Schackstr. 3
Katzbach 40 und 36
Neuburgerstr. 88
Fichtestr. 3
Blücherstr. 14/I
Kreitmayrstr. 9
Waterloostr. 66
Blücherstr. 39
Fichtestr. 3/II
Neuburgerstr. 156
Schackstr. 3/I
Fichtestr. 3/II
Schackstr. 3
Lützowstr. 30/II
1.9.41 Ernst-Moritz-Arndt-Str. 13/0
28.4.44 Palmstr. 6
10.6.44 Neißestr. 6
KZ Dachau 29.1.34-21.12.36 Schutzhaft
Gefängnis Bernau 29.7.38-24.5.39
KZ Dachau 9.1.45 bis 4.5.1945 PSV
geb. 26.9.1887 in Hof/Saale, prot., Weber und Schneider,
verstorben in Dachau am 4.5.1945, Haftgrund PSV, Häftl.nr. 5052 und 137813
letzter frei gewählter Wohnsitz: Neißestraße 6
Johann Albig erblickt am 26. September 1887 im Hofer Stadtteil Mühlberg in der Wohnung seiner Eltern das Licht der Welt. Er ist das jüngste Kind des Fabrikwebers Johann Theodor Andreas Albig, (geb. 14.9.1839) und seiner zweiten Ehefrau Anna Maria Albig, geb. Schmidt, (geb. am 22.4.1850) aus Issigau, Landkreis Hof. Die beiden sind seit dem 23.4.1878 verheiratet1
.
Aus der ersten Ehe seines Vaters sind seine Stiefbrüder Konrad und Max bekannt. Deren Mutter kennen wir nicht. Beide Söhne ergreifen respektable Berufe als Schreiner- und Webermeister, folgen dem Vater und den Stiefgeschwistern in den 20-er Jahren nach Augsburg, beide versterben in Augsburg.2
Johanns leibliche Schwestern Christina, geb. 15.7.18803
und Margarete, geb. 23.6.84 sind ebenfalls in Hof/Saale geboren und verheiraten sich später in Augsburg.
Als Johann 1 Jahr alt ist, zieht die Familie nach Augsburg.4
Dort besucht Johann schließlich die Volks- und Fortbildungsschule und hat ordentliche Zeugnisse.
Nach der Schule ergreift er den Beruf des Webers und beginnt mit ca. 20 Jahren zu handeln und zu hausieren. Er gerät früh in schlechte Gesellschaft, wird straffällig und trinkt Alkohol, obwohl er kaum etwas verträgt.5
Im I. Weltkrieg kommt er an die Westfront zu einem Infanterieregiment und wird bei einer Sprengung erheblich verletzt. Johann hat einen aufbrausenden Charakter und ist streitsüchtig.
1915 erkrankt er an Grippe, an Malaria, an einer Lungenentzündung und an Geschlechtskrankheiten.6
Den Herausforderungen des Krieges ist er psychisch nicht gewachsen, er greift seinen Vorgesetzten im ersten Kriegsjahr tätlich an und wird vom Kriegsgericht zu 12 Jahren 3 Monaten Zuchthaus verurteilt. Seine Strafe sitzt er zum Teil in Ebrach und im Gefängnis in Nürnberg ab, wird aber bereits 1917 begnadigt und kommt wieder an die Front. Weil er nach Ansicht der Vorgesetzten Fahnenflucht begeht, kommt er für 7 Monate in eine Kompanie für militärische Gefangene.
Nach Kriegsende wird Johann in München vom Kriegsdienst entlassen und beginnt wiederum, mit Handeln und Hausieren seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.7
In Augsburg lernt er die vier Jahre ältere Rosina Halder aus Krumbach kennen und heiratet sie am 30. Juli 1921. Rosina ist katholisch und verwitwet,8
er protestantisch.9
Mit ihr hat er einen gemeinsamen Sohn Arthur, der am 4. Juni 1927 geboren ist. Die Ehe hält 7 Jahre und wird am 25.5.1928 vom Landgericht Augsburg „aus Verschulden des Ehemanns“ geschieden.10
Rosina Halder verstirbt am 11. Juni 1937, weshalb Arthur fortan im katholischen Waisenhaus erzogen wird.11
Johanns Beziehung zu Karolina Eberle12
begann bereits vor der Ehe mit Rosina, er hat aus der Verbindung 3 uneheliche Kinder, Margarete Eberle, geb. am 7.10.1914, Franz Eberle, geb. am 9.10.1917 und Edith, geb. am 23.11.1928.13
Die Geburt von Edith war der Scheidungsgrund für Rosina. Johann ist seit 14. August 1928 bei Karolina Eberle in der Blücherstraße 14 gemeldet.
