Giorgio Gregori.

Giorgio Gregori

Geboren: 27.07.1920, Casina, Reggio Emilia, Italien

Gestorben: 14.05.1998, Casina, Reggio Emilia, Italien

Wohnorte

Casina, Reggio Emilia, Italien

Orte der Verfolgung

Zwangsarbeiter u.a. bei der Firma Farbwerke Hoechst, Gersthofen

Weitere Informationen

Giorgio Gregori, geb. am 27. Juli 1920 in Casina, Reggio Emilia

ab 1943 Zwangsarbeiter bei der Firma Farbwerke Hoechst in Gersthofen

Giorgio Gregori wird am 27. Juli 1920 in Casina geboren. Im Jahr 1938 erhält er das Diplom als Grundschullehrer und beginnt in der Schule in seinen geliebten Bergen zu lehren. Gleichzeitig bereitet er sich privat für das Abschlussexamen für das Lehramt am Gymnasium vor. Dann besucht er die Universität in Bologna und absolviert erfolgreich das Studium der Altertumswissenschaften.

Giorgio Gregori.

 

Während des II. Weltkriegs leistet er seinen Wehrdienst bei der Luftwaffe in Turin ab. Dort wird er im September 1943 von den Deutschen gefangengenommen und nach Deutschland deportiert, wo er Zwangsarbeit in verschiedenen Firmen an verschiedenen Orten zu leisten hat. (Anhang unten)

Im Gefangenenlager: Schöpferisch nachempfundene Grafiken von einem Künstler aus Casina namens Meo, einem Freund von Gregori.

 

Nach Zwangsarbeit in Grunau und Sonthofen wird er im August 1944 vom Stalag Memmingen VIIB mit anderen Häftlingen abkommandiert zur Zwangsarbeit in Gersthofen. Von Buchloe läuft er zu Fuß nach Gersthofen, wo er anfangs in Baracken ohne Betten untergebracht ist. Die Essensrationen sind unzureichend und schlecht, wie er in seinem Tagebuch vermerkt. Er muss mit den anderen IMIs (Italienische Militär-Internierte) Luftschutzunterstände bauen. Nach 4 Tagen müssen sich die IMIs einem Leistungstest unterziehen, um ihre Einsatzmöglichkeiten zu taxieren. Jetzt werden die IMIs in einer Baracke mit Stockbetten untergebracht. Ganz in der Nähe hausen die russischen Kriegsgefangenen. Sonntags ist arbeitsfrei, die Zeit wird genutzt für Waschen, Nähen, Flicken, Briefe schreiben.

Entlassungsschein, 27.08.1944.

 

Am 17. September 44 bekommen die IMIs Besuch aus der italienischen Botschaft. Dank eines Vertrages mit dem nunmehr machtlosen Mussolini-Regime von St. Salo werden die IMIs in den Status von Zivilarbeitern übergeführt und unterstehen nicht mehr der Aufsicht der Wehrmacht. Ab sofort übernehmen örtliche Polizisten die Aufsicht über die Italiener. Giorgio erhält eine Lohnsteuerkarte und wird künftig infolge des Eignungstests als „Betriebswerker“ in der Chlor-Natrium-Abteilung eingesetzt. 50 Elektrolytmaschinen müssen überwacht werden und alle ihre Werte, z.B. das Mischungsverhältnis von Wasser und Lauge, müssen überprüft, das Chlor in der Hälfte und das Quecksilber in zwei Dritteln der Zellen analysiert werden.

Ab sofort dürfen die italienischen Zivilarbeiter nach Arbeitsende auch das Lager verlassen. Bis 21 Uhr haben sie Ausgang.

Ab September 44 tauchen fast jeden Tag die Bomber am Himmel über Augsburg auf und säen in aufeinanderfolgenden Angriffen auf die militärische Ziele und die Industrieanlagen von Augsburg und Umgebung Tod und Verderben. An allen Fronten befinden sich die deutschen Armeen in der Defensive, und die Nachrichten, die man zwischen den Zeilen der offiziellen Mitteilungen herauslesen kann, lassen keinen Zweifel daran, dass sich die Wehrmacht auf Verteidigungslinien zurückzieht und die Alliierten im Westen und die Sowjets im Osten entsprechend vorrücken. Anfang Oktober 44 haben die Alliierten die Reichsgrenzen erreicht und Aachen wird angegriffen. Das OKW reagiert darauf mit Angriffen der berüchtigten V1- und V2-Raketen auf belgische Städte. Der Treibstoff der Raketen, das Hydrazinhydrat, wird in der Firma Transehe in Gersthofen hergestellt!

