Anselmo Mazzi.

Anselmo Mazzi

Geboren: 12.12.1906, Arezzo, Italien

Gestorben: Datum nicht bekannt, Ort nicht bekannt

Wohnorte

Arezzo, Italien

Orte der Verfolgung

Italienischer Militärinternierter in Gersthofen

Weitere Informationen

Bericht des Anselmo Mazzi

geb. 12. Dezember 1906 in Arezzo,
ab Oktober 1943 als italienischer Militärinternierter in Gersthofen

Bericht über die Lebensumstände im Lager in Gersthofen, über seine Mitgefangenen, seine Peiniger

Lebens- und Arbeitsbedingungen im Lager in Gersthofen

Anselmo berichtet über den Tagesablauf in der Baracke in Gersthofen.

Deckblatt des Tagesbuchs von Anselmo Mazzi.

 

Jeden Tag müssen die Italiener um 5 Uhr aufstehen und werden von den Wachtposten zur Arbeit gebracht. Anfangs dürfen sie nicht einmal nach Hause schreiben. Die Arbeitszeit beträgt 12 Stunden, das Essen „war für Schweine geeigneter als für Menschen“. Es sei ein unerträgliches Leben gewesen.

Die zwei Wachtposten Rudi und Hans stoßen morgens und abends wüste Bedrohungen und Beschimpfungen aus. Wer den Anordnungen nicht Folge leistet, wird damit bestraft, Sonntags mit Schaufel und Pickel die Fundamente für einen Luftschutzbunker innerhalb des Lagers  auszugraben. Bis Dezember erhalten die Gefangenen nicht einmal ein Stück Seife. Auf den naheliegenden Feldern finden die Gefangenen hin und wieder eine Kartoffel oder Rüben, die sie im selben Eimer, in welchem sie die Notdurft verrichten, kochen.

Anselmo muss am 7. November mit hohem Fieber 14 Tage in der Baracke bleiben. Das Essen besteht  immer aus warmem Wasser, zerhackten Rüben, Hirse und zerstampftem Kraut, das in Bottichen konserviert ist.

Erste Seite des Tagesbuchs von Anselmo Mazzi.

 

Brand der Baracke am Weiherweg

Den Brand der Baracke gegen 22 Uhr nachts am 13. November 1943 überstehen die annähernd 200 Italiener wie durch ein Wunder und die Tatkraft von Espedito Neve aus Galluccio und Giovanni Camin aus Zeno Branco (Treviso). Anselmo berichtet:

Die Wachsoldaten waren, wie wir nach dem Brand erfuhren, an diesem Abend zu einem Abendessen in einer nahen Gastwirtschaft eingeladen. Sie hatten wie jeden Abend die Türen der vier Schlafräume, die von uns Kriegsgefangenen belegt waren, abgesperrt. In Wirklichkeit hätten sie nur das Tor des Lagers verschließen müssen. Dann waren sie gegangen, um mit den anderen Soldaten des Flugplatzes zu prassen.

