Fulvio Depetroni.

Fulvio Depetroni

Geboren: 08.03.1922, Trieste, Italien

Gestorben: 26.01.2014, Trieste, Italien

Wohnorte

Trieste, Italien
Florenz, Italien
Mailand, Italien
Trieste, Italien

Orte der Verfolgung

Stalag (Stammlager) VIIB in Memmingen

Zwangsarbeiter bei der Firma Transehe, Gersthofen

Weitere Informationen

Fulvio Depetroni, geb. am 8.3.1922 in Trieste

ab September 1943 Zwangsarbeiter
bei der Firma Transehe in Gersthofen

Fulvio Depetroni ist am 8.3.1922 in Trieste geboren, wo er bis zu seinem Tod lebt. 1943 studiert er in Florenz an der dortigen Universität, ehe er im Sommer zum Militärdienst einberufen wird. Die Ereignisse des 8. September 1943 (Waffenstillstand des Badoglio-Regimes mit den Alliierten) überraschen ihn bei den Vorbereitungen seiner Prüfungen zum Offiziersanwärter. Wie viele andere italienischen Soldaten wird er von der deutschen Wehrmacht nach Deutschland deportiert.

In Stalag VIIB in Memmingen sammelt Dr. Depetroni die ersten Lagererfahrungen: dass sie die schlimmste Erfahrung als Gefangener war, wird beim Lesen seiner Tagebücher deutlich sichtbar. Die Tagebücher hat er nach seiner Ankunft in Gersthofen verfasst.

-> Diario: Aus dem Tagebuch von Fulvio Depetroni (pdf-Datei)

 

 

 

Tagsüber verrichtet Fulvio Depetroni in Memmingen Arbeiten im benachbarten Flughafen. Von dem Wachpersonal, den verletzten bzw. sich in der Rekonvaleszenz befindlichen Fliegern hat er eine Erinnerung von müden, verständnisvollen und, soweit es möglich war, herzlichen Menschen.

In Gersthofen angekommen, nahm Fulvio Depetroni die Arbeit beim Werk Transehe auf. Da er bereits von seiner Ausbildung her der deutschen Sprache mächtig war, wird er oft als Dolmetscher in Anspruch genommen. Nach einem Brand, bei dem alle Lagerunterlagen verloren gingen, wird er mit der Wiederherstellung der Dokumente der italienischen Internierten betraut und als Sekretär eingesetzt; somit ist er im Büro tätig. Die anderen Mitgefangenen begegnen Fulvio Depetroni mit Misstrauen, man bezichtigt ihn der Kooperation mit dem Feind. Dies wird insbesondere aus dem Tagebuch von Anselmo Mazzi deutlich. Allerdings ist zu bedenken, dass Fulvio zu diesem Zeitpunkt ein junger, unreifer Mann mit 22 Jahren ist.

Fulvio Depetroni.

 

Von kleinen Unterbrechungen abgesehen, blieb Fulvio Depetroni bis zum Schluss im Büro beschäftigt. Wie er in seinem Tagebuch rechtfertigend aussagt, versucht er, die Interessen der italienischen Kameraden und die Belange des Wachpersonals in Einklang zu bringen. Dies ist keine leichte Aufgabe angesichts der vielen Nöte der Italiener, der strengen Disziplin und des begrenzten Spielraums der Deutschen. Dank seiner Position als Dolmetscher lernt er deutsche Familien kennen. Als er zu einer Lesung im Jahr 2003 nach Deutschland eingeladen wird, kommt es zu einer berührenden Begegnung mit Johanna Geisler, die er nach 59 Jahren wiedersieht. Deren Familie hat er während des Krieges des Öfteren besucht.

Einige Tage vor Kriegsende, am 30.4.1945 verlässt Fulvio Depetroni mit einem Begleitbrief versehen das Lager und erreicht größtenteils zu Fuß die von den Titotruppen besetzte Heimat Trieste.

 

Nach dem Abschluss seines Diplomingenieurstudiums an der Universität Mailand nimmt Fulvio Depetroni seine Tätigkeit in einem Werk für mittelgroße Elektroanlagen der Gruppe Ansaldo auf, wo er auch sein Arbeitsleben als technischer Direktor zu Ende führt.

In Verlauf seines Arbeitslebens kommt Dr. Depetroni oft nach Deutschland, denn mit der Firma Siemens und anderen Unternehmen der gleichen Sparte besteht eine Kooperation. Die Betreuung verschiedener Kunden kommt hinzu.

Der nach fast 50-jähriger Ehe verwitwete Dr. Fulvio Depetroni lebt nach seiner Pensionierung in Trieste. Er pendelt zwischen seinem Wohnort Trieste und Bergamo, zwischen seinem Sohn Mauro, Tochter Elena und zwei Enkelkindern. Seine Leidenschaften sind klassische Musik, das Lesen und Reisen.

