Gretchen Steiner, geb. Kirchhausen. (Klaus Maier-Rubner, Göppingen)

Gretchen Steiner, geb. Kirchhausen

Geboren: 27.04.1903, Göppingen

Gestorben: Datum nicht bekannt, Auschwitz

Wohnorte

Göppingen, Gartenstraße 48
Oettingen, Klosterplatz C 26
Augsburg, Ulmer Straße 121
Augsburg, Halderstraße 8
Augsburg, Geisbergstraße 14

Orte der Verfolgung

Deportation
am 8. oder 9. März 1943
von Augsburg
über München-Berg am Laim
nach Auschwitz

Weitere Informationen

Kindheit und Jugend

Gretchen Steiners Vater Sigmund Kirchhausen wurde am 3. Juli 1874 als eines von sechs Kindern des Ehepaares Rachel Kirchhausen, geb. Oppenheimer und Josef Karl Kirchhausen im badischen Schluchtern geboren. Er hatte zwei Brüder sowie drei Schwestern. Sigmunds Vater arbeitete als Viehhändler.1

Zwei Jahre später, am 9. Juni 1876, kam Gretchen Steiners Mutter Emma Nördlinger auf die Welt. Sie war eines von neun Kindern, darunter zwei Schwestern sowie sechs Brüder. Emma lebte mit ihren Geschwistern und ihren Eltern Rebekka Nördlinger, geb. Löffler und Leopold Nördlinger in Laupheim, welches sich im heutigen Bundesland Baden-Württemberg befindet.2

Emma Nördlinger und Sigmund Kirchhausen heirateten am 18. Juli 1902 standesamtlich im Geburtsort der Ehefrau, und drei Tage später am 21. Juli in der Synagoge in Göppingen. Das jüdische Paar bekam ein Kind: Gretchen. Sie wurde am 25. April 1903 in Göppingen geboren.3 Ihr Vater Sigmund arbeitete, wie auch schon seiner, als Viehhändler im Raum Laichingen, wo sich sein kleines Unternehmen befand. Gretchens Vater widmete seinem Beruf sehr viel Zeit, um genug Geld für seine Familie zu verdienen und konnte so nur über das Wochenende bei seiner Frau und Tochter daheim sein. Die Familie Kirchhausen wurde in ihrer Nachbarschaft als sehr unauffällig und bescheiden beschrieben.4

Heirat mit Julius Steiner

Gretchens späterer Ehemann Julius Steiner wurde am 19. Mai 1900 in Hainsfarth nahe Oettingen geboren.5 Dort lebte er mit seiner Schwester Sidonie Steiner sowie mit seinen Eltern Jette Steiner, geb. Gutmann und Isidor Steiner.6 Er war als Handelsvertreter für Wäsche tätig.7 Laut der Aussage seiner Schwester führte er ein Wäschegeschäft.8 Gretchen Kirchhausen und Julius Steiner heirateten am 22. August 1930 in Göppingen.9 Ab dem 2. September desselben Jahres hatten sie ihren Wohnsitz am Klosterplatz C26 in Oettingen/Bayern.10 Die beiden bekamen keine Kinder.

Julius Steiner. (Klaus Maier-Rubner, Göppingen)

 

NS-Zeit

Gretchen und Julius Steiner lebten bis zum 30. Januar 1933 vermutlich ein ruhiges Leben, das sich dann aber entscheidend änderten sollte: Adolf Hitler wurde zum Reichkanzler ernannt. Kurze Zeit später wurde die NSDAP am 5. März 1933 unter dessen Führung an die Macht gewählt.11

Schon am 1. April 1933 wurde die erste deutschlandweite Aktion gegen Juden verübt, der sogenannte Geschäftsboykott mit der klaren Aussage „Kauft nicht bei Juden!“.12 Inwieweit das Ehepaar direkt betroffen war, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Die wirtschaftliche Situation verschlechtere sich für sie aber zusehends.13

