Charlotte Rappold mit Ehemann August Albert

Charlotte Rappold, geb. Blatter

Geboren: 05.09.1865, Augsburg

Gestorben: 27.03.1945, Kaufbeuren

Weitere Informationen

Charlotte Rappold, geb. Blatter,
geb. am 5.9.1865, protestantisch, Fabrikantenwitwe,
ermordet in Kaufbeuren am 27.3.1945
ehem. wohnhaft in Augsburg, Kaiserstraße 25,
Opfer der sog. „dezentralen Euthanasie“

Charlotte Christine Blatter ist am 5. September 1865 in Augsburg geboren. Ihre Eltern, der Privatier Josef und Magdalena Blatter geb. Schwarz stammen ebenfalls aus Augsburg1. Über die schulische Laufbahn und berufliche Ausbildung Charlottes haben wir keine Kenntnisse. Allerdings muss man davon ausgehen, dass sie wie alle Frauen im 19. Jahrhundert dazu erzogen wird, den Haushalt zu führen und dem Ehemann beruflich „den Rücken freizuhalten“. Der Broterwerb wird noch bis ins 20. Jahrhundert als Männerdomäne angesehen.

Mit 26 Jahren, am 8. Juni 1891, heiratet Charlotte den um 12 Jahre älteren Prokuristen und späteren Essigfabrikanten Albert August Rappold.2

Mit ihm gemeinsam hat sie fünf Kinder. August verstirbt noch Tag seiner Geburt (30.7.1892), Alwine Pauline (geb. 7.11.1893, verst. 1957); Karl August (14.4.1895, verst. 15.7.1899) stirbt im Kindesalter, Georg Herbert Egon3 (geb. 3.7.1897, verst. 1979) und Paula Marta (geb. 10.11.1903, verst. 1996) 4.

Dokument der Eheschließung 1891

 

Charlotte mit Alwine, August und Egon

 

Charlotte mit Oma Rappold (1829-1919), einer Tante, Pauline, Vater August und Albert
Das Haus der Familie Rappold in der Kapuzinergasse

 

Die Essig- und Spirituosenfabrik und das Wohnhaus in der Kapuzinergasse 24-26 (B 150/152) sind im Besitz der Familie Rappold, sie verfügt somit über einen überaus stattlichen Grundbesitz mitten in Augsburg. Die Familie ist nach Familienangaben seit dem 16. Jahrhundert in Augsburg nachweisbar5. August Albert, der Ehemann von Charlotte Rappold, verstirbt am 18. August 1914 im Alter von 61 Jahren, kurz nach Beginn des ersten Weltkrieges6. Sein Bruder Julius Rappold, geb. am 9.2.1857, führt nach dem Tod seines Bruders alleine die Geschäfte, verstirbt aber ebenfalls sehr früh am 11.4.1919. 7

Charlotte erbt gemeinsam mit ihren Kindern Alwine, Marta und Egon die Anteile ihres verstorbenen Mannes an dem Anwesen in der Kapuzinergasse 24 und an dem Haus an der Kaiserstraße 258. Von 1890 bis 1931 wohnt die Familie Rappold in dem riesigen Haus in der Kapuzinergasse, erst dann zieht Charlotte mit ihren Kindern in das repräsentative Haus in der Kaiserstraße9, in dem auch die Erben von Julius Rappold wohnen10.

Obwohl sie keine kaufmännische Erfahrung hat, führt sie nun als Familienoberhaupt und Fabrikantenwitwe eigenverantwortlich die Geschäfte und trifft alle wesentlichen Entscheidungen. Dabei agiert sie nicht immer ganz glücklich11. Während des I. Weltkriegs zeichnet sie Kriegsanleihen und verliert dabei viel Geld12.

