David Weber

Geboren: 01.09.1879, Chrzanow/Galizien

Gestorben: 05.11.1952, Salisbury/Südrhodesien (heute: Harare/Simbabwe)

Wohnorte

Chrzanow/Galizien
Berlin
Augsburg-Lechhausen, Luitpoldstraße 2/II
Augsburg-Lechhausen, Schillstraße 16/II
Augsburg-Lechhausen, Neuburger Straße 26/I
Augsburg-Lechhausen, Waterloostraße 8/I
Salisbury/Südrhodesien, 17 Rotten Row (heute: Harare/Simbabwe)
Kapstadt/Südafrika, 57 Hannover Street
Salisbury/Südrhodesien, 94 Central Avenue (heute: Harare/Simbabwe)

Weitere Informationen

David Weber wurde am 1. September 1879 in Chrzanow/Galizien geboren. Seine Eltern Wolf Leib, ein Fischhändler und Lea, geb. Feiler waren beide schon tot und in seinem Heimatort begraben, als David Weber Anfang des 20. Jahrhunderts aus Berlin nach Augsburg-Lechhausen kam. Galizien gehörte damals zum österreichischen Kaiserreich. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung war sehr arm. Juden wurden systematisch wirtschaftlich benachteiligt und antisemitischer Agitation ausgesetzt. Dies führte zu pogromartiger Stimmung in der polnisch-christlichen Bevölkerung und einem steigenden Emigrationsdruck.

Laut Meldeunterlagen wohnte David zunächst in der Luitpoldstraße 2. Am 17. Januar 1910 heiratete er Sophie Ullmann aus dem oberschwäbischen Buchau in Lechhausen. Sophie hatte eine Großmutter väterlicherseits, Veronika Fanny Einstein (1810-1880). Vielleicht kam sie durch diese Beziehung zur Einstein Familie in Kriegshaber nach Augsburg. Als im Juni eine Wohnung in der Schillstraße 16 bezogen wurde, ist eingetragen, dass David Weber schon seit Jahren ständig in Lechhausen gemeldet war. Bis 1913 lebte die Familie mit inzwischen zwei Kindern dort im 2. Stock, danach 19 Jahre in der Neuburger Straße 26 bei Carl.

Als Beruf steht im Meldebogen zunächst Zuschneider, später ergänzt durch Kaufmann.

Die Familie war inzwischen auf sechs Personen angewachsen: Wilhelm, geb. 14. Oktober 1910, Arthur, geb. 13. Februar 1912, Leni Henriette, geb. 22. Dezember 1916 und Sigmund, geb. 18. Dezember 1921. Ein Sohn, Emil verstarb 1915 schon mit 8 Monaten. Die Eheleute Weber waren fromme Juden. Im Israelitischen Standesregister sind die Bar Mizwa von Willy (Wilhelm) 1923 und Arthur 1925 eingetragen. In einem bewegenden Artikel beschreibt Siggi (Sigmund) den Besuch der Schul (Synagoge) in Kriegshaber. Die Familie bevorzugte den dortigen traditionellen Gottesdienst, denn dieser folgte in der großen Synagoge in der Halderstraße eher der „Reformlinie“. Warum sie sich so fern der Glaubensgeschwister in Lechhausen niederließen, lässt sich nicht klären.

David Weber, zunächst als staatenlos im Melderegister eingetragen, wollte Sicherheit für sich und seine Familie. So beantragte und erhielt er am 24. Mai 1924 die Einbürgerung mit seiner gesamten Familie mit Bescheid der Regierung von Schwaben.

1932 zogen die Webers in die Waterloostraße 8. David und Sofia hatten dort zwei Gebäude erworben. Im Vorderhaus waren 2 Geschäftsräume und 7 Wohnungen, im Hinterhaus 6 Wohnungen mit 2 großen Gärten im Hinterhof. Ob das von den Webers betriebene Herrenbekleidungsgeschäft schon vorher dort war, ist nicht bekannt. Im Grundbuch von Lechhausen findet sich für den 6.11.1941 ein Eintrag, dass wegen Raummangels ein neues Blatt angelegt wurde mit dem Nachbesitzer. Gestrichen wurde die Erwähnung von 2 Grundstücken in der Wertachstraße 11 belegt mit Hypotheken, u.a. in Feingold vom 26. Februar 1926 für die Kaufmannsleute Weber. Umschreibung ebenfalls 1941.

Die beiden ältesten Söhne Wilhelm und Arthur hatten mittlerweile selbst Kaufmannslehren absolviert. Leni half im Geschäft des Vaters. Am 12. Juli 1934 wurde die Einbürgerung widerrufen, auch für seine in Deutschland geborene Frau und Kinder. David Weber zeigte Zivilcourage und glaubte noch an Rechtsstaatlichkeit und legte Beschwerde ein. Diese wurde am 13. September 1935 kostenpflichtig abgewiesen.

Der Sohn Wilhelm war schon 1933 (abgemeldet in Lechhausen im April 1934 ) nach Chaumont/Frankreich ausgereist. 1935 wanderte er nach Südafrika aus. In Berlin lebte vermutlich noch der Bruder Wilhelm Weber (geb. 18.01.1881 ebenfalls in Chrzanow ). Er wurde 1938 im Zuge der „Rückführung“ von polnischen Juden nach Bentschen (Zbaszyn ) abgeschoben.

