Gertrud Gräfin d'Aix, Karteikarte aus Theresienstadt.

Gertrud Gräfin von Seyssel d’Aix

Geboren: 20.06.1877, Gollnow (Goleniow) in Pommern

Gestorben: 09.10.1965, Augsburg-Göggingen

Wohnorte

Gollnow (Goleniow) Pommern/Polen
Augsburg-Göggingen, Klausenberg 20
Augsburg-Göggingen

Orte der Verfolgung

Deportation
am 5. August 1942
von München-Milbertshofen
nach Theresienstadt

Weitere Informationen

Gertrud Gräfin von Seyssel d’Aix
(Gollnow 1877 – Augsburg-Göggingen 1965)

Gertrud von Seyssel d’Aix wurde am 20. Juni 1877 in Gollnow (Goleniow) in Pommern geboren. Sie war die Tochter des jüdischen Rechtsanwalts Moritz Freundlich-Gasparius und seiner Frau Emilie. Über ihre Jugend war nichts in Erfahrung zu bringen. Sie heiratete 1909 in München den Grafen Edgar von Seyssel d’Aix, geb. 1868. Für den Grafen war es die zweite Ehe. Aus der geschiedenen Ehe mit Gräfin von Wartensleben hatte er drei Kinder. Der Graf stammte aus einem alten hugenottischen Geschlecht in Savoyen, das sich im 18. Jahrhundert in Bayern niedergelassen und im Staatsdienst und Heer Karrieren gemacht hatte. Auch Graf Edgar war Offizier, sein Vater Edwin königlicher Kämmerer.

Graf Edgar kaufte – wahrscheinlich 1917 – das Bühlersche Gartengut am Klausenberg 20 in Göggingen, das dann von der Familie bewohnt wurde. Eine Tochter Gabriele wurde 1917 geboren. 1939 starb der Graf. Von ihm ist bekannt, dass er die Nationalsozialisten ablehnte und – mit Bauchschmerzen zwar – den Sozialdemokraten Ebert wählte. Er war ein Mäzen des Gögginger Krieger- und Soldatenvereins und der jungen evangelischen Gemeinde und im Ort beliebt und geachtet. 1949 wurde eine Straße nach ihm benannt.

Unter den Nationalsozialisten begannen die Schikanen für die Gräfin jüdischer Abstammung: Ausschluss aus dem Offiziersclub, Beschlagnahme des Reitpferds und des ersten Stockwerks des Schlösschens zugunsten der Partei. Und schließlich am 5. August 1942 die Deportation der 65-jährigen, blinden Gräfin ins KZ Theresienstadt. Tochter Gabriele hatte versucht es zu verhindern, und auch der evangelische Pfarrer. Vergeblich. Das Gesuch der Tochter landete bei Himmler.

Gertrud Gräfin d’Aix, Karteikarte aus Theresienstadt.

 

Auf der Deportation und in der Zeit im Ghetto kümmert sich eine Augsburgerin, Frieda Kraus aus der Jakober Vorstadt, um sie und andere Blinde. Wahrscheinlich bewirken eine Eingabe des Stiefsohns (Hauptmanns in der Wehrmacht) und die Kriegsauszeichnungen ihres Mannes, dass die Gräfin in das sog. Prominentenhaus verlegt wird. Die Verpflegung ist dort nicht ganz so karg, die Wohnverhältnisse nicht ganz so beengt und schmutzig und einen Zwang zur Arbeit gibt es nicht. Wahrscheinlich verdankt die Gräfin diesem Umstand ihr Überleben. Sie erlebt mit etwa 1.600 Bewohnern die Befreiung Theresienstadts durch die Rote Armee.

Nach drei Jahren Theresienstadt kann sie im Juli 1945 zusammen mit ihrer Beschützerin Frieda Kraus zu ihrer Tochter heimkehren. Am 9. Oktober 1965 stirbt sie in Göggingen und ist dort begraben.

Alfred Hausmann

Elsa Bernstein, Das Leben als Drama, Erinnerungen an Theresienstadt, Dortmund, 1999, S. 104-107 und S. 162.

Gernot Römer, Wir haben uns gewehrt, Augsburg, 1995, S. 201 ff. (zu Frieda Kraus).

John M. Steiner/Jobst Freiherr von Conberg, Willkür in der Willkür, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 46 (1998), Heft 2, S. 182.

http://www.ghetto-theresienstadt.de/pages/s/seysselg.htm (aufgerufen 15.1.2021)

https://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/seiler/lesmona-projekt/personen/egon/biographie.html (aufgerufen 25.1.2021)

http://goegginger-geschichtskreis.de/2015/09/29/die-grafen-seysseld-aix/ (Beitrag von Heinz Münzenrieder, aufgerufen 15.1.21)

www.geni.com/people, Einträge zu Gertrud, Edgar, Gabriele Seyssel d’Aix (aufgerufen 25.1.2021)

https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=deportationen, Gedenkbuch der Münchner Juden: Transporte aus München (aufgerufen 25.1.2021)