Ein Feuer entstand im Zimmer der Wachtposten, griff das Bett an, das mit einem hölzernen Brett bedeckt war, und die geteerte Tapete an. Die vom Wind genährten Flammen breiteten sich schnell in der ganzen Baracke aus. Ich roch etwas Rauch, aber da ich wie in den Nächten zuvor schwer atmete und ich dachte, dass es ein bisschen Rauch wie immer nachts in allen Zimmern gab, dachte ich nicht an einen ungewöhnlichen Umstand oder an eine direkte Gefahr und tat nichts, um Panik in den anderen Schlafräumen, wo sie friedlich schliefen, zu erzeugen. In einem anderen wachte zwei Minuten später Lasagna aus La Spezia wegen des beißenden Geruchs des Rauchs auf und schlug Alarm. Zur selben Zeit wachten auch die in den anderen Schlafräumen auf. Sofort waren wir aus unseren „Hundebetten“ heraus. Andere kümmerten sich darum, die Türe zu finden und das Schloss aufzubrechen oder mit Schemeln die Türe aufzubrechen, aber die widerstand den wütenden Schlägen der Stärksten. Die Fenster waren mit einem starken Gitter gesichert, durch die es sehr schwierig war durchzuschlüpfen. Inzwischen wuchsen das Feuer und der Rauch mit dem Gestank des Teers beängstigend an. Ich konnte nicht mehr atmen, wegen des Erstickens war ich dabei auf den Boden zu fallen. Verzweiflung bemächtigte sich jedes einzelnen. Mit Mühe kam ich an eines der 4 Fenster. Mit der Faust schlug ich ein Fenster ein und streckte meinen Kopf hinaus, um wieder zu atmen und mit dem ganzen Atem, der mir geblieben war: „Rudi, Rudi, Hilfe! Wir sterben!“ Dann, ich weiß nicht, warum, zog ich meinen Kopf vom Fenster zurück und ging zur Türe. Der Rauch wude immer dichter, unmöglich zu atmen. Ich ging zum einzigen Fenster zurück, aber dieses war von Sandrelli besetzt. Ich verlor keine Zeit, stieg ihm auf die Schultern, schlug ein anderes höheres Fenster ein, zerbrach diesmal den kleinen Finger der rechten Hand. Alle schrien wir: „Rudi, Hans, Hilfe, Hilfe!“ So oft wir diese Schreie wiederholten, niemand hörte sie, niemand kam, um uns aus dieser verzweifelten, extremen Lage zu befreien.

Der nächste Schlafraum, der in Flammen stand, war belegt von Neapolitanern, die fast alle internierte Zivilpersonen waren. Diese brachten ihre Türe zum Einsturz, vielleicht, weil sie schwächer als die anderen Türen war oder durch ein wahres Wunder. Dann öffneten sie mit Spitzhacken auch unsere Türe. Halbtot kamen wir aus diesem Inferno und auch halbnackt, weil ganz und gar nicht an Kleider zu denken war. Ich kam in Unterhosen heraus; ein Hemd, das ich anhatte, und eine Jacke, die ich während der Nacht unter dem Kopf gehalten hatte. Andere Sachen, Wintermäntel, Hosen, Schuhe, eine andere Jacke, Rucksack, Brotbeutel und ein Koffer mit zwei Baumwollunterhosen, ein neues Flanellhemd, Socken, Taschentücher, Handtücher, Rasierapparat, ein Essnapf, eine Feldflasche, alles ging in Flammen auf.

Kaum waren wir draußen, als wir Angst bekamen, dass die zwei Wachtposten, im Schlaf überrascht, verbrannt seien. Diese Angst wurde zum Schrecken, weil wir daran dachten, welch schlimme Folgen es für uns gäbe, wenn die zwei Unglücklichen in den Flammen geblieben wären. Wir wären selbstverständlich als Schuldige für diese Katastrophe angesehen worden. Wer wäre das unter uns gewesen?

Wir weinten alle vor Freude wegen der entgangenen Gefahr und auch, weil wir daran dachten, dass es eine schlimmere Lösung hätte geben können. Wir hatten Bedenken, dass die Wachtposten uns die Schuld in die Schuhe schieben würden.

Einige Eimer mit Wasser, die auf das Feuer geschüttet waren, bewirkten nicht, dass sich die Flammen nicht vermehrten und sich in zwei Minuten auf alle Baracken ausbreiteten, obwohl der Wind von der anderen Seite blies. Wir hatten uns wegen der Kälte in den entferntesten Winkel des Lagers verkrochen, weil sich die Flammen in einem Radius von zwanzig Metern  ausbreiteten und das Zentrum des Lagers bedrohten. Wir konnten nicht hinaus gehen, weil das Tor verschlossen war. Die Kälte ließ uns die Muskeln gefrieren, weil zum Wind auch der Regen kam und deshalb musste er wohl per Zufall bei der völligen Zerstörung der Baracken mit Gewalt helfen. Wir dachten an den schrecklichen Tod, wenn wir nur für ein paar Minuten länger in den Schlafräumen geblieben wären.