Am 15. September 1935 wurde mit der Bekanntgabe der „Nürnberger Rassengesetze“ die Legitimationsgrundlage für die Diskriminierung und Verfolgung der Jüdischen Bevölkerung gelegt. Darunter war das „Reichsbürgergesetz“, welches auch den Steiners die Gleichberechtigung entzog.14

Die Novemberpogrome 1938 verschlimmerte die Situation von Juden noch einmal deutlich.15 Im Zuge der Pogrome wurde es z. B. Gretchen Steiners Vater verboten, als Viehhändler zu arbeiten.16

Schon am 17. August 1938 wurde eine Verordnung zum Tragen eines Zwangsvornamens erlassen: Ab Januar 1939 mussten Jüdinnen den zweiten Vornamen „Sara“ und Juden den Namen „Israel“ tragen.17

All diese Ereignisse veranlassten Gretchen und Julius Steiner sich im Februar 1939 um ihre Emigration zu bemühen. Anfangs versuchten sie in die Dominikanische Republik auszureisen, was jedoch aufgrund der nötigen hohen Geldsumme unmöglich wurde. Ihre zweite Option war der Weg in die USA, welche wegen einer zu langen Wartefrist auch nicht verwirklicht werden konnte. Der letzte Funke Hoffnung, in Palästina Schutz zu finden, gelang dem jungen Paar aus unbekannten Gründen ebenso wenig, weshalb sie weiterhin in Deutschland bleiben mussten.18

Von Oettingen nach Augsburg

Gretchen und ihr Ehemann Julius mussten am 3. Juli 1939 Oettingen vermutlich unter Zwang verlassen und zogen nach Augsburg in das Haus von Samuel Einstein in der Ulmer Straße 121.19

Gretchen Steiner musste vom 29. Dezember 1941 bis zum 3. März 1943 Zwangsarbeit in die Ballonfabrik Augsburg leisten, Julius vom 31. Juli 1940 bis zum 4. März 1943 bei der Baufirma Schaffner.20

Damit die Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden noch deutlicher wurden, war es ab dem 19. September 1941 verpflichtend, einen gelben Judenstern zu tragen.21 Einen Monat später begannen dann die systematischen Deportationen aus Deutschland.22 Am 23. Oktober 1941 wurde außerdem ein generelles Auswanderungsverbot verhängt, wodurch es auch dem Ehepaar Steiner endgültig unmöglich gemacht wurde, Deutschland zu verlassen.23

Am 4. November 1942 mussten sie von der Ulmer Straße 121 auf das Gelände der Synagoge in der Halderstraße 8 umziehen.24 Dieses wurde zur damaligen Zeit als ein „Judenhaus“ verwendet.25

Dort lebten Gretchen und Julius Steiner bis zum Februar 1943.26 Danach wurden sie in ein Barackenlager in der Geisbergstraße 14 gebracht, wo sie bis zu ihrer Deportation festgehalten wurden.27

Deportation nach Auschwitz

Auf der Meldekarte ist zu lesen, dass das Paar am 8. März „evakuiert“ wurde, was bedeutet, dass sie deportiert wurden.28 Die beiden wurden erst nach München transportiert, wo sie mit zahlreichen anderen Jüdinnen und Juden auf ihre anschließende Verschleppung warten mussten.29 Fünf Tage später, am 13. März, wurde das Ehepaar Steiner mit 217 anderen Juden nach Auschwitz gebracht.30 Beide wurden dort ermordet. Die Todesdaten sind nicht bekannt.31

Die bereits 1939 eingezogenen Vermögenswerte verfielen mit der Deportation an das Deutsche Reich.32

