Esther Verheyen, geb. Marcus

Geboren: 26.07.1922, Augsburg

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Augsburg, Neuburgerstraße 75
Antwerpen/Belgien, Waghemakerestraat 3
Antwerpen/Belgien, Kattendykdok O.K. N°16
Antwerpen/Belgien, Brugstraat 12
Kontich/Belgien, Mechelschesteenweg 220
Kontich/Belgien
, Fuggerstraat
Antwerpen/Belgien
, Generaal-Leman-Straat 77
Deurne/Belgien
, Wetstraat 15

Orte der Verfolgung

Belgien

Weitere Informationen

Esther Verheyen, geb. Marcus

Einziges Kind von
Joseph Marcus * 21.05.1890 in Odessa/Russland
und Kreszenz, geb. Krametsvogl * 25.05 1899 in Schrobenhausen
verheiratet seit 20.06.1922

Die erste Erwähnung von Esther (in Augsburg eingetragene Schreibweise Ester) findet sich in Unterlagen der Antwerpener Fremdenpolizei vom März 1932. Es wird notiert, dass sich Esther und ihre Mutter seit dem 15. Oktober 1922 in Antwerpen aufhalten, derzeitiger Wohnort Kattendykdok O.K. N°16. Der Geburtsort des Vaters wird fälschlicherweise mit Smyrna/Griechenland angegeben. Deshalb (?) sei der legale Wohnort Smyrna. Kreszenz unterschreibt das Papier.

Im August unterschreibt Esther ein ähnliches Dokument. Außerdem enthält es einen Fingerabdruck und ein Foto von Esther. Die Familie wohnt inzwischen in der Brugstraat 12. Auch wird ein Familienbuch vorgelegt, ausgefertigt am 5. Januar 1927 vom Standesamt Augsburg (N°892).

Kinder ab 15 Jahren benötigen in Belgien einen Ausweis. So erhält Esther im Juli 1937 eine Identitätskarte, die 2 Jahre gültig ist. Das Amt für Öffentliche Sicherheit vermeldet, dass am 28. August 1937 eine Akte über sie angelegt wurde. In der Fremdenkartei wird sie als Vaterlandlose, durch Geburt griechischen Ursprungs, geführt. Als Beruf wird „modewerkster“ angebeben, was evtl. Näherin bedeuten kann.

Vom 4. Dezember 1939 bis 26. Februar 1940 befindet sich Esther zur Behandlung im Stuyvenberggasthuis, demselben Krankenhaus in dem seit April 1939 ihr Vater liegt. Esther habe vorher als selbständige „modiste“ (Modistin?) gearbeitet. Die Mutter stellt in dieser Zeit einen Antrag auf Unterstützung durch die Wohlfahrt und gibt als einzige Einkünfte der Familie den Verdienst der Tochter mit 80 fr in der Woche an.

Am 8. September 1940 stirbt die Mutter. Inzwischen ist Belgien von der deutschen Wehrmacht besetzt und die Repressalien gegen Juden werden umgesetzt.

Esther liegt wieder 14 Tage im Stuyvenberggasthuis vom 16. bis 30.12.40.

Im August 1942 beginnen die Transporte der belgischen Juden ins Sammellager nach Mechelen. Joseph gehört vermutlich als einer der ersten dazu. Am 26. September geht der Transport XI  mit ihm ins Vernichtungslager Auschwitz- Birkenau ab. Die Unterlagen geben keine Auskunft darüber wie Esther diesen Transporten entging und was sie über das weitere Schicksal ihres Vaters wusste.

Schon im Oktober ist sie jedenfalls nach Kontich in die neue Adresse Mechelschesteenweg 220 verzogen. Sie gibt an keinen Beruf bzw. keine Stelle zu haben. Im April 1943 ist sie 4 Tage im St. Elisabeth Krankenhaus. Nun ist als  Nationalität Niederländisch angegeben. Doch die Unterlagen der Fremdenkartei weisen sie im Mai wieder als Vaterlandlose griechischen Ursprungs aus. Sie wohnt nun in der Fuggerstraat (Hausnummer unleserlich). Der Beruf Näherin ist gestrichen. Scheinbar arbeitet Esther nun als Kellnerin. Die Frage, ob sie politischer Flüchtling sei, ist wie immer verneint. Allerdings taucht zum ersten Mal der Eintrag – keine Jüdin – auf, der auch extra unterzeichnet wurde. Als Geburtsort des Vaters ist wieder Smyrna/Griechenland eingetragen. Ein Lichtbild ist angeheftet. Esther unterschreibt mit E. Marcus. Ihren Verdienst gibt sie mit 100 fr am Tag an.