Rudi und Hans – die Bewacher der IMIs

Die Bewacher Rudi und Hans werden nach einer Untersuchung  bestraft und durch zwei Soldaten des Kommandos 568 B ersetzt. Die Gefangenen erhalten Kleider gefallener Soldaten, die Lumpen ähnlicher sind und selten passen.

Die Gefangenen sind am Aufbau einer Sprengstofffabrik beschäftigt und müssen große Elektrokabel unterirdisch verlegen. Ihre Tätigkeit wird durch den Assistenten des Chefs der Firma Transehe täglich überwacht. Anselmo erinnert sich an den jungen Deutschen Leonhard Kroll, der beim Barackenbau beteiligt war. Eine Woche lang dürfen Anselmo und Giabanelli aus Anghiari nach Arbeitsschluss bei Leonhard Kroll zuhause den Luftschutzbunker der Familie fertigstellen. Beide wurden von der Familie vorzüglich verpflegt. Dennoch bleiben die Erinnerungen von Anselmo Mazzi überaus negativ:

Wir waren Sklaven eines Volkes, das uns hasste, das uns Verräter nannte und das uns von morgens bis abends wie gefährliche Mörder bewachte.

In diesen 10 Monaten der Gefangenschaft habe ich keinen Deutschen kennen gelernt, der ein bisschen Respekt für uns Italiener hatte.  

Hilfe durch Deutsche?

Er erinnert sich aber an eine Frau, die Empathie mit den Italienern hat und ihnen mit Lebensmitteln hilft:

Nur eine einzige Frau verdient unsere Bewunderung. Im vergangenen Winter, als der Hunger uns sehr melancholisch machte, näherte sich uns Gefangenen jeden Tag Frau Rose mit ihrem Schürzchen, schaute blitzschnell herum, überreichte dann einen schönen, warmen Brotlaib. Wenn sie sich an einigen Tagen nicht nähern konnte, weil irgend ein Deutscher ihr Werk bemerken hätte können, steckte sie das Brot in einen Strauch und gleichzeitig gab sie ein Zeichen für die nächste günstige Gelegenheit, um es (das Brot) weg zu nehmen.

Die gute Frau bot uns drei Monate lang 50 Laibe Brot, viel Obst und auch Fleisch an. Sie wurde bei der Polizei denunziert und erlitt viele Unannehmlichkeiten, machte jedoch weiter mit ihrem Werk der Nächstenliebe.

Die deutschen Aufseher empfindet er als große Belastung:

Es fehlt kein Tag, an dem uns die deutschen Aufseher nicht mit verletzenden Ausdrücken beleidigten, ohne jemanden ins Gesicht zu schauen. Satana, mein Chef und der anderen 15 Italiener, war unter ihnen der Schlimmste. Er begann am Morgen uns zu beschimpfen: „Du Lump“ („Dummkopf“) = Scemo, „Lump“ = Furbo, „Schwein“- Porco, „Schlawiner/Verräter) = Traditore, „du kaputter Jude“ = du ebreo, a morti! Du nik hauf com polizei ?? Dem Valerio Senesi aus Pisa nannten sie „Bubi“, „Hund“.

Antonio Manzin aus Dignano (Istrien) wurde in Dachau eingesperrt, weil er auf diese schlimmen Parolen geantwortet hatte: Scheiß Hitler“!  Und der Arme wurde in Dachau ermordet, vielleicht im Feuer des Krematoriums.

