Ferdinand Kain. (Bundesarchiv Berlin)

Ferdinand Kain

Geboren: 16.03.1905, Kulmbach

Gestorben: 05.09.1940, Grafeneck

Wohnorte

Lechhausen, Krankenhausstraße 1a, (heute: Brentanostraße)
Lechhausen, Untere Lechdammstraße 2, (heute: Lützowstraße)
Augsburg, Kanalstraße 20/1 (Umbennenung in Schillerstraße 20/1, dann in Körnerstraße 20)
Unterhausen bei Reutlingen
Augsburg, Körnerstraße 20
Augsburg, Bahnhofstraße 14 (1. Stock Rückgebäude)

Orte der Verfolgung

Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee

Städtisches Krankenhaus Kaufbeuren

Tötungsanstalt Grafeneck
„Aktion T4“

Weitere Informationen

Ferdinand Kain, geb. 16.3.1905 in Kulmbach, röm. kath.,
letzter frei gewählter Wohnsitz Bahnhofstr. 14 Rückgebäude
Opfer der Aktion T4, ermordet am 5.9.1940 in Grafeneck

Familie, Beruf, Erkrankung

Ferdinand Kain1 wurde am 16. März 1905 in Kulmbach geboren. Er ist der Sohn des österreichischen Spinnerei-Obermeisters Heinrich Kain und der 6 Jahre jüngeren, aus Thierhaupten stammenden Julie, geb. Gisser.2

Die beiden heiraten am 22. Mai 1892 in Lechhausen. Dort wohnt die Familie in der Krankenhausstraße 1a, dann in der Unteren Lechdammstraße 2. Eine Zeitlang ist der Vater in Hohenstadt (LK Göppingen) tätig. 1911 zieht die Familie nach Pfersee in eine Wohnung der Pferseer Buntweberei in der Pferseer Kanalstraße 20, die später in Schillerstraße und im  August 1911 in Körnerstraße umbenannt wird.3 Ferdinand zieht im August 1933 kurzfristig nach Unterhausen bei Reutlingen, ab Oktober wohnt er wieder bei seinen Eltern in die Körnerstraße 20. Als der Vater in den Ruhestand geht, zieht die  Familie am 20. April 1934 ins Rückgebäude der Bahnhofstraße 14/I.4

Ferdinand hat drei ältere Geschwister, nämlich Karl Heinrich (geb. 1895), Franziska (geb. 1896) und Albert (geb. 1899), sowie einen jüngeren Bruder Karl Ludwig (geb. 1908).5

Ferdinand ist ebenfalls im Textilgewerbe tätig. Er wird Untermeister, 1,74 cm groß. Wie seine Geschwister ist er außerordentlich gebildet, intelligent, aber hochsensibel. Seit 1931 hat er psychische Probleme. Es treten bei ihm krankhafte Veränderungen auf, er zeigt sich mehr und mehr unverträglich, äußert Wahn- und Größenideen und glaubt sich verfolgt. Mehrmals unternimmt er Angriffe auf Familienangehörige, die an Aggressivität zunehmen.6

Erstmalige Einweisung in Kaufbeuren-Irsee am 8.6.1934

Am Mittwoch, den 6. Juni 1934, wird Ferdinand Kain von der Polizei in die psychiatrische Abteilung des Städtischen Krankenhauses in Augsburg verbracht. Zuhause gab es einen Konflikt mit dem Vater, den er würgt und beißt. Am Freitag wird er vom Krankenhaus Augsburg in die Heilanstalt Kaufbeuren-Irsee überwiesen, Pfleger Resch bringt ihn dorthin. Die Anamnese ergibt Schizophrenie. Ferdinand durchläuft depressive Phasen, er hält sich für ungeliebt, seinen Vater bezeichnet er als Säufer.7 Sein körperlicher Zustand ist ausgezeichnet. Bereits einen Tag später wird mit einer Suffrogelkur begonnen.

