Franz Eiter.

Franz Eiter

Geboren: 29.03.1911, Augsburg

Gestorben: 31.03.1945, Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren

Wohnorte

Augsburg, Schwalbenstraße 6
Dürrlauingen, St. Nikolausheim
Schönbrunn, Franziskuswerk
Kaufbeuren, Heil- und Pflegeanstalt
Schönbrunn, Franziskuswerk
Kaufbeuren, Heil- und Pflegeanstalt

Orte der Verfolgung

Städtisches Krankenhaus Kaufbeuren

Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren

Weitere Informationen

Franz Eiter geb. 29.3.1911 in Augsburg, ermordet in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren am 31.3.1945

Franz Eiter ist das zweitgeborene Kind von Franziska und Franz Eiter.1

Das Paar hatte am 5.12.1908 in Lechhausen geheiratet und wohnt seitdem in Augsburg-Pfersee in der Schwalbenstraße 6. Ihr erstes Kind, Franziska Eiter, wird am 13.5.1909 geboren, dann folgen Franz Eiter, geb.am 29.3.1911, Josef Eiter, geb. am 29.1.1914 und Heinrich Eiter, geb. am 8.6.1919.2

Unglücklicherweise werden die beiden Söhne Franz und Josef mit einer geistigen Beeinträchtigung geboren.3 Der Vater verstirbt durch einen tragischen Unfall am 18.6.1923 inmitten der Hochinflation in Deutschland. Die Mutter Franziska ist gänzlich auf sich alleine gestellt und muss 4 Kinder ernähren.

So lange es irgendwie geht, behält die Mutter ihre beiden beeinträchtigten Söhne zu Hause, wo sie die Sonderschule besuchen. Sie möchte ihren beiden Söhnen Geborgenheit und Zuneigung bieten.

Im Alter von 16 Jahren kommt Franz 1927 ins St. Nikolausheim in Dürrlauingen bei Burgau.4 Mutter Franziska hofft, dass Franz dort einen praktischen Beruf erlernen kann.

Mit 20 Jahren wird Franz Eiter im Mai 1931 in die Anstalt in Schönbrunn eingewiesen.5 Er arbeitet dort in der Landwirtschaft. Mit seinen Mitinsassen verträgt er sich zeitweise nicht sonderlich gut, weil diese ihn beständig hänseln und ärgern. Das Direktorium Schönbrunn behauptet, er sei zunehmend aggressiv.6

Aus diesem Grund kommt Franz vom 5. Juli bis 6. Oktober 1932 zur Beobachtung in die Psychiatrische Klinik in München. Dort verhält er sich ausgesprochen gutmütig, er ist neugierig und wird als völlig harmlos eingestuft. Franz wisse es sehr zu schätzen, wenn man sich mit ihm abgebe, er beantworte Fragen sinngemäß und verständlich. Die Untersuchungen verfolgt er mit großem Interesse.7

Franz ist körperlich sehr robust, hat eine athletische Figur und ist 1,77 cm groß. Der Stationsarzt Dr. Schoch spricht davon, dass Franz ein ruhiges, „euphorisiertes Imbezillen-Dasein“ führe. Nur wenn er von Mitinsassen geärgert werde, komme es zu Streitigkeiten.8

Die psychiatrische Klinik schickt ihn am 6.10.1932 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, weil das Wohlfahrtsamt die Übernahme weiterer Kosten in München verweigert.