Vom 28. Oktober 1943 stammt eine Erklärung auf Firmenpapier vom Inhaber Jean Bastin, 102 Rue de la Province, Anvers. Er erklärt, dass Fräulein Esther Marcus in seinem Geschäft für Groß- und Einzelhandel, Vertrieb, Herstellung, Export und Import „Paris Parfums“ als Vertreterin arbeitet. Wusste er von ihrer Herkunft? Hat er ihr Schutz geboten?

Erst 1949 gibt es wieder Unterlagen. Im Februar zieht Esther in die Generaal-Leman-Straat 77,  Beruf Handelsvertreterin.

Am 7. April erhält sie eine Arbeitserlaubnis auf unbestimmte Zeit für „Du Bon Marche“, Groenplaats 44 in Antwerpen. Einen Tag später wird Joseph aus dem Melderegister der Stadt gestrichen. Hat Esther den Antrag dazu gestellt? Warum wurde unbekannt verzogen eingetragen?

Im März 1951 tritt Esther eine neue Stelle im „ Grand Basar“ in Anvers, Beduenstraat 3 an, Beruf Verkäuferin. Im September überprüft die Polizei wieder ihren Wohnsitz.

Erst mit Esthers Heirat am 28. September 1957 endet die Akte.

Sie heiratet den belgischen Postbeamten Ferdinandus Albertus Verheyen, geboren am 9. Mai 1927 in Deurne Provinz Antwerpen. Seine Eltern leben beide in Deurne. Esthers Eltern sind beide als verstorben angegeben.

Esther wohnt mit ihrem Mann in der Wetstraat 15 in Deurne.

Vater Joseph in Odessa im Zarenreich geboren, einige Jahre in Smyrna zuerst im Osmanischen Reich lebend, dort griechische Besatzung und vielleicht türkische Rückeroberung erlebend, in Frankreich oder Belgien seine Frau Kreszenz kennengelernt, geht nach Augsburg und heiratet dort.

Seine Frau und Tochter, obwohl in Bayern geboren, werden dadurch griechische Staatsbürger. Aber als sie in Belgien sind, wird Smyrna türkisch. Nun steht die Familie nicht nur als Fremde, sondern als staatenlos unter Beobachtung. Die Mutter stirbt als Belgien von den Deutschen, ihren Landsleuten besetzt ist. Aber sie, die zum Judentum Übergetretene, hat nichts Gutes zu erwarten. Hat sie mit ihrer Tochter Deutsch gesprochen?

Welche Sprache mit ihrem Mann? Konnte sie aus Lausanne Französisch?

Sprach die Familie miteinander Niederländisch? Joseph, der schon einigen Pogromen und Massakern entkommen ist, wird mit 52 Jahren Opfer einer Rassenideologie, die Juden zum Sündenbock macht und entmenschlicht.

Seine Tochter mit dem schönen Namen Esther, deren Geschichte ein ganzes Buch in der hebräischen Bibel erzählt und zu deren Andenken ein fröhliches Fest Purim gefeiert wird, überlebt. Und am Ende wird sie Belgierin –  durch Heirat.

Ruth Sander

Kreszenz Marcus, geb. Krametsvogl

Geboren

25.05.1899

Gestorben

08.09.1940

Letzter freiwilliger Wohnort

Antwerpen/Belgien, Brugstraat 12

Staatsarchiv Augsburg
– Israelitisches Standesregister Schwaben

Stadtarchiv Augsburg
Meldekarten:
– Krametsvogl Kreszenz
– Jakob Krametsvogl
– Josef Marcus Josef

Stadsarchief Antwerpen

Belgisches Staatsarchiv
www.arch.be
www.zoeken.felixarchief.be
– 481#168408
– 248177

Wikipedia
– https://en.wikipedia.org/wiki/Mechelen_transit_camp– https://en.wikipedia.org/wiki/Odessa
– https://en.wikipedia.org/wiki/%C4%B0zmir
– https://nl.wikipedia.org/wiki/Stuivenberggasthuis

Yad Vashem
https://www.yadvashem.org/
– CAS-185369 Datensatz Nr 78 544 34