Alexandra Radschenko, geb. Masankina.

Alexandra Radschenko, geb. Masankina

Geboren: 1926, Krasnodon, Ukraine

Gestorben: Datum nicht bekannt, Krasnodon, Ukraine

Wohnorte

Krasnodon, Ukraine

Orte der Verfolgung

Zwangsarbeiterin in der Schuhfabrik Schraml, Gersthofen

Weitere Informationen

Besuch bei Frau Alexandra Radschenko, geb. Masankina

geb. 1926 in Krasnodon
Zwangsarbeiterin in der Schuhfabrik Schraml ab Juni 1942

Am „ukrainischen Tag der Frau“ besuche ich Alexandra Radschenko, gebürtige Masankina. Die Tochter holt uns vom Hotel ab, denn mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das kleine Haus nur schwer zu erreichen und Taxis fahren schon gar nicht in diese Gegend.

Ich stand mit Frau Radschenko seit über einem Jahr in Briefkontakt, sie sandte mir auch Bilder, deshalb erkenne ich sie gleich, als sie mit ihren beiden Krücken uns entgegenkommt. Sie stammt aus Krasnodon, von dort wurde sie im Spätsommer 1942 nach Deutschland deportiert, in der Ecke des Güterwaggons war ein Topf für die Notdurft, viele Personen reisten mit, es gab ein wenig Stroh, schon die Reise nach Deutschland haben nicht alle überlebt. Von Dachau aus holte Herr Schraml sie direkt ab, mit einem Planwagen. In einem Nebengebäude der Ziegelei wurden sie untergebracht, im 1. Stock in drei Zimmern, insgesamt 20 Mädchen und ein Junge, Philipp. In diesem Nebengebäude befand sich früher die Buchführung des Ziegeleibetriebes, der während des Krieges stillgelegt war. Militärmotorräder seien im Erdgeschoss zu finden gewesen und ein Lagerraum für Nahrungsmittel.

Philipp, der einzige Junge aus der Ukraine, arbeitete nicht mit ihnen, sondern auf dem Hof. Ende 1944 mussten sie die Ziegelei verlassen und wurden im Kuka-Lager in der Schönbachstraße in Augsburg untergebracht. Die älteren Mädchen besuchten die zivilen Ostarbeiter im Lager, aber dafür sei sie selbst zu jung gewesen. Aber sie erinnert sich daran, dass sie einige Male nach Augsburg transportiert worden sei, als nach Bombenangriffen Trümmer zu beseitigen waren.

Ob sie denn eine abgeschlossene Schulbildung absolviert habe? Zum ersten Male schießen Frau Radschenko die Tränen in die Augen. Nein, wie denn auch, wenn sie bei der Deportation ganze 15 Jahre gewesen sei! Nach ihrer Rückkehr in die Heimat konnte sie keine Arbeit finden, nur im Bergwerk hier im Donetzkbecken. Schwerste Arbeit. Die beiden Eltern hatte sie im Krieg verloren, nur die Großmutter kümmerte sich noch um sie. Alexandra weint bitterlich, ich habe ihre Erinnerungen aufgewühlt, aber sie fasst sich schnell wieder, erzählt anhand unserer Broschüre über die anderen Mädchen, die sie nach dem Krieg noch getroffen habe. Viele seien aus dem gleichen Ort aus Krasnodon gekommen. Vor 30 Jahren dann holten ihre Kinder sie von Krasnodon nach Donetzk. Ganz unvermittelt sprudelt es dann wieder aus ihr heraus. Die Schraml-Fabrik sei an einer belebten Straße gewesen mit Fruchtbäumen entlang der Straße, aber ihr Bewacher, ein älterer Herr, vermutlich Herr Skworzow, ein Russe, habe ihnen nicht erlaubt, diese Früchte auf ihrem Weg von der Ziegelei zur Fabrik zu pflücken. Auch an den Jungen von Herrn Schraml erinnert sie sich, der sei ca. 10 Jahre gewesen, habe Sommersprossen gehabt und sei ganz und gar kein braves Kind gewesen.

Alexandra Radschenko, geb. Masankina mit Tochter und Lubov Sochka von der ukrainischen Stiftung, die Dr. Lehmann durch die Ukraine begleitete.

 

Wir nehmen Abschied. Alexandra bedankt sich wiederholt bei mir und betont, dass sie diese Geste von Deutschen nicht vergessen werde, ihr Leben lang nicht. Mit dem Geld, das ich mitgebracht habe, werde sie sich jetzt eine Spültoilette im Haus einbauen lassen, denn gehen könne sie nicht mehr und komme ohnehin nirgendwohin. „Möge Gott Ihre Schüler und Sie beschützen, Herr Lehmann!“

Interview mit Alexandra Radschenko im Februar 2003

Stadtarchiv Gersthofen

Bernhard Lehmann, Zwangsarbeit Gersthofen, Broschüre zur Ausstellung, Gersthofen 2002.