Am 4. November 44 wird die Baracke der Italiener mit Maschinengewehrsalven überzogen. Gregori ist der einzige, der in der Baracke geblieben ist, er hat großes Glück, unverletzt dem Beschuss entkommen zu sein. Nach der Arbeit war er zu erschöpft, um die Warnrufe der Kollegen wahrzunehmen. Zehn Tage später wird sein Kumpel, der Kalabrese Salvatore, von einem Polizisten verhaftet und abgeführt. Der Vorwurf lautet auf Beleidigung des Führers und des Duce.
Die unvermeidliche Niederlage der Deutschen wird auch in Gersthofen spürbar. Die Essensrationen werden immer kleiner, immer häufiger finden die Zwangsarbeiter in den Tellern Rüben, Karotten und Kohl in immer kleiner werdenden Mengen und immer schlechterer Qualität. Nur am Sonntag gibt es eine Suppe, die einen dicken Grießbrei und einige gekochte Kartoffeln enthält. Das Brot wird immer schlechter. Jetzt besteht es fast nur noch aus einem Gemisch von Roggen und Weizen sowie Mehl, das aus Pappelmark gewonnen wird. Hunger und Kälte peinigen die Italiener, die Arbeit ist hart und bedrückend.

Auch die Arbeit ist mehr als beschwerlich. Drei bis vier Stunden pro Tag muss er die Gasmaske aufsetzen, um sich in der heißfeuchten Umgebung vor den Chlorgasen und vor dem Kontakt mit dem krebsfördernden Quecksilber und der gefährlichen Schwefelsäure zu schützen. Ganz zu schweigen von der Abteilung, in der die Laugenfusion stattfindet. Diese ähnelt einer Grube aus Dantes „Inferno“, wie Giorgio in seinem Tagebuch notiert. Dort arbeitet jetzt zur Strafe Salvatore der Kalabrier.

Als er aus Deutschland zurückkehrt, heiratet Giorgio die Grundschullehrerin Clotilde Grasselli, mit welcher er drei Kinder aufzieht: Ettore (verstarb 1997), Paolo und Anna. Er beginnt wieder, in der Hauptschule zu unterrichten, zuerst als Italienischlehrer, und dann, nachdem er in die Reggio Emilia gezogen ist, fungiert er als Direktor einer Mittelschule in der Provinz Reggio. Hier bleibt er, bis er 1985 in Pension geht.

Danach beginnt er seine Tätigkeit als Historiker und Forscher, mit Schwerpunkt der Erforschung des kulturellen und historischen Hintergrundes seiner Heimatstadt Casina. Dort verbringt auch er die letzten Jahre seines Lebens bis zu seinem Tod.

1991 erwirbt er das Diplom für Archivarbeit und Paläographie und hebt in Casina eine Abteilung für Lokalgeschichte aus der Taufe. Während dieser Periode schreibt er mehrere Bücher und ist auch am Layout beteiligt. Unter anderem veröffentlicht er nach genauestem Studium und Korrektur sein Tagebuch „Due anni in terra straniera“ (Zwei Jahre in fremdem Land), welches nicht nur seinen Lebensbericht als italienischer Gefangener in einem fremden Land enthält, sondern auch seine Persönlichkeit und seine moralischen Qualitäten offenbart, die er selbst in den schlimmsten und kritischsten Situationen nie verloren hat.

Giorgio Gregori verstirbt nach langer Krankheit am 14. Mai 1998. Die Schule in Casina wird nach ihm benannt, um an ihn zu erinnern, ebenso findet eine Reihe von kulturellen Ereignissen und Konferenzen zur Erziehung in seinem Namen statt.

Die Zeit in Deutschland war sehr schwer für ihn, dennoch verspürt er niemals Hass gegenüber der deutschen Bevölkerung. Ganz im Gegenteil, er fuhr fort, die Sprache und das kulturelle Erbe der Deutschen zu studieren.

Wir erinnern an diesen außergewöhnlichen Mann mit einem Stolperstein.

Stationen der Zwangsarbeit Gregoris in Deutschland:
Grunau bei Neuburg/Donau: 21.09.43–20.02.44 AK 579B
Sonthofen/Allgäu:                      21.02.–04.08.44 AK 206B
Memmingen:                               04.08.–22.08.44 Stalag VIIB
Gersthofen:                                  24.08.44–08.04.45 AK 594B
Bobingen:                                      09.08.–24.04.45
Augsburg:                                     25.04.–26.05.45
Günzburg:                                     26.05.–01.06.45
Rückreise nach Italien über den Brenner am 1.6.45

Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, StD a.D., Gegen Vergessen – Für Demokratie Augsburg-Schwaben 86368 Gersthofen Haydnstr. 53

Stadtarchiv Gersthofen

Interview mit Anna Gregori im November 2003.

Giorgio Gregori, Due anni in terra straniera, 1978.