Eltern

Am 1. April 1939 zogen Emma und Sigmund Kirchhausen von Göppingen in das jüdische Altersheim „Wilhelmsruhe“ bei Heilbronn. Schon am 18. November musste das Ehepaar in das Zwangsaltenheim Herrlingen bei Ulm ziehen, da die bisherige Unterkunft von den Nationalsozialisten geschlossen wurde. Am 17. Juni 1942 kamen sie zwangsweise in das Schloss Oberstotzingen.33 Von dort wurden sie am 16. August nach Stuttgart-Killesberg gebracht und am 22. August in das Lager Theresienstadt deportiert.34 Emma Kirchhausen starb dort am 26. Oktober 194235, Sigmund Kirchhausen am 2. August 1943.36

Dies ist ein Auszug aus der Biografie, die von Darius Anwander, Schüler des Oberstufenjahrgangs 2020/2022 am Maria-Ward-Gymnasium Augsburg, im Rahmen des W-Seminars „Jüdische Opfer des Nationalsozialismus im Raum Augsburg“ im Fach Geschichte erarbeitet wurde.

  1. LABW, Familienregister Familie Kirchhausen; https://www.geni.com/people/Sigmund-Kirchhausen/6000000035099749331 (aufgerufen am 05.11.2021).
  2. https://www.geni.com/people/Emma-Kirchhausen/6000000018635702077 (aufgerufen am 05.11.2021).
  3. https://www.geni.com/people/Gretchen-Steiner/6000000035099608355 (aufgerufen am 05.11.2021).
  4. https://stolpersteine-goeppingen.de/goeppingen/kirchhausen-emma-und-sigmund/ (aufgerufen am 05.11.2021).
  5. Heimatmuseum Oettingen, Familienstand von Gretchen und Julius Steiner; https://www.geni.com/people/Julius-Steiner/6000000035099923418 (aufgerufen am 05.11.2021).
  6. https://www.geni.com/people/Julius-Steiner/6000000035099923418 (aufgerufen am 05.11.2021).
  7. Heimatmuseum Oettingen, Familienstand von Gretchen und Julius Steiner.
  8. BayHStA, LEA 36098.
  9. Heimatmuseum Oettingen, Familienstand von Gretchen und Julius Steiner.
  10. Heimatmuseum Oettingen, Familienstand von Gretchen und Julius Steiner.
  11. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft.html (aufgerufen am 05.11.2021).
  12. https://www.bpb.de/izpb/7687/1933-1945 (aufgerufen am 03.11.2021).
  13. BayHStA, LEA 36098.
  14. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ausgrenzung-und-verfolgung/nuernberger-gesetze-1935.html. (aufgerufen am 31.01.2021).
  15. https://www.lpb-bw.de/reichspogromnacht (aufgerufen am 05.11.2021).
  16. https://stolpersteine-goeppingen.de/goeppingen/kirchhausen-emma-und-sigmund/ (aufgerufen am 05.11.2021).
  17. https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/schicksalsjahr-1938/258895/ab-heute-heisst-du-anders (aufgerufen am 03.11.2021).
  18. https://stolpersteine-goeppingen.de/goeppingen/kirchhausen-emma-und-sigmund/ (aufgerufen am 05.11.2021).
  19. StadtAA, MK Julius Steiner; StadtAA, PB Ulmer Straße 121.
  20. Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941-1949 (Materialien zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007, S. 354.
  21. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/voelkermord/gelber-stern.html (aufgerufen am 02.11.2021).
  22. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/holocaust (aufgerufen am 01.11.2021).
  23. https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/september-1941-einfuehrung-der-kennzeichnungspflicht-fuer-juden-im-deutschen-reich.html (aufgerufen am 01.11.2021).
  24. StadtAA, MK 2 Julius Steiner.
  25. https://www.wissner.com/stadtlexikon-augsburg/aufsaetze-zur-stadtgeschichte/juden-in-augsburg (aufgerufen am 05.11.2021).
  26. StadtAA, MK 2 Julius Steiner.
  27. StadtAA, MK 2 Julius Steiner.
  28. StadtAA, MK 2 Julius Steiner; https://www.statistik-des-holocaust.de/OT430313-11a.jpg (aufgerufen am 05.11.2021).
  29. https://stolpersteine-goeppingen.de/goeppingen/kirchhausen-emma-und-sigmund/ (aufgerufen am 05.11.2021).
  30. https://www.statistik-des-holocaust.de/OT430313-11a.jpg (aufgerufen am 05.11.2021).
  31. https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de974709 (aufgerufen am 05.11.2021); https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de974723 (aufgerufen am 05.11.2021).
  32. StAMuc, OFD, Nr. 8832.
  33. https://stolpersteine-goeppingen.de/goeppingen/kirchhausen-emma-und-sigmund/ (aufgerufen am 05.11.2021).
  34. https://stolpersteine-goeppingen.de/goeppingen/kirchhausen-emma-und-sigmund/ (aufgerufen am 05.11.2021).
  35. https://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/87331-kirchhausen-emma-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/ (aufgerufen am 05.11.2021).
  36. https://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/97725-kirchhausen-sigmund-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/ (aufgerufen am 05.11.2021).

