Brigitte Schönert

Geboren: 27.09.1940,Augsburg

Gestorben: 10.10.1942,Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee

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Brigitte Schönert

Leonore Brigitte Schönert1 wurde am 27. September 1940 in Augsburg geboren. 2 Der ältere Bruder, der 2-jährige Günther, war in der körperlichen und geistigen Entwicklung zurückgeblieben. Nachdem Brigitte angeblich früh an einer Hirnhautentzündung erkrankte, stellte sich auch bei ihr eine Entwicklungsverzögerung ein. Beide Kinder wurden in der Universitäts-Kinder-Klinik in München untersucht. Am 23. Juni 1942 wurde Brigitte in die Kaufbeurer Anstalt gebracht und in der Kinderfachabteilung aufgenommen.

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Am 5. Dezember 1941 wurde auf Anweisung aus Berlin und dem Bayerischen Innenministerium in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eine der reichsweit 30 entstandenen „Kinderfachabteilungen“ eröffnet. Die Einweisung sämtlicher Kinder erfolgte auf Veranlassung des „Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“. Die regionalen Gesundheitsämter, Ärzte und Geburtskliniken wiesen die Kinder in die Kinderfachabteilungen ein. Nach einer eingehenden Untersuchung wurden Gutachten zum Reichsausschuss nach Berlin gesandt und dort wurde über das Weiterleben der Kinder entschieden. Reichsweit wurden über 5000 Kinder und Jugendliche ermordet.
Die Leitung der Kaufbeurer Kinderfachabteilung oblag Direktor Faltlhauser selbst. Er führte die Untersuchungen durch und verfasste die Einträge in den Krankengeschichten der Kinder – so auch bei Brigitte Schönert.

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Gleich nach der Aufnahme in die Kaufbeurer Kinderfachabteilung, wurde das kleine Mädchen eingehend untersucht. Auf der ersten Seite der Krankengeschichte wurde genau dokumentiert, was das 2-jährige Mädchen konnte und was nicht: „körperlich fest über sein Alter entwickeltes, jedenfalls sehr kräftiges Kind. In der statischen Entwicklung noch weit zurück. Kann noch nicht sitzen, viel weniger laufen. […] Auch kein Anzeichen einer Sprachentwicklung.“
Im Laufe der nächsten Monate wurde nur noch monatlich festgehalten, dass kein Fortschritt in der geistigen und körperlichen Entwicklung zu bemerken gewesen sei. Am 23. September 1942 schrieb Faltlhauser an die Eltern, er habe bei Brigitte einen „Behandlungsversuch eingeleitet“, könne „für einen Erfolg jedoch nicht garantieren.“ Das Mädchen erhielt nämlich ein Medikament, das bei Entwicklungsstörungen eingesetzt wurde.
Schon sehr bald danach, am 8. Oktober 1942, wurde in der Krankengeschichte vermerkt, dass das Mädchen seit drei Tagen Fieber habe. Auch geschwollene, gerötete Mandeln wurden beschrieben. Obwohl sich der Gesundheitszustand am Abend des 9. Oktobers angeblich wieder gebessert und Brigitte ausreichend Nahrung zu sich genommen hatte, verstarb sie am nächsten Tag (10. Oktober 1942).
Als Todesursache wurde eine Sepsis bei Mandelentzündung angegeben. Allerdings findet sich im Sektionsbericht kein Nachweis dafür. Dagegen spricht auch, dass in der Lunge eine Hypostase, der Beginn einer Lungenentzündung, festgestellt wurde. Auch findet sich im Sektionsbericht kein Hinweis auf eine Hirnhautentzündung.
Nach unseren heutigen Kriterien sprechen der schnelle Todesverlauf, die Schläfrigkeit des Kindes, sowie die im Sektionsbericht beschriebenen Lungenveränderungen für eine Luminal-überdosierung. Warum das 2-jährige Mädchen so kurz nach Einleitung eines Behandlungsversuches ermordet wurde, ist unklar.
Brigitte Schönert war eines der vielen Opfer der Kinder-„Euthanasie“. Auf der Kaufbeurer Kinderfachabteilung und in der Nebenstelle Irsee verstarben über 200 Kinder durch eine Überdosis Medikamente, in dem meisten Fällen verabreicht durch die leitende Pflegerin Mina Wörle. 3

verfasst von:
Dr. Petra Schweizer-Martinschek, Historisches Archiv BKH Kaufbeuren

  1. Die Biographie basiert auf den Informationen aus der Krankengeschichte von Brigitte Schönert, die im Historischen Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren erhalten ist.
  2. Familie Schönert hatte drei Kinder: Günther (geb. 1938), Brigitte (geb. 1940) und Manfred (geb. 1941).
  3. Zur Geschichte der Kinderfachabteilung in Kaufbeuren und der Strafverfolgung der Verantwortlichen siehe: Michael von Cranach/Petra Schweizer-Martinschek/Petra Weber, Später wurde darüber nicht gesprochen. Gedenkbuch für die Kaufbeurer Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen, Neustadt 2020.