Kollaboration von Italienern mit den Deutschen

Unter den Dolmetschern, die selbst Internierte waren, gab es auch Denunzianten, Verräter oder solche, die die Deutschen besonders lobten, vor allem ihre Ideologie. Fulvio Depetroni aus Trieste wird hier namentlich genannt. (S.95/96)

Am 2. 6.44 werden vom Stalag VIIB Memmingen weitere Italiener abkommandiert, die bisher auf dem Balkan gekämpft hatten, unter ihnen befand sich auch Guido Giachetti (S. 98):

Die erste Gruppe kam am 2. Juni, aus Albanien, aus Griechenland und aus Montenegro, die von den Deutschen gefangen genommen waren, nachdem sie die Linien der Partisanen  passiert hatten. Eine andere Gruppe kam einige Wochen später, nachdem sie zwischen vielen Konzentrationslagern in Deutschland hin und her geschickt worden waren. Sie waren alle aus den Provinzen von Mailand und Como, die in den Tagen des 8. und 9. September die Grenze überschritten hatten und in die Schweiz gekommen waren, wo sie herzlich von der Schweizer Regierung aufgenommen worden waren. Sie glaubten sich in Sicherheit.

Einige Monate später, nachdem sie gehört hatten, dass sie frei und ungehindert nach Italien zurückkehren könnten, machten sie davon Gebrauch und kehrten zu ihren Familien zurück

Nach einigen Tagen wurden sie von den Deutschen gefangen genommen.

Überführung der IMIs (Italienische Militär-Internierte) in den zivilen Status

Am 28. August werden die IMIs in den zivilen Status übergeführt. Mussolini, der mittlerweile in St. Salo ein Schattendasein fristet, hat mit Hitler ausgehandelt, dass die Italiener in den zivilen Status übergeführt werden sollen:

Am 28. August wurde uns die so angepriesene Freiheit gegeben. Die deutsche Militärregierung betrachtete uns nicht mehr als internierte Soldaten, sondern als zivile Arbeiter. Wir wurden verpflichtet einen Arbeitsvertrag bis zum Ende des Krieges zu unterschreiben. Die deutsche Entscheidung ist nicht sehr willkommen gewesen, weil es immer Tricks gab und in Wirklichkeit besteht sie nur darin, dass wir nicht mehr von Wachtposten bewacht werden und dass wir einige Stunden am Abend hinausgehen können. Ich denke, dass diese Maßnahme nur eine Geste der politischen Propaganda war, mit der die deutsche Presse sagt, dass die Entscheidung getroffen wurde, um die Ungerechtigkeit unserer Internierung wieder gut zu machen. Wir, außer unserer sehr begrenzten Freiheit und einem Zuschlag zur Nahrungsration, haben keine andere Erleichterung gehabt. Immer dieselben 12 Stunden Arbeit täglich, immer in die selben Baracken gedrängt und voll von Wanzen und Läusen, am Körper dieselben Fetzen wie im vergangenen Jahr für einen Armen, Toten in einem Vernichtungslager. Der größere Teil von uns arbeitet noch gegenwärtig mit einem Paar Holzschuhen, die wie zwei große Wurzeln aussehen, weil die Schuhe schon reduziert bis zum Ende und es keine Möglichkeit gibt sie zu reparieren.

Anselmo berichtet auch über die Korrumpiertheit der örtlichen Stellen (S. 108):

Das Essen war schlecht, geeigneter für Tiere als für Menschen, ein Wunder, dass der Magen das ausgehalten hat.

Die Ration wurde für uns im Dorf Gersthofen, zwei Kilometer von der Baracke entfernt, in einer Gastwirtschaft vorbereitet, deren Chefin eine Witwe von über 40 Jahren war, dick wie ein Nilpferd. Sie konnte mit Leichtigkeit die Ration reduzieren. Sie unterschlug uns direkt jenes Fett, das sie so notwendig  brauchte, um die Gerichte der zahlreichen Gäste zu verbessern und zu vergrößern, die die blonde Wirtin bis zu den ersten Tagen unserer Ankunft in Gersthofen hatte. Später, als die reizende Witwe nach München gebracht worden war, wurden alle Betrügereien aufgedeckt, die sie zu unserem Schaden begangen hatte. Man sagte, dass sie wegen der Unterschlagungen im Stammlager VII  arretiert wurde, weil sie sich beträchtlich bereichert hatte.