Als ihr Sohn Egon heiratet, zieht Charlotte gemeinsam mit ihrer ledigen Tochter Alwine vom 2. Stock ins Erdgeschoss in der Kaiserstraße 25, der heutigen Konrad-Adenauer-Allee 25. Das hochherrschaftliche Haus hatte August Albert gemeinsam mit seinem Bruder Julius im September 1890 für 100.000 Mark erworben13. Alwine pflegt ihre Mutter hingebungsvoll, sie ist eine vorzügliche Köchin und dankbare Tochter.

Charlotte Rappold ist fast 79 Jahre, als sie am 30. März 1944 vom Städtischen Krankenhaus in Augsburg in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren überwiesen wird. Ausdrücklich hält der Befund des Städtischen Krankenhauses Augsburg fest, dass Charlotte nicht erbkrank sei, sondern an „seniler Demenz“ leide14.
Sie ist mit einer Größe von 1,63 m und nur 40 kg eine sehr zierliche Person. Am Tag der Überstellung nach Kaufbeuren lässt sie sich willig baden und ins Bett bringen, lehnt aber jede Nahrungsaufnahme ab.

Die Nacht über schläft sie sehr unruhig und tritt gegenüber den Pflegekräften überaus forsch und herrisch auf. Bei der Anamnese gibt sie an, nie ernsthaft krank gewesen zu sein. Die Ärzte stellen fest, sie sei geistig nicht zurechnungsfähig. Charlotte weigert sich, sich am Kopf untersuchen zu lassen15.

Nach einigen Monaten hat sie sich in Kaufbeuren eingelebt. Als 79-jährige verbringt sie tagsüber viel Zeit im Bett, aber spricht sehr klar und geordnet. Sie kann sich vollkommen selbst versorgen16.

Ab August 1944 verweigert sie die Nahrungsaufnahme wegen Appetitlosigkeit. Das Heimessen ästimiert sie ganz und gar nicht, sie ernährt sich vornehmlich von den Lebensmittelpäckchen, welche ihr ihre Töchter Alwine und Marta regelmäßig schicken17.

Am 5. September 1944, ihrem 79. Geburtstag, soll die Patientin wieder nach Augsburg entlassen werden. Aber es wird ihr übel, sie hat Schweißausbrüche, so dass sie erst mit dem nächsten aus Augsburg kommenden Transport zurück nach Hause geschickt wird.

Dr. Faltlhauser erwähnt in den Entlassungspapieren, dass Charlotte Rappold „in gebessertem Zustande“ zu ihren Angehörigen zurückgeschickt werden könne, allerdings mit der Diagnose „Senile Psychose“ 18.

Schon im Verlauf des Oktobers wird sie wiederum in Kaufbeuren eingewiesen. Sie verbringt wie bei ihrem früheren Aufenthalt viel Zeit im Bett und beschwert sich stets über das Essen. Vom guten Essen ihrer Tochter Alwine ist sie verwöhnt. Der behandelnde Arzt hingegen spricht allerdings davon, dass sie trotz aller Klagen ordentlich esse19.

Im März 1945 ist ihr Zustand unverändert. Nach den Beobachtungen der Ärzte bringt sie fast täglich die gleichen Klagen vor. Es bleibt den Ärzten nicht verborgen, dass sie an „Gelbsucht“ leidet. Die Ärzte unternehmen aber nichts und verordnen ihr lediglich eine „Diätkost“.

Drei Wochen später wird ihre Gelbsucht immer noch nicht therapiert, sie ist zitronengelb und „geht körperlich sehr zurück“, eine Standardformulierung in Kaufbeuren für die Patienten, die durch Hungerkost bzw. eine Überdosis an Medikamenten zu Tode gebracht werden.

Tatsächlich verstirbt Charlotte Rappold am 27. März 1945 morgens um 3 Uhr20. Der Arzt konstatiert eine doppelseitige Lungenentzündung bei akuter Leberatrophie21.

Charlotte Rappold litt an Gelbsucht. Sie hatte keine Leberzirrhose, sondern Gallensteine. Die Ärzte verabreichten ihr eine Überdosis von Medikamenten und führen so bewusst ihren beschleunigten Tod herbei22.