Johann ist nicht imstande, seine vier Kinder zu ernähren. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise bezieht er zwischen 1931 und 1933 Unterstützung vom Wohlfahrtsamt und ist dort „als renitent bekannt … und wird wegen seines rabiaten Benehmens und Hausfriedensbruch verklagt“.14
Zu allem Unglück muss sich Johann vom 3.10.33 bis 22.12.33 wegen progressiver Paralyse im Städtischen Krankenhaus einer Malariakur unterziehen, bereits früher hatte er sich Infektionen als Folge seiner sexuellen Aktivitäten zugezogen.15
Mittlerweile ist Johann Albig vielfach wegen Bettel, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Betrug, Fahnenflucht, Urkundenfälschung, Widerstand und Steuerhinterziehung vorbestraft.
Johann ist 1,68 m groß, wiegt 60 kg, hat blaue Augen und ein ovales Gesicht. Er hat im Oberkiefer eine Prothese, unten ist das Gebiss stark defekt. Er ist Brillenträger und trägt Tätowierungen an beiden Armen. Infolge seiner Geschlechtskrankheit hat er beginnende Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Eine Persönlichkeitsveränderung und aggressive Verhaltensweisen sind bei ihm nachweisbar, zum Teil hat er Sprechstörungen, seine kognitiven Fähigkeiten sind zunehmend eingeschränkt. Er leidet an Kurzatmigkeit und klagt über Rückenschmerzen und Schwindelgefühle.16
Aber sein Krankheitsbild interessiert die Machthaber in keiner Weise.
Gegen Kleinkriminelle, Obdachlose, Wanderarbeiter, Alkoholiker, Bettler und Fürsorgebezieher gehen die Nationalsozialisten von Anfang an erbarmungslos vor.
Sie gelten als sog. „Asoziale“ und „Gewohnheitsverbrecher“, gegen welche sie ab 24. November 1933 „Maßnahmen der Sicherung und Besserung“ ins deutsche Strafrecht einführen.17
Die Novelle wird unter §42 in das RStGB eingefügt.18
Das „Gewohnheitsverbrechergesetz“ stellte es den Richtern frei, nach subjektivem Ermessen die Sicherungsverwahrung nach Abwägung der „Gefährlichkeit“ und „Gesamtwürdigung“ der Taten“ anzuwenden.
In den Augen der Nationalsozialisten ist Johann Albig ist der Prototyp eines „Asozialen“ und „Gewohnheitsverbrechers“. Er ist häufig arbeitslos, liegt dem Staat auf der Tasche, hat keinen festen Wohnsitz, ist auf Wohlfahrtsunterstützung angewiesen.

Vom 29. Januar 1934 bis zum 21. Dezember 1936 wird er deshalb zur „Schutzhaft“ ins KZ Dachau als Häftling mit der Nr. 5052 in Block 3/V eingewiesen.19
Wir können nur erahnen, wie es ihm in den fast 3 Jahren dort ergangen ist. Auch nach seiner Entlassung steht er weiterhin unter permanenter Beobachtung der Polizei.
Er ist arbeitslos und muss vom Wohlfahrtsamt unterstützt werden. Dann hat er verschiedentlich kurze Arbeitseinsätze bei der Baufirma Filser (von Ende Oktober 37 bis Mitte Januar 38) und beim Städtischen Straßenbau vom 8. März 38 bis zur Verbüßung einer Strafe im Gefängnis Bernau Ende Juli 38.20
Zu diesem Zeitpunkt hat auch seine langjährige Geliebte Karolina Eberle, die gleichzeitig Mutter dreier Kinder von ihm ist, das Verhältnis zu ihm gelöst. Zu oft sucht er sie im angetrunkenen Zustand auf und randaliert.21
Mittlerweile wohnt er bei seiner 88-jährigen Mutter in der Fichtestraße 3.22
Ende Juli 1938 wird Johann ins Gefängnis Bernau eingewiesen. Wir kennen die Gründe seiner Inhaftierung nicht. Aber nun trifft ihn die ganze Härte des Gesetzes. Dr. Josef Weber, Direktor des Strafgefängnisses stellt beim Erbgesundheitsgericht Rosenheim am 6. September 1938 den Antrag auf Unfruchtbarmachung von Johann Albig wegen „schwerem Alkoholismus“. Johann Albig sei „arbeitsscheu“, hemmungslos und verfüge über keine Selbstbeherrschung. Laut Bericht der Kriminalpolizei Augsburg vom 19. August 1938 liege eine Alkoholschädigung vor. Der Regierungsmedizinalrat in Rosenheim begründet den Antrag auf Sterilisation damit, Albig sei ein „moralisch und charakterlich degenerierter, uneinsichtiger, antisozialer Mensch“, der sich „als Ehrenmann und schicksalsverfolgt hinstell(e).23
Der Vorsitzende des Erbgesundheitsgerichts Rosenheim erbittet am 25. Oktober 38 vom Bezirksarzt in Augsburg eine Äußerung über die Lebensbewährung Johann Albigs.