Fulvio Depetroni berichtet 2003 über seinen Zwangsaufenthalt in Gersthofen in der Firma Transehe:

Ich habe wirklich in dieser Fabrik gearbeitet. Wochenlang habe ich Zementsäcke von der Lagerhalle zur Betonmischmaschine transportiert. Danach habe ich Messgeräte montiert. Es waren harte, traurige und schwierige Monate. Da ich der Einzige war, der ein wenig Deutsch konnte, wurde ich oft als Dolmetscher verwendet und hatte somit sehr viel mit der Direktion zu tun. Deshalb kann ich sagen, dass es nicht nur für die Gefangenen harte Zeiten waren: Berlin übte auf die Direktion einen ständigen Druck aus, da die Niederlassung so schnell wie möglich den Betrieb aufnehmen sollte. Doch oft wurden die Materialien zu spät geliefert und es gab zu wenig Fachpersonal, so dass die Arbeit nur sehr langsam voran ging.

Trotz der Nervosität und nachdem der anfängliche Groll gegenüber den Italienern überbrückt worden war, wurde die Beziehung zwischen deutschen und italienischen Arbeitern mit der Zeit zu einem normalen Arbeitsverhältnis.

Auch die Direktion hat versucht uns so gut es ging zu helfen, um unsere vielen Bedürfnisse zu befriedigen, und zwar auch indem sie sich an die Verantwortlichen wendeten. Manchmal gab es hierbei auch positive Ergebnisse.

Ich kann auch nicht Herrn Maser vergessen: Herr Maser war ein verständnisvoller, höflicher und herzensguter Mensch, der sich um uns italienische Gefangene kümmerte. Er starb 1944 an einem Herzinfarkt in seinem Büro.

60 Jahre sind vergangen und in diesem Augenblick bin ich immer noch erstaunt darüber hier in dieser Fabrik zu sein. Ich bedanke mich auch im Namen der restlichen, hier anwesenden Italiener für die freundliche Einladung. Mir fehlen die richtigen Worte, um euch allen zu erklären wie sehr wir euch dankbar sind, dass ihr uns hier und heute erwähnt habt.

Alles ist anders hier, und ich kann mich kaum noch an die schlechten, geschweige denn an die guten Momente erinnern, doch es freut mich zu sehen, dass dieses große Chemiewerk modern, aktiv und in Produktion steht und somit die Zukunft für die jungen Menschen von Gersthofen darstellt.

Erneut bedanke ich mich, dass Sie einer Zusammenarbeit mit Prof. Lehmann und seinen Studenten zugestimmt haben und noch einmal:

Danke, dass Ihr euch an uns erinnert habt. Gute Arbeit!

Fulvio Depetroni, Trieste

 Ansprache im Ballonmuseum Gersthofen 2003

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

Ich möchte Ihnen nicht verheimlichen, dass ein wenig Traurigkeit mein Herz und meine Seele erfüllte, als ich bei meiner Ankunft das Schild mit der Aufschrift „Gersthofen“ sah. Erinnerungen an eine Kleinstadt, inmitten der schwierigen Kriegszeit, wurden wach. In dieser Kleinstadt haben wir I.M.I. (Italienische Militär-Internierte) traurige und harte Zeiten durchlebt. Und als ich dann durch eben dieses Städtchen ging, dachte ich, dass die Häuser, die Gärten und die Straßen auch damals schon, trotz der beschränkten Mittel, sauber und ordentlich waren. Es bleibt außerdem die nie vergessene Erinnerung an ein Volk, das uns, nach einer kurzen Zeit offensichtlicher Feindseligkeit, verstanden hat und uns all seine Freundlichkeit, Warmherzigkeit und manchmal auch Menschlichkeit offenbart hat.

All dies haben wir nicht vergessen. Ich drücke Ihnen also, da Sie das Stadtoberhaupt, der Vertreter der Bürger sind, hiermit meinen Dank dafür aus.

Auch im Namen der restlichen hier anwesenden Italiener bedanke ich mich für die freundliche Einladung. Ich danke Ihnen auch, dass Sie Prof. Lehmanns Initiative Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Die I.M.I.-Lager sind auch in Italien wenig bekannt. Es ist ein vergangenes Geschehen, das in der Kriegsgeschichte keinen ausschlaggebenden Wert hat. Großen Wert hat es jedoch für diejenigen, die alles persönlich miterlebt haben. Deshalb ist unser Dank dafür, dass Sie sich an uns erinnert haben, besonders groß. Wir sind von all dem überrascht und gerührt.

Herr Bürgermeister, ich wünsche Ihnen und all Ihren Mitarbeitern eine erfolgreiche Zusammenarbeit, damit Gersthofen eine immer besser werdende Zukunft gewährt ist.

Danke, Fulvio Depetroni

Fulvio Depetroni ist am 26. Januar 2014 in Triest verstorben.

 

Stadtarchiv Gersthofen

Tagebücher Fulvio Depetroni, ins Deutsche übersetzt

Interviews mit Fulvio Depetroni 2003

Dokumente aus dem persönlichen Besitz von Dr. Fulvio Depetroni