Franz wird zwar von der Kaufbeurer Direktion der Heil- und Pflegeanstalt als geisteskrank eingestuft, von einer Entmündigung seiner Person wird aber abgesehen.9

Knappe zwei Jahre später erstellt Dr. Faltlhausers Mitarbeiter Dr. Lenhart ein Gutachten zu Franz Eiter, aufgrund dessen der Anstaltsleiter Dr. Valentin Faltlhauser beim Erbgesundheitsgericht Kempten am 5.9.1934 den Antrag auf Zwangssterilisation stellt. Das Gericht stimmt dem Antrag nach einem mündlichen Verfahren zu. Franz wird am 26.11.1934 ins Städtische Krankenhaus Kaufbeuren eingeliefert und dort zwangssterilisiert. Ein ungeheuerlicher Eingriff!10

Nach seiner Rückkehr in die Heil- und Pflegeanstalt in Kaufbeuren arbeitet Franz als Gärtner und erledigt seine Aufgaben nach übereinstimmenden Angaben des Pflegepersonals sehr ordentlich und zuverlässig.11

An Ostern 1935 besucht ihn seine Mutter in Kaufbeuren und bittet danach Dr. Faltlhauser darum, ihn nach Schönbrunn verlegen zu dürfen:

Sehr geehrter Herr Doktor!

Am Ostersonntag habe ich meinen Sohn Franz in Ihrer Anstalt Kaufbeuren besucht. Er war bei mir von früh 10 Uhr bis Nachmittag 3 Uhr und hat mir gut gefallen. Möchte ihn deshalb gerne herausnehmen und wieder nach Schönbrunn bringen, wo er vorher war. ……….  Mein kranker Sohn Joseph ist auch dort untergebracht. Es wäre deshalb für mich auch eine große Erleichterung wenn ich Franz auch wieder dort hätte. ……..  Kranke Kinder sind große und schwere Sorgen für eine Mutter. Ich stehe allein in der Welt, habe keinen Menschen, den ich um Rat und um Hilfe bitten kann. Wende mich deshalb in meiner großen Not und Sorge an den Herrn Doktor.

Hochachtungsvoll!

Frau Franziska Eiter
Augsburg
Schwalbenstr. Nr. 6.
12

Dr. Faltlhauser signalisiert dem Wohlfahrtsamt Augsburg am 17. Mai 1935, dass er gegen die Verlegung ihres Sohnes nach Schönbrunn nichts einzuwenden habe:

Am 1.Juni 1935 darf Franz daher zurück nach Schönbrunn, aber am 2.November 1938 wird er wiederum nach Kaufbeuren überwiesen. Die Anstaltsleitung in Schönbrunn begründet seine „Abschiebung“ nach Kaufbeuren wie 1932 damit, dass er zunehmend aggressiv geworden sei.13

Diese Einschätzung von Aggressivität findet in den Krankenbefunden der Ärzte in Kaufbeuren keinerlei Bestätigung. Pfleger und Ärzte berichten in den Patienten- und Beobachtungsbögen ausschließlich Positives über Franz:

16.1.40: Beteiligt sich gelegentlich an Neckereien, jedoch immer nur als Verführter, nie als Urheber. Geht sonst Streitigkeiten aus dem Weg, beteiligt sich nicht an Raufereien. Legt großen Wert darauf, gelobt zu werden, biedert sich gern dem Arzt an dabei oft etwas zudringlich werdend. Geht gern ins Kino und zum Tanzen. Beschäftigt wie bisher im Kohlenhof.

20.5.41 Guter Arbeiter bei Außenarbeiten. Auf der Abteilung auch gut zu haben. O.

 1.3.42 Im Monat Februar 2,5 kg an Körpergewicht abgenommen.

15.6.42 Fleißiger Außenarbeiter. Ist gut zu haben. Keine Änderung. In D 3 untergebracht. O.

19.3.43 Mittelmäßiger Außenarbeiter. Auf der Abteilung ist er manchmal erregt.

7.6.43 Wird mit Kohlentragen beschäftigt, Mittlerer Arbeiter .…. gut zu haben.

30.11.43 Patient drängt sich gern an den Arzt heran, tritt ihm grinsend in den Weg ….. möchte gelobt werden, ist ganz fleißig, aber zu selbständigen Arbeiten nicht verwendbar. Körperlich ohne Befund. Sauber besorgt sich selbst. O.