Anamnese der Heil-und Pflegeanstalt Kaufbeuren. (Bundesarchiv Berlin)

 

Offene Fürsorge und zwangsweise Einweisung in Kaufbeuren wegen „Allgemeingefährlichkeit“ am 1.9.1934

Ferdinand bleibt 6 Wochen in Irsee, dann darf er wieder nach Hause. Er wird von der offenen Fürsorgestelle in Augsburg betreut.

Schon nach knapp 5 Wochen, am 1. September 1934 wird Ferdinand erneut in Kaufbeuren eingewiesen. Er ist gewaltsam in die Wohnung des Untermieters eingedrungen und hat ihn ernsthaft bedroht. Auch in der psychiatrischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses, in die er zuerst kommt, bedroht er Krankenschwestern. Die Ärzte halten seine Zwangsverwahrung in Irsee wegen Allgemeingefährlichkeit für dringend erforderlich. Sie begründen dies mit Artikel 80 Abs. I des PStGB.

Der Stadtrat der Stadt Augsburg verfügt deshalb in der Folge seine zwangsweise Verwahrung in Kaufbeuren-Irsee. Die Pflegeanstalt könne ihn aber bei Besserung probeweise in die Familienpflege entlassen.8

Weil Ferdinand auch in Irsee Personal und Patienten angreift, wird er isoliert und erhält Pyriferalspritzen und steht unter Trional.9 Die Behandlung schwächt ihn außerordentlich.10 Um den Patienten ruhig zu stellen, verordnen ihm die Ärzte unter anderem Morphium-Skopolamin.11

Verhältnis zu seinem Vater

Seinem Vater schreibt er am 7. Dezember 1934 den folgenden Brief, der sein gespanntes Verhältnis zu ihm offenbart. Sein Vater ist nach Auffassung von Ferdinand Alkoholiker. Ferdinand bedient sich eines subtil ironischen Grundtons Offensichtlich hat Ferdinand resigniert, er muss die Zwangssterilisation über sich ergehen lassen. Gleichzeitig bittet er den Vater um Milde und Hilfe, um aus Kaufbeuren für ein paar Tage entlassen zu werden.

Zwangssterilisation und Nierenoperation in Kaufbeuren

Auf Antrag des Anstaltsleiters Dr. Valentin Faltlhauser entscheidet das Erbgesundheitsgericht Kempten seine Zwangssterilisation. Der Eingriff wird am 29.12.1934 im Krankenhaus in Kaufbeuren vorgenommen.12 Am 5. Januar 1935 ist er wieder zurück in Irsee, aber schon einen Tag später muss er an der Niere operiert werden. Der Chirurg Dr. Purucker reseziert den betroffenen Teil des Funiculus sowie den Hoden. Um weitere Blutungen zu verhindern, wird er katheterisiert.13

Drei Tage später werden die Nähte und Drainagen entfernt.

Entlassung aus Kaufbeuren gegen den ärztlichen Rat

Gegen den ärztlichen Rat wird Ferdinand auf Wunsch der Angehörigen am 27. Januar 1935 „ungeheilt“ und mit der Diagnose „Schizophrenie“ in die häusliche Pflege nach Augsburg entlassen.14 Aber er ist zuhause nicht zu halten, die Eltern bringen ihn tags darauf in die Heilanstalt Neufriedenheim (München). Ende März 1935 darf er nach Hause, die Eltern engagieren einen privaten Pfleger. Gleichzeitig wird er in der offenen Fürsorge von Dr. Willburger und einer Pflegerin betreut, die ihn regelmäßig besucht.15

Mehrere Suizidversuche

Anfang Mai 1935 begeht Ferdinand einen Suizidversuch, er schneidet sich mit einem Rasiermesser die Pulsadern auf. Er führt einen unkontrollierten Lebenswandel, nachts ist er stets wach und schläft nur über Tags einige Stunden. Am 28. Oktober 1935 stürzt sich Ferdinand aus dem 1. Stock auf die Straße, ein weiterer Selbstmordversuch. Er erleidet eine schwere Kopfschwartenverletzung und eine schwere Fußverletzung, zudem einen Oberschenkelbruch. Fast zwei Monate lang muss er im Städtischen Krankenhaus in Augsburg bleiben.16