David und Sofia Weber betrieben nun auch ihre Ausreise. Ab Herbst 1938 mussten Umzugsabgabe, Vermögensabgabe in mehreren Raten, Exportbeförderungsabgabe für Umzugsgut und schließlich im Juli 1939 die sogenannte Reichsfluchtsteuer bezahlt werden. Dazu dienten Einlagen und Wertpapiere bei der Bayerischen Hypo- und Wechselbank und der Verkauf der Grundstücke in der Wertachstraße (16.8.1938) und der Immobilie Waterloostraße (26.1.1939). Bis zur Ausreise, längstens bis Dezember 1939, durfte die Familie noch insgesamt 3 Zimmer und Küche nutzen. Da die Verkäufer Juden waren, war eine Genehmigung durch die Kreisregierung von Schwaben und Neuburg nötig. Die Zerstörungen und Misshandlungen der Pogromnacht im November 1938 bestätigten die Webers bestimmt in ihrem Entschluss. Wahrscheinlich war ihr Geschäft in Lechhausen aber nicht direkt betroffen.

Die Meldekarte enthält einen roten Vermerk: bei Abmeldung verständigen! Sozusagen mit dem letzten Schiff gelang der Familie zwischen dem 15. und 20. Juli der Grenzübertritt via Hamburg nach Südafrika. Die Meldekarte nennt Salisbury/Südrhodesien (heute: Harare/Simbabwe) als Zielort. Dorthin kamen sie vermutlich erst im Zuge einer weiteren Flucht vor den sogenannten „Greyshirt“ Aktionen. Die South African Gentile National Socialist Movement war eine paramilitärische Nazi-Bewegung, die in den 30er Jahren für Massenproteste gegen die jüdische Einwanderung sorgte.

Das Umzugsgut der Webers, verschifft mit dem Dampfer Wangoni nach Beira/Ostafrika (heute: Beira/Mosambik), erreichte sie nicht mehr. Das Schiff musste wegen Kriegshandlungen wieder nach Hamburg als Nothafen zurückkehren. Dort wurden die Kisten von der Gestapo beschlagnahmt. Die Versteigerung erbrachte 1941 6.580,85 RM. Nach Abzug der Unkosten wurden der Gestapo ca. 4.000 RM überwiesen. Ein Landgerichtsurteil nach dem Krieg besagt, dass diese Beschlagnahme keine Verfolgungsmaßnahme darstellte, sondern eine normale Verwertungshandlung von Eigentum feindlicher Ausländer und Behörden aller Staaten so in Kriegszeiten gehandelt hätten.

Sophie Weber starb am 11. Dezember 1949 nach längerem Leiden in einer Pflegeeinrichtung in Kapstadt und wurde dort auf dem jüdischen Friedhof begraben. David Weber erlebte und erkämpfte noch die Anfänge auf finanzielle Wiedergutmachung ihrer Flucht. Als verfolgter Jude hatte er einen Anspruch auf Rückerstattung von Vermögensabgaben und Ausgleichszahlungen für die unter Zwang verkauften Grundstücke und Immobilien. Der Bäckermeister P. B. zahlte im August 1951 eine Abfindung für die Wertachstraße 11. Mit dem Lechhauser Kaufmann für Leder- und Schuhbedarfsartikel A. B. kam im März 1952 ein Vergleich zustande. Am längsten zog sich der Streit mit der Oberfinanzdirektion München und der Bayerischen Hypo- und Wechselbank hin. Erst 1955 kam es zu einem Vergleich.

David Weber verstirbt am 5. November 1952 in Salisbury.

David und Sophie Weber konnten sich und ihre Kinder retten. Verloren haben sie ihre Heimat.

Ruth Sander

Sophie (Sofia, Sofie) Weber, geb. Ullmann

Geboren

05.01.1885

Gestorben

11.12.1949

Letzter freiwilliger Wohnort

Arthur (Adi) Weber

Geboren

13.02.1912

Gestorben

21.09.1984

Letzter freiwilliger Wohnort

Leni Henriette Weber

Geboren

22.12.1916 (1918)

Gestorben

30.04.2014

Letzter freiwilliger Wohnort

Sigmund (Sigi) Weber

Geboren

18.12.1921

Gestorben

14.01.1999

Letzter freiwilliger Wohnort

Wilhelm (Willy) Weber

Geboren

14.10.1910

Gestorben

30.11.1996

Letzter freiwilliger Wohnort

Gemeinde Bad Buchau
– Geburts- und Sterbedaten

Stadtarchiv Augsburg (StadtAA)
Meldekartei II (MK II)
– David Weber

Staatsarchiv Augsburg (StAA)
– Israelitisches Standesregister (3)
– Steuerakten schwäbischer Finanzämter über rassisch Verfolgte
– Wiedergutmachungsbehörde V für Schwaben, A-Akten und JR-Akten

Ted Weber, Mail vom 1.5.2019 und 8.7.2019

Wikipedia.org/wiki/Chrzanow#Geschichte, Kultur und Sehenswürdigkeiten

Wikipedia.org/wiki/Galizien#jüdische_ Bevölkerung,_Antisemitismus,_Germanisierung

Sigi Weber, Memories…, Mitteilungsblatt der Green and Sea Point Hebrew Congregation, Cape Town, Sept. 1991.

Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941-1949 (Materialien zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007, S. 375f.