17.8.44 Auf der Abteilung meist für sich, im Kohlenhof beschäftigt, arbeitet ordentlich. Hält sich reinlich. O.

12.12.44 Patient wird nach D 3 verlegt, da ihm in D 2 andere psychopatische Kranke die Lebensmittel, welche er von zu Hause erhält abschwätzen. Patient lässt sich in seiner Gutmütigkeit ….. immer wieder übers Ohr hauen. O.

24.1.45 Pat geht körperlich in letzter Zeit sehr zurück.14

Die Patientenbögen reflektieren zugleich die zunehmende körperliche und mentale Schwächung von Franz seit 1943.

Franziska Eiter, seine Mutter besucht ihren Sohn Franz in den Jahren 1942 bis 1944 9 Mal15, erkundigt sich wiederholt über seinen Gesundheitszustand, schickt ihm Päckchen ,wann immer es ihr möglich ist.

Am 26. April 1944 richtet Franziska Eiter erneut eine schriftliche Anfrage an Dr. Faltlhauser.16

Sehr geehrter Herr Direktor.

Ich möchte bei Ihnen anfragen, wer mir immer diese Karten schreibt von meinem Franz sind sie nicht. Ich habe ja Franz erst besucht und habe ihm genug zu essen wiedergebracht, auch Tabak. Habe ihm am Mittag noch wie Essen gekauft und vorher öfter ein Paket geschickt. Vergangenen Montag Marken zu 2 Kipf Brot und eine Mark Geld. Ein bißl zufrieden muss er schon sein. Ich habe ja nur eine Karte und muss schauen, damit es 4 Wochen ausreicht. Wenn ich wieder etwas habe dann schicke ich ihm schon ohne diese Karte etwas.

Im Voraus herzlichen Dank

Franziska Eiter

Die fürsorgliche Mutter ahnt nicht, dass ihr Sohn Franz Opfer einer monatelang verabreichten Überdosis von Medikamenten wird. Wahrscheinlich wird ihm Luminal und Skopolamin im Essen verabreicht.17

Seit Anfang März ist er körperlich stark geschwächt. Er erhält aber lediglich Vitamin B Präparate. Franz hat Ödeme, Gesicht und Beine sind stark angeschwollen, er leidet unter Durchfall, hat aber kein Fieber.

In der Nacht zum 31. März 1945 wird er um 4 Uhr morgens tot aufgefunden. Der Arzt indiziert auf dem Leichenschauschein als Todesursache: „Marasmus bei angeborenem Schwachsinn“18 Diese Todesursache dürfte wohl frei erfunden sein. An Marasmus (=körperliche Entkräftigung und Verfall) sterben viel eher alte, bettlägerige Menschen.19

Seine Mutter erhält noch am gleichen Tag ein lapidares Telegramm: „Franz Eiter verstorben. Die Leiche wird feuerbestattet, wenn kein Einspruch erhoben wird. Anstalt Kaufbeuren.“20

Franziska Eiter muss für die Feuerbestattung ihres Sohnes Franz 100 RM bezahlen. Den Wehrpass ihres Sohnes Franz Eiter erhält sie gegen Unterschrift am 2. April 1945 ausgehändigt.21

Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann StD, Gegen Vergessen-Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben; 86368 Gersthofen Haydnstraße 53 bernhard.lehmann@gmx.de