Nach seiner Rückkehr ins Elternhaus beginnt Ferdinand zu trinken und besucht jede Nacht Augsburger Lokale. Seine Räusche hat er morgens noch nicht ausgeschlafen. Das Arbeitsamt möchte ihm Arbeit vermitteln, aber er geht nicht hin. Die Klagen im Haus in der Bahnhofstraße 14 häufen sich, die Partei oberhalb der Kains beschwert sich bei der Polizei. Ferdinand sei viel zu laut und zudem gemeingefährlich. Der Fürsorgearzt besucht ihn am 11. März 1936 und verschreibt ihm Luminal.17

Sein Vater erscheint in der offenen Fürsorge in der unteren Maximilianstraße und verdeutlicht eindringlich, dass sein Sohn nicht mehr zuhause gehalten werden könne.18

Erneute Einweisung in Kaufbeuren im September 1936

Ferdinand wird zuerst ins Städtische Krankenhaus eingewiesen, von dort kommt er Anfang September 36 wieder nach Kaufbeuren. Aber die Eltern sind gutmütig und nehmen ihn am 31.10.36 wieder zu sich nach Augsburg.

Wieder zuhause – Räumungsklage gegen die Familie Kain

Der Zustand von Ferdinand bessert sich nicht, er ist sehr erregbar, manchmal aggressiv. Nach wie vor wird er mit Morphium-Skopolamin in geringen Dosen ruhig gestellt. Nach wie vor vertrinkt er das Taschengeld und wird wütend, wenn ihm der Vater weiteres Geld verweigert. Der Arzt hat den Eindruck, als würde Ferdinand sein verkrüppeltes Bein vorschieben, um nicht arbeiten zu müssen.19

Die Eltern sind überaus nachsichtig mit ihm, aber die Tobsuchtsanfälle des Sohnes führen im März 1937 zur Räumungsklage, die Familie Kain muss die Wohnung in der Bahnhofstraße 14 RG verlassen. Die Eltern seien mit ihrer Nachgiebigkeit und Einsichtslosigkeit daran mit Schuld, vermerkt die Fürsorgestelle.20 Die Familie Kain zieht nach Fischach bei Augsburg.21

Erneute Einweisung in Kaufbeuren-Irsee – Entmündigung Ferdinands im Juli 1937

Ferdinand kommt noch am 28. Februar 1937 wegen Gemeingefährlichkeit in die psychiatrische Abteilung des Städtischen Krankenhauses Augsburg. Der Patient, so die Ärzte, sei hochgradig gesperrt, stuporös, zitterig und grimassiere. Die Mutter sträubt sich gegen eine Einweisung in Kaufbeuren. Aber nachdem er ihr gegenüber gewalttätig wird, erteilt sie ihre Zustimmung.22

Dr. Lenhart diagnostiziert in Kaufbeuren „Spaltungsirresein, Wahnideen, triebhafte Erregung und Substupor.“23 Kain leide „an einer durch Geisteskrankheit bedingten Geistesschwäche, die ihm nicht erlaubt, seine Angelegenheiten selbst zu besorgen“. Infolge des Gutachtens wird Ferdinand entmündigt und sein Vater als Vormund eingesetzt.24

Die Cardiazolbehandlung wird nach knapp vier Wochen im Juli 37 erfolglos abgesetzt. Ferdinand zeigt einen Vernichtungswillen sich selbst gegenüber, greift Mitkranke und Pfleger an. Er erhält eine Insulinkur verordnet.

