Antonia Kowaltschuk, geb. Piwowar.

Antonia Kowaltschuk, geb. Piwowar

Geboren: 28.03.1927, Galunki, Ukraine

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Galunki, Ukraine

Orte der Verfolgung

Zwangsarbeiterin im Klostergut St. Ursula, Gersthofen

Weitere Informationen

Antonia Kowaltschuk, geb. Piwowar,  geb. am 28.3.1927 in Galunki, Ukraine

ab Juni 1942 Zwangsarbeiterin im Klostergut St. Ursula in Gersthofen

Antonia Piwowar wird im Frühling 1942 nach Deutschland verschleppt. In einen Güterzug eingepfercht kommen ganz junge Mädchen nach einer schier unendlich lange dauernden Fahrt ins Dulag (= Durchgangslager) Rothschwaige bei Dachau. Von dort aus werden die ZwangsarbeiterInnen in der Region verteilt.1

Nach Aussage von Antonia müssen sich die Mädchen in Rothschwaige nackt ausziehen und werden desinfiziert. Nackt marschieren sie dann auf den Hof und werden in Gruppen aufgeteilt. Auf die linke Seite kommen die Mädchen für die Landarbeit, nach rechts die für die Industrie.

Antonia kommt nach links. Bauern kommen und schauen sich die Mädchen an, sie werden ausgewählt und mitgenommen. Wie auf einem Viehmarkt, entwürdigend! Antonia kommt auf das Klostergut St. Ursula in Gersthofen.

Klostergut St. Ursula in Gersthofen.

 

Alltag

Um 6 Uhr früh geht es in den Kuhstall. Sie muss alles machen, misten, melken, Feldarbeit, bis spät in die Nacht hinein. Geld bekommt sie keines. Zum Frühstück gibt es eine Tasse Kaffee und Schwarzbrot, mittags Suppe, abends eine Tasse Brei. Es reicht ihr, sagt sie in der Retrospektive. Freitags sei für sie Festtag gewesen, da gibt es immer Kartoffeln.

Die Menschen

Die Nonnen im Kloster sind sehr nett, aber sie ist 18 Jahre alt und Ukrainerin und ist nach Deutschland verschleppt worden, hat unheimliches Heimweh, so weit weg von den Eltern und der Familie und von ihren Freundinnen.

Rückkehr in die Heimat

Nach dem Kriegsende geht es wieder in Waggons eingepfercht zurück in die Ukraine. In der Heimat werden die jungen Frauen behandelt wie Faschisten, der Sicherheitsdienst befragt sie sehr genau. Für die Mädchen gibt es nur Schimpfworte. In ihr Dorf darf sie nicht zurück, sondern es geht gleich weiter in die ukrainischen Ostgebiete, dort muss sie wieder sehr hart arbeiten, das kaputte Land „aufbauen“.

Verhältnis zu den Deutschen

Sie hegt keinerlei Hass gegenüber den Deutschen, der Krieg sei an allem schuld gewesen, sagt Antonia. Aber vergessen kann sie es nicht. Es hat lange gedauert, bis sie darüber reden kann. Das sei gut für ihre Seele. Und nun der Besuch in Gersthofen, das ist aufregend, aufwühlend und Genugtuung zugleich.

Symbolische Entschädigung

Die Diözese Augsburg legt auf das vom Paul Klee Gymnasium ihr überreichte Geld noch zusätzlich 1.000 Euro drauf, das ist für sie viel Geld, das bekommen ihre Enkelkinder.

Über die Einladung von Dr. Lehmann hat sie sich unglaublich gefreut. Sie ist rüstig, hat sogleich einen ukrainischen Pass beantragt, damit sie reisen kann. Allerdings wäre sie niemals ohne Begleitung nach Deutschland gereist.

Eigentlich ist gedacht, dass sie im Pfarrhof St. Jakobus übernachten soll. Als sie aber mitbekommt,  dass sie dann mit dem Pfarrer unter einem Dach schläft, verweigert sie sich. Lubov Sochka beruhigt sie. Sie bleibt, aber nur, wenn Ganana  Mazegora, die vor 56 Jahren in Welden arbeitete, ebenfalls im Pfarrhof übernachtet.

Erinnerungen

Als Antonia dann vor dem Klosterhof steht, ist sie aufgeregt und muss weinen. Ein Teil ihrer Jugend ist hiergeblieben, sagt sie. Eine Jugend, die geprägt war von Verzicht auf eine solide Ausbildung, auf emotionale Zuwendung und Geborgenheit, stattdessen die Erfahrung des völligen Ausgeliefertseins an ein feindliches, totalitäres Regime und Willkürakte. Angst, Beklommenheit, Unsicherheit waren an der Tagesordnung und noch lange nach der Rückkehr in die Heimat dominant.

Antonia hätte so gerne einige Nonnen getroffen, aber die sind nun in Augsburg im Haupthaus. Mittlerweile ist das Klostergut in Gersthofen nicht mehr bewirtschaftet und verkauft. Sie erinnert sich noch an den kleinen Schleichweg, der vom Kloster in den Ort führt, den hat sie sofort wieder gefunden. Sonst ist alles groß und fremd für Antonia.

Sie kann noch ein paar deutsche Redewendungen  und sagt immer noch „Gerschthofen“. Für ihre Enkel bäckt sie diese Johannisbeertorte, die es im Kloster an Festtagen gegeben hat.

Mit ihrem Besuch kann sie das Kapitel Zwangsarbeit im fremden, feindlichen Land abschließen.

Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann StD a.D., Gegen Vergessen – Für Demokratie RAG Augsburg-Schwaben

  1. Auskunft Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau vom 23.1.2018 Andre Scharf.

Stadtarchiv Gersthofen

Gespräche mit Antonia Kowaltschuk 14.–21.10. 2001.