Von den ersten Tagen des Novembers 1943 bis zum Ende des März im folgenden Jahr wurden uns dauernd rohe Rüben verteilt, gewürzt mit etwas Salz, viel schlechter zubereitet für uns Arretierte als für die Schweine und Kälber. Für die Suppe hatten wir in kochendem Wasser aufgelöste Rüben und eine Prise zerstoßene Gerste und Hirse. In den anderen Monaten bekamen wir gekochte Kartoffeln zum Schälen und das war für uns ein wahres Schlaraffenland.

An Brot hatten wir täglich 350 Gramm, aber das war dermaßen schlecht zu verdauen, dass es nur ein guter Magen aushielt. Es war offensichtlich, dass dieses Brot mit Mehl aus Stroh gebacken war. Die Ration, die wir bekamen, wurde zur Baracke mit einem alten Handkarren von 2 oder 3 Internierten gezogen.

Im Februar 1944 gab es die ersten Verbesserungen. Zigaretten wurden verteilt, womit dann bei den deutschen Arbeitern und französischen Internierten Brot und Kartoffeln gekauft werden konnten. Ab August 1944 durften die Italiener mit Erlaubnis der Polizei nach Augsburg, eine italienische Delegation verteilte Schuhe, Hemden, Kleidung unter den „Gersthofer Italienern“ (S. 131).

Die nächsten Monate in dieser Baracke machten mich nervös, erschreckten mich. Wenn ich die Kraft hätte eine lange Reise auszuhalten, würde ich am selben Abend abreisen, aber ich fühle mich nicht in der Lage eine so schwierige Flucht in Angriff zu nehmen. Es besteht auch die Gefahr wieder gefasst zu werden. Die Ereignisse des Krieges haben sich dermaßen verändert und ich denke, dass die entscheidende Phase begonnen hat und dass diesmal wirklich ein qualvoller und langer Leidensweg für die Deutschen beginnt.

Anselmo berichtet abfällig über Frauen in Augsburg und Gersthofen, die sich einen italienischen Freund angelten (S. 133):

Dann gibt es noch deutsche Frauen, die grenzenlos unverschämt sind. Sie schämen sich nicht Arm in Arm mit Ausländern spazieren zu gehen, vor allem mit Italienern. Sie denken durchaus nicht an ihre Brüder, an ihre Ehemänner, die leiden. Viele deutsche Frauen verlassen ihren Ehemann, um mit Italienern zu leben.

Sie leben ohne Skrupel, ohne Scham. sie geben sich der idiotischen Freude hin, wie wenn der Frühling ihnen eine schöne Hoffnung verheißen müsse. Ich habe in diesen Tagen Gruppen von jungen Mädchen gesehen, die verrückterweise mit Ex-Internierten am Ufer des Lechs im Badeanzug tanzten. Am Abend jedoch, statt in ihre eigenen Häuser zurückzukehren, blieben sie in den Baracken der Internierten.

Entlassung aus der Firma Transehe am 30. März 1945

Am Karfreitag, dem 30. März, wurde mir die Entlassung aus der Firma Von Transehe mitgeteilt. Ich erfuhr diese Nachricht mit großer Freude, sonst wäre ich in der Baracke sicherlich verrückt geworden. Mir tat es nur Leid die besten Kameraden zu verlassen, mit denen ich so viele Monate gelebt habe, obwohl ich nicht sehe, dass ich mich von den anderen entferne.

Der Gedanke an den Wechsel des Arbeitgebers, an das Land und an die Unterkunft machte mich zufriedener. Ich konnte nicht mehr vor die Augen der Leiter der Fabrik treten, weil sie mich 19 Monate lang kaputt gemacht haben und leiden ließen.