Keine Besserung des Gesundheitszustandes

Der Beobachtungsbogen vom September 1937 bis August 1938 vermerkt, dass er ein sehr wechselhaftes Verhalten an den Tag lege, er schlage seinen Kopf an die Wand oder die Bettstelle, weise den Besuch der Eltern zurück, sei psychisch unberechenbar und werde häufig fixiert.25

Der Patientenbeobachtungsbogen ab März 1940 liest sich wie folgt:

7.3.40 Beschwert sich, dass er immer noch Tabletten bekommt. […] Glaubt immer, er könne wieder in seinem früheren Beruf arbeiten. Greift unvermittelt Mitpatienten an. Erhält Trional.

7.8.40 keine Änderung in seinem Zustand, zeitweise recht gereizter Stimmung. Schimpft […], musste öfters im Schlafsaal oder in der Isolierzelle untergebracht werden.

12.8.40 Besuch von der Mutter. War erregt, schimpfte viel und wurde obszön

4.9.40 Verlangt von Zeit zu Zeit immer wieder um Beschäftigung, […] Zeigt sich gänzlich krankheitsuneinsichtig. Muss dauernd unter Schlafmittel gehalten werden, da er sonst rasch erregt und gewalttätig wird. Liegt großenteil des Tages auf den Bänken herum. Direkt zerfahren war der Kranke in den letzten Tagen weniger. Ist aber affektiv stumpfer wie früher. Körperlich unverändert.

5.9.40 wird verlegt.                                        Ma.

Ermordung in der Tötungsanstalt Grafeneck

Ferdinand Kain wird am 5. September 1940 mit 75 weiteren Patienten aus Kaufbeuren mit den grauen Bussen der Gekrat26 (Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft) in die Tötungsanstalt nach Grafeneck transportiert und dort ermordet. Auf dem Transport vom 5. September befinden sich weitere 30 Personen aus Augsburg und Umgebung.

Am 16. Februar 1941 fragt Maria Baumann nach dem Verbleib des Ferdinand Kain. Sie erhält von Dr. Faltlhauser die folgende Auskunft:

Auf ihre Anfrage teile ich Ihnen mit, dass Ferdinand Kain, am 5. Sept. 1940 im Rahmen planwirtschaftlicher Räumungsmaßnahmen in eine andere Anstalt verlegt wurde. Die Anstalt, in welche die Verlegung erfolgte, ist uns nicht bekannt. Die Krankenverlegungen sind von zentraler Stelle gemäß Weisung des Reichsverteidigungsministeriums veranlasst. Die Aufnahmeanstalt ist allein verpflichtet und bereit, die nächsten Angehörigen von der Verlegung zu verständigen.
Die Eltern des Kain wohnen nunmehr in Fischach bei Augsburg.
Heil Hitler
Gez. Dr. Faltlhauser (Stempel)

Dr. Faltlhauser möchte sämtliche Spuren des Mordes verwischen.

Organisation und Tötung in Grafeneck

Die Organisation der „Euthanasie“-Morde erfolgt gleichermaßen auf 3 Ebenen: der zentralen des Reiches, der mittleren der Länder und vor Ort in Grafeneck.

Von der „T4“-Zentrale in Berlin erhalten die Büroabteilungen der Tötungsanstalten (insgesamt 6: Grafeneck bei Reutlingen, Brandenburg an der Havel, Bernburg an der Saale, Hadamar in Nordhessen, Sonnenstein bei Pirna, Hartheim bei Linz) die begutachteten Meldebögen. Von den Innenministerien der Länder, in diesem Fall Bayern, gehen die Verlegungsanordnungen in die Anstalten, im Fall von Ferdinand Kain nach Kaufbeuren, sie dienen als deren Verhandlungs- und Ansprechpartner. Von Grafeneck fahren die drei Busse der Gemeinnützigen Krankentransport GmbH in die Anstalten.

