Guido Giachetti mit seiner Ehefrau.

Guido Giachetti

Geboren: 14.05.1920, Lessona, Italien

Gestorben: 12.11.2015, Lessona, Italien

Wohnorte

Lessona, Italien

Orte der Verfolgung

Gefangener in Serbien

Zwangsarbeiter in Münster

Zwangsarbeiter bei Transehe, Gersthofen

 

Weitere Informationen

Als italienischer Militärinternierter nach Deutschland deportiert: Guido Giachetti

Guido Giachetti wird am 14.5.1920 in Lessona geboren. Er erlernt den Beruf eines Buchhalters. Im Anschluss ist er bei einer großen Firma tätig. Guido beginnt seine Militärausbildung in Allesandria (Piemonte) im September 1942. Er wird im Gesundheitswesen der italienischen Armee eingesetzt.

In der Mitte: Guido Giachetti.

 

Vor Weihnachten möchte er nach Hause zurückkehren, hat aber keine Erlaubnis hierzu. Als er am 3.1.1943 zum Militär zurückkehrt, wird er denunziert und kommt wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe für einen Monat ins Militärgefängnis. Im Februar wird er nach Berane in Montenegro versetzt und leistet dort bis September 1943 Militärdienst.

Guido Giachetti in Montenegro, 04.08.1943.

 

Nach dem Waffenstillstand Badoglios wird seine Truppe aufgelöst, aber die Soldaten werden verpflichtet, für die örtlichen Machthaber in Montenegro in den Bergen zu arbeiten. Im Frühjahr 1944 wird Guido von der deutschen Wehrmacht verhaftet und findet sich nach drei Tagen Fußmarsch in Albanien wieder. Von dort geht es per Zug nach Serbien, wo er 3 Monate als Gefangener verbringt.

Schließlich kommt der Befehl zur Deportation nach Deutschland. Per Zug geht es über Belgrad–Budapest–Wien–Freiburg schließlich nach Münster. Die Italienischen Militärinternierten (IMI) reisen in Güterzügen, in jedem Waggon befinden sich etwa 40 Italienische Soldaten. In Münster arbeiten die Italiener für etwa einen Monat in der Landwirtschaft, ehe ein Teil von ihnen im Sommer 1944 nach Gersthofen verbracht wird. Dies wird auch bestätigt durch die Beobachtungen von Anselmo Mazzi in seinem Buch  „Memorie Di Un Internato Militare Italiano N. 8744“.

In Gersthofen müssen die Italiener bei der Firma Transehe anfangs schaufeln, schaufeln, schaufeln. Es sollen Luftschutzbunker ausgehoben werden, zeitweise müssen die Männer auch die Eisenbahngleise und bombardierte Straßen reparieren. In Gersthofen werden die IMIs von zwei Soldaten bewacht. In der Baracke am Weiherweg sind in vier Räumen um die 200 Personen untergebracht, wie auch Anselmo Mazzi in seinem Buch berichtet.

An die Italiener, die bei Farbwerke Hoechst AG arbeiten, kann sich Guido Giachetti 2003 zum Zeitpunkt meines Besuches bei ihm nicht mehr erinnern. Die Nahrung besteht meist aus einem Stück Brot, Suppe und immer wieder Rüben, Rüben, Rüben.

Als er vom Status des Militärinternierten in den eines Zivilarbeiters übergeführt wird, kommt er mit anderen Italienern nach Augsburg ins Sammellager MAN/Kuka. Er arbeitet auch nicht mehr in Gersthofen und wird auch nicht mehr durch Soldaten, sondern von der Polizei bewacht. Nach seiner Erinnerung schläft er in einem alten verlassenen Haus. Mit dem Zivilstatus erhalten die Italiener sogar eine geringe Bezahlung. An der Arbeitsstelle werden sie aber weiterhin wie Kriegsgefangene behandelt.

Dass die Firma Transehe Treibstoff für die V2-Rakete produziert, weiß er nicht, er hat andere Arbeit zu leisten. Am 8.4.1945 flieht er mit sechs weiteren ehemaligen Häftlingen in den Norden, der von den Alliierten bereits befreit worden ist. Durch die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) werden die Italiener schließlich nach Innsbruck mit dem Zug verfrachtet.

Vor der Ankunft wird die Bahnbrücke aber bombardiert, sodass sie einen Fußweg von 30 km nach Innsbruck zurücklegen müssen. Mit dem Lastwagen geht es dann zum Brenner.

Guido Giachetti mit Gianni Nervo (rechts).

 

Am 14. April 1945 kommt er schließlich in seinem Heimatort Lessona abends gegen 22:30 Uhr an. Während der folgenden Jahre bleibt er sehr mager, hat Fieberschübe, Abszesse, und er leidet unter einer bestimmten Form von Typhus, an dem er bereits in Jugoslawien erkrankt ist.

Guido Giachetti ist nicht verbittert, wenn er an die Kriegszeit denkt. Hitler und Mussolini, die er beide verabscheut, macht er für das Unglück des II. Weltkrieges verantwortlich.

Guido Giachetti mit seiner Frau am 15.10. 2003 anlässlich meines Besuches in Lessona.

 

Nach 1945 wird Guido Beamter des italienischen Staates. Am 12. November 2015 ist Guido Giachetti in Lessona verstorben.

Wir möchten sein Andenken mit einem Stolperstein bewahren.

Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, 86368 Gersthofen, Haydnstr. 53; Gegen Vergessen – Für Demokratie, RAG Augsburg-Schwaben bernhard.lehmann@gmx.de; Tel. 0163/8028549

 

Stadtarchiv Gersthofen

Interview mit Guido Giacchetti am 15.10.2003

Interview mit Cesare Giacchetti 2020

Anselmo Mazzi, Memorie Di Un Internato Militare Italiano N. 8744, Arezzo 1978.