Am Dienstag, den 3. April, verlässt Mazzi Gersthofen mit 30 anderen Italienern. Das Arbeitsamt Augsburg gibt jedem die Arbeitserlaubnis in der Stadt. Einige waren in noch existierenden Büros beschäftigt, werden zu Arbeiten bei der Eisenbahn bestimmt. Als Unterkunft wurde die Flakkaserne zugeteilt. In der Flakkaserne erlebt er die traurigsten Tage, die ungeduldigsten der ganzen Gefangenschaft. Zum Schlafen gibt es nur ein Strohlager, Decken und Feldbetten gibt es nicht:

Unmögliche Zustände in der Kaserne: Männer und Frauen und Kinder in einem Raum. Wecken um 5.00 Uhr nach schlechtem, eigentlich nicht möglichem Schlaf.

Essen: Rübensuppe und Karotten am Mittag, Tee am Abend, 1 Pfund Brot in der Woche.

Weg zur Arbeit: 4 km. Schwere Arbeit: Eisenbahnschienen sind zu reparieren, durch Bomben zerstört, rings um Augsburg.

Einigen Italienern gelingt es in ihre Heimat  zu kommen, andere versuchen nach Stuttgart oder in eine andere Stadt zu kommen. Manche kommen mit einem Ausweis der italienischen Delegation nach Innsbruck.

Der Tag der Befreiung am 28. April 1945

April! Welcher Tag der Freude! Welche Fröhlichkeit in der Flakkaserne!. Der 28. April war für die Internierten der Tag der Auferstehung, das Ende der Sklaverei. Der Name des I.M.I. hat uns nicht befreit im September des vergangenen Jahres, wie uns die Deutschen anscheinend glauben machen wollen, sondern nur der 28. April, als die Amerikaner den schwachen deutschen Widerstand brachen. Von den ersten Stunden des Morgens an wehten Tausende von weißen Fahnen aus den Fenstern, geküsst von der goldenen Sonne des hellsten Tages im Frühling. Kaum aufgestanden ging ich sofort auf die Hauptstraße nach Ulm (= Ulmer Straße). Das erste, was ich wahrnehmen konnte, war die immense Zufriedenheit, in der ich mich vor einer endlosen Schar von entwaffneten deutschen Soldaten befand, die von wenigen amerikanischen Soldaten bewacht waren und die zum Zentrum der Stadt geführt wurden. Sie gingen mit gesenkten Köpfen und müde. (…) keine langen Schlangen, um das magere Essen in Empfang zu nehmen; keine Chefs, Meister und andere Führungskräfte, die uns von morgens bis abends quälten, dafür vollendete Freiheit.

Die einzige Genugtuung, die ich nicht kosten konnte, war, dass ich die Leiter der Firma Von Transehe nicht in den Händen der Amerikaner gesehen habe und hauptsächlich, dass ich dem Ingenieur Snaubert (Schnaubert?) nicht ins Gesicht spucken konnte, der den Italienern nicht einmal ein Paar Holzschuhe gab, diese schwarze Bestie, die lange Monate der Urheber unserer Pein war. Ich habe erfahren, dass einige meiner Kameraden ihn an die Amerikaner ausgeliefert haben und er jetzt gezwungen ist als Gepäckträger, als Sklave zu arbeiten, wie er es mit uns lange Monate gemacht hat. (S. 143)

Nach zeitweiligem Aufenthalt in der Hindenburgkaserne kommt Anselmo am 1. Juni mit einer amerikanischen Autokolonne über Bühl nach Ulm, Memmingen an den Brenner, von dort aus nach Bergamo in die Kaserne, wo er von seinen Kameraden Abschied nimmt. In banger Erwartung gelangt er schließlich nach Arezzo und zieht Erkundigungen über den Verbleib seiner Eltern, Brüder und Schwestern ein. Endlich erhält er die Nachricht, dass auch sie den Krieg überlebt haben.

Anselmo Mazzi mit Ehefrau, 1940.

Stadtarchiv Gersthofen

Anselmo Mazzi, Memorie Di Un Internato Militare Italiano N. 8744, Arezzo 1978

Interview mit Rita Mazzi, der Tochter am 3.11.2003

Interview mit Franz Specht, Augenzeuge des Brandes