Die Grauen Busse

Die von der Reichspost stammenden, ursprünglich roten, später grauen Busse werden mit Milchglasscheiben versehen. Durch eine Kabinenwand abgetrennt werden sie von einem Fahrer und Beifahrer gesteuert. Außerdem begleiten Pflegepersonen die Transporte, die den Kranken Beruhigungsspritzen geben, sie aber auch an besondere Vorrichtungen festschnallen oder gar in Handschellen legen können. In einem PKW vorneweg fährt der Transportleiter, der die Liste mit sich führt, nach welcher die Personen in der Abgabeanstalt ausgesucht werden. Auf dem Rückweg hat er auch die Krankenakten bei sich.27

Sofortige Ermordung nach Ankunft in Grafeneck

Jeder ankommende Transport wird ohne Rücksicht auf die Tageszeit sofort untersucht und die zur Euthanasie bestimmten Menschen sofort vergast. Die Kranken werden in ein Aufnahmezimmer geführt. Die Transportleiter Schwenninger und Seibl übergeben die Krankengeschichten dem Büropersonal. An Hand dieser Unterlagen wird die Prüfung der einzelnen Personalien vorgenommen. Danach gelangen die Kranken in einen anderen Raum, wo sie zur Entkleidung kommen. Schließlich führt man die Patienten den Ärzten zur letzten Untersuchung vor. In manchen Fällen werden Beruhigungsspritzen gegeben, in den weitaus meisten Fällen dauert die Untersuchung nur wenige Sekunden bis zu einer Minute. In Grafeneck nehmen sie die Ärzte Dr. Schumann, Dr. Henseke und ab April 40 Dr. Baumhardt vor. Sie dient in der Regel aber nicht dem Zweck der nochmaligen Überprüfung des Krankheitszustandes, sondern sie wird dazu benutzt, die sachliche und personelle Richtigkeit der vorgestellten Kranken zu überprüfen und auffallende Kennzeichen zu notieren, die für die Erstellung der späteren Todesursache von Bedeutung sein kann.

Vorgehensweise beim Massenmord

Dann geht es durch ein Tor im Bretterzaun, vorbei am Krematorium zum Tötungsgebäude. Die Ermordung erfolgt durch Kohlenmonoxydgas, das der Anstaltsarzt durch Bedienen eines Manometers in den Vergasungsraum einströmen lässt.

Beim Betreten des Vergasungsraumes werden die Kranken, maximal 75 Personen, nochmals gezählt, sodann die Tore geschlossen. Einige Opfer scheinen geglaubt zu haben, es gehe tatsächlich zum Duschen, andere beginnen sich im letzten Augenblick zu wehren und schreien laut. Die Zufuhr des Gases beträgt in der Regel 20 Minuten, sie wird eingestellt, wenn sich im Vergasungsraum keine Bewegung mehr feststellen lässt.

Das Personal, das die Krematoriumsöfen bedient, manchmal auch „Brenner“ oder „Desinfektoren“ genannt, ist auch zuständig für den Abtransport der Leichen zum Verbrennungsort.28

Tötungsbürokratie und ärztliches Personal

Das Personal für die Vernichtungsanstalt Grafeneck besteht aus ungefähr 80 Männer und Frauen aus Berlin und Stuttgart. Es besteht aus Ärzten, Polizeibeamten, Büroangestellten, Pflege- und Transportpersonal, Wirtschafts- und Hauspersonal sowie Wachmannschaften und Leichenbrennern, sogenannten „Desinfektoren“, die in der Regel Verbänden der SS entstammen.

Dr. Horst Schumann

Der ärztliche Leiter, bei dem die Gesamtverantwortung für die Durchführung des Massenmordes vor Ort liegt, ist Dr. Horst Schumann (1906-1983). Anfang Oktober wird Schumann, zuvor Amtsarzt in Halle an der Saale, in die Kanzlei des Führers bestellt, wo Viktor Brack ihn über die „Euthanasie“-Mordaktion informiert und zur Mitarbeit auffordert. Schumann willigt ein und wird zum leitenden Arzt in Grafeneck ernannt. Von Grafeneck wechselt Schumann im Frühsommer 1940 in die T4 Vernichtungsanstalt Sonnenstein bei Pirna.