  1. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Sippenmappe 942. Erbbiologischer Fragebogen Franz Eiter, mit genauen Angaben zu den Verwandtschaftsverhältnissen. Franziska Eiter, geb. Birzer wurde am 27.11. 1883 in Schwetzendorf bei Regensburg geboren. Sie heiratet im Dezember 1908 den aus Kirchdorföd (Bayerischer Wald) stammenden Franz Eiter, geb. am 17.4.1883.
  2. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patientenakte Franz Eiter, Nr. 9213.
  3. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Gutachten der Psychiatrischen und Nervenklinik München, Dr. Kruse, September 1932;  ebenda: Gutachten Dr. Faltlhauser vom 17.5.1935:; ebenda: Dr. Salm an Dr. Martin 3.5.1961; ebenda: persönliche Einschätzung der Mutter in ihrem Brief an Dr. Faltlhauser (undatiert). Nach Ansicht von Franziska Eiter seien die beiden Söhne früh an Rachitis erkrankt.
  4. Das Werk gibt es noch heute und kümmert sich um jungen Menschen, die in den bestehenden Regelsystemen keine Chance haben. Den jungen Menschen wird geholfen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten, zu einem beruflichen Abschluss zu kommen und ihren Platz in Beruf und Gesellschaft zu finden: https://www.sankt-nikolaus.de/.
  5. Das Franziskuswerk Schönbrunn ist eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Auch dieses Werk ist heute noch tätig: https://www.franziskuswerk.de/franziskuswerk/unsere-ziele-und-grundsaetze.html.
  6. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patientenakte Franz Eiter, Nr. 9213, Abschrift Psychiatrische und Nervenklinik München vom 5.7.1932, Anamnese.
  7. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patientenakte Franz Eiter, Nr. 9213, Gutachten der Psychiatrischen Klinik München, Dr. Schoch vom 6.10.1932.
  8. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patientenakte Franz Eiter Nr. 9213, Gutachten der Psychiatrischen Klinik München, Dr. Schoch vom 6.10.1932.
  9. Ebenda, Schreiben der Direktion der HPA KF an den Oberstaatsanwalt des LG Augsburg vom 6.10.1932.
  10. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patientenakte Nr. 9213 Franz Eiter.
  11. Ebenda, Beobachtungen der Ärzte Lenhart und Gärtner in den Jahren 1934/5.
  12. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patientenakte Nr. 9213 Franz Eiter, Brief Franziska Eiter an Dr. Valentin Faltlhauser.
  13. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patient Nr. 9213 Franz Eiter, Das amtsärztliche Zeugnis Schönbrunn vom 31.10.38: Eiter Franz, geb. am 29.3.1911 in Lechhausen bei Augsburg leidet an Imbecillität. Er befand sich vom 15.5.31 bis 5.7.32 in der Pflegeanstalt Schönbrunn. Da dort Erregungszustände mit Gewalttätigkeiten auftraten, wurde er am 5.7.32 in die Psychiatrische Klinik nach M eingewiesen. Von dort wurde er in die HPA KF verlegt. Am 1.6.35 kam er zum zweiten Mal in die Pflegeanstalt Schönbrunn. Er verhielt sich hier seitdem meist gutmütig, wenn er auch zeitenweise recht lärmend und tölpelhaft störend sich benahm. Gegenwärtig treten wiederholt große Erregungszustände auf, in denen Eiter tobt und wahllos zuschlägt. In diesen Zuständen ist Eiter Franz gemeingefährlich. Er ist für eine gew. Pflegeanstalt nicht mehr geeignet und wird deshalb in die zuständige Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eingewiesen.
  14. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patientenakte Franz Eiter Nr. 9213.
  15. Ebenda, Besucherliste.
  16. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patientenakte Franz Eiter, Nr. 9213, Franziska Eiter an Faltlhauser, 26.4.1944.
  17. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patientenakte Franz Eiter Nr. 9213.
  18. Ebenda, Leichenschauschein Franz Eiter, gez. Dr. Ottmann.
  19. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Auskunft von Frau Dr. Schweizer-Martinschek vom 3.7.2019.
  20. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patientenakte Franz Eiter Nr. 9213, Telegramm an Franziska Eiter, 31.3.1945.
  21. Hist. Arch BKH Kaufbeuren, Patientenakte Franz Eiter Nr. 9213.

Josef Eiter

Geboren

29.01.1914

Gestorben

25.11.1942

Letzter freiwilliger Wohnort

Augsburg, Schwalbenstraße 6

Historisches Archiv des Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren (Hist. Arch BKH Kaufbeuren)
– Auskunft von Frau Dr. Schweizer-Martinschek vom 3.7.2019
– Patientenakte Franz Eiter, Nr. 9213
– Sippenmappe Nr. 942