Charlotte Rappold wird in Kaufbeuren eingeäschert, ihre Urne wird im protestantischen Friedhof in Augsburg beigesetzt. Das Grab ist mittlerweile aufgelöst.

Mit einem Stolperstein wollen wir an sie erinnern. Sie wurde ein Mordopfer des nationalsozialistischen Sozialdarwinismus und der Krankenmorde.

Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, StD i.R., Gegen Vergessen – Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben, 86368 Gersthofen, Haydnstraße 53

 

 

Wohnort in Augsburg:

Kaiserstraße 25

  1. StadtAA, MB und MK Rappold Charlotte.
  2. StadtAA, MB und MK Rappold Charlotte. August Albert Rappold ist am 14.8.1853 geboren und damit 12 Jahre älter als seine Ehefrau Charlotte Rappold, geb. Blatter.
  3. Frau Edith Kovats ist die Tochter von Egon Rappold. Sie und Axel Frommel haben uns die Genehmigung zur Verlegung eines Stolpersteines für Charlotte Rappold erteilt.
  4. StadtAA, MB und MK Rappold Charlotte. Martha Rappold heiratet Erich Frommel. Deren Sohn Axel (Jg. 1935) wohnt noch in Augsburg.
  5. Aussage Edith Kovats 8.7.2019.
  6. StadtAA, MB und MK Rappold Charlotte.
  7. StadtAA, MB Julius Rappold.
  8. StadtAA, MM und MK Rappold Charlotte. Die Erbschaft kann sie gemeinsam mit ihren Kindern am 25.9.1914 antreten, not. am 10.12.1918.
  9. StadtAA, MM und MK Rappold Charlotte; vgl. die Seminararbeit von Markus Weber, Bürgerliches Wohnen um 1900. Stadthäuser des Groß- und Kleinbürgertums Kaiserstraße 25 (heute Konrad-Adenauer-Allee 25), SoSe 2008.
  10. Mitteilung Axel Frommel vom 8.1.2020.
  11. Aussage Edith Kovats am 8.7.2018.
  12. Aussage Edith Kovats am 16.7.2019.
  13. StadtAA, MK und MB Charlotte Rappold.
  14. Hist. Archiv BKH Kaufbeuren, Patientenakte Nr. 14123, Beobachtungen vom 30.3.1944.
  15. Ebenda, Beobachtungen vom 31.3.1944.
  16. Ebenda, Beobachtungen vom 17.6.1944.
  17. Ebenda, Beobachtungen vom 2.8.1944.
  18. Ebenda, Beobachtungen vom 5.9.44.
  19. Ebenda, Beobachtungen vom 25.10.1944.
  20. Hist. Archiv BKH Kaufbeuren, Patientenakte Nr. 14123, Beobachtungen vom 24.3. und 27.3.1945.
  21. Ebenda.
  22. Auskunft Prof. Dr. Michael von Cranach, 3.7.2019. Die Diskrepanz im Sektionsbericht ist ebenfalls auffällig. Die „Leberatrophie“ korrespondiert mit dem Organbefund, die „doppelseitige Lungenentzündung nur teilweise. Im Sektionsbefund sind nur die Oberlappen betroffen. Im Klinischen Befund wird nichts über Luftnot berichtet, die bei einer Lungenentzündung, wenn doppelseitig und Todesursache, doch auffällig gewesen wäre. Auskunft Dr. Friedhelm Katzenmeier, 3.7.2019.

 

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davHist. Archiv BKH Kaufbeuren, Patientenakte Charlotte Rappold, Nr. 14123

StadtAA, MB und MK Charlotte Rappold

Interview mit Edith Kovats am 16.7.2019

Interview mit Axel Frommel und Mechthild Berger am 8.1.2020

Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek, Die NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, in: Stefan Dieter (Hrsg.): Kaufbeuren unterm Hakenkreuz, Kaufbeurer Schriftenreihe Band 14, Thalhofen 2015, S. 270-287