Dr. Ernst Baumhardt

Auf Schumann folgt als neuer Direktor sein bisheriger Stellvertreter Dr. Ernst Baumhardt (1911-1943). Er ist ärztlicher Direktor von Grafeneck zwischen Mai/Juni 1940 bis zur Auflösung der Vernichtungsanstalt im Dezember 1940. Im Jahr 1941, als ein großer Teil des Personals von Grafeneck nach Hadamar versetzt wird, leitet Dr. Baumhardt die Vernichtungsanstalt bei Limburg an der Lahn. Als Marinearzt fällt er am 12.6.1943.

Dr. August Becker

Der 1900 in Staufenberg/Hessen geborene Chemiker Dr. August Becker, Mitglied der SS seit 1931, SS-Untersturmführer im Amt II des Reichsicherheitshauptamtes (RSHA), wird vom Januar 40 bis Oktober 41 zur T4 Behörde abgestellt und beauftragt, das zu den Morden benötigte Kohlenmonoxydgas von der IG Farben in Ludwigshafen zu holen und zu den einzelnen Tötungsanstalten zu bringen. Er nimmt die erste „Probevergasung“ selbst vor.

Büroleiter Christian Wirth

Christian Wirth (1885-1944) ist bis zu seiner Abkommandierung zur T4-Behörde Kriminalkommissar des Polizeipräsidiums Stuttgart. Er wird in Grafeneck mit dem Aufbau der Büroabteilung betraut. Als Kriminalkommissar kennt er alle Schliche der Vertuschung. Später steigt er auf zum Inspekteur aller 6 Vernichtungsanstalten der T4, zum Polizeimajor und SS-Sturmbannführer.

Verschleierung der Morde

Der erste reguläre Leiter des Sonderstandesamtes wird Jacob Wöger, Kriminalkommissar, geb. am 3. Mai 1897 in Steinheim, Kreis Heidenheim.

Wie in den anderen Tötungsanstalten werden zur Verschleierung der Morde eine bürokratische Abwicklungsstelle und ein Sonderstandesamt eingerichtet. Dort werden unter anderem vorgefertigte „Trostbriefe“ und Sterbeurkunden mit gefälschten Todesursachen und Sterbedaten ausgestellt und an die Verwandten der Opfer verschickt. Die Leichen werden aus seuchenpolizeilichen Gründen verbrannt und können auf Kosten der Hinterbliebenen an das betreffende Friedhofsamt geschickt werden.29

Aufenthalte von Ferdinand Kain in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, in Neufriedenheim und in Krankenhäusern

8.6.34-29.7.34 Kaufbeuren-Irsee

1.9.34-27.1.35 Kaufbeuren-Irsee, Zwangssterilisation am 31.12.34

27.1.35-29.3.35 Neufriedenheim (München)

28.10.35-23.12.35 Städt. Krankenhaus Augsburg

3.9.36-31.10.1936 Kaufbeuren-Irsee

28.2.37-10.3.37 Städt. Krankenhaus Augsburg

10.3.37-5.9.1940 Kaufbeuren-Irsee, am 5.9.40 „verlegt“ nach Hartheim

Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann StD a.D., Gegen Vergessen – Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben

