12. https://edjewnet.de/spuren/index.htm (aufgerufen am 25.10.2019).
  13. http://www.stolpersteine-gp.de/frankfurter-hedwig-und-sigmund/ (aufgerufen am 23.10.2019).
  14. StAStutt, Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Sigmund Frankfurter; https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de868167 (zuletzt aufgerufen 30.10.2019).
  15. http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20347/Ruess%20Deportation.pdf.
  16. StadtAA, MB Hedwig Frankfurter.
  17. https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de868167 (zuletzt aufgerufen 30.10.2019).
  18. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 29.
  19. http://www.stolpersteine-gp.de/frankfurter-hedwig-und-sigmund/ (aufgerufen am 23.10.2019); https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de868191 (aufgerufen am 30.10.2019).
  20. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 13.
  21. StAStutt, Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Sigmund Frankfurter.
  22. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 6.
  23. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 13.
  24. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 13ff.
  25. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 17.
  26. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 17.
  27. StAStutt, Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Heinrich Berthold Frankfurter.
  28. StAStutt, Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Ilse Berlizheimer.
  29. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 6.
  30. StAStutt, Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Heinrich Berthold Frankfurter.
  31. Claudia Liebenau-Meyer/Klaus Maier-Rubner, 2013, S. 32.
  32. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 6.
  33. StAStutt, Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Heinrich Berthold Frankfurter.
  34. StAStutt, Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Richard Leopold Frankfurter.
  35. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 9.
  36. StAStutt, Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Richard Leopold Frankfurter.
  37. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 19.
  38. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 20.
  39. Klaus Maier-Rubner, 2014, S. 24.
  40. http://www.stolpersteine-gp.de/frankfurter-hedwig-und-sigmund/ (aufgerufen am 23.10.2019).
  41. StAStutt, Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Richard Leopold Frankfurter.
  42. http://www.stolpersteine-gp.de/frankfurter-hedwig-und-sigmund/ (aufgerufen am 23.10.2019).

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldebogen (MB)
– Abraham Adolph Epstein
– Hedwig Epstein
– Hedwig Frankfurter

Stadtarchiv Stuttgart (StAStutt)
– Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Heinrich Berthold Frankfurter
– Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Ilse Berlizheimer
– Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Richard Leopold Frankfurter
– Erhebungsbögen zum Wiedergutmachungsverfahren, Sigmund Frankfurter

http://www.stolpersteine-gp.de/frankfurter-hedwig-und-sigmun

https://edjewnet.de/spuren/index.htm (aufgerufen am 25.10.2019)

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20302/CEM-AUG-GRAVELIST-GERMAN.pdf

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20347/Ruess%20Deportation.pdf

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de868167 (zuletzt aufgerufen 30.10.2019)

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de868191 (aufgerufen am 30.10.2019)

http://www.holocaust.cz/de/opferdatenbank/opfer/10822-hedwig-frankfurter/ (aufgerufen am 24.07.2017)

http://statistik-des-holocaust.de/list_ger_swd_420822.html (aufgerufen am 24.07.2017)

http://yvng.yadvashem.org/index.html?language=en&s_lastName=frankfurter&s_firstName=hedwig&s_place= (aufgerufen am 24.07.2017)

Miroslav Kárný (Hg.), Theresienstädter Gedenkbuch. Die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942–1945, Prag 2000.

Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941–1949 (Material zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007.

Claudia Liebenau-Meyer/Klaus Maier-Rubner, Die stillen Helfer der Familie Frankfurter: Carl Schlecht und Emilie Eisele, Göppingen 2013.

Klaus Maier-Rubner, Die Buntweberei Gebr. Frankfurter. Die Arisierung des Unternehmens und das Schicksal der Familie Frankfurter, Göppingen 2014.