Das Gesundheitsamt Augsburg antwortet ihm: „Albig ist vielfach vorbestraft wegen verschiedener Delikte. Für seine Kinder (ehelich und unehelich) hat er nie gesorgt. In den Arbeitsstellen hat er stets nur kurz ausgehalten, ist arbeitsscheu“.24
Die von der Leitung der Strafanstalt Bernau am Chiemsee beantragte Unfruchtbarmachung wird dennoch vom Erbgesundheitsgericht Rosenheim mit Beschluss vom 17.11.1938 abgelehnt mit der Begründung, dass sich das Gericht „vom Vorliegen eines schweren Alkoholismus zur Zeit nicht zu überzeugen vermochte“.25
Die Zurückweisung der Zwangssterilisation ist sehr bemerkenswert, folgten doch die Gerichte in aller Regel den Anträgen der Gefängnisleiter. Tatsache ist aber, dass Johann Alkohol, selbst in geringen Mengen nicht vertrug.
Zurück aus dem Gefängnis Bernau wohnt Johann Albig wieder bei seiner Mutter und Schwester Christina in der Fichtestraße 3, dann von 1939-1941 in der Schackstraße 3, in der Lützowstraße 30, dann im April 44 in der Palmstraße, ab 20. Juni in der Neißestraße 6.
Von dort wird er am 23.11.44 ins Untersuchungsgefängnis Augsburg eingewiesen und von dort am 9. Januar 45 nach Dachau überstellt. 26
Er ist als Häftling 137.813 registriert.27
Als Wohnsitz vor der Verhaftung ist der langjährige Wohnsitz der Eltern in der Fichtestraße 3 angegeben. Er ist unter der Kategorie PSV eingewiesen worden, Polizeiliche Sicherungsverwahrung, unter der man Kleinkriminelle und Asoziale mit 3 Vorstrafen bevorzugt ins KZ überwies.
Um die Mittagszeit des 29.4.1945 erreichten Einheiten der 42. und 45. Infanteriedivision der US-Army das Konzentrationslager Dachau. In dem Lager trafen die GIs auf etwa 32.000 Häftlinge, von denen sich viele in einer miserablen körperlichen und psychischen Verfassung befanden. Die Zustände im Lager waren schon seit Monaten katastrophal. Dauernde Überbelegung, Versorgungsprobleme, schreckliche hygienische Zustände und tödliche Epidemien hatten zu einer enormen Häftlingssterblichkeit geführt.28
Noch am 26. April wurden mehr als 6900 Häftlinge „evakuiert“, und wurden entlang der Würm in Richtung Süden über Pasing-bis Leutstetten getrieben. Hier traf der Zug auf ca. 2000 Häftlinge aus dem Außenlager Allach.
Am Abend des 27.4.45 wurde der Todesmarsch der mittlerweile ca. 10.000 Häftlinge entlang der Ostseite des Starnberger Sees in Richtung Loisachtal fortgesetzt. Wer geschwächt zusammen-brach oder einen Fluchtversuch riskierte, wurde niedergeschossen oder erschlagen, andere verstarben an Misshandlungen, Erschöpfung oder durch Krankheit. Erst am 30. April bzw. Anfang Mai wurden die Überlebenden bei Beuerberg und in der Nähe von Waakirchen von amerikanischen Soldaten befreit.
Im Lager Dachau herrschte Chaos. Die bisherigen Wachmannschaften der SS-Totenkopf-Einheit hatten sich rechtzeitig abgesetzt und Ersatzeinheiten unter dem Kommando eines 23-jährigen Untersturmführers mit der Lagerbewachung betraut.
Die acht Wachttürme blieben besetzt, um Fluchtversuche von Häftlingen zu unterbinden. Zugleich wurden Plünderungen von Häftlingen befürchtet, die Zivilbevölkerung sollte vor dem im Lager grassierenden Fleckfieber geschützt werden.29
Wir verfügen über keine Todesurkunde, keinen Bericht über die Todesumstände von Johann Albig. Der Mithäftling Jan Domagala30 bestätigte den Tod Johann Albigs am 4. Mai 1945 per Bescheinigung.31 Jan Domagala war ab Herbst 1944 Lagerschreiber im KZ Dachau. Seine Stellung nutzte er, um heimlich Listen über Transporte und Tote anzulegen. Nach der Befreiung war er Leiter des International Information Office, das Angehörige bei der Suche nach dem Verbleib von Gefangenen unterstützte.


© Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, Gegen Vergessen – Für Demokratie, RAG Augsburg-Schwaben