  1. StadtAA, MK II Ferdinand Kain.
  2. StadtAA, MB Henrich Kain, geb. 1862. Heinrich stammt aus einer alten Spinnmeisterfamilie aus Tresdorf in Niederösterreich bei Klosterneuburg. Er ist dort am 6. Juli 1862 geboren. Seine Ehefrau Julie, geb. Gisser, geb. am 24. Mai 1868, stammt aus der Schuhmacherfamilie Gisser. Heinrich und Julie heiraten am 22. Mai 1892 in Lechhausen.
  3. StadtAA, MB Heinrich Kain. Aus der Kanalstraße wurde mit der Goethestraße und der Schillerstraße die Körnerstraße geformt (Amtsblatt vom 22.8.1911).
  4. BA Berlin R 179/21729 Anamnese Ferdinand Kain am 8.6.34; StadtAA, MB Heinrich Kain.
  5. Heinrich Kain, geb. 21.2.1895 in Lechhausen, gefallen 1916 bei Wolhynien, Ukraine; Franziska Kain, geb. 17.10.1896 in Gaustadt, abgemeldet 1919 nach Dessau; Albert Kain, geb. 11.3.1899 in Erlangen, abgemeldet 1917 nach Wien; Karl Ludwig, geb. 5.1.1908 in Hohenstadt, abgemeldet 1928 nach Hamburg: StadtAA, MB Heinrich Kain.
  6. BA Berlin, R 179/21729. Amtsgerichtsrat Renkel, 29.7.37 Entmündigung Ferdinand Kains.
  7. BA Berlin, R 179/21729 Anamnese Ferdinand Kain am 8.6.34 in Kaufbeuren-Irsee.
  8. BA Berlin, R 179/21729, Ferdinand Kain, Gutachten Dr. Ott vom 24.9.34 und Stadtratsverfügung vom 10.9.34.
  9. BA Berlin R 179/21729, Ferdinand Kain.
  10. Ebenda, Patientenbeobachtungsbogen Oktober 1934.
  11. Ebenda, Patientenbeobachtungsbogen 14.12.34.
  12. Ebenda, Patientenbeobachtungsbogen, 29.12.34.
  13. BA Berlin, R 179/21729, Ferdinand Kain. Schreiben Dr. Puruckers an die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee vom 9.1.35.
  14. Ebenda, Beobachtungsbogen 26.1.35.
  15. BA Berlin, R 179/21729, Ferdinand Kain. Berichtsbogen der Fürsorgepflegerin, 1935.
  16. Ebenda.
  17. BA Berlin, R 179/21729, Ferdinand Kain. Berichtsbogen der Fürsorgepflegerin 1936.
  18. BA Berlin, R 179/21729, Ferdinand Kain. Berichtsbogen der Fürsorgepflegerin, 1936.
  19. BA Berlin, R 179/21729, Ferdinand Kain. Berichtsbogen der Fürsorgepflegerin.
  20. Ebenda, Patientenbeobachtungsbogen, September 36 – März 37.
  21. BA Berlin, R 179/21729, Ferdinand Kain. Brief Dr. Faltlhauser an Maria Baumann 16.2.41.
  22. BA Berlin, R 179/21729, Ferdinand Kain, Medizinalrat Dr. Lenhart, 17.6.37.
  23. BA Berlin, R 179/21729, Ferdinand Kain, Patientenbeobachtungsbogen, 17.6.37.
  24. BA Berlin, R 179/21729, Ferdinand Kain. Amtsgerichtsrat Renkel, 29.7.37 Entmündigung Ferdinand Kains.
  25. Ebenda, Patientenbeobachtungsbogen September 1937 bis August 1938.
  26. Vgl. Thomas Stöckle, Grafeneck 1940. Die Euthanasieverbrechen in Südwestdeutschland, Tübingen 2012, S. 33f.
  27. Vgl. Thomas Stöckle, Grafeneck 1940. Die Euthanasieverbrechen in Südwestdeutschland, Tübingen 2012, S. 110f.
  28. Ebenda.
  29. Ebenda.

Bundesarchiv Berlin (BA Berlin)
– R 179/21729

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekarte II (MK):
– Ferdinand Kain

Meldebogen (MB):
– Heinrich Kain

Ernst Klee, „Euthanasie“ im Dritten Reich, 3. Auflage Frankfurt/Main 2018.

Thomas Stöckle, Grafeneck 1940. Die Euthanasieverbrechen in Südwestdeutschland, Tübingen 2012.