Julius Steiner

Geboren

19.05.1900

Gestorben

Datum nicht bekannt

Letzter freiwilliger Wohnort

Oettingen in Bayern, Klosterplatz C 26

Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA)
Landesentschädigungsamt (LEA)
– 36098

Heimatmuseum Oettingen
– Familienstand von Gretchen und Julius Steiner

Landesarchiv Baden-Württemberg (LABW)
– Familienregister Familie Kirchhausen

Staatsarchiv München (StAMuc)
Oberfinanzdirektion (OFD)
– Nr. 8832

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekatei 2 (MK 2)
– Julius Steiner

Polizeibogen (PB)
– Ulmer Straße 121

https://www.bpb.de/izpb/7687/1933-1945 (aufgerufen am 03.11.2021)

https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/schicksalsjahr-1938/258895/ab-heute-heisst-du-anders (aufgerufen am 03.11.2021)

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de974709 (aufgerufen am 05.11.2021)

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de974723 (aufgerufen am 05.11.2021)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ausgrenzung-und-verfolgung/nuernberger-gesetze-1935.html. (aufgerufen am 31.01.2021)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg/holocaust (aufgerufen am 01.11.2021)

https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/september-1941-einfuehrung-der-kennzeichnungspflicht-fuer-juden-im-deutschen-reich.html (aufgerufen am 01.11.2021)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/voelkermord/gelber-stern.html (aufgerufen am 02.11.2021)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft.html (aufgerufen am 05.11.2021)

https://www.geni.com/people/Sigmund-Kirchhausen/6000000035099749331 (aufgerufen am 05.11.2021)

https://www.geni.com/people/Emma-Kirchhausen/6000000018635702077 (aufgerufen am 05.11.2021)

https://www.geni.com/people/Gretchen-Steiner/6000000035099608355 (aufgerufen am 05.11.2021)

https://www.geni.com/people/Julius-Steiner/6000000035099923418 (aufgerufen am 05.11.2021)

https://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/87331-kirchhausen-emma-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/ (aufgerufen am 05.11.2021)

https://www.holocaust.cz/de/datenbank-der-digitalisierten-dokumenten/dokument/97725-kirchhausen-sigmund-todesfallanzeige-ghetto-theresienstadt/ (aufgerufen am 05.11.2021)

https://stolpersteine-goeppingen.de/goeppingen/kirchhausen-emma-und-sigmund/ (aufgerufen am 05.11.2021)

https://www.statistik-des-holocaust.de/OT430313-11a.jpg (aufgerufen am 05.11.2021)

https://www.wissner.com/stadtlexikon-augsburg/aufsaetze-zur-stadtgeschichte/juden-in-augsburg (aufgerufen am 05.11.2021)

Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